„Viele Christen haben seit Jahrhunderten die ‚Zeichen der Zeit‘ nicht richtig erkannt.“ Ein Gespräch mit Erzabt Asztrik Várszegi

aus OWEP 2/2007  •  von Michael Albus

Michael Albus befragte Titularbischof Dr. Asztrik Várszegi OSB über die gesellschaftliche und geistige Situation Ungarns. Asztrik Várszegi ist Erzabt der Benediktinerabtei Pannonhalma in Westungarn, die sich unter seiner Leitung zu einem bedeutenden internationalen Begegnungszentrum entwickelt hat.

Herr Erzabt, können Sie mir einen allgemeinen Überblick über die gegenwärtige gesellschaftliche und kirchliche Situation in Ungarn verschaffen?

Mit einer bündigen ungarischen Redewendung könnte ich Ihre Frage beantworten „Mutti, ich habe ein anderes Pferd gewollt“, d. h. Ich wollte eigentlich ein besseres Pferd. Ich möchte vorausschicken: Ich bin kein Pessimist, ich bin kein Optimist, sondern ich bemühe mich, als ein gläubiger Christ zu leben, der diese Welt mit Sinn und Vernunft, mit Glaube, Hoffnung und Liebe, gelegentlich sogar mit Bewunderung und Dankbarkeit betrachtet, aber ich bin ein Realist, mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend, wie es sich für einen Christen gemäß dem Evangelium Jesu Christi ziemt.

Weder die ungarische Gesellschaft mit ihren unverarbeiteten historischen Problemen, mit ihren Atavismen und mit ihrer vererbt-instinktiven Machtpraxis, noch unsere katholische Kirche mit ihrem gemischten feudal-sozialistischen Erbe haben gelernt zu bemerken: „Züge“ (der Geschichte) fahren selten rückwärts, sondern (meistens) vorwärts.

Freiheit bleibt solange eine Utopie, eine bloße Theorie, solange ich sie nicht mit Inhalten und Zielen fülle. Die ungarische Gesellschaft kannte vor und nach 1945 weder genügend Freiheit noch das Ziel der Freiheit. Daher befindet sich Ungarn – in dieser Hinsicht in einer ähnlichen Lage wie die anderen postkommunistischen Staaten – in gesellschaftlich-ökonomischer wie auch in human-psychischer Hinsicht in einem Zustand schmerzlichen Erwachens, einer Ernüchterung, die (ab und zu) auch einen hohen Grad der Enttäuschung, nicht selten der Verbitterung erreicht. Infolge des Sozialismus haben wir es bis heute nicht geschafft, uns als „Gesellschaft“ ein realistisches Selbstbild von unserer Vergangenheit machen zu können, noch weniger davon, was auf uns zukam und noch zukommen wird. So ist unser Selbstbild ein Zerrbild, das wir aufeinander und in die Umwelt projizieren. Daher gibt es zurzeit eine ziemlich große Konfusion, großes Unverständnis, häufige gegenseitige Anklagen, das heißt: Wir müssen von einer Krise sprechen. Krisen sind unvermeidlich, sie können heilsam sein, aber sie sind – auch unvermeidlich – schmerzhaft.

Viele meiner Landsleute leben in einer falschen Traumwelt. Man spricht nicht selten von einem „Hungaropessimismus“, aber das halte ich trotz der vielen Schwierigkeiten nicht für berechtigt. Wir sind unserer Freiheit, unseren Chancen, aber eben auch der damit untrennbar verbundenen Verantwortung nicht gewachsen. Uns wird ein „Wohlstand“ und eine „glücklichere Welt“, vor allem auf ökonomischer Basis versprochen, aber die geistig-spirituellen Grundpfeiler dieser neuen Welt fehlen weithin. Auch bei uns wird sehr oft über „Wirtschaftgemeinschaft“, aber weit weniger über „Wertegemeinschaft“ gesprochen. Obwohl wir auf dem Gebiet der Wirtschaft Entwicklungen gemacht haben, fühlen wir uns dennoch frustriert, enttäuscht, besonders wenn wir nach Westen schauen. Der Gesellschaft fehlt weitgehend so etwas wie ein „Kollektiv-Gewissen“.

