Als Jüdin in Polen – die Landschaft nach der Schoah

Bella Szwarcman-Czarnota studierte Philosophie und Romanistik an der Universität Warschau. Sie ist Redakteurin der jüdischen Monatszeitschrift „Midrasz“ sowie Autorin mehrerer Bücher zu jüdischen Themen. Außerdem arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Französischen, Russischen und Jiddischen.

Immer, wenn ich mit einem Ausländer spreche, wird unweigerlich dieselbe Frage gestellt: „Wie viele Juden leben in Polen?“ Es gibt wohl keine schwierigere Frage, und die Antwort darauf hängt von vielen Faktoren ab, vor allem davon, wen wir als Juden anerkennen. Ich gehe mit dieser Frage aber anders um und lasse all jene unberücksichtigt, die noch nicht erfahren haben, dass sie Juden sind, sowie jene, die von ihrer Herkunft wissen, sie aber nicht aufdecken, aber auch jene, die sich zwar ihrer jüdischen Wurzeln bewusst sind, sich im Grunde aber nicht dafür interessieren.

Ich berücksichtige also ausschließlich diejenigen, die die jüdische Gemeinschaft in Polen bilden, d. h. Menschen, die sich als weltliche oder religiöse Juden erklären, die an Ereignissen, Veranstaltungen oder Treffen teilnehmen, die das jüdische Leben in Polen ausmachen.

Bei den letzten statistischen Untersuchungen haben sich lediglich 1.100 der Befragten zur jüdischen Nationalität bekannt. In Wirklichkeit kann man die Zahl der Juden in Polen viel höher ansetzen, jedoch nicht höher als 5.000. Die Tatsache, dass sich nicht alle als Juden bekennen, hat verschiedene Gründe, vor allem jenen, dass es für viele Personen schwer ist, sich eindeutig zu definieren. Da man nicht sagen kann „Ich bin zugleich Jude und Pole“, ziehen sie es vor, bei der polnischen Nationalität zu bleiben. Es ist allerdings auch möglich, dass viele noch Angst haben. Vielleicht ist es keine große Angst, vielleicht nur die Furcht vor Antisemitismus, die selbst 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der schwierigen unmittelbaren Nachkriegszeit immer noch präsent ist.

Wie dem auch sei, man muss der Wahrheit in die Augen schauen und sagen: 3.000, 5.000, selbst 6.000 ist eine kleine Zahl, sogar eine sehr geringe, wenn wir sie mit der Zahl der Juden vergleichen, die zwischen den beiden Weltkriegen in Polen lebten. Damals gab es in Polen ca. drei Millionen Juden. Sie lebten sowohl in Groß- als auch Kleinstädten, den Schtetl, in denen sie oft die Mehrheit der Einwohner ausmachten.

Entgegen den bis heute verbreiteten Auffassungen waren längst nicht alle Juden Kommunisten. Man könnte sagen, dass es unter den Kommunisten viele Juden gab, doch die meisten Juden traten ganz unterschiedlichen politischen Parteien bei – von der konservativen „Agudat Israel“ über verschiedene linke und rechte zionistische Gruppierungen bis hin zur sozialistischen Partei „Bund“1.

Die Juden hatten noch nicht einmal eine gemeinsame Sprache – die religiösen Juden verwendeten zu liturgischen Zwecken das Hebräische, und in dieser Sprache versuchten sich auch die Zionisten auszudrücken. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung verständigte sich auf Jiddisch, wobei die einen von ihnen fließend Polnisch sprachen, während sich andere wiederum kaum auf der Straße verständigen konnten. Schließlich gab es eine Gruppe von so genannten Polen jüdischer Abstammung, die weder Hebräisch noch Jiddisch konnten, da sie im Alltag Polnisch sprachen, oft seit vielen Generationen.

