Islam in der Ukraine

aus OWEP 4/2007  •  von Viktor Yelenski

Dr. Viktor Yelenski ist als Sozialwissenschaftler an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kiew tätig.

Die ersten schriftlichen Erwähnungen einer dauerhaften Existenz des Islam auf dem Gebiet der heutigen Ukraine tauchen etwa im 11. Jahrhundert auf. Darin ist die Rede von muslimischen Petschenegen im Dienst der Kiewer Fürsten. Im 14. Jahrhundert vollzieht sich die endgültige Einrichtung des Islam als Staatsreligion der Krim. Die Beziehungen der Ukrainer zu den südlichen muslimischen Enklaven entwickelten sich überaus dramatisch: Überfälle der Krimtataren und blutige Zusammenstöße gab es weitaus häufiger als kurzfristige Militärbündnisse der Leiter des Kosakenstaates mit den Khanen der Krim gegen einen gemeinsamen Feind.

Nach der Liquidierung des Krim-Khanats im Jahre 1783 und dem Anschluss der Krim an das Russische Imperium setzte eine Abschwächung der islamischen Positionen auf der Halbinsel und eine Emigration der muslimischen Bevölkerung in die Türkei ein. Die muslimische Geistlichkeit wurde einer strengen Kontrolle unterworfen. Ungeachtet der Repressionen gegen die weltlichen und geistlichen Führer der Krimtataren erklärte man den Islam zu einer zu tolerierenden Religion des Zarenreiches. Für seine Anhänger gab es ausreichende Möglichkeiten, ihren geistlichen Bedürfnissen nachzukommen. Im 19. Jahrhundert brachte die islamische Kultur der Krim den aufgeklärt denkenden religiösen Reformator Ismail-bej Hasprali (Ismail Hasprinskyj, 1851-1914) hervor, der als einer der Protagonisten des „Euro-Islam“ gilt.

In der Sowjetzeit teilte der Islam in der Ukraine das Schicksal aller anderen Religionen: Repressionen gegen die Geistlichen, Zerstörung der Moscheen, das Verbot, Kinder in den Grundlagen der religiösen Kultur zu unterweisen usw. Im Mai 1944 wurde die gesamte tatarische Bevölkerung der Krim unter der Beschuldigung, die nationalsozialistischen Besatzer unterstützt zu haben, von der Halbinsel deportiert. In den Verbannungsorten starben in den ersten zwei Jahren nach unterschiedlichen Angaben zwischen 20 Prozent und 40 Prozent der Deportierten an Hunger und Krankheiten. Die Spuren der islamischen Zivilisation auf der Krim, darunter die Ortsnamen, wurden konsequent beseitigt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht nur auf der Krim, sondern in der ganzen Ukraine keine einzige Moschee übrig geblieben; es gab auch keine offiziell zugelassene muslimische Gemeinde mehr.

Statistischer Überblick

Seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als die Rückkehr der deportierten Krimtataren aus Mittelasien in die Ukraine möglich war, entwickelte sich der Islam zu einem dynamischen Faktor des religiös-gesellschaftlichen Lebens. Nach den Ergebnissen der letzten ukrainischen Volkszählung (2001) leben in der Ukraine mehr als 430.000 Menschen, die traditionell muslimischen Völkerschaften angehören, darunter etwa 300.000 Krimtataren, Angehörige der autochthonen Bevölkerung der Halbinsel Krim. Weiterhin sind zu nennen (neben kleineren Gruppen):

  • Tataren (73.300)
  • Aserbaidschaner (45.200)
  • Usbeken (12.400)
  • Türken (8.900)
  • Araber (6.600)
  • Kasachen (5.500)
  • Lesginen (4.300)
  • Tadschiken (4.300)
  • Baschkiren (4.300)
  • Turkmenen (3.700)
  • Tschetschenen (2.900)
  • Kurden (2.000)