Dennoch bin ich zuversichtlich: unser Volk ist ein intelligentes Volk, das haben wir der Geschichte schon oft bewiesen. Durch Leiden werden auch wir unseren Weg und unseren Platz unter den europäischen Völkern finden

Die „Kirche“ ist ein nomen collectivum, ein Begriff, der vieles umfasst. Die katholische Kirche in Ungarn ist eine lebendige Kirche, der auferstandene Herr wohnt in den Herzen der Gläubigen. Trotz einer fortschreitend säkularisierten Gesellschaft suchen die Menschen nach glaubhaften Werten, nach religiösen Erfahrungen, nach dem Göttlichen, aber sie suchen nicht mehr so, wie es manche in der Kirche von ihnen meinen erwarten zu können. Trotz eines lebendigen und gläubigen Kerns unserer Kirche sind wir mancherlei Irrtümern erlegen. Wir haben weitgehend nicht wahrhaben wollen, dass auch unsere Gesellschaft eine säkularisierte Gesellschaft ist, nur auf eine andere Art und Weise verweltlicht als andere Teile Europas.

Wir meinen, wir seien noch eine Volkskirche, aber das sind wir nur noch in Rudimenten. Nach der politischen Wende haben wir versucht, mit unserem Kirchenbild aufs letzte Friedensjahr (1938) zurückzuschalten. Wir versuchen, eine „acies bene ordinata“, d. h. eine wohlgeordnete Gemeinschaft zu demonstrieren, aber das gilt seit langem nicht mehr. Aus verschiedenen Gründen wollten wir möglichst schnell unsere jüngere Vergangenheit vergessen, jetzt möchten andere, unsere früheren Verfolger, sie uns vor Augen stellen.

Welche Probleme beschäftigen die katholische Kirche in Ungarn gegenwärtig besonders?

Man kann eigentlich die schon oben begonnene Gedankenreihe fortsetzen. Unsere Kirche als Institution ist von mehreren Seiten gefährdet. Es fällt auf, und daher wird oft darüber gesprochen: Die Kirche erfährt nur sehr unzureichende staatliche Unterstützung. Der wirtschaftliche und politische Liberalismus, die Ruinen und die Erbschaft des Parteistaates, Unwissenheit und Uninteressiertheit vieler Leute an Kirche und Religion und noch viele äußere Probleme werden genannt, die auch teilweise zutreffend sind. Unsere Kirche hat vergessen, sich theologisch-selbstkritisch ins eigene Gesicht zu schauen. Bevor uns die großartigen Ideen des Zweiten Vatikanums hatten erreichen können, erreichte uns wiederholt die Gefahr eines neuen klerikalistischen Konservativismus, sogar eines latenten Fundamentalismus, der sich nicht aus der tiefen Quelle des Glaubens, sondern aus einer tiefer liegenden Quelle der Angst speist. Unsere Kirche erscheint vielleicht auch deshalb als eine „Ecclesia biceps“, eine doppelköpfige, zwiespältige Kirche. Sie verkündet das Evangelium, aber oft fehlen Taten: Offenheit, Barmherzigkeit, Feindesliebe, Solidarität, Dialogfähigkeit, Mitleiden.

Was sind die gesellschaftlichen und kirchlichen Folgen der kommunistischen Zeit in Ungarn?

Zwei Semester würden nicht reichen, um die Folgen und Nachwirkungen aufzuzählen. Gestatten Sie mir eine Vision, vielleicht für viele eine Schreckensvision.

