Der neue Mieter

aus OWEP 1/2013  •  von Bora Ćosić

Der serbische Schriftsteller Bora Ćosić (*1932) ist einer der bedeutendsten serbischen Autoren der Gegenwart. In Kroatien geboren und in Serbien aufgewachsen, verließ er seine Heimat 1992 aus Protest gegen die in Serbien herrschende Kriegsstimmung, um zunächst in Kroatien, dann in Berlin zu leben. In seinen Texten weiß er die literarischen und kulturellen Strömungen Europas aufzunehmen und mit seiner Biographie und der Literatur und Kultur seiner Herkunft zu verknüpfen.

Nach seiner Übersiedelung nach Berlin wurde er um einen Beitrag zu einem Sammelband mit dem Titel „Mein Berliner Zimmer“ gebeten, den wir hier abdrucken. Auch in diesem Text verbindet Ćosić seine Erfahrungen aus der ersten Zeit in Berlin mit den literarischen Traditionen der Stadt und seiner Situation, aus „dem Süden“ zu kommen. – Die Erstveröffentlichung des Textes erfolgte in Jörg Plath (Hrsg.): Mein Berliner Zimmer. 25 Bekenntnisse zu dieser Stadt. Berlin: Nicolai, 1997, S. 205-211. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.


Die Berliner Zimmer sind ungewöhnlich groß, und ich spreche darüber mit den Bekannten, die ich hier gefunden habe. In einem Berliner Zimmer könnte man jede Wohnung für eine vierköpfige Familie unterbringen, wie sie im Osten zur Zeit des Sozialismus gebaut wurden. Da fragt mich mein Bekannter, ein Journalist in Berlin, ob ich mich zurechtfinde, jetzt, da ich in so großen Zimmern lebe, und ich sage, es fällt mir leicht, denn früher, vor „jenem“ Krieg, gab es auch bei uns sehr große Zimmer, nur daß später Zwischenwände eingezogen wurden. Überhaupt fühle ich mich in Berlin wie in der Zeit vor „jenem“ Krieg, als auch bei uns die Wohnungen viele Räume hatten und jeder dieser Räume sehr groß war. Mein Freund, der Journalist, wundert sich, daß es auch bei uns so große Zimmer gab, die er für eine Berliner Spezialität gehalten hatte. Er sagt, er will einen Artikel über die großen Zimmer schreiben, die auch in südeuropäischen Staaten vorhanden waren, nur wird ihm niemand glauben, selbst wenn er erklärt, daß das sehr lange her ist. So lange, daß die heute Lebenden keine Ahnung davon haben, nur wir, die wir bereits Halbgreise sind, wissen davon. Wir sind überhaupt die einzigen, die vieles wissen, während die anderen, die normal an diesem Leben teilnehmen, unser „Vieles“ gar nicht wissen müssen.

Ich erzähle dann, daß Brecht, als er 1953 nach Berlin kam, erklärte, der Mensch müsse zunächst in Wohnungen „aus dem Kapitalismus“ leben, um erst eines späteren schönen Tages in eine „sozialistische“ Wohnung zu ziehen. Woraus man schließen kann, daß der Schriftsteller eine sehr gute Meinung über die Wohnungen „im Sozialismus“ hatte und glaubte, auch diese menschlichen Behausungen würden sehr große, eben Berliner Zimmer haben. Mein junger Bekannter, der Journalist in Berlin, sagt mir darauf, daß Brecht nach seiner Rückkehr in den kommunistischen Teil Berlins wahrscheinlich alles hatte. Ich sage, daß ich seine kommunistische Wohnung im kommunistischen Berlin besucht habe und daß sie düster und etwas exotisch auf mich wirkte. Sein Zimmer sieht aus wie ein amerikanisches Reisebüro mit vielen Schreibmaschinen, und ich habe in diesem riesigen Raum darauf gewartet, daß eine amerikanische Sekretärin erscheint, die Norma Shearer ähnelt, dem großen Star aus der Zeit meiner Kindheit um 1939. Brechts Domizil ist also eine seltsame Kombination aus einer Schriftstellerwohnung mit vielen zerlesenen Büchern und einem Touristikunternehmen, das ein Weekend auf Borneo anbietet. Außerdem ist da eine Mauer und dahinter der Friedhof, auf dem Brecht neben seiner Frau begraben liegt. Meine Frau, sage ich, macht Witze über die kurze Distanz zwischen Brechts Sterbebett und dem Grab, in dem er nach wie vor ruht; sie meint, die Bestatter hätten ihn gleich im Laken über die Mauer werfen können. Der Friedhof indes gleicht eher einem privaten Garten, und mein Bekannter, der als Journalist in Berlin arbeitet, fragt mich, ob das der Friedhof ist, wo auch Hegel liegt. Ich sage, Hegels Grab ist ganz dicht bei dem von Brecht, sie stoßen fast mit den Füßen aneinander.

