Im Dienst der Ökumene: Das Ostkirchliche Institut Regensburg – eine Bilanz. Ein Gespräch mit Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll

aus OWEP 1/2013  •  von Thomas Bremer

Ende des Jahres 2012 musste das Ostkirchliche Institut Regensburg aus den Räumlichkeiten im ehemaligen Kapuzinerkloster in der Ostengasse ausziehen. Damit geht eine über 35-jährige Epoche zu Ende, in der unzählige Stipendiaten aus den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen in Regensburg die deutsche Sprache und Kultur, vor allem aber die katholische Kirche und Theologie kennenlernen konnten. Das Ostkirchliche Institut besteht zwar weiter, doch die Betreuung der orthodoxen Stipendiaten wird ab Anfang Juli 2013 vom Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn übernommen. Aus diesem Anlass sprach Thomas Bremer mit Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll, der zusammen mit Prälat Dr. Albert Rauch das Institut aufgebaut und geleitet hat.

Sehr geehrter Herr Prälat Wyrwoll, bitte sagen Sie uns etwas darüber, mit welcher Absicht die ostkirchliche Arbeit damals aufgenommen wurde.

Im Jahre 1960 wollten wir zwei junge Studenten des Collegium Germanicum Hungaricum in Rom, Albert Rauch und Nikolaus Wyrwoll, andere Formen der Liturgie kennen lernen und dazu in ein orthodoxes Land reisen. Damals war es am einfachsten, nach Griechenland zu kommen. Also machten wir für drei Monate eine Studienreise nach Griechenland und in die Türkei, auf den Berg Athos, nach Konstantinopel, Chalki und Ephesus. Überall trafen wir orthodoxe Professoren und Pfarrer, die in Deutschland studiert hatten, aber an protestantischen Fakultäten, und fanden eine eigenartige Mischung aus orthodoxer Tradition und liberalem Protestantismus, der bei uns in Deutschland längst überholt war. Der Grund war leicht erkennbar: An katholischen theologischen Fakultäten konnte niemand einen Abschluss erwerben, ohne den Antimodernisteneid1 mit Gehorsam gegenüber dem Papst abzulegen. Dies trugen wir dann Erzbischof Lorenz Jaeger in Paderborn vor.

Anderthalb Jahre später, im Frühjahr 1962, wurde der Diakon Nikolaus Wyrwoll – Albert Rauch hatte die Priesterweihe schon empfangen und war in Deutschland als Kaplan eingesetzt – in den Vatikan gerufen und bekam den Auftrag, den Inhalt eines Briefes von Kardinal Ottaviani den orthodoxen Autoritäten mitzuteilen: Dieser besagte, dass ab sofort Studenten aus anderen christlichen Kirchen alle katholischen akademischen Grade in Theologie erwerben können, ohne den Antimodernisteneid abzulegen. Das sei den interessierten Stellen mitzuteilen.

Ab diesem Zeitpunkt kamen Stipendienanträge orthodoxer Bischöfe für Studenten auch an die katholische Kirche in Deutschland. Zunächst verteilten wir die Studenten auf verschiedene Fakultäten mit Wohnung in den Priesterseminaren und veranstalteten regelmäßige Treffen, die „Regensburger Symposien“, als vertrauensbildende Maßnahme, damit die östlichen Bischöfe wussten, wohin sie ihre Theologiestudenten schicken.

Wie würden Sie denn die zwischenkirchlichen Beziehungen damals beschreiben?

Das war ja noch vor der offiziellen Verwendung des Wortes „Schwesterkirchen“ durch Paul VI. 1963 und der Erklärung „Dominus Iesus“ 2000, aber man ging bereits oder noch davon aus, dass Ost und West eine einzige Kirche sind und der Plural „Kirchen“ im Gebrauch zwischen Ost und West sich auf die einzelnen Kirchen und Bistümer bezieht. Dementsprechend gab es zwar keine Kommuniongemeinschaft (ohnehin kommunizierte man z. B. in Italien und bei den Orthodoxen äußerst selten), aber wir wurden in allen Gottesdiensten in Griechenland eingeladen, das Vaterunser oder das Credo für alle zu sprechen. So erging es uns auch bei den Besuchen in Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien und in der UdSSR.

