Herausforderungen.

Alltag eines Rabbiners in der Ukraine
aus OWEP 3/2008  •  von Alexander Dukhovny

Rabbi Alexander Dukhovny ist Oberrabbiner der progressiven jüdischen Gemeinden von Kiew und der Ukraine und Vorsitzender des „Osteuropäischen Verbandes der progressiven Rabbiner“. – Besonderer Dank geht an Pfarrer Peter Sachi, Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde St. Katharina, Kiew, für die Kontaktaufnahme zu Rabbiner Dukhovny.

Als ich ein Kind in der Ukraine war, sagte mir meine Mutter, dass ich keinen Borschtsch (Fleischbrühe mit Rote-Beete-Einlage) mit Sauerrahm essen und am Sabbat nicht arbeiten sollte. Als ich fragte „Warum?“, entgegnete meine Mutter nur: „Tradition!“ Dies war meine jüdische Erziehung. Es war eine Herausforderung. Obwohl mein Vater Chassidim-Rabbi war, hatte sie keine Erklärung dafür, warum Juden am Samstag ruhten oder koscher blieben. Es lag wohl daran, dass ihr Vater und beinahe ihre ganze Familie während des Holocaust ermordet worden waren. Sie wuchs unter kommunistischen Regeln auf, in einer Zeit, als das Praktizieren des Judentums und jeder anderen Religion verboten war. Meine Mutter und unsere Familie praktizierten das Judentum heimlich, was wiederum eine Herausforderung war.

Nachdem ich als Wissenschaftler an der Ukrainischen Nationalakademie der Wissenschaften gearbeitet hatte, fing ich an, mir meine eigenen Fragen über das Judentum zu beantworten. Nach dem Fall des Kommunismus suchte ich das Rabbinerseminar „Leo Baeck College-Centre of Jewish Education“ (LBC-CJE) in London auf, um meine rabbinischen Studien zu beginnen. Während des ersten Studienjahres in London dachte ich, dass ich sehr selbstlos war: Ich gab eine sehr angenehme Arbeitsstelle, mein Auto und ein schönes Appartement auf, um in einer „Mönchszelle“ zu leben. Ich begann im Alter von 44 Jahren zu „leiden“. Erst im zweiten Jahr meiner rabbinischen Studien begriff ich, dass ich nicht nur der ukrainischen Juden zuliebe dort war – ich war dort, um mich selbst zu entdecken. Dies war erneut eine Herausforderung.

Nun, nach fast zehn Jahren im Rabbinat, treibe ich zusammen mit einem Expertenteam und führenden Laien die Neugründung der starken und dauerhaften jüdischen Reformbewegung in der Ukraine voran: Herausforderung und noch einmal Herausforderung! Heute diene ich an der Seite anderer Rabbi-Kollegen und einiger nebenamtlicher Rabbiner einem Land, das größenmäßig vergleichbar mit Frankreich ist und das beinahe 50 Reformgemeinden mit 15.000 Mitgliedern verzeichnet.

Es ist eine enorme Verantwortung und eine herausfordernde Aufgabe, der Rabbi einer ukrainischen Reform- bzw. Progressiven Gemeinde zu sein. Aus meinem Leben habe ich viele Lehren gezogen, doch die entscheidendste für die Arbeit eines Rabbiners ist: zu delegieren. Ich sehe mich außerstande, meine Arbeit hier in der Ukraine alleine zu bewerkstelligen. Deshalb habe ich einen Rabbi-Kollegen, ein Team hingebungsvoller Laien mit entsprechenden Kompetenzen und ehrenamtliche Gemeindehelfer. Zudem bekomme ich Unterstützung von der „Weltunion für progressives Judentums“ (WUPJ) und vom „Osteuropäischen Verband der progressiven Rabbiner“, dessen Vorsitzender ich bin. Zur Zeit arbeiten sechs Rabbiner in der ehemaligen Sowjetunion.