Ich erzähle, daß es in Brechts Leben trotz aller weltlichen Strenge einige melodramatische, ja komische Elemente gab. Daß er sehr aufgebracht war, als seine geschiedene erste Frau den langnasigen Komiker Theo Lingen heiratete. Er bekam Wutanfälle bei dem Gedanken, sein Kind werde von diesem verrückten Komödianten großgezogen, der in vielen deutschen Filmen nur Tabletts fallen ließ und andere Schauspieler anrempelte. Mein Bekannter, der Berliner Journalist, fragt mich, woher ich das weiß, und ich sage, von einem meiner Freunde, einem Schriftsteller, der als sechzehnjähriger Junge in der Truppe von Victor de Kowa gearbeitet hat. Über diesen Schriftsteller, der mein Berliner Freund ist, weiß der Journalist nichts, und ich sage, jener hat einige wesentliche Dinge über Berlin und das Leben in Deutschland während der ersten Nachkriegsjahre geschrieben. Nur ist er trotzdem ein sehr nervöser Mensch, dessen Finger ständig mit einem Stück Schnürsenkel spielen. Jetzt wundert sich mein Bekannter, der Berliner Journalist, was ich alles in dieser Stadt bemerke, woraus hervorgeht, daß er keine besonderen Beobachtungen von mir erwartet hat. Er hatte, vielleicht naheliegenderweise, von mir die Vorstellung, daß mich nach der Flucht aus „jenem“ Land hier im ersten Moment kaum etwas interessiert, daß ich nur in Berlin lebe und mich nicht groß umsehe.

Ich erwidere, daß er sich in dieser Hinsicht irrt und daß ich durch Berlin, vor allem das östliche, spaziere wie durch meine eigene Vorgeschichte. Daß ich Straßen, Ecken und Haustore entdecke, die mich sehr an meine einstige Stadt erinnern. Besonders die Gegend um die Oranienburger Straße gemahnt mich an eine Straße, die in meiner Stadt am Ufer der Save verläuft. In meiner ehemaligen Straße ist auch alles verwahrlost und schmuddelig, und diese Schmuddeligkeit finde ich jetzt in der Umgebung eines Parks mit dem sehr poetischen Namen Monbijou. Außerdem ist mir dieses Revier um den Alexanderplatz wichtig wegen anderer Dinge, in erster Linie wegen der Dinge aus Döblins Roman. Mein Bekannter, der Berliner Journalist, staunt, wieso ich etwas über Franz Biberkopfs Erlebnisse weiß, und ich sage ihm, ich erzähle das aus dem Gedächtnis, denn das Buch ist in meiner ehemaligen Stadt verblieben. Aber dieser Tage ergibt sich zufällig die Gelegenheit, daß eine Freundin von dort zu Besuch kommt und mir das Buch mitbringt, sozusagen als Geschenk. Viele Bücher und Gegenstände, die sich in meinem Haus im Süden befinden, werden mir von verschiedenen Menschen wie Geschenke mitgebracht, denn ich hatte mit diesen Büchern und Gegenständen nicht mehr gerechnet. Auch mit der Erinnerung, die von dort stammt, wage ich nicht mehr zu rechnen, so daß mir alles, was mir einfällt, wenn es sich auf diese ferne Zeit bezieht, wie ein unerwartetes Geschenk vorkommt.