Die Kirche, genauer gesagt: viele Christen, haben seit Jahrhunderten die „Zeichen der Zeit“, die Herausforderungen der menschlichen Seele nicht richtig erkannt. Sie hielten an gewohnten, aber vergangenen Strukturen, an toten religiösen Klischees fest, d. h. sie haben ihre altgewohnten religiösen Andachts- und Ausdrucksformen mit dem lebendigen Glauben und aus diesem Glauben lebender Frömmigkeit verwechselt. Sie wurden weitgehend unfähig, die christliche Botschaft in der Kirche und außerhalb der Kirche, d. h. in der Welt weiterzugeben. Es war kaum noch eine ausstrahlende und Leben spendende Kraft zu spüren. Gott wollte sie auf dem Weg des Leidens, durch eine „Presse der Bedrängnis“ (man schaue dazu in die Apokalypse des Johannes ) führen, um sie zu belehren – sie hätten nichts anderes, als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus, der über den menschlichen Strukturen steht. Die Macht der Kirche hat nichts gemeinsam mit der Macht dieser Welt, daher darf ein Christ sich nie an jeweilige Machtstrukturen ausliefern oder mit ihr ein Bündnis schließen. Die Kirche darf sich in dieser Welt nicht für die Ewigkeit einrichten. Sie ist Gottes Volk auf der Wanderschaft, das keine feste Bleibe hat. Diese Erfahrung hatten die verfolgten Christen wieder während der Diktatur entdeckt, aber viele verstehen diese christliche Freiheit nicht und suchen Ruhe und Sicherheit im Gefolge der jeweiligen Mächte und Machthaber. Das ist eine große Versuchung. Nicht die jeweilige Macht ist es, die uns Raum für das Leben und für die Evangelisation schafft.

Welchen Einfluss hat die Kirche in Ungarn auf die Politik?

Das ist eine geschichtlich sehr komplexe Frage. Kurz und bündig: nicht viel, sicher weniger, als wir gerne meinen behaupten zu können. Der Zug eines politischen Katholizismus ist mit dem Verschwinden des früheren Ungarn, also vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, abgefahren. Aber in der katholischen Kirche besteht die Mehrheit aus Leuten, die von einem alten Kirchenbild geprägt sind und diese Entwicklung nicht verstehen. Wir sind eine Minderheit, die sowohl von außen als auch von innen falsch eingeschätzt wird. Daraus kamen und kommen falsche (partei)politische Konsequenzen, die die Kirche ständig zu instrumentalisieren versuchen. Die Kirche wird von außen selten als Kirche, eher als ein potenzieller Bündnispartner betrachtet. Wir müssen uns, unser Wesen und unsere Sendung, selber kennen lernen und müssen uns an Bescheidenheit und an unsere „neue Größe“ gewöhnen. Wir verstehen uns gern und benehmen uns gern wie eine große Kirche, aber fühlen uns leicht verletzt wie eine Minderheit. Unsere Reaktionen sind oft wie Reaktionen einer Minderheit, aber durch ständigen Appell oder Protest kann man niemanden fürs Evangelium gewinnen.

Sie befassen sich auch intensiv mit dem interreligiösen Dialog. Welche Themen und Fragen sind Ihnen dabei besonders wichtig?

Ungarn befindet sich diesbezüglich noch wie im Vorzimmer des Westens oder des Ostens. Über 50 Jahre waren wir ein von westlichen „liberalen Strömungen“ gut abgeschottetes Land. Andere Weltreligionen sind inzwischen auch schon in unserer Heimat anwesend, aber sie sind noch nicht bestimmend. Meine Bemühungen streben eine längerfristige Vorbereitung an, eine Bereitschaft, andere kennenzulernen, Kontakt aufzunehmen im Hinblick auf eine Zukunft, in der wir mit ihnen zusammenleben werden. Im Laufe der Öffnung unserer kleinen ungarischen Welt brauchen wir auch von der anderen Seite, von anderen Weltreligionen, offene Gesprächspartner.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Orden der Benediktiner in Ungarn mit seiner langen europäischen Tradition?