Was also konnte eine so heterogene Gruppe verbinden? Vor allem der Antisemitismus. Die wachsende Intoleranz berührte alle Juden, selbst die Assimilierten. In den dreißiger Jahren wurde sie sogar amtlich eingeführt: An den Universitäten wurde den Juden teilweise oder ganz verboten, an einigen Fakultäten zu studieren (numerus clausus oder numerus nullus). Es wurde auch ein so genanntes „Bankghetto“ (getto ławkowe) geschaffen – die Juden durften nur Bänke im hinteren Teil der Hörsäle benutzen. Es ist hier jedoch anzumerken, dass manche Dozenten aus Solidarität mit den Juden die Vorlesungen im Stehen hielten. Doch kann man nicht schweigend übergehen, dass die Studenten jüdischer Herkunft körperlich von Jugendlichen angegriffen wurden, die nationalistischen Gruppen angehörten und keine jüdischen Studenten in die Universitäten lassen wollten.

Der immer näher rückende Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland rief Angst und Schrecken hervor, doch mit Sicherheit vermutete niemand, welche Ausmaße die Katastrophe annehmen würde. Einigen wenigen gelang es, manchmal auch nur durch Zufall, Polen vor dem Kriegsausbruch zu verlassen.

Nach der Kapitulation Warschaus füllten sich die nach Osten führenden Straßen mit Flüchtlingen. Darunter befanden sich jüdische Kommunisten, die in die gerade von der Sowjetunion besetzten Gebiete flohen. Diese hatten wohl die klarste Vorstellung von den zukünftigen Ereignissen. Sie waren es auch, die später die größte Zahl der Überlebenden der Schoah bildeten.

In dieser Gruppe befanden sich auch meine Eltern, die Schwestern meiner Mutter und Freunde. In der Sowjetunion erwartete sie keinesfalls ein ruhiges Leben. Im Gegenteil: Sie erlitten Hunger, Misshandlungen, eine körperlich erschöpfende, die menschliche Kraft beinahe übersteigende Arbeit, manchmal auch Gefangenschaft. In der Sowjetunion hatten sie jedoch zumindest eine Überlebenschance, in Polen noch nicht einmal diese. Es konnte nur ein Wunder geschehen. Und Wunder gab es. Juden fanden Unterschlupf mit „arischen Papieren“, in Verstecken. Die meisten, die Juden gerettet haben, sind Helden, die ihr Leben und das ihrer Familien riskierten, denn das Verstecken von Juden wurde rücksichtslos mit dem Tod bestraft. Den Juden wurde manchmal nur aus einem einzigen Grund geholfen, wegen der Möglichkeit, sich zu bereichern. Es ist kein Geheimnis, dass sich nur diejenigen retten konnten, die relativ gut assimiliert waren, polnische Freunde hatten und gut Polnisch sprechen konnten.

Nach dem Kriegsende kamen einige Juden aus ihren Verstecken heraus, andere kehrten aus dem Ausland zurück. Warum kehrten sie zurück? „Ich kehrte zurück, kehrte zurück mit dem ersten Transport. Vielleicht hat jemand überlebt, vielleicht begegne ich jemandem … Es gab so eine irrationale, unterbewusste Hoffnung. Hier lebte ich, von hier bin ich weggegangen, hierher musste ich zurückkehren“ – schreibt Marek Sznajderman, einer von denen, die aus dem Osten zurückkamen.

Der Migrationsprozess endete allerdings nicht von einem Tag auf den anderen. Pogrome, Überfälle, Feindschaft seitens ehemaliger Nachbarn, die Enthüllung der schrecklichen Wahrheit, dass keiner von den Verwandten überlebt hatte, drängten einige zu einer neuen Reise. Meistens wanderten sie nach Palästina aus (der Staat Israel entstand erst 1948). Da dies nicht immer auf legalem Weg möglich war, reiste man oft illegal aus.

