Eine vertane Chance?! – Die katholische Kirche in Tschechien

aus   •  von Cassandra Speer

Zusammenfassung

Obwohl die Tschechische Republik zu den Visegrád-Staaten gezählt wird und seit längerer Zeit einen deutlich populistischen Ton einschlägt, sticht das Land aus der vermeintlichen Geschlossenheit dieser Staatengruppe heraus. Auch ein Blick auf die Minderheitenposition der katholischen Kirche in Tschechien lässt einen Unterschied zu ihrer Präsenz in anderen osteuropäischen Staaten erkennen. Ist das für sie eine Chance, um aktiv gegen populistische Töne vonseiten der Politik vorgehen zu können?

Cassandra Speer, B.A. ist Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen der Ruhr-Universität Bochum.

Auf dem Weg in die Diaspora

Ein Blick in die Geschichte des Landes ist notwendig, um die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche in Tschechien zu verstehen. Das distanzierte Verhältnis der Tschechen zur katholischen Kirche gründet zum einen aus der brutalen Rekatholisierung der stark von der Reformation geprägten Landesteile Böhmen und Mähren im Gefolge des Dreißigjährigen Kriegs. Zum anderen machten sich seit der Herrschaft der Habsburger in der tschechischen Bevölkerung antikatholische Stimmungen breit, denn die Dynastie der Habsburger war verbunden mit einer starken Präsenz des Katholizismus. Dies führte zu einer Entfremdung zwischen dem Gedanken einer tschechischen Nation und der herrschenden österreichischen Monarchie. Bei der Volkszählung im Jahr 1930 waren 91,5 Prozent der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei Katholiken, unter den Tschechen waren es insgesamt 73,8 Prozent; dennoch bestand auch schon zum damaligen Zeitpunkt eine nicht zu übersehende Anzahl an Konfessionslosen mit einer Zahl von 747.000 (also ca. 10 Prozent der damaligen tschechischsprachigen Bevölkerung).1 Die Vertreibung der drei Millionen Sudetendeutschen2 nach dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass einige Regionen in der Tschechoslowakei nahezu entvölkert waren; konfessionell bedeutete dies, dass 1.800 Priester, zahlreiche Mönche und 3.000 Schwestern das Land verlassen mussten.

Trotz des kommunistischen Umsturzes im Jahr 1948 war sich die katholische Kirche sicher, dass das Verhältnis zwischen ihr und dem Staat sich nicht verschlimmern werde. Diese anfängliche Hoffnung sollte bald zunichte gemacht werden durch Enteignung, Verfolgung, Überwachung katholischer Geistlicher und Schließung kirchlicher Einrichtungen.

Das Jahr 1989 – Wende für die Kirche?

Der Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in vielen Ländern Osteuropas im Jahre 1989 brachte auch für die Tschechoslowakei die ersehnte Unabhängigkeit und nationale Souveränität. In dieser Zeit war sogar ein Anstieg der Konfessionalität zu beobachten, denn für viele trat die „… Kirchenangehörigkeit jetzt an die Stelle der Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei.“3 Doch schon bald büßte die katholische Kirche ihre Position als Instanz im Kampf gegen den Kommunismus, der nun nicht mehr den Staat beherrschte, ein. Zwar wurden alle Bischofssitze besetzt, eine Bischofskonferenz gegründet, Orden und Kongregationen wieder zugelassen und vom Heiligen Stuhl ein Apostolischer Nuntius in Prag eingesetzt, aber über eine völlige Rückgabe der kirchlichen Güter wird bis heute zwischen dem Staat und der katholischen Kirche verhandelt. Des Weiteren besteht bis in die Gegenwart eine ökonomische Abhängigkeit vom tschechischen Staat: „Die Kirchen werden bis heute nach dem novellierten kommunistischen Gesetz bezahlt.“4

Positiv dagegen wird von der Bevölkerung die Tätigkeit der Caritas wahrgenommen. Gleiches gilt für die festen Beziehungen der katholischen Kirche im Tschechischen Ökumenischen Rat der Kirchen. Der Priestermangel sowie ein geringer finanzieller Spielraum erschweren es der katholischen Kirche, in der Fläche Präsenz zu zeigen. Dazu kommen noch eigens verursachte Probleme, wie z. B. mangelndes Bewusstsein für viele Probleme der Bevölkerung.5 In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass nach dem Stand von 2011 10,4 Prozent der Tschechen katholisch und 1,1 Prozent protestantisch sind.6 Die katholische Kirche in Tschechien befindet sich demnach in einer Diaspora-Situation gegenüber einer mehrheitlich konfessionslosen Bevölkerung.