Das Jahr 1996, das Millennium unseres Klosters, hat mir bewusst gemacht, wie reich ein tausendjähriges Kloster ist. Seine Wurzeln liegen im ersten Jahrtausend, sogar in der Urkirche, seine monastische Tradition verbindet vielerlei: Osten und Westen, Glauben und europäische und ungarische Kultur. Das Kloster ist wie ein Observatorium, wo ständig auf drei grundlegende Fragen Antwort gesucht wird: Wie liebe ich Gott, meinen Nächsten und mich selbst (anders formuliert: wer bin ich eigentlich)? Weil wir immer nach dem Wesentlichen fragen wollen, sind wir immer zeitgemäß und frisch. Ich selbst und auch andere können im Kloster ein Zuhause, eine Geborgenheit in Gott erleben. Wir sind offen genug, um mit unseren Glaubensgefährten in einem offenen Dialog leben zu können, wir teilen unser Leben mit der Hoffnung Ungarns, d. h. mit 330 Schülern in Pannonhalma, mit 370 Schülern in unserer anderen Schule zu Győr, sind ökumenisch offen gegenüber östlichen Christen und auch gegenüber protestantischen Geschwistern. Wir sind bereit, die Wunden der Vergangenheit bei unseren älteren Geschwistern, den Juden, zu heilen. Die Besuche von Papst Johannes Paul II., Patriarch Aleksij II. von Moskau, Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel und Patriarch Schenuda III. von Alexandrien, auch die Konferenz „Reflexionen der ungarischen Shoah“ haben das gezeigt.

Wenn Sie ein knappes Porträt der Erzabtei Pannonhalma, der Sie als Abt vorstehen, zeichnen müssten: Welche Züge würden Sie dabei besonders hervorheben?

Seit 15 Jahre stehe ich unserem Kloster vor. Im Grunde genommen ist das Haupt eines Benediktinerklosters laut der Benediktusregel Christus Jesus selbst. Der Abt ist nur sein Vertreter. Mit Gottes Hilfe wollte ich als Abt – beabsichtigt oder unbeabsichtigt ¬– durch meinen Dienst aufzeigen: Ein Christ ist frei, anders zu denken, anders zu leben, anders zu handeln, wie man es in seiner Umgebung tut, er ist frei, weil er nicht nur Bürger der irdischen Heimat oder eines säkularisierten Staates ist, sondern Bürger des Gottesreiches. Er darf und soll auf Gesellschaftszwang oder auf kirchliche Engstirnigkeit und ungläubige Ängste verzichten, niemanden hassen oder exkommunizieren, er ist frei, wie selbst Christus frei war, um zu handeln, zu denken, wie Er selber gesagt hat: „Ich bin frei, mein Leben hinzugeben und zurückzunehmen.“ Andere sagen – nicht ich bezeuge es –: Kloster Pannonhalma ist wie eine Oase, wo Durstige frisches Wasser, wo Hungernde das Brot eines guten Wortes erhalten. Pannonhalma ist eine Gottesstadt auf dem Berg, wo Gott verherrlicht wird und seine Geschöpfe geehrt werden.

Viele Menschen fragen heute, oft abseits der Kirchen, intensiv nach Gott. Was sagen Sie solchen Menschen, die mit dieser Frage zu Ihnen kommen?

Kein Wort sage ich ihnen. Als gläubiger Christ versuche ich ihnen zu begegnen, sie in Ihrem Herzen anzusprechen und für sie zu beten. Wenn suchende Menschen von einer auf Gott ausgerichteten menschlichen Existenz, von einer entgegenkommenden wortlosen menschlichen Güte und Offenheit nicht angesprochen werden, nützen viele Worte nicht viel. Worte sind schon seit langem wenig oder sogar nichts. Man braucht im richtigen Sinne lebendige und mutige Heilige, die Gott und seinen Sohn Jesus Christus schon „gesehen haben“. Man braucht Menschen, die über eine grundlegende Gotteserfahrung verfügen. Mutter Teresa von Kalkutta war ein leuchtendes Beispiel dafür. Eine hungernde und suchende Menschenseele spürt es sofort, und vieles andere ergibt sich fast von selbst, wenn sie einem solchen Christen begegnet. Gott ist entweder direkt oder durch unseren menschlichen Dienst am Werk.