Religion und Kirchen in der Ukraine

aus OWEP 4/2002  •  von Viktor Yelensky

Dr. Viktor Yelensky, Chefredakteur der Zeitschrift „Ljudyna i svit“ („Mensch und Welt), ist als Sozialwissenschafter an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kiew tätig.

Überblick über die konfessionellen Strukturen

Seit 1988 die Beschränkungen für die Gründung religiöser Organisationen fielen, ist ihre Zahl in der Ukraine bis zum Jahre 2002 um das Vierfache angewachsen und beträgt inzwischen mehr als 26.000. Die Statuten von 52 religiösen Zentren wurden offiziell registriert – in der Zeit vor der Perestroika waren lediglich das Ukrainische Exarchat der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und die Vereinigung der Evangeliumschristen-Baptisten der Ukraine (als Teil des Bundes der Baptisten der UdSSR) legal tätig. Über 300 Klöster und klösterliche Gemeinschaften wurden gegründet, in denen 5.430 Mönche und Nonnen leben. Es gibt fast 140 geistliche Lehranstalten mit 18.500 Schülern und Studenten.1 Etwa 200 religiöse Periodika erscheinen – vor der Perestroika gab es lediglich den „Orthodoxen Boten“, dessen Hauptziel eine möglichst intensive „Orthodoxisierung“ der griechischen Katholiken war.

Schließlich entstand im Laufe des vergangenen Jahrzehnts eine Reihe von religiösen Institutionen, deren Tätigkeit früher gesetzlich verboten war: mehr als 240 Missionen und 70 Bruderschaften, mehr als 9.000 Sonntagsschulen. Auf eine religiöse Gemeinschaft kamen zu Beginn des Jahres 2001 weniger als 1.900 Einwohner (1986: 8.200). Nach der Legalisierung der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, der Wiedererstehung der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche, der Schaffung von Leitungsstrukturen und geistlichen Zentren der römisch-katholischen Kirche, der Siebenten-Tages-Adventisten, der Pfingstler, der Zeugen Jehovas und anderer hat sich eine dauerhafte konfessionelle Konfiguration in der Ukraine herausgebildet, deren Beschreibung die nachfolgenden Ausführungen gelten.

53 % aller religiösen Organisationen wurden von den Orthodoxen geschaffen. Davon gehören mehr als 70 % zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), die mit dem Moskauer Patriarchat eine kanonische Einheit bildet.2 Etwa ein Fünftel der orthodoxen Organisationen gehört zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats.3 Etwa 8 % der orthodoxen religiösen Organisationen, deren Statuten in Übereinstimmung mit der geltenden Gesetzgebung registriert sind, zählen zur Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche.4 Weniger als 2 % der orthodoxen Gemeinden gehören zur Russischen Auslandskirche, zur Wahren Orthodoxen Kirche oder sind unabhängige Gemeinden.

Zur Auseinandersetzung innerhalb der Orthodoxie

Der Konflikt zwischen den Orthodoxen ist das Hauptproblem des religiösen Lebens in der Ukraine, das nicht nur den Löwenanteil der sozialen Energie der orthodoxen Kirchen verschlingt, sondern auch die Grundlagen des bürgerlichen Friedens in der ukrainischen Gesellschaft bedroht. Im Zentrum des Konfliktes stehen der Gegensatz der Identitäten, der die politischen, kulturellen und religiösen Unterschiede widerspiegelt, das unterschiedliche Niveau des nationalen Bewusstseins und die Modelle des historischen Gedächtnisses. Für die Orthodoxen der Westukraine erscheint die Unterstellung unter das Moskauer Patriarchat absolut unannehmbar, für die Gläubigen im Süden und Osten des Landes ist diese Unterstellung im Großen und Ganzen natürlich, im Zentrum der Ukraine dauern die heftigen Diskussionen über diese Frage an.5 Seit 1992 stehen gleich drei ukrainische orthodoxe Kirchen miteinander in heftiger Konkurrenz: Die UOK in der Einheit mit dem Moskauer Patriarchat wird von Metropolit Wladimir (Sabodan) geleitet. An der Spitze der UOK des Kiewer Patriarchates (UOKKP) steht Patriarch Filaret (Denisenko), der von der Russischen Orthodoxen Kirche exkommuniziert und anathematisiert worden ist, und schließlich die Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK), deren Ersthierarch im Jahre 2000 Metropolit Mefodij (Kurdjakov) wurde. Die beiden letzteren werden von den orthodoxen Ortskirchen nicht anerkannt und vom Moskauer Patriarchat heftig kritisiert. Ihrerseits bestehen die beiden nicht anerkannten Kirchen darauf, dass die orthodoxe Ekklesiologie die Übereinstimmung der kirchlichen mit den staatlichen Grenzen fordert. Die Erlangung der Eigenstaatlichkeit durch die orthodoxen Nationen war von der Erlangung der Autokephalie der nationalen orthodoxen Kirchen begleitet. Die Nichtanerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirche bedeutet in einem unabhängigen Staat, dessen Bürger in der Mehrheit traditionellerweise der Orthodoxie angehören, nach der Überzeugung der beiden Kirchen die indirekte Nichtanerkennung der Unabhängigkeit dieses Staates.