Populismus ohne Partei

Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Ländern, in denen sich populistische Strömungen auf einzelne (Regierungs-)Parteien, Gruppen oder Personen beziehen, weist das Bild in Tschechien einen Bruch mit diesem Arrangement auf. Seit 1998 ist keine eindeutig (rechts-)populistische Partei mehr im Parlament vertreten. Stattdessen kann man beobachten, dass tschechische Politiker mehrerer Parteien eine eindeutige Wende nach rechts eingeschlagen haben, um ihre Macht zu erhalten bzw. diese zu sichern. Sie nutzen Parolen und weitere rhetorische Mittel, die vorher eindeutig Bestandteil rechtspopulistischer Propaganda waren; insbesondere ließ sich das beim ehemaligen Ministerpräsidenten und späteren Staatspräsidenten Václav Klaus beobachten.7

Populismus in staatsmännischer Manier

In jüngerer Vergangenheit sind es insbesondere Staatspräsident Miloś Zeman, die populistische Partei ANO8 und von Unternehmern gegründete Parteien, welche die Pole des populistischen Treibens in Tschechien bilden. Zeman war von 1998 bis 2002 Ministerpräsident und ist seit 2013 Staatspräsident. Die Person des Staatspräsidenten genießt eine große Autorität, obwohl diese in keiner Weise durch die Verfassung legitimiert ist. Zemans Strategie sieht vor, seine Position innerhalb des Staatswesens zu stärken, um die anderen Gewalten zu schwächen. Er stilisiert sich zum Sprecher einer „Mehrheit des Volkes“ hoch, was in einem Widerspruch zu dem von der Verfassung ihm zugewiesenen Verständnis steht – Repräsentant aller Tschechen zu sein. Außerdem versuchte Zeman wiederholt, Einfluss auf die Regierungszusammensetzung zu nehmen und von ihm favorisierte Personen mit der Regierungsbildung zu beauftragen, obwohl diese keinerlei Mandat dazu hatten. Innerhalb der tschechischen Gesellschaft differenziert er zwischen dem „Volk“ und den „Anderen“ und redet somit einer klaren Spaltung in der Gesellschaft das Wort. Zusätzlich diskreditiert er über Beleidigungen und Herabwürdigungen politische Kontrahenten und Andersdenkende.

Dieses Verhalten geht nicht spurlos an der politischen Kultur des Landes vorbei. Flegelhaftes Verhalten, Lügen, Missachtung der Gewaltenteilung sind Bestandteile der politischen Landschaft in Tschechien. Zudem hat die Fremdenfeindlichkeit in den letzten Jahren stark zugenommen; der Fokus liegt hierbei auf muslimischen Flüchtlingen.9

Fremdenfeindlichkeit ohne Fremde

Als sich im Sommer 2015 die Flüchtlingsströme nach Europa verstärkten, wehrte sich Tschechien gegen die Aufnahme von Flüchtlingen nach einer auf EU-Ebene beschlossenen Quote. Vizeregierungschef Pavel erwog sogar eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, wenn Tschechien zur Einhaltung dieser Quote gezwungen würde.10 Doch bereits vor dem oben genannten Höhepunkt wurden von der tschechischen Regierung Flüchtlinge mit Terroristen gleichgesetzt und die Flüchtlingsbewegung als „organisierte Invasion“11 eingestuft. Staatspräsident Zeman sprach sich umgehend gegen die von der Regierung vorgeschlagene Aufnahme von 2.700 Flüchtlingen aus.