Auf der einen Seite gab es also Juden, die versuchten, innerhalb von jüdischen Gemeinschaften zu überleben, auf der anderen Seite jedoch auch solche, die danach strebten, gänzlich in der polnischen Gesellschaft aufzugehen. Obwohl auch Ausnahmen vorkamen, kann man allgemein sagen, dass Juden, die aus der Sowjetunion zurückkehrten, sich bemühten, die Strukturen des jüdischen Lebens aus der Vorkriegszeit wieder aufzubauen. Juden dagegen, denen es gelungen war, in Polen „auf der arischen Seite“ zu überleben, mieden eher den Kontakt mit dem jüdischen Milieu. Die meisten änderten ihre Namen, einige hatten sich taufen lassen und nahmen den neuen Glauben von ganzem Herzen an, da sie zu Recht der Auffassung waren, nur dank der Taufe überlebt zu haben. Ihren Kindern erzählten sie über ihre Herkunft und ihr Schicksal während des Krieges meistens nichts. Sie lebten bis zu ihrem Tod mit diesem unausgesprochenen Trauma.

Juden, die aus der Sowjetunion zurückkamen, wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Der Transport, mit dem meine Eltern fuhren, wurde an der Grenze von Bauern begrüßt, die Stöcke in den Händen hielten. Sie riefen: „Wir liefern ihnen die Kohle, und sie liefern uns Juden!“ Die Züge aus dem Osten wurden in die „wiedergewonnenen Gebiete“ geleitet, vor allem nach Niederschlesien. Meine Eltern wurden nach Schweidnitz (Świdnica) geschickt. Dort entstand – ähnlich wie an anderen Orten – ein Jüdisches Komitee, in dem alle jüdischen politischen Parteien vertreten waren. Es überrascht, wie groß der Lebenswille und die Lebensenergie derjenigen war, die gerade noch eine schreckliche Katastrophe überlebt hatten, oft als einzige in ihrer Familie! Innerhalb von kaum einem Jahr baute man sich eine neue Existenz auf, auch wenn dies auf der Stelle eines anderen, vertriebenen Lebens geschah.

Die wiederkehrenden Juden hatten damals das Gefühl, mit der Rückkehr nach Polen eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten von ihnen entweder Kommunisten oder Menschen mit linker Anschauung waren. Sie hatten deshalb die Hoffnung, dass das neue Polen ein gerechtes Land ohne alle nationalen Antagonismen sein würde. Sie glaubten, hier Voraussetzungen vorzufinden, um ihre Kultur, die jiddische Kultur, zu pflegen. Es entstanden jüdische Schulen, Kindergärten, Internate, Handwerksgenossenschaften und sogar landwirtschaftliche Genossenschaften. Auch ein Kulturleben mit Theatertruppen und Chören entwickelte sich. Die entstehenden Strukturen hatten einen demokratischen Charakter: Sie wurden von allen politischen und gesellschaftlichen Trägern mitgestaltet. Werkstätten wurden eingerichtet, es entstand ein Verband von Handwerkern und Heimarbeitern, denen Startkredite erteilt wurden. Für Kriegsbeschädigte wurden Arbeitsplätze geschaffen.

Aber es wurde auch heftig gestritten, es gab scharfe politische Gegensätze und zwischenmenschliche Konflikte. Nach dem Judenpogrom in Kielce2 wanderten viele jüdische Bürger aus, dennoch blieben beispielsweise in Schweidnitz noch rund 3.000 Juden. In anderen kleineren und größeren Städten Niederschlesiens war die Situation ähnlich. Überall führte nach 1948 der Totalitarismus dazu, dass das politische Leben eindimensional wurde: Die politischen Parteien wurden ausgeschaltet, die Religion wurde allmählich zu einer Randerscheinung. Allerdings entstand eine zentrale jüdische Organisation – die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen, die ihre Zweigstellen überall dort hatte, wo es größere jüdische Gemeinschaften gab. Selbstverständlich wurden auch große jüdische Institutionen gegründet: der Verlag „Idisz Buch“, der bis 1968 bestand, sowie das Jüdische Historische Institut, das es bis heute gibt. Aus der Vielfalt der Zeitungen und kulturellen Zeitschriften sind nach 1950 nur zwei Titel erhalten geblieben: „Folks-Sztyme“ sowie „Jidysze Szriftn“.