Der innerorthodoxe Konflikt ist begleitet vom Kampf um Kirchengebäude und Besitz, Appelle an die Obrigkeit und einer scharfen Polemik in den Massenmedien. Die Subjekte des Konfliktes zeigen kein Interesse an seiner Regulierung, obgleich die Auseinandersetzung die Kirchen schwächt und sich außerordentlich negativ auf den Zustand der geistlichen Bildung, der Moral von Geistlichkeit und Gläubigen, den sozialen Dienst, die Missionsarbeit und Evangelisation sowie auf den Dialog mit der Gesellschaft auswirkt. Allerdings wird die Kirche als „Idealtypus“, als gottmenschlicher Organismus, im Massenbewusstsein nicht mit den postkommunistischen Pathologien assoziiert.6 Im Gegenteil: Intrigen, innerkirchlicher Kampf und kleinliches Gezänk waren ständige Erscheinungen der kirchlichen Evolution. Beide Kirchen „zitterten“ ständig vor den Demarchen und dem Wechsel der Bischöfe von einer Jurisdiktion zur anderen – einige von ihnen gehörten zeitweise allen drei ukrainischen orthodoxen Jurisdiktionen an. Zugleich lebten die keineswegs besten Züge der Orthodoxie wieder auf: ständige Appelle an die Obrigkeit, sie solle die Konkurrenten bändigen; der Unwille, Missionsarbeit zu betreiben; die Priorität der äußerlichen Frömmigkeit gegenüber der inneren geistigen Vervollkommnung; das Fehlen eines umfassenden und ernsten Dialogs mit der Gesellschaft. Außerdem erscheint die Orthodoxie in der Ukraine intellektuell wesentlich ärmer als in Russland. Die Diskussionen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Veränderungen in der Liturgie, der Organisation der Gemeinde oder über die professionelle und nichtprofessionelle theologische Ausbildung – all das betrifft sie nur sehr peripher. Während sich in Russland das Zentrum des orthodoxen Lebens in Moskau und in Sankt Petersburg befindet, ist es in der Ukraine wohl noch nicht über die Grenzen eines Dorfes hinaus gelangt.

Natürlich konnten im Rahmen des alten kirchlichen Modells, das sich in sowjetischer Zeit herausgebildet hatte, die unabhängigen Kirchen mit der UOK in kanonischer Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat konkurrieren. Im Ergebnis hatte die UOK in Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat zu Beginn des Jahres 2001 9.047 Gemeinden gegenüber 3.796 der beiden unabhängigen Kirchen zusammen. Im Laufe des Jahres 2000 wuchs die Zahl der Gemeinden der UOK um 557, die der UOKKP um 290, die der UAOK um 26. In der ersten Hälfte des Jahres 2001 lauten die entsprechenden Zahlen 259, 125 und 13.