Die xenophobe Stimmung richtet sich, ebenso wie in Ungarn und Polen, in erster Linie gegen muslimische Flüchtlinge. Immer wieder werden in diesem Diskurs die Terroranschläge von Paris und Berlin angesprochen, welche als angeblicher Beweis missbraucht werden, dass Flüchtlinge Anschläge verüben. Nach Angaben des tschechischen Innenministeriums haben im Jahr 2016 lediglich 1.400 Menschen einen Antrag auf Asyl gestellt, von denen nur 70 Anträge bewilligt wurden. Die meisten dieser Anträge werden von Menschen aus der Ukraine und aus Kuba gestellt; erst an dritter Stelle stehen die von Syrern.12

An diesem Punkt stellt sich die Frage, inwieweit die Angst vor dem Fremden der Realität entspricht. Gerade einmal rund 11.000 Muslime leben in Tschechien. Dennoch lehnen laut einer Umfrage des Prager Institute of International Relations „mehr als 70 Prozent der Tschechen … die Aufnahme von Flüchtlingen aus Nordafrika und Syrien (ab).“13

Wissenschaft und Kirchen – Pfeiler des Protests?

Breiter Widerstand gegen die fremdenfeindlichen Töne der Regierung und die zunehmende Xenophobie regte sich aus Kreisen der Wissenschaft. Viele Wissenschaftlicher fordern von der Gesellschaft Solidarität ein. Rund 2.000 Akademiker haben eine Petition gegen Angst und Gleichgültigkeit initiiert, die mehr als 3.000 Unterzeichner fand. So fundamental ihre Kritik an der Hetze gegen den Islam ist, machen auch einige dieser Wissenschaftler den mangelnden Kontakt zu Muslimen als eine Ursache für die bestehende Skepsis aus. Sie warnen jedoch hingegen eindeutig davor, dass die tschechischen Politiker das Thema für sich zu eigen machen, um von bestehenden Problemen abzulenken.

Diakonie und Caritas in Tschechien haben lange Zeit vor dem Höhepunkt der Flüchtlingsströme nach Europa begonnen, Geld- und Sachspenden für die Flüchtlinge zu sammeln. Eine prinzipielle Hilfsbereitschaft beider Kirchen in Tschechien ist gegeben, allerdings wird es schwierig, sobald es um konkrete Hilfen für muslimische Flüchtlinge geht. Auf dem Höhepunkt der Migrationsbewegung nach Europa im Sommer 2015 haben die katholischen Bischöfe und der Vorstand des Ökumenischen Rates erklärt: „Wir nehmen den dringenden Bedarf an Solidarität mit den Opfern von Kriegen und religiöser Gewalt wahr, aber auch die Sorgen unserer Gesellschaft, die mit dem gegenwärtigen Zustrom von Migranten nach Europa zusammenhängt.“14 Anschließend wurden die Gemeinden aufgerufen, christliche Flüchtlingsfamilien aufzunehmen, was in der Öffentlichkeit für breite Kritik sorgte. Man versuchte, diese Haltung kurz darauf zu beschwichtigen, und verwies auf den gemeinsamen Glauben, der bei den Muslimen fehle. Eine rhetorische Umkehr erfolgte erst im September 2015 nach dem Aufruf des Papstes zur Solidarität mit Flüchtlingen. Danach hieß es, man solle nicht ungeprüft Vorurteile und Gerüchte über Flüchtlinge ungeprüft übernehmen, da dies einen Nährboden für Extremisten biete.15 Nichtsdestoweniger soll der Generalsekretär der tschechischen Bischofskonferenz gesagt haben: „Vorrang für die Bischöfe haben die Wünsche und Bedürfnisse des Staates.“16

Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder17 kritisierte das Verhalten der tschechischen Regierung im Umgang mit Flüchtlingen stark. Flüchtlinge würden in Einrichtungen des Staates festgesetzt und bekämen dadurch nicht einmal die Chance, anderen Bürgern zu begegnen, was wiederum die Vorurteile in der Bevölkerung verstärke. Daher könne die Flüchtlingshilfe von Privatpersonen, Gemeinden und Pfarreien in Form vom Geld- und Sachleistungen in Angesicht dieser Lage gar nicht hoch genug geschätzt werden. Außerdem bestehe auch eine moralische Verpflichtung, gegenüber den populistischen Parolen des Präsidenten kritisch zu bleiben.18