Ein Professor in Wien rechnete ebenfalls mit einer Menge Ein-zelheiten, die jede Person in sich birgt, und bemühte sich darum, daß sie diesen Personen aus der Tiefe der Erinnerung wiedergegeben wird. Das ist der lustigste Teil einer Wissenschaft, die später in Amerika zur Tortur und gymnastischen Spielerei entartete. In Amerika ist es nicht so leicht, nervös zu sein, denn man wird sofort in ein Team ähnlicher Personen gesteckt, die alle zusammen an einem riesigen Pullover stricken. Als sollte King Kong, auch ein amerikanischer Held, eingekleidet werden. Hier in Europa stehen die Dinge jedoch zum Glück anders, und die Doktoren, die nervöse Personen behandeln, reden mit ihnen einzeln und oft freundschaftlich. Und einige dieser Gespräche führen später zu Schlußfolgerungen, die eher zur Philosophie und Literatur gehören, welche auf diesem Kontinent seltsamerweise noch immer Bestand haben. Nach dem Ende des Krieges hat ein Philosoph behauptet, es werde hier keine Poesie mehr geben, doch er hat sich geirrt. Denn ein Mensch kann zu einer literarischen Phrase auch gelangen, in dem er nur den Gedanken beschreibt, daß er nie zu dieser Phrase gelangen wird. Das ist das Paradox, auf dem jetzt unser literarisches Europa steht, so wie ich auf der Straße stehe, durch die Franz Biberkopf gegangen ist.

Wie man in Ostberliner Wohnungen lebte, hat Wenders in seinem Film über die Engel in Berlin fast im Vorübergehen gezeigt. Seine Kameras fuhren durch die schmalen Korridore der häßlichen Hochhäuser, die sich jenseits des Brandenburger Tors erhoben wie in jeder Stadt unseres sozialistischen Imperiums, und dann kommt man, selbstverständlich, aus diesen Korridoren in Zimmerchen, die wie für Zwerge gemacht sind. Im Osten der Zivilisation des zwanzigsten Jahrhunderts haben die Menschen viele Jahrzehnte in dieser Enge verbracht, und sie müßte wirklich als ethnographische Angabe und szenographischer Effekt erhalten bleiben. Denn auch das andere in diesen Wohnungen glich häufig einem Theater, wie es heute Kresnik in dieser Stadt zu enthüllen versucht. Seine Opponenten sagen, er macht eine östliche und rebellische Propaganda, aber seine Schöpfungen zeigen am besten das Temperament dieses gesellschaftlichen, geistigen und menschlichen Systems, das in jeder Weise neurasthenisch und verblödend ist. Die Volksmassen des Ostens haben vielleicht nicht diese Rage gezeigt, wie man sie von den Brettern der Volksbühne heute hört, obwohl sie diese Rage viel öfter hätten zeigen müssen. Diese Masse war vielmehr geneigt, ihr Leben in den kleinen Zimmerchen der neuen Pyramiden aus Preßschutt zu verbringen, und so hat sie ihr Leben im Grunde auch verbracht.