Zugleich haben Patriarch Filaret und die Repräsentanten des Kiewer Patriarchats wiederholt unterstrichen, dass nach soziologischen Umfragen sehr viel mehr Befragte ihre Zugehörigkeit zur UOKKP angaben als zur UOK in Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat. Dies bestätigen tatsächlich Untersuchungen, die schon seit einigen Jahren von verschiedenen soziologischen Diensten unternommen werden: Zwischen 25 % und 32 % der Befragten geben an, zur UOKKP zu gehören, zwischen 7 % und 12 % zur UOK in Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat, zwischen 0,5 % und 2 % zu UAOK. Für diejenigen, die mit den Realien des religiösen Lebens in der Ukraine vertraut sind, erlauben diese Zahlen nur eine Interpretation: Eine Person, die ihre Zugehörigkeit zum Kiewer und nicht zum Moskauer Patriarchat erklärt, deklariert damit ihre ukrainische Identität. Dabei haben wir es in den allermeisten Fällen offensichtlich mit nominellen Christen zu tun, mit „nichtpraktizierenden“ und manchmal auch mit „nichtgläubigen Orthodoxen“. Zugespitzt könnte man formulieren: Wenn ein Fragebogen die Formulierung „orthodox ohne Festlegung auf eine Konfession“ erlaubt, dann wählen in einigen Regionen bis zu 40 % der Befragten diese Antwort.

Die Konkurrenzsituation führt zur künstlichen Schaffung von religiösen Gemeinschaften, die – wie sich manchmal herausstellt – in der Wirklichkeit gar nicht existieren. Das geschieht mit dem Ziel, das Renommee der einen oder anderen Kirche zu heben, oder auch, um auf Kultgegenstände, Klosterkomplexe und Gebäude, die früher verschiedenen Kirchen gehört haben und deren zukünftige Eigentumsverhältnisse umstritten sind, Ansprüche erheben zu können.7

Die Lage der unierten Gemeinden

Die ukrainischen griechischen Katholiken haben etwa 3.300 Gemeinden geschaffen, die von ca. 2.000 Priestern betreut werden. Es bestehen 86 Klöster und mönchische Gemeinschaften mit zusammen 1.123 Mönchen und Nonnen, 13 geistliche Lehranstalten mit 1.500 Lernenden, 9 Missionen und 735 Sonntagsschulen. Der Gottesdienst wird in 2.665 Kirchen gehalten, mehr als 300 sind im Bau. Über 86 % aller griechisch-katholischen Organisationen der Ukraine sind in den drei galizischen Gebieten konzentriert, weitere 9 % in Transkarpatien. Deshalb hat die Ukrainische griechisch-katholische Kirche (UGKK) in hohem Maß das Potenzial für weiteres Wachstum der Zahl ihrer Gemeinden erschöpft. In der ersten Jahreshälfte 2002 entstanden nur 27 neue Gemeinden gegenüber mehr als 460 bei den Orthodoxen. Gemäß der kirchlichen Statistik gibt es in der Erzeparchie Lemberg und in den 7 Eparchien der UGKK (ohne die Exarchate in der Zentral-, Ost-, und Süd-Ukraine und ohne die Eparchien in Westeuropa, den USA und Kanada) 2.827.000 griechische Katholiken. Weitere 320.000 griechische Katholiken betreut die Eparchie Mukatschewo, die organisatorisch nicht zur UGKK gehört. Am zahlreichsten sind folgende griechisch-katholische Orden in der Ukraine: Basilianer, Redemptoristen, Studiten, Sluschebnitzy, Schwestern der Heiligen Familie und Obrutschnitzy.8

Protestantische und charismatische Gruppierungen

Eine vierte Gruppe religiöser Organisationen in der Ukraine bilden die protestantischen Gemeinschaften. Die größte sind die Evangeliumschristen-Baptisten (etwa 140.000 Getaufte), gefolgt von den Pfingstlern (zur größten pfingstlerischen Vereinigung zählen ungefähr 106.000 Mitglieder). Etwa 120.000 Menschen gehören zur ukrainischen Organisation der Zeugen Jehovas, etwa 70.000 zählt die Ukrainische Vereinigte Konferenz der Adventisten des Siebenten Tages.