Kontrapunkt im Gefüge

Tschechien sticht aus dem Gefüge der Visegrád-Staaten heraus, da es im Gegensatz zu Polen und Ungarn seinen Rechtsstaat noch nicht aushebelt und die populistischen Kräfte im Land sich nicht auf eine einzige Partei begrenzen lassen. Auch die Stellung der katholischen Kirche und ihrer Inanspruchnahme für politische Zwecke weicht von anderen mittel- und osteuropäischen Gegebenheiten ab. Die katholische Kirche hat allerdings eine entscheidende Chance vertan, indem sie nicht sich deutlich von der Haltung der Regierung in der Flüchtlingsfrage distanziert hat. Zwar äußert man verhalten Kritik am Kurs der Regierung, verhält sich aber insgesamt linientreu. Aus der Geschichte sollte die Kirche eigentlich gelernt haben, dass eine zu große Nähe zum Regime kontraproduktiv für sie ist.


Fußnoten:


  1. Vgl. Rudolf Grulich: Von der Vertreibung bis zum Prager Frühling; online abrufbar unter: http://www.kirche-in-not.de/kirchengeschichte/2011/10-11-niedergang-der-katholischen-kirche-in-tschechien [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  2. Vgl. ebd. 

  3. František Radkovský: Stärken und Schwächen der kleinen Herde. Ein Blick auf die katholische Kirche in Tschechien (aus OWEP 2/2000); online abrufbar unter: https://www.owep.de/artikel/173/staerken-und-schwaechen-kleinen-herde [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  4. Ebd. 

  5. Vgl. ebd. 

  6. Länderinfo Tschechische Republik; online abrufbar unter: https://www.renovabis.de/laender/mitteleuropa-osteuropa/tschechische-republik/ [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  7. Vgl. Dieter Segert: Der tschechische Allparteienpopulismus. Post-sozialistische Instabilität als Grundlage für eine populistische Versuchung in Parlament und Regierung. In: Susanne Frölich-Steffen, Lars Rensmann (Hrsg.): Populisten an der Macht. Populistische Regierungsparteien in West- und Osteuropa. Wien 2005, S. 191-208, hier S. 191. 

  8. Politische Bewegung ANO (Politické hnutí ANO 2011). Ano bedeutet auf Tschechisch „Ja“. Es wird aber auch als „akce nespokojených občanů“ gedeutet werden (Aktion unzufriedener Bürger). 

  9. Reinhold Vetter: Nationalismus im Osten Europas. Was Kaczyński und Orbán mit Le Pen und Wilders verbindet. Berlin 2017, S. 114. 

  10. Vgl. Tschechien findet sich selbst solidarisch; online abrufbar unter: http://orf.at/stories/2299977/2299994/ [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  11. Vgl. Anm. 9, S. 115. 

  12. Vgl. Flüchtlinge in Tschechien; online abrufbar unter: https://www.laenderdaten.info/Europa/Tschechien/fluechtlinge.php [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  13. Vgl. dazu: Flüchtlinge: Tschechiens große Angst vor dem Unbekannten; online abrufbar unter: http://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/4802700/Fluechtlinge_Tschechiens-grosse-Angst-vor-dem-Unbekannten [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  14. Kilian Kirchgeßner: Kirchen in Tschechien und der Slowakei tun sich schwer mit Flüchtlingen. Möglichst nur Christen; online abrufbar unter: https://www.domradio.de/themen/kirche-und-politik/2015-12-16/kirchen-tschechien-und-der-slowakei-tun-sich-schwer-mit-fluechtlingen [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  15. Vgl. ebd. 

  16. Inga Kilian: Osteuropas Bischöfe und die Flüchtlingsfrage; online abrufbar unter: https://www.domradio.de/themen/fluechtlingshilfe-und-integration/2015-09-10/osteuropas-bischoefe-und-die-fluechtlingsfrage [letzter Aufruf: 21.11.2017]. 

  17. Eine seit 1918 bestehende Gemeinschaft evangelisch-unierten Bekenntnisses. 

  18. Vgl. Synodalsenior Daniel Ženatý kritisiert tschechische Flüchtlingspolitik; online abrufbar unter: http://www.ekir.de/www/ueber-uns/kritik-an-tschechischer-fluechtlingspolitik-19682.php [letzter Aufruf: 21.11.2017].