Die Gemeinden, denen ich diene, sind alle unterschiedlich strukturiert. Einige verzeichnen 80-90 Mitglieder, andere Gemeinden wiederum haben über 1.000 Mitglieder. Einige Gemeinden besitzen eigene Synagogen, andere sind wie eine Art wanderndes Volk – d. h. die Mitglieder versammeln sich jeden Sabbat an einem anderen Ort. In manchen Gemeinden, in denen es keine hauptamtlichen Mitarbeiter gibt, füllen Laienmitarbeiter diese Lücke; eine bemerkenswerte Entwicklung in einem Land, in dem Freiwilligendienste traditionell keine Bedeutung haben und die Menschen oft um ihre Grundversorgung kämpfen müssen.

Und eine weitere Herausforderung: Obwohl der unter Strafe stehende Antisemitismus in der Ukraine laut Aussagen des Staates offiziell nicht mehr vorherrscht, erfahren die Juden der Reformgemeinden Ablehnung von Seiten ultra-orthodoxer jüdischer Einrichtungen. Die übrigen 50 ukrainischen Rabbiner, die über 160 ultra-orthodoxe Gemeinden verwalten und alle entweder in Israel oder in den USA geboren wurden, sprechen den Reformgemeinden in der Ukraine ihre Rechtmäßigkeit ab und lehnen das Reformjudentum als „nicht authentisch“, als nicht angemessenes Judentum ab. „Aber glauben wir nicht auch an Gott, die Thora, an Mitzvoth (die Gebote) und Ma’asim tovim (gute Werke)?“, lautet meine übliche Frage. Natürlich tun wir das.

Möglicherweise wissen meine ultra-orthodoxen Kollegen einfach nicht, dass das Reformjudentum am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland als Antwort auf die Herausforderungen der modernen Welt entstanden ist. Ähnlich wie beim Zusammentreffen mit der griechisch-römischen Welt musste das Judentum diese Herausforderungen annehmen und sich mit den neuen Ideen und einem neuen Denken auseinandersetzen. Die eine Reaktion darauf nennen wir reformorientiert (oder „progressiv“).1 Die zweite Art der Antwort äußerte sich in einem Beharren auf der Vorstellung, dass sich nichts Grundlegendes ändern dürfe, wie drängend auch immer die Ideen der Moderne waren. Diese Haltung nennen wir orthodox.

In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam das Reformjudentum zusammen mit Vorstellungen der Aufklärung in das Gebiet der heutigen Ukraine. Im Laufe der Entwicklung bildeten sich die ersten Reformgemeinden in Lwiw und Odessa mit eigenen Synagogen. Fast zwei Jahrhunderte später befinden wir uns wieder auf der ukrainischen Landkarte. Die großartigen Worte, die Rabbi Tony Bayfield, das Oberhaupt der britischen Reformjuden, äußerte, klingen in unseren Herzen wider, sodass wir erklären:

  • Natürlich glauben wir an Gott – jedoch nicht an den Gott der mittelalterlichen Literatur, der die Gerechten belohnt und die Frevler erbarmungslos bestraft.
  • Natürlich glauben wir an die Thora – aber nicht an ein außerhistorisches Dokument, das aus dem All auf direktem Wege von Gott zu Moses ohne jegliches menschliche Hinzutun herabkam.
  • Natürlich glauben wir an Mitzvoth – aber nicht an eine willkürliche Aufzählung von 613 Geboten, die irgendwann im 13. Jahrhundert erstarrte.
  • Natürlich glauben wir an Ma’asim tovim, d. h. an gute Werke – wir verehren Gott genauso, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten, wenn wir ihnen im Gottesdienst begegnen.

Deutschland ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung der Reformgemeinden. Als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel 2006 zur Hundertjahrfeier des „American Jewish Commitee“ in Washington eine Rede hielt, war sie stolz auf die Tatsache, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland aufgrund der Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion die weltweit am schnellsten wachsende ist. „Mit großer Freude können wir feststellen,“ sagte sie, „dass sich jüdische Schulen hervorragend entwickeln, Synagogen gebaut und im kommenden Herbst mehrere Rabbiner ordiniert werden.“ Die deutsche Kanzlerin bezog sich damit auf die Einführungszeremonie für drei Rabbiner, die im September 2006 in der Neuen Synagoge in Dresden stattfand; sie waren die ersten Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam. Dieses Institut wurde in Deutschland als erstes seiner Art nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet und steht in direkter Nachfolge zur berühmten „Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“, die von 1869 bis 1942 bestand. 1932, am Höhepunkt ihrer Tätigkeit, verzeichnete das Reformseminar 155 Studenten. Zehn Jahre später, im Juni 1942, als die Soldaten der Gestapo kamen, um seine Tore zu schließen, gab es immer noch drei Studenten und einen Lehrer: Leo Baeck, Anführer der Reformbewegung und der Jüdischen Gemeinde in Deutschland unter der Herrschaft der Nazis. Als ob er noch ein wenig Symbolik hinzufügen wollte, beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags vor zwei Jahren, dem Abraham-Geiger-Kolleg jährlich 150.000 Euro zur Verfügung zu stellen.