Ein eigenes Problem stellt der Erfolg der „neuprotestantischen“ Bewegungen dar. Als Gründe dafür sind zu nennen die Entfremdung der heutigen ukrainischen Jugend von jenen Traditionen, die im Kräftefeld der orthodoxen Kirchen gewachsen sind; die Unbestimmtheit des geistigen Klimas, in dem die Sozialisation jener Generation stattfand, die Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre die Volljährigkeit erreichte; die Dissonanz zwischen den geistigen Ansprüchen dieser Generation und den Antworten darauf von Seiten der traditionellen Kirchen; die außerordentliche Aktivität der ausländischen Missionare und ihre finanziellen Möglichkeiten, die bei weitem die Mittel der traditionellen ukrainischen Kirchen übersteigen, und auch die Besonderheiten dieser Bewegungen, insbesondere der charismatischen. Die charismatische Bewegung ist mit Sicherheit nicht eine „Professorenreligion“, wie S. Bulgakow 1910 den zeitgenössischen Protestantismus bezeichnete. Eher muss man die charismatische Bewegung als „Managerreligion“ bezeichnen. Im Unterschied zur Orthodoxie betrachtet sie den sichtbaren Wohlstand als Ausdruck der göttlichen Vorsehung, die sich nicht nur in eschatologischer Perspektive, sondern auch in „dieser Welt“ entfaltet. Die göttliche Liebe ist Folge und Resultat der konkreten Taten jedes einzelnen Individuums, und sein Erfolg im Leben gibt Zeugnis von der Beziehung Gottes zu ihm, von der Adäquatheit im Verstehen und Implementieren von Gottes Wille. M. Dearman, der die Wertorientierungen der Mitglieder der Vereinigten Pfingstlerkirche der USA untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass sie zur Rückkehr zu jenen Werten aufrufen, die nach ihrer Meinung Amerika groß gemacht haben. In den Gottesdiensten der ukrainischen Charismatiker nutzt man heute die gleiche Rhetorik und legt den Akzent auf die gleichen Werte, von denen Dearman berichtet hat. Die Soziologen bemühen sich seit langem, jene Elemente herauszufinden, die Grund für die besonders dynamische Verbreitung der charismatischen Bewegungen sind. Man muss offensichtlich zustimmen, dass für ihre Anhänger gerade die Manifestationen der geistlichen Gaben besondere Anziehungskraft haben, vor allem Heilungen, Prophetien, Zungenreden (und ihre Interpretation), Wunder und Exorzismus. Bekanntlich gibt es insgesamt neun geistliche Gaben; sie werden nach einem dreifachen Prinzip klassifiziert: die drei Gaben der Kraft, der Offenbarung und der Zunge.9

Man muss daran erinnern, dass die „charismatische Erweckung“ der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts die beiden Amerika erfasste und im Unterschied zur ersten pfingstlerischen Welle zu Beginn des Jahrhunderts weit über die Grenzen marginaler Größenordnung, der Unterklassen und der sozialen Peripherie hinausreichte. Diese Erweckung berührte auch die Episkopalkirche, die Methodisten, die Presbyterianer und selbst die Katholiken. Die suggestive Kraft dieser „Erweckung“ wurde vollkommen offensichtlich schon nach den ersten freien Kontakten der amerikanischen und skandinavischen Charismatiker mit den ukrainischen Pfingstlern. Wegen der Unsicherheit des persönlichen Erfolgs und des Fehlens irgendwelcher sicherer Garantien für die Bewahrung des eigenen Status ist „der neue Protestantismus“ ziemlich anziehend für Menschen, die die „neue Geistigkeit“ und garantierte Resultate in der Kommunikation mit dem Transzendenten suchen. Eben deshalb sehen wir in den charismatischen Gemeinschaften mehr Menschen mit Erfolg im Vergleich zu den „alten Protestanten“ (so wie sie in der Ukraine tatsächlich existieren). Im Vergleich zu ihnen sind die Charismatiker ohne Zweifel eine stärker „kapitalistische“ Kirche; der Reichtum ruft hier nicht nur kein Misstrauen und keine Ungläubigkeit hervor, sondern er wird auf jede erdenkliche Weise angespornt. Eine Untersuchung, was Menschen motiviert, sich einer charismatischen Bewegung anzuschließen, die unter den Gläubigen der größten charismatischen Gemeinde in der Welt, der „Zentralen Kirche des Vollen Evangeliums“ in Seoul (500.000 Mitglieder) durchgeführt wurde, zeigte: 37,6 % der Befragten nannten als Hauptmotiv ihres Anschlusses an die Kirche „materiellen Wohlstand“, weitere 30,6 % Heilung und nur 16,9 % Erlösung.