Im Zuge der nächsten Auswanderungswelle nach 1956 schrumpfte die jüdische Gemeinschaft deutlich. Warum wanderten damals einige Tausend Juden aus Polen aus, wo es doch eine Entstalinisierung gab und man hoffen konnte, dass sich die Situation entspannen würde? Der hervorragende Schriftsteller Henryk Grynberg schrieb: „In diesem Land bedeutet Freiheit die Freiheit, antisemitische Parolen zu verbreiten.“

Ziemlich viele Juden, die Polen verließen, gingen nach Israel. Trotzdem gab es immer noch etwas aufzubauen und Menschen, mit denen man aufbauen konnte. Jüdische Schulen gab es noch in Breslau, Lodz und Stettin. Interessanterweise existierte eine jüdische Schule in Warschau nur sehr kurz, und zwar bis 1950. Die letzten zwei Jahre wurde diese Schule von meiner Mutter geleitet. Warum wurde die Schule so schnell geschlossen? In Warschau lebten die meisten Juden, die zwar nicht immer ihre Herkunft leugneten, aber entschlossen waren, „Karriere (zu) machen“ und befürchteten, dass der „nationalistische Partikularismus“ sie daran hindern würde, wenn sie ihre Kinder auf eine jüdische Schule schicken würden. Aber auch in Warschau versammelte man sich in der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden, wo es kulturelle Veranstaltungen gab, ein Laienchor sang und jeden Samstag die in ganz Warschau berühmten Tanzabende für Jugendliche stattfanden.

Eine sehr wichtige Rolle spielten die jüdischen Ferienlager für Kinder. Sie fanden gleichzeitig in mehreren Ferienorten in Polen statt, wohin Kinder aus verschiedenen Einrichtungen kamen. Auf diese Weise entstanden dauerhafte Freundschaften, die bis heute anhalten. Was lernten die Kinder und Jugendlichen dort? Vor allem erfuhren sie etwas über die weltliche jiddische Kultur: Lieder wurden gesungen und Theaterstücke auf der Grundlage von klassischer jüdischer Lyrik und Epik aufgeführt. Es war allerdings streng verboten und verpönt, Verbundenheit zum Staat Israel zu äußern. Als wir einmal am 22. Juli, der im kommunistischen Polen Nationalfeiertag war, neben den weiß-roten polnischen Fahnen eine weiß-blaue mit dem Davidstern aufhängten, wurden wir von der Ferienlagerleitung streng ermahnt. Man muss bedenken, dass in Polen die gleichen außenpolitischen Richtlinien galten wie in der Sowjetunion.

Die letzten Ferienlager gab es 1967, gleich nach dem Sechstagekrieg. Damals schon klangen die Worte Władysław Gomułkas unheilschwanger, als er sagte, die Juden seien in Polen eine „fünfte Kolonne“. Dies war der Auftakt zu einer endgültigen Abrechnung mit den Juden, die dann im März 1968 stattfand. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Zionismus wurden Juden von den Hochschulen und anderen Arbeitsstellen verdrängt. Auch jüdische Kommunisten fühlten sich dadurch gekränkt, denn sie meinten, all ihre Kräfte für den Aufbau eines gerechten Systems eingesetzt zu haben, jetzt aber verbannt zu werden. Ihre Ideale und ihr Glaube zerfielen.

