Osteuropäische und deutsche Juden.

Ein Blick auf die Geschichte
aus OWEP 3/2008  •  von Uri R. Kaufmann

Der Autor war nach Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem und Promotion in Zürich wissenschaftlicher Mitarbeiter für jüdische Geschichte an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Zur Zeit bereitet er im Auftrag der Landesarchivverwaltung Baden-Württemberg eine Ausstellung, einen Katalog und eine Festschrift zum Thema „200 Jahre Oberrat der Israeliten Baden 1809 –2009“ vor.

Zuerst muss man auf die gemeinsamen Ursprünge hinweisen: Im 10./11. Jahrhundert im Rheinland entstand in den heiligen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz das aschkenasische Judentum1. Gelehrte und Rabbiner bildeten hier die jüdische Tradition weiter. Im Deutschen Reich konnten sich die Juden im 13. und 14. Jahrhundert an vielen Orten niederlassen. Sie wanderten weiter in Richtung des Königreichs Polen-Litauen. Die Verfolgungen zur Zeit der Beulenpest 1348/49 und die Vertreibungen aus vielen deutschen Städten führten zu einer Verstärkung dieser Wanderung nach Osten. Viele polnische Adelige waren an jüdischen Geschäftsleuten zur Förderung der Wirtschaft interessiert und lockten mit günstigen Ansiedlungsbedingungen. Zwischen 1500 und 1648 kam es zur Blüte des polnischen Judentums. Die Talmudhochschulen (Jeschiwot) in Lublin und Krakau waren weithin berühmt. Die deutlich kleinere jüdische Gemeinschaft im Deutschen Reich rekrutierte Absolventen polnischer Jeschiwot, so in Frankfurt am Main Jesaias Horowitz (1565-1630). Allerdings entwickelten sich mit der Zeit religiöse Unterschiede.

Religiöse Unterschiede

Innerhalb des aschkenasischen Judentums differenzierten sich regionale Brauchtumsvarianten aus: Es gab den Brauch („Minhag“) von „Schwaben“, des „Elsass“, von „Böhmen und Mähren“ und eben auch „Polin“ (d. h. Polen). Andere Melodien waren im Gottesdienst üblich, die Aussprache des Hebräischen unterschied sich allmählich im Gebiet westlich von dem östlich der Elbe.

Hinzu kam um 1730/1770 eine neue religiöse Bewegung, die den Unterschied vertiefte: der mystische Chassidismus mit seinen charismatischen und dynastischen Zaddikim („Gerechte“). Dieser wurde im deutschsprachigen Raum gar nicht aufgenommen. Einzelne mystisch ausgerichtete Gelehrte, die sich am chassidischen Vorbild inspiriert hatten wie Nathan Adler (1741-1800) in Frankfurt, wurden 1779 vom Vorstand scharf zurechtgewiesen und sogar mit dem Bann bedroht. Die Chassidim trugen eine jüdische Tracht, die sich am polnischen Adelskostüm orientierte, was es unter westlichen Juden nicht gab. Auch sprachlich konnten vermutlich schon im 18. Jahrhundert Ost- und Westjuden nicht mehr einfach miteinander kommunizieren. Das Jüdisch-Deutsche Süddeutschlands stand in ständigem Austausch mit der oberdeutschen Dialektlandschaft, während das osteuropäische Jiddische über Jahrhunderte im slawischen Sprachraum einer eigenständigen Entwicklung unterworfen war. Es ist nachgewiesen, dass im 18. Jahrhundert polnisch-jüdische Lehrer von Kindern in Deutschland nur schlecht verstanden wurden. Allerdings konnte beide Gruppen die jiddische Literatur lesen, da diese in hebräischen Buchstaben ohne Vokale gedruckt wurde, d. h. die Aussprache spielte keine Rolle.