Bekenntnisse der nationalen Minderheiten

Ungefähr 2 % der religiösen Gemeinden wurden von den nationalen Minderheiten gegründet: 105 von den reformierten Ungarn in Transkarpatien, etwa 200 von den Juden (unter Anstieg des Anteils der reformierten Synagogen). Weitere Gemeinden gründeten Armenier und Koreaner sowie Krimtataren und andere traditionell islamische Völkerschaften (ungefähr 400, davon beinahe 300 auf der Krim). Die Deutschen und die Schweden schufen eine kleine Zahl lutherischer Gemeinden.

Eine deutlich ethno-konfessionelle Färbung haben auch die römisch-katholischen Gemeinden (807 zu Beginn des Jahres 2001). Zwei Drittel von ihnen sind in den Gebieten Shytomyr, Lemberg, Chmelnytzkyi, Winniza und Ternopil konzentriert, wo der Löwenanteil der ukrainischen „Polonia“ lebt. Traditionell gehört auch ein Teil der Ungarn in Transkarpatien zur römisch-katholischen Kirche.

Der Prozess des Wiederaufbaus religiöser Strukturen

Noch Mitte der 1990er Jahre waren 15 % aller religiösen Organisationen der Ukraine im Gebiet Lemberg konzentriert, 9 % im Gebiet Ternopil, etwa 7 % und beinahe 8 % in Transkarpatien bzw. im Gebiet Iwano-Frankiwsk. Insgesamt befanden sich in den sieben westukrainischen Gebieten, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges außerhalb der Grenzen der UdSSR lagen, mehr als die Hälfte aller religiösen Organisationen der Ukraine, was bei weitem den Anteil der Bevölkerung dieser Region an der Gesamtbevölkerung übertrifft. Vor Beginn der ersten wirklichen Schritte zur Liberalisierung der sowjetischen Kirchenpolitik waren 56 % der religiösen Vereinigungen der Ukraine in diesen Gebieten konzentriert, während es zugleich im Donbass weniger als 5 %, in den zwei Industriegebieten am Dnipro 2 % waren. Als nun die verstümmelte kirchliche Struktur die Möglichkeit zum Wiederaufbau in einem natürlichen Umfang erhielt, waren die Maßstäbe hauptsächlich religiöser Art, obgleich bestimmte politische und soziokulturelle Faktoren auch hier eine Rolle spielten.

Im Blick auf das Niveau dieser Bedürfnisse waren die regionalen Unterschiede außerordentlich groß. In der Westukraine, wo die Kirche eine Art parallelen soziokulturellen Kern zur offiziellen Kultur bildete, waren die religiösen Bedürfnisse zweifellos wesentlich höher als im Osten. Deswegen kann man es kaum als Paradox bezeichnen, dass in dem bevölkerungsmäßig kleinsten Gebiet Tschernowiz in den Jahren 1988 bis 1996 480 religiöse Organisationen entstanden, aber im größten Gebiet Donezk nur 406.