In unserer Nachbarschaft, im Dachgeschoß des Hauses Nr. 60, hat Erich Heckel, Mitbegründer der Künstlervereinigung Die Brücke, gemalt. Manchmal in der Nacht, sage ich, kommen von dort, vom Dachboden nebenan, Geräusche wie in dem Film Das Haus der Lady Alquist (Gaslight). Ich vermute, daß Heckel von der Brücke noch immer da oben arbeitet. Jeder wendet sofort ein, daß ich phantasiere, aber ich antworte, hier in unserer Gegend um die Mommsenstraße sind Dinge vorgegangen, die eine ganze Bibliothek füllen können. Etwas weiter nach Norden, in der Wielandstraße, entstanden Die Weber von Gerhart Hauptmann, der als sehr impulsiver Mensch der Gattin von Thomas Mann den Hof machte und seine Strafe später dadurch erhielt, daß er im Zauberberg als Eber dargestellt wird. Sympathisch, aber als Eber. Für mich jedoch ist viel wichtiger, daß nur ein paar Schritte weiter das Haus steht, in dem 1913 Musil wohnte. Im Erdgeschoß dieses Gebäudes hat meine Frau ihre Friseuse, und in dem Laden neben dem Salon kaufe ich Blumenkohl. Jetzt sagt jemand aus der Gesellschaft, daß ich mir das vielleicht ausdenke, weil ich meine Frau schon einmal zur Gattin dieses österreichischen Schriftstellers gemacht habe. Andere sagen, ich sollte das alles aufzeichnen, und ich sage, daß das wohl illusorisch ist, weil mir viele nicht glauben werden, was es alles in unserer Nachbarschaft gibt. Dann sagt der skeptischste unter den Gästen, der immer nach einer schwachen Stelle in meinem Charakter sucht, das sei alles Angeberei und nichts weiter. Ich sage, ja, aber es gibt keinen einzigen Autor, der nicht von Angeberei lebt. Das Schreiben ist jene maximale Angeberei, die aus einer Sache eine andere und das Leben des Schreibenden zur Phantasie macht. Würde ich doch über all das etwas sagen!, meint wiederum meine Bekannte. Sie ihrerseits bezweifelt, daß ich „alles“ sagen werde, weil es ein Schriftsteller immer so einrichtet, als beichte er bis zum Endpunkt der Aufrichtigkeit, aber danach stellt sich alles als Bluff heraus. Jetzt sehe ich selbst, daß ich es den Menschen nicht recht machen kann, nicht einmal hier, in Berlin, einer Stadt mit offener Luft und wunderbaren Menschen. Ich lebe hier im Grunde, als lebte ich überall, womit ich sagen will, daß ich kein besonderes Berliner Leben spüre, zu dem ich gehöre, und das könnte das größte Kompliment für diese Stadt sein, wenn jemand meine Erklärung ohne Vorurteil annähme.

Beispielsweise mache ich meine eigene Frau nervös, wenn ich behaupte, daß mich diese oder jene Sache in Berlin an eine gänzlich unberlinische und sehr ferne Erscheinung erinnert, und sie sagt, daß ich in einer Hinsicht fast unmöglich bin: das, was um mich existiert, scheint für mich nicht zu existieren, oder bestenfalls, um mich an etwas Nicht-Hiesiges, und, durchaus möglich, Nichtexistentes zu gemahnen. Im Kopf des Menschen gibt es eine Menge Erinnerungen an etwas, das nie geschehen ist, und wenn mich meine hiesige Erinnerung an etwas gemahnt, so gemahnt sie mich im Grunde nicht daran, sondern an meine Phantasterei, daß ich dort so etwas gesehen habe. Darauf also reduziert sich das Gespräch, das ich in Berlin mit den intimsten Freunden führen kann und das dann antiberlinisch und unfreundlich gegenüber der Stadt ausfällt, die mich aufgenommen hat. Das kommt wohl daher, daß ich hier ein neuer Mieter bin, so wie ich auch vor relativ kurzer Zeit in Europa angekommen bin, aber eine Stimme, die mich aus dem Telefon bisweilen zornig befragt, meint, daß in meiner Wohnung noch immer der berühmte polnische Historiker Kapuściński weilt. Ich aber erfreue mich an dem, was in Berlin älter ist als ich und der berühmte Historiker, und ich kaufe am Ku‘damm alte Ansichtskarten mit Personen vom Anfang des Jahrhunderts, die meinen Tanten aus dem Süden sehr ähnlich sind. Ist es denn möglich, erkundigt sich jener mißtrauische Bekannte, daß die Fräuleins dort weit unten im Süden so weiße Kragen trugen, wenn sie vor den Fotoapparaten posierten, und ich sage, daß das trotz seiner Skepsis absolut möglich ist. Viele meiner Bekannten in Berlin argwöhnen, daß ich einen Lift nicht bedienen kann, den sie hier Fahrstuhl nennen, wie auch, daß meine Tanten je imstande waren, sich fürs Fotografieren feinzumachen. So wie sie auch zweifeln, daß ich ich bin und irgendwie an diesen Berliner und europäischen Dingen teilhaben kann.

Aus dem Serbischen übersetzt von Barbara Antkowiak.