In den 1760er Jahren befand sich das demographische Schwergewicht der jüdischen Bevölkerung Europas eindeutig im Königreich Polen-Litauen, das damals große Teile des späteren Russlands umfasste. Hier wohnten nach einer Volkszählung über 587.000 Juden. Zu ihnen sind vermutlich noch 25 Prozent nicht Registrierte zu rechnen. Die Zahl der Juden des Deutschen Reiches (ohne Österreich) schätzt man Ende des 18. Jahrhunderts auf knapp zweihunderttausend. Die osteuropäischen Juden waren städtischer geprägt als die deutschen, die bis 1880 noch mehrheitlich auf dem Land lebten. In Österreich-Ungarn, aber auch im Zarenreich hatten Juden innerhalb der städtischen Gesamtbevölkerung ein bedeutendes Gewicht. Um 1900 war ein Viertel der Bevölkerung Budapests jüdisch (170.000), 1930 ein Drittel der Bevölkerung Warschaus (310.000).

Moderne und Judentum

Die religionsgeschichtliche Entwicklung der beiden Gruppen von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg vertiefte die Unterschiede. In Deutschland setzten sich die Juden früh mit der Aufklärung auseinander und entwickelten in der Folge in den 1830er und 1840er Jahren drei moderne religiöse Strömungen (modern-orthodox, konservativ, liberal-religiös). Die polnischen Juden standen dieser Entwicklung mehrheitlich ablehnend gegenüber, allerdings verlor die Orthodoxie dort zwischen 1860 und 1914 immer mehr an Bedeutung. Es gab zwar um 1815/1860 „Maskilim“, d. h. jüdische Aufklärer, doch waren sie im Verhältnis zum Westen viel konservativer. Sie trugen dazu bei, dass das Hebräische zumindest als Gelehrtensprache bis zum Aufkommen des Zionismus innerhalb der russisch-jüdischen Intelligenzschicht erhalten blieb, während die deutschen (und westeuropäischen) Juden es nicht mehr nutzten. Die Fachsprache für die „Wissenschaft des Judentums“ blieb bis 1939 das Deutsche. Typisch für die osteuropäischen Juden war die Trennung zwischen säkularen und orthodoxen Juden: Der Zionismus der 1890er Jahre war eine stark weltlich geprägte Bewegung, wie auch sein Hauptrivale, der sozialistische „Bundismus“, der eine Integration in Osteuropa als „nationale“ Minderheit auf Basis der jiddischen Kultur (nicht des Hebräischen!) anstrebte. Die Mehrheit der osteuropäischen Juden verstand sich wohl selbst als „nationale Minderheit“, im Gegensatz zu den westeuropäischen, die sich als „Staatsbürger jüdischer Konfession“ begriffen.

Westwanderung

Von den 1880er Jahren an trafen osteuropäische Juden immer mehr auf deutsche Juden: Die große Auswanderung aus Osteuropa hatte begonnen. Zwei Millionen Juden wanderten zwischen 1881 und 1924 von dort in den Westen weg, vor allem in die USA, die „goldene Medine“ (der goldene Staat). Etwa 80.000 kamen bis 1925 in Deutschland unter, das damals insgesamt 550.000 jüdische Bürger zählte. Zwischen den „Ostjuden“ und den deutschen Juden gab es große gesellschaftliche und kulturelle Spannungen, was angesichts der althergebrachten Unterschiede nicht erstaunen muss. Die Mehrheit der deutschen Juden sah in der ostjüdischen Orthodoxie eine ihnen fremde, veraltete, „abergläubische oder fanatische“ Lebensweise. Hinzu kam, dass in der deutschen Mehrheitsgesellschaft eine Geringschätzung der polnischen Kultur weit verbreitet war.

Umgekehrt sahen die osteuropäischen Juden die deutschen Juden als „assimiliert“, „unjüdisch“ („gojisch“), zu brav, zu staatsloyal, kalt, eingebildet und arrogant an. Orthodoxe Ostjuden fühlten sich in den deutschen modern-orthodoxen Synagogen unwohl. Hier ging es ihnen zu diszipliniert und christlich-andächtig, kurz „zu deutsch“, zu. Sie bildeten deshalb eigene „Betstiblach“ (Bethäuser). Viele waren allerdings überhaupt nicht mehr religiös. Einige machten Karriere, etwa der Filmschauspieler Alexander Granach (1890-1945) oder der Schriftsteller und Journalist Joseph Roth (1894-1939).