Im Zuge der Ereignisse von 1968 wanderten ca. 20.000 Juden aus Polen aus. Es blieb nur die Zeitung „Folks Sztyme“, die wegen Lesermangel zu einer Wochenzeitung umgewandelt wurde. Alle jüdischen Schulen wurden geschlossen. Das herausragende Jüdische Theater, das nach Ester Rachel Kamińska benannt wurde, leerte sich – die berühmte Ida Kamińska wanderte aus, gefolgt von den bedeutendsten Schauspielern. Die Theaterleitung wurde von Szymon Szurmiej übernommen. Aktuell besteht die Mehrheit der Theatertruppe aus waschechten Polen, die in Sprachkursen Jiddisch lernen.

Das Jahr 1968 bedeutete das Ende der großen jüdischen Gemeinschaft in Polen, das Aus für die Kleinstädte, wo man auf den Straßen Jiddisch hören konnte. Andererseits wurde das Jahr 1968 für viele junge Leute aus völlig assimilierten Familien mit jüdischen Wurzeln der Anfang eines neuen Wegs. Einige von ihnen erfuhren erst jetzt von ihrer Herkunft. Sie begannen, die Geschichte, Tradition und Religion ihrer Nation gründlich zu erforschen, was ihnen zu Hause verwehrt worden war. Diese Bewegung verwandelte sich zehn Jahre später in eine „Fliegende“ Jüdische Universität. Junge Leute und solche in den besten Jahren fingen an, jüdische Feste zu feiern und ihre Identität zu unterstreichen.

Es ist ganz natürlich, dass sich diese neue „Renaissance“ innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auf die Religion stützen musste. Denn wie anders kann man zu seinen eigenen Wurzeln gelangen, wenn man weder die Sprache noch die Geschichte der eigenen Vorfahren kennt? Die damalige Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen spielte eine „Überlebensrolle“, insbesondere in der Provinz. Während sie in Warschau vor allem ältere Leute versammelte, waren die entsprechenden Klubs in kleineren Städtchen der einzige Ort, wo sich Juden unter ihresgleichen treffen konnten. Nachdem Polen dann 1989 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, verstärkte sich die kleine jüdische Gemeinschaft, vor allem in religiöser Hinsicht. Der Unterricht wurde durch Rabbiner gewährleistet, die vor allem aus den USA und Israel kamen. Wir haben gemeinsam einen jüdischen Kindergarten eingerichtet, der durch die Roland S. Lauder-Stiftung unterhalten wird. Zurzeit werden von der Stiftung außerdem zwei jüdische Schulen (in Warschau und Breslau) sowie die jüdische Monatszeitung „Midrasz“ unterstützt.

Die jetzige Situation ist selbstverständlich nicht mit der von vor 1968 zu vergleichen, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Zahlen. Jiddisch ist eigentlich keine lebendige Sprache mehr: Nur akademische Kreise beschäftigen sich noch mit ihr. Die Gemeinschaft ist nicht stabil, denn die Mitglieder kommen und gehen. Das in den neunziger Jahren aktive jüdische Vertrauenstelefon hat zwar bewirkt, dass sich Menschen der Gemeinschaft anschlossen, die gerade von ihrer Herkunft erfahren hatten. Mit der Zeit ist ein beträchtlicher Teil von ihnen wieder ausgetreten: Es ist schwer, sich ganz wie ein Jude zu fühlen, wenn man 30 oder 40 Jahre lang Pole war, oft sogar Katholik. Diejenigen, die ein Leben nach den Geboten des orthodoxen Judentums wählen, lernen alles von Anfang an; der Preis ist manchmal der Bruch mit der bisherigen Familie. Einige ziehen um und suchen sich eine größere religiöse Gemeinschaft, die ihnen stärkeren Halt bietet. Es ist auch nicht klar, in welchem Grad die Kinder der neu konvertierten Juden den Weg ihrer Eltern werden gehen wollen. Interessant ist, dass es in den letzten Jahren in Polen Menschen gab, die manchmal keine jüdischen Wurzeln hatten und trotzdem formal zur jüdischen Religion übergetreten sind.