Im Jahre 1965, am letzten Tag des Zweiten Vatikanischen Konzils, wurden in Rom und in Konstantinopel gleichzeitig die Anathemata des Jahres 1054 feierlich „aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche getilgt und die Verurteilungen der Östlichen Kirchen gegen die Westlichen und der Westlichen gegen die Östlichen aufgehoben“. Schon von der ersten Sitzung des Konzils im Jahre 1962 an war die russische Kirche vertreten, damals durch den jungen Archimandriten Wladimir, der jetzt Metropolit von Sankt Petersburg ist. Ab dem Jahre 1963 waren auch die anderen orthodoxen Kirchen beim Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten.

Mit der Aufhebung der Anathemata begann der „Dialog der Liebe“ zwischen Ost und West. Die Deutsche Bischofskonferenz beschloss im Jahre 1966, eine spezielle Kommission einzusetzen, die Brücken zwischen den östlichen Kirchen und denen des Westens bauen sollte, solange es noch keine volle Übereinstimmung im Glauben gab. Diese Kommission leitete der Bischof von Regensburg Dr. Rudolf Graber. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Dialog zwischen der katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen nicht genügt, dass dieser „Dialog“ übergehen müsse in einen „Trialog“ unter Einbeziehung der östlichen Kirchen.

Was waren die wichtigsten Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Am Ostertag 1967 begann Bischof Graber seine Arbeit mit einem Besuch beim Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Konstantinopel. Dieser Besuch war der offizielle Beginn der Arbeit des Regensburger Ostkirchlichen Institutes. Patriarch Athenagoras dankte der Deutschen Bischofskonferenz für die Initiative im Dialog zwischen den Kirchen. Er unterstrich, dass die Kontakte zwischen den einzelnen Lokalkirchen für die Einheit der Kirchen einen wichtigen Beitrag liefern können, denn den doch relativ kleinen orthodoxen Ortskirchen fällt es nicht leicht, direkte Kontakte mit Rom aufzunehmen.

So begannen nach und nach die zwischenkirchlichen „Regensburger Symposien“. Das erste galt dem Thema „Sakramente der Kirche“ und fand 1969 im Schloss Spindlhof bei Regensburg statt; anwesend waren eine große Delegation des Moskauer Patriarchats und anderer orthodoxer Patriarchate, katholische deutsche Theologen und auch Gäste aus den evangelischen Kirchen. Im Jahre 1977 fiel dann der Beschluss zur Durchführung einer zweiten Symposienreihe „Die eine Kirche und ihr Leben in Raum und Zeit“. Dieser Zyklus begann 1979 mit dem Thema „Die Heiligen der einen Kirche“ und „Die Ämter der einen Kirche“ und endete im Jahre 1989 mit dem Symposion „Primat und Patriarchat – Amt für die Einheit der Kirche“. Die Symposien fanden statt in dem Geist, über den Bischof Rudolf gesagt hatte: „Wenn die Aufhebung der Anathemata im Jahr 1965 etwas mehr ist als nur eine theatralische Geste, dann muss sie auch wichtige Resultate haben. Das bedeutet: Grundlage unserer Gemeinsamkeit ist nicht die getrennte Kirche, sondern die ungeteilte Kirche des ersten Jahrtausends.“

Zur Jahrtausendfeier der Taufe Russlands hielten wir im Ostkirchlichen Institut im Jahre 1987 ein Symposion mit dem Arbeitsthema „1000 Jahre zwischen Wolga und Rhein“ ab. Zur 600-jährigen Gedenkfeier des Todes des großen Geistlichen, Mönchs und Erziehers Russlands, des heiligen Sergius von Radonesch, fand 1992 ein Symposion mit dem Thema „Das Ideal der Vollkommenheit gestern und heute“ statt. Die Begegnungen bei den Symposien, die mit weiteren Themen fortgeführt wurden, waren geprägt durch eine Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses von Menschen, die sich als Glieder der einen Kirche fühlen.

Wie viele Studenten aus den orthodoxen Kirchen hatten Sie in all den Jahren in Regensburg zu Gast?