Die Ukraine muss sich an diesem Beispiel orientieren, und meine Aufgabe ist es, daran mitzuwirken. Die schwierige Arbeit in diesem Land macht mir Freude: Ich unterrichte gerne Juden, sodass sie und ihre Kinder verstehen werden, wer sie sind – anders als es mir als Kind erging. Denn als ich drei Jahre alt war, badete mein Lehrer mich und die anderen Kinder meiner Kindergartengruppe inmitten des Gruppenraums. Der Lehrer lachte mich aus, weil ich beschnitten war. So lief ich nach Hause und weinte. Obwohl mich meine Mutter beruhigte, blieb ein nachhaltiges Unbehagen. „Warum bin ich jüdisch?“ fragte ich meine Mutter, als ich 17 war und meine Bewerbungsunterlagen von der Universität zurückgewiesen wurden, nur weil in meinem Ausweis stand, dass ich Jude bin. „Warum bin ich in der Sowjetunion geboren?“ Meine Mutter antwortete: „Dein Werdegang spielt sich in diesem Land ab. Deine Wurzeln sind hier. Eines Tages wirst du darüber jubeln, Jude zu sein.“ Als ich 20 Jahre später die Niederlande bereiste, traf ich einen Rabbi, dessen Erscheinung mich überraschte. „Dies kann kein Rabbi sein“, dachte ich. „Wie kann ein Rabbi einem normalen Menschen so ähnlich sein?“ Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich nur eine vage Vorstellung von chassidischen Rabbinern. Ich hatte keine Lust, mich ins 17. Jahrhundert zurückzuversetzen, Schläfenlocken und schwarze Kleidung zu tragen. Ich bin ein moderner Mensch und ich genieße das Leben. Dazu noch eine Anekdote: Als ich in den Vereinigten Staaten war, hörte ich zufällig, wie mich zwei Gemeindemitglieder beschrieben: „Rabbi Dukhovny trägt einen modischen Anzug mit einer flotten Krawatte und einem seidenen Taschentuch, das aus seiner Brusttasche steckt. Der frisch rasierte Dukhovny sieht eher aus wie ein Londoner Geschäftsmann als ein Rabbi aus der Ukraine. Sein Englisch ist gefärbt sowohl von einem russischen als auch britischen Tonfall.“

Da ich das Leben genieße, verstehe ich, wie wichtig es ist, den ukrainischen Juden bei der Aufrechterhaltung ihrer jüdischen Identität zu helfen und – wie ich es tat – zu verstehen, dass das Judentum viele Farben und Facetten hat. Im Judentum geht es um mich und um jeden von uns.

Meine Entscheidung, in der Ukraine zu arbeiten, stellt eine besondere Entscheidung und eine weitere Herausforderung dar: Ich habe eine Rabbinerkollegin am Tag unserer Ordination geheiratet; meine Frau Erlene Wahlhaus-Dukhovny arbeitete in London. Der Begriff „Herausforderung“ wurde in unserer Familie zum Schlüsselwort – dieses Wort begleitet mich noch heute.

Einige Juden in der Ukraine glauben immer noch, dass es im Judentum um Vergangenheit geht. Doch das Judentum handelt nicht nur von der Vergangenheit, sondern thematisiert die Gegenwart und die Zukunft. Und dies ist eine freudige Herausforderung!

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Hartl.


Fußnote:


  1. Das Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland entstandene, heute besonders in Nordamerika verbreitete Reformjudentum wird in Deutschland meist mit dem Begriff „liberales Judentum“ umschrieben (Anm. d. Redaktion).