Die Kirche und alles mit ihr im Zusammenhang Stehende bleibt für eine erhebliche Zahl von Menschen in Galizien, Wolhynien, in der Bukowina und in Transkarpatien ein untrennbarer Bestandteil der Lebensführung und des Systems der sozialen Kommunikation – für die Bewohner des Südens und Ostens der Ukraine haben die religiösen Institute hingegen in erheblichem Umfang diese Funktionen verloren. Im übrigen beginnt sich die Situation langsam auszugleichen. So entfielen 1998 auf den außerordentlich stark mit religiösen Einrichtungen ausgestatteten Westen des Landes nur 13 % des gesamtukrainischen Wachstums an religiösen Gemeinden, aber auf den Donbass und das Gebiet Dnipropetrowsk 14,5%, auf den Süden 18 % usw. Diese Tendenz hat sich in den Jahren 1999 bis 2001 verstärkt. Die Kirchen und religiösen Gemeinschaften erschließen jenen Raum, der als „religiöse Wüste“ galt. Dadurch kommt die hohe Wachstumsdynamik der Gemeinden im Laufe einer inzwischen ziemlich langen Zeit zustande. In den Jahren 1992 bis 1998 wurden jährlich mehr als 1.150 Gemeinden neu geschaffen, und im Jahre 2000 wurde in der Ukraine die Rekordsumme neuer Gemeinden mit 1.707 Neugründungen erreicht, die Hälfte davon orthodoxe.

Der relative Rückgang beim Tempo der Entstehung neuer religiöser Gemeinden Mitte der neunziger Jahre lässt sich offensichtlich folgendermaßen erklären: Diejenigen, die bestrebt waren, eine religiöse Gemeinschaft zu schaffen, oder genauer gesagt eine faktisch schon bestehende zu legalisieren, taten dies. Man darf nicht vergessen, dass in Dutzenden von Siedlungen der Ukraine orthodoxe Gemeinden, die nach der Chruschtschowschen antireligiösen Kampagne ihre Registrierung verloren hatten, tatsächlich im Laufe der gesamten 25 Jahre fortexistierten. Aus Hunderten von Städten und Dörfern wurden in jedem Jahr Petitionen mit Bitten, eine Kirche zu eröffnen, in Kiew und in Moskau eingereicht. Der so genannte „religiöse Untergrund“ – Unierte, Pfingstler, Anhänger des Rates der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten, Zeugen Jehovas, Adventisten-Reformierte – war der größte in der gesamten UdSSR.

Wenn die wichtigste motivierende Kraft für die Gründung religiöser Gemeinden die religiösen Bedürfnisse sind, dann darf man unterstellen, dass seit Mitte der neunziger Jahre in erheblichem Umfang diejenigen begannen, religiöse Gemeinden zu gründen, bei denen dies Bedürfnis erst vor kurzem entstanden war. Die gesellschaftliche Atmosphäre, in der religiöse Werte oder zumindest Symbole und Verhalten eine Rolle spielen, griff über die Westukraine hinaus und erfasste allmählich den Osten und Süden des Landes. Mit geringen Ausnahmen halten sich die regionalen Eliten für verpflichtet, eine der orthodoxen oder in Galizien die unierte Kirche demonstrativ zu unterstützen. Dies führt abgesehen von allem anderen zu ziemlich energischen Aktivitäten beim Bau von Kirchen und entsprechend zur Gründung neuer Gemeinden; jährlich werden in der Ukraine mehr als 400 Kultgebäude errichtet. Hinzu kommt das Bemühen der Eparchialbischöfe und leitenden Presbyter, das Netz der bestehenden Gemeinden zu erweitern. Eine immer größere Verbreitung findet die Einrichtung von Kirchen und Kapellen bei Krankenhäusern, Haftanstalten, Hochschulen usw., die dann auch ihre kleinen Gemeinden haben, häufig ihr eigenes Statut registrieren und infolgedessen in die offizielle Statistik eingehen.

Abschließend ist festzustellen, dass sich in der ersten Jahreshälfte 2001 diese Tendenzen fortgesetzt haben. 802 Gemeinden wurden neu gegründet, die Hälfte davon orthodoxe. Die Zahl der Kirchen und religiösen Organisationen vergrößert sich jedoch nicht mehr durch Wachstum in der Westukraine, denn nur eine von sieben neuen Gemeinden entstand in den sieben westukrainischen Gebieten. Die geringste Zahl, nämlich zwei Gemeinden, bildete sich im Gebiet Iwano-Frankiwsk, wo es offensichtlich keine Reserven für das Wachstum religiöser Organisationen mehr gibt. Die meisten, nämlich 73, entstanden hingegen im Gebiet Donezk.10 Wie sich die Situation weiter entwickelt, bleibt angesichts der unsicheren gesellschaftlichen Verhältnisse abzuwarten.