Bis Ende 2012 werden mehr als eintausend Frauen und Männer aus den orthodoxen Kirchen als Stipendiaten der deutschen katholischen Bischöfe in Deutschland die Möglichkeiten genutzt haben, den Westen und die katholische Kirche, aber auch die Studenten anderer orthodoxer Kirchen in Deutschland besser kennen zu lernen. Sie haben ihre Kenntnisse der deutschen Sprache vervollkommnet und sich dem innerkirchlichen Dialog geöffnet. Die Stipendiaten sind einige Monate, manche aber auch Jahre bei uns im Ostkirchlichen Institut in Regensburg gewesen. Meine Erfahrung ist, dass jeder von ihnen als ein besserer orthodoxer Christ zu seiner eigenen Kirche zurückgekehrt ist. 42 von ihnen sind jetzt Bischöfe in ihren Kirchen. Die anderen sind als Priester tätig, als Äbtissinnen in den Klöstern, sie haben Lehrstühle in den verschiedenen Ausbildungsstätten, sind Professoren, Dozenten, Assistenten. Viele arbeiten in den zwischenkirchlichen Kommissionen auf der ganzen Welt im Dienst an der Einheit der Christen mit.

Jeder Student arbeitet nach seinem eigenen Programm bei uns im Haus, gemäß der Festlegung durch seinen orthodoxen Bischof. So kann es sein, dass eine Schwester aus einem rumänischen Kloster nur drei Monate bei uns ist, um die deutsche Sprache besser zu lernen und anschließend die Möglichkeit zu haben, den Touristen in ihrem Kloster die Reichtümer besser zu erklären und nahe zu bringen. Ein anderer Student hat den Auftrag, zwei Jahre Pastoraltheologie zu studieren, damit er dann zuhause die Sonntagsschule organisieren kann. Wieder ein anderer macht seinen Doktor in Philosophie, damit er zu Hause den Lehrstuhl für Philosophie an seiner Hochschule wahrnehmen kann. Andere, z. B. Professoren an orthodoxen theologischen Fakultäten, nutzen die vorlesungsfreie Zeit im Sommer, um in den Bibliotheken der deutschen theologischen Fakultäten ihre Forschungsprojekte voranzubringen und die Vorlesungen des neuen Semesters vorzubereiten.

Die Vermittlung der Stipendien und die Regelung des Studienganges gehen von der Arbeitsgruppe „Kirchen des Ostens“ der Deutschen Bischofskonferenz aus, mit Unterstützung des Instituts in Regensburg. Viele Stipendiaten wohnten zwischen 1976 und 2012 im 1614 erbauten Kapuzinerkloster von Regensburg, das seit 1974 umgebaut wurde. Aus den alten Zellen wurden die Zimmer und die Bäder der Studenten, andere wurden Küchen. Damit konnte jede Gruppe ihren Esstraditionen treu bleiben: Die eine Gruppe fastete am Freitag, die andere am Samstag, einige nach dem Julianischen Kalender, andere nach dem Gregorianischen Kalender.

Welche Schwerpunkte Ihrer Arbeit würden Sie besonders hervorheben?

Drei Schwerpunkte: erstens die Begleitung der Stipendiaten; zweitens die Teilnahme an wichtigen Momenten der orthodoxen Kirchen oder unserer ehemaligen Studenten, etwa Tod und Einsetzung der Patriarchen, Bischofs- und Priesterweihen, Hochzeiten und von unseren Ehemaligen veranstaltete Symposien; drittens Redaktion und Verlag der „ORTHODOXIA“, eines Verzeichnisses der Namen und Adressen der orthodoxen und vorchalkedonischen Bischöfe, ursprünglich gedacht als Hilfsmittel, die nach dem Konzil zahlreichen vagabundierenden „Bischöfe“ mit östlichen Scheintiteln von den Bischöfen zu unterscheiden, die wirklich zu einer östlichen Kirche gehören, mit denen der Heilige Stuhl in Kontakt ist. Mittlerweile ist „ORTHODOXIA“ zu einem Instrument der Kommunikation geworden. In der 1. Ausgabe 1982 sind rund 800 Bischöfe verzeichnet, in der 22. Ausgabe 2012-2013 rund 1.400.