Die jüdischen Religionsgemeinden vereinen selbstverständlich nicht nur religiöse Juden. So wie bereits vor dem Krieg ist eine Gemeinde vor allem eine Körperschaft mit sozialen Aufgaben. Mitglied einer jüdischen Gemeinde kann deshalb jeder werden, der ein jüdisches Elternteil hat und sich zu keiner anderen Religion als zur jüdischen bekennt. Die meisten Gemeindemitglieder sind Ungläubige, die mehr oder weniger die Tradition pflegen. In den letzten Jahren besteht auch – eher als ein Verein und nicht als eigene Gemeinde –„Bejt Warszawa“, wo sich regelmäßig Juden der liberalsten Form des Judentums treffen. Der Hauptrabbiner in Polen, Michael Schudrich, gehört allerdings der orthodoxen Richtung an.

In Polen ist das Interesse an der jüdischen Kultur (Literatur, Musik, Theater) ziemlich groß. Bemerkenswert ist, dass dieses Interesse parallel zu einem relativ hohen Grad an offenem Antisemitismus besteht, der allerdings bis vor kurzem sogar innerhalb der jüdischen Gemeinschaft vernachlässigt worden ist. Es kann sein, dass diejenigen, die als Polen aufgewachsen sind, ohne sich ihrer eigentlichen Herkunft bewusst zu sein, die Anzeichen des Antisemitismus nicht wahrgenommen haben, da er sich nicht gegen sie richtete. Seit den Diskussionen um Jan Tomasz Gross’ Buch „Angst“3 merken selbst die größten Optimisten, dass sich der noch vor kurzem breite Kreis der Anhänger eines Dialogs verkleinert hat, und zwar auf der polnisch-katholischen Seite. Ein Dialog wird dann wieder möglich und erfolgreich sein, wenn die Kirche mit der Vergangenheit abgerechnet hat und sich kritisch mit ihrer historisch bedingten Rolle bei der Festigung antisemitischer Haltungen auseinandersetzt.

Den Hunger nach jüdischer Kultur stillen unter anderem zahlreiche jüdische Kulturfestivals, die nicht mehr nur in Krakau stattfinden, sondern auch in Warschau und in vielen kleineren Städten. Sie rufen verschiedene Gefühle hervor, ähnlich übrigens wie die meisten Massenveranstaltungen, die von Natur aus nicht immer auf höchstem Niveau stehen. Viele Darsteller, geschweige denn Teilnehmer, sind keine Juden, weshalb die Frage nach dem Sinn solcher Veranstaltungen entsteht. Man kann aber nicht damit rechnen, dass Juden ihre Kultur pflegen und unter Juden verbreiten werden. Wir sind einfach zu wenige, und die Demographie ist erbarmungslos.

Wir sollten uns freuen, dass es Polen gibt, die sich für unsere gemeinsame Vergangenheit interessieren. Aber wir müssten sie auch dahingehend schulen, dass die Popularisierung unserer Kultur sich nicht in vereinfachten Formen ausdrückt, die einfach auf Unkenntnis oder Vervielfältigung von Stereotypen zurückzuführen ist. Dies wird sowohl für Juden als auch für Polen von Vorteil sein.

Aus dem Polnischen von Zenona Choderny-Loew.


Fußnoten:


  1. Vgl. dazu die Hinweise im Beitrag von Monica Rüthers (S. 170 der gedruckten Ausgabe) und im Beitrag von Uri R. Kaufmann (S. 177 der gedruckten Ausgabe). 

  2. Am 4. Juli 1946 wurden in der polnischen Stadt Kielce über vierzig polnische Juden ermordet. Das Massaker von Kielce veranlasste viele Juden zur Flucht aus Polen. Die Hintergründe des Pogroms wurden nie endgültig geklärt, eine juristische Aufarbeitung fand bis heute nicht statt (Anm. d. Redaktion). 

  3. Vgl. dazu auch das Interview mit Piotr Paziński (S. 230 - 232 der gedruckten Ausgabe).