Aus dem Russischen übersetzt von Nadja Simon.


Fußnoten:


  1. Früher gab es nur neun Klöster und eine geistliche Lehranstalt (in Odessa). – Bei der Schreibweise der Eigennamen liegt teilweise die ukrainische Fassung zugrunde (Anm. d. Redaktion). 

  2. Etwa 9.500 Gemeinden, 15 Lehranstalten mit 4.100 Lernenden, 131 Klöster mit 3.700 Mönchen und Nonnen, etwa 8.000 Geistliche und 3.000 Sonntagsschulen. 

  3. 3.000 Gemeinden, 2.400 Geistliche, 28 Klöster mit 131 Mönchen, 15 geistliche Lehranstalten mit ungefähr 1600 Lernenden, 823 Sonntagsschulen; Gottesdienst wird in 2.115 Kirchen abgehalten, weitere 267 befinden sich im Bau. 

  4. 1.052 Gemeinden, 3 Klöster, 653 Geistliche; Gottesdienst wird in 697 Kirchen gehalten, 97 befinden sich im Bau. 

  5. Vgl. auch Nikolaus Wyrwoll, Drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine, in: OST-WEST. Europäische Beziehungen 2 (2001), S. 107-118. 

  6. V. Lipinskij schrieb 1923: „Das Schicksal der Ukrainischen Orthodoxen Kirche hängt nicht davon ab, dass sie sich mit aller Kraft um die äußerliche, in ihrer Tendenz sehr materialistische Ukrainisierung bemüht, sondern von einem großen inneren geistlich-religiösen Aufschwung“. Das trifft auch heute noch zu. (Vgl. V. Lipinskij, Religion und Kirche in der Geschichte der Ukraine, Kiew 1993, S. 94). 

  7. Ein markantes Beispiel bildet die Erklärung von Erzbischof Igor (Isitschenko), Erzbischof von Charkiv und Poltawa, in seiner Kirche gebe es nicht ungefähr 1.000 Gemeinden, wie das Staatliche Komitee der Religionen aufgrund der Zahl der offiziell registrierten Statuten der religiösen Organisationen mitteilt, sondern nur die Hälfte. Er sei seit langem bestrebt, in seiner Eparchie die nicht existierenden Gemeinden aus der Liste der registrierten Organisationen zu streichen, aber die Gesetze erlaubten ihm nicht, dies zu tun. 

  8. Sluschebnitzy: veraltet für „Dienerinnen“; Obrutschnitzy: „die (mit Christus) verlobten Schwestern“. 

  9. „In ihren Gottesdiensten erscheint das christliche Leben nicht als ein Weg des Pazifismus, der Opferbereitschaft und der Demut. Im Gegenteil ‚Sieg‘, ‚Überwindung‘, ‚disziplinierter Verstand, der positiv denkt‘ und ähnliche Aufrufe hört man so häufig, dass man den Eindruck hat, man befindet sich auf einer Versammlung von Dale Carnegie“ (M. Dearman, Christ and Conformity. A Study of Pentecostal Values, in: JSSR, Bd. 12, Nr. 14, Dezember 1974, S. 443). Vgl. auch Juther P. Gerlach / Virginia H. Hine, Five factors crucial to the growth and spread of a modern religious movement, in: JSSR, Bd. 7, Nr. 1, Spring 1968, S. 23-39. 

  10. Einen sehr hohen Wachstumsanteil hatten zuletzt die protestantischen und islamischen Gemeinden (Protestanten z. B. im Gebiet Donezk: 70 %, auf der Krim 23 %, dort weitere 40 % Zuwachs für die Muslime). In folgenden Regionen kam der Zuwachs im wesentlichen durch orthodoxe Gemeinden zustanden: Podolien, Shytomyr sowie einige zentralukrainische und südliche Gebiete.