Wie hat sich die Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

In den ersten Jahren stellten Griechen aus allen „griechischen“ Kirchen (z. B. Griechenland, Ökumenisches Patriarchat, Zypern) die Mehrheit der Stipendiaten, im zweiten Jahrzehnt kamen die Studenten aus Rumänien und Äthiopien, in den letzten Jahren waren es überwiegend Slawen aus Nord und Süd. Im Studienjahr 2012/2013 studieren im Ostkirchlichen Institut orthodoxe Männer und Frauen aus Makedonien, Rumänien, Russland, Weißrussland, Georgien, Indien, Griechenland und Ägypten; die Mehrheit sind diesmal Serben aus Serbien, Bosnien und Herzegowina und Kroatien.

Im Ostkirchlichen Institut gibt es eine orthodoxe Kirche in der alten Tagzeiten-Kapelle der Kapuziner, die 1980 mit Ikonen und Fresken ausgeschmückt wurde. Der Erzbischof von Berlin Melchisedek, Exarch des Moskauer Patriarchates für Mitteleuropa, hat diese orthodoxe Kirche am Tag der Dreifaltigkeit 1980 konsekriert. In dieser Kapelle des Ostkirchlichen Institutes zelebrieren orthodoxe Priester – unsere Studenten und die Priester der in Regensburg wirkenden orthodoxen Gemeinden.

Neben dem individuellen Studienprogramm gibt es auch ein gemeinsames Programm. Dazu gehören Ausflüge zu kirchlichen Ereignissen, Besuche der umliegenden Klöster, gegen Ende des Studienjahres eine Wallfahrt nach Rom zu den alten Stätten der Christenheit, die uns den großen Horizont der Kirchengeschichte öffnen. Wir waren z. B. 1989 mit allen Studierenden bei der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel, in der Osterwoche 2000 in Rom, Ostern 2007 in Konstantinopel, im Frühjahr 2008 zu einem Symposion mit dem St. Andreas-Institut Moskau in Freising, 2012 zur Heiligsprechung von Anna Schäfer in Rom.

Eine letzte Frage, die sich nicht direkt auf das Institut bezieht: Wie beurteilen Sie die ökumenischen Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie heute?

Die vielfältigen Beziehungen von katholischen Kirchen (Bistümern, Bischofskonferenzen, Pfarreien) zu den orthodoxen Kirchen (Bistümer, autokephale und andere Kirchen, Pfarreien, Klöster) halte ich heute für sehr lebendig und von großem Nutzen für das gegenseitige Kennenlernen und die gegenseitige Achtung als Schwesterkirchen, als echte Teilkirchen in Ost und West im Sinne von „Dominus Iesus“, Nr. 17. Die Beziehungen im Rahmen des offiziellen Dialoges beurteile ich allerdings nicht positiv. Ich war in Belgrad bei der Wiederaufnahme des Dialoges und hörte da manche enttäuschte orthodoxe Stimme: „Ich dachte, wir beraten jetzt, wie wir gemeinsam Eucharistie feiern und dabei die Reihenfolge der Patriarchen festlegen, und jetzt diskutieren wir Glaubensfragen wie in einem Dialog zwischen den orthodoxen oder katholischen Kirchen einerseits und den Protestanten andererseits.“ Wegen der völlig selbstständigen Entwicklung der Theologie und Frömmigkeit in den einzelnen östlichen Traditionen seit der Zeit der Apostel ist es unmöglich, zu gemeinsamen Aussagen zu kommen.

Meinen Beitrag zum vierten Band der Ratzinger-Studien2 habe ich so begonnen: Als der deutsche Papst Hadrian VI. Nachfolger Petri war, wurde der Bruch mit den Protestanten endgültig. Ich fürchte, dass unter dem jetzigen deutschen Papst ein nie dagewesener Bruch mit den orthodoxen byzantinischen und altorientalischen Kirchen eintritt.


Fußnoten:


  1. Der Antimodernisteneid wurde 1910 von Papst Pius X. eingeführt und ist vor dem Hintergrund der damaligen Auseinandersetzungen der katholischen Kirche mit den zeitgenössischen geistigen Strömungen zu verstehen. 1967 wurde er von Papst Paul VI. durch ein Glaubensbekenntnis ersetzt (Anm. d. Redaktion). 

  2. Nikolaus Wyrwoll: Bemerkungen zum Begriff der „Schwesterkirchen“. In: Christian Schaller (Hrsg.): Kirche – Sakrament und Gemeinschaft. Zu Ekklesiologie und Ökumene bei Joseph Ratzinger. (Ratzinger-Studien, Bd. 4). Regensburg 2011, S. 399-414.