Neben den definitiv Auswandernden kamen nach 1890 immer mehr ostjüdische Studenten in die deutschen und schweizerischen Universitätsstädte und nahmen dabei viel an deutscher Kultur auf. Über die zionistischen Studenten gab es daher zahlreiche Einflüsse auf den Aufbau des modernen jüdischen Palästina zwischen 1920 und 1939 (Schul-, Hochschul-, Gesundheitswesen). Zu diesen Studenten zählten etwa Chaim Weizmann (1874-1952) und Salman Schasar (ursprünglich Rubaschow, 1889-1974), zwei spätere israelische Staatspräsidenten.

Überbrückung?

Die Zionisten versuchten, die Gegensätze zwischen Ost- und Westjuden zu überbrücken. Martin Buber (1878-1965) bot deutschsprachigen jüdischen Studenten im Westen nach 1908 die Volksfrömmigkeit der Chassidim als Alternative zu der als steif und bürgerlich wahrgenommenen deutsch-jüdischen Synagogenfrömmigkeit an.

Durch Wirtschaftskrise und politische Verfolgung in Osteuropa wurde Berlin zwischen 1920 und 1932 zu einem Zentrum ostjüdischer Kultur, wie Michael Brenner in seinem Buch über die „Jüdische Kultur in der Weimarer Republik“ (München 2000) schreibt. Der berühmte Historiker Simon Dubnow (1860-1941) lebte dort 1922-1933 und arbeitete an seiner Weltgeschichte des jüdischen Volkes. Das Jüdische Wissenschaftliche Institut (YIVO) wurde 1925 in Berlin gegründet und widmete sich der Erforschung des osteuropäischen Judentums. Die jüdische Zeitschrift „Ost und West“ (Berlin 1901-1922) trug zum Wissensaustausch im künstlerischen Gebiet bei.

Die NS-Zeit

Eine besonders scharfe Aversion zu den Ostjuden empfanden die Nationalsozialisten, die nach 1933 Bestimmungen erließen, die es ermöglichten, die nach 1914 eingebürgerten Juden wieder auszubürgern. Im Oktober 1938 wurden polnische Juden aus dem Deutschen Reich abgeschoben, was zu unmenschlichen Szenen im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland führte. Aus Zorn über dieses Vorgehen erschoss Herschel Grynszpan in Paris den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath. Dies nahmen die Nazis zum Vorwand, am 9./10. November 1938 die „Kristallnacht“ zu inszenieren. Die Verfolgung ließ Unterschiede bedeutungslos werden.

Im britisch verwalteten Palästina mussten sich die Emigranten aus Deutschland mit der durch osteuropäische Zionisten geprägten Gesellschaft auseinandersetzen. Achtzehn Prozent aller zwischen 1933 und 1937 aus dem Deutschen Reich Flüchtenden fanden dort Asyl.

Nach der Schoah

Nach 1945 strömten viele osteuropäische Juden nach Deutschland; ihre Zahl wird um 1947 auf über 220.000 geschätzt. Über 90 Prozent verließen Deutschland in Richtung des jungen Staates Israel und der USA. Die alten kulturellen Gegensätze brachen in den kleinen Restgemeinschaften der Überlebenden in den Städten wieder auf: An vielen Orten zögerten überlebende deutsche Juden, ostjüdische Staatenlose („DPs“, Displaced Persons) aus ihren Lagern in die 1945/46 neu gegründeten Gemeinden aufzunehmen. Nach einigen Jahren gewöhnte man sich dann mehr oder weniger aneinander.

Die polnischen Juden gaben religiös in der Regel in den kleinen Nachkriegsgemeinden den Ton an. Lange Jahre waren deutsche Juden weit über ihrem tatsächlichen Anteil in repräsentativen Stellungen vertreten. Der in der Nähe von Lublin aufgewachsene Ignaz Bubis (1927-1999) war der erste Vorsitzende des Zentralrats, der aus dem Milieu der Mehrheit stammte.

Seit 1989 treffen Zuwanderer aus Osteuropa auf die „alt eingesessenen“ jüdischen Gemeindemitglieder – doch dies ist ein Aufeinandertreffen unter anderen Umständen und mit einer anderen Vorgeschichte.


Fußnote:


  1. Bezeichnung für das mittel- und osteuropäische Judentum im Unterschied zu den aus Spanien stammenden sephardischen Juden, die nach der Vertreibung von dort (nach 1492) besonders im östlichen Mittelmeerraum eine neue Heimat fanden (Anm. d. Redaktion).