Seit Ende der achtziger Jahre gründeten die Muslime in der Ukraine 1.110 religiöse Gemeinden, deren absolute Mehrheit vier geistlichen Zentren angehört: der Geistlichen Verwaltung der Muslime in der Ukraine (Kiew), dem Geistlichen Zentrum der Muslime in der Ukraine (Donezk), der Religiösen Verwaltung unabhängiger muslimischer Gemeinden der Ukraine („Kiewer Muftiat“) und der geistlichen Verwaltung der Krim-Muslime. Letztere umfasst 85 Prozent aller muslimischen Gemeinden des Landes und spielt im gesellschaftlichen Leben der krimtatarischen Bevölkerung eine gewichtige Rolle. Nach einer soziologischen Erhebung aus dem Jahre 2004 zählen sich 86,7 Prozent der Krimtataren zu den Gläubigen, jeder fünfte Befragte besucht regelmäßig freitags die Moschee, jeder siebente öfter als einmal pro Woche, 28 Prozent in Verbindung mit bestimmten Lebensereignissen oder an besonders hohen Feiertagen, und fast drei Viertel halten sich streng an die Verbote für den Genuss von Alkohol und Schweinefleisch.

Zum Selbstverständnis der Krim-Muslime

Grundsätzlich räumen die Krimtataren ein, dass im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten nach der Deportation, die sie in Mittelasien verbracht haben, der Islam für sie kein fester Identifikationsfaktor ist, weil er sie nicht von den dortigen muslimisch-sunnitischen Glaubensgenossen trennte. Nur die massenhafte Repatriierung auf die Krim und die Provokation seitens der auf der Halbinsel stürmisch wiedererstehenden Orthodoxie – in den letzten 20 Jahren wuchs die Anzahl der orthodoxen Gemeinden auf der Krim um mehr als das Dreißigfache – verliehen der religiösen Selbstidentifikation der Krimtataren eine außerordentlich wichtige ethnokulturelle und gesellschaftspolitische Bedeutung. Von hier kommt nicht nur die Tendenz, die vom Islam tabuisierten Lebensbilder und Verhaltensmodelle, zu denen man früher eine recht gelassene Beziehung unterhielt, abzulehnen, sondern auch die unversöhnliche Einstellung gegenüber andersgläubigen Symbolen in der Nähe muslimischer heiliger Stätten und überhaupt gegenüber einer Dominanz der christlichen Symbolik auf der Krim. Mit besonderer Schärfe wurde der Symbolkonflikt im Jahre 2000 ausgetragen. Damals stürzten die Krimtataren einige Verehrungskreuze um, die von der Krim-Metropolie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche im Verein mit dem Moskauer Patriarchat anlässlich der 2000-Jahr-Feier von Christi Geburt in verschiedenen Gegenden der Halbinsel errichtet worden waren, darunter auch in solchen Gebieten, die im kollektiven historischen Gedächtnis der krimtatarischen Bevölkerung einen besonderen Platz einnehmen.

In diesem Zusammenhang stoßen die Krim-Muslime, die zu den während der Sowjetzeit nationalisierten Anbetungsorten und Kultgebäuden zurückkehren wollen, auf ernsthafte Schwierigkeiten. Kaum die Hälfte der muslimischen Gemeinden der Halbinsel verfügt über Gebetshäuser; nach Mitteilung des Mufti der Krim-Muslime, Emirali Adscha Ablajew, übergaben die örtlichen Machthaber den christlichen Gemeinden im Jahre 2006 etwa ein halbes Hundert sakraler Objekte, die den Gläubigen von den Sowjets weggenommen worden waren, die Muslime hingegen bekamen nicht ein einziges. Bis heute können die Krim-Muslime nicht in die ihnen gehörenden, erhalten gebliebenen 43 Moscheen zurückkehren (zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es auf der Krim annähernd 750 Moscheen). Der Mangel an Gebetshäusern wird alles in allem durch den Bau neuer Moscheen relativiert; so errichteten die Krim-Muslime nach ihrer Rückkehr aus den Deportationsorten mehr als 70 Moscheen. Die absolute Mehrheit der neuen Moscheen wurde mit Geldern aus Saudi-Arabien, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und sogar der krimtatarischen Diaspora gebaut. Die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland bewirkte auch einen verstärkten Einfluss auf die muslimischen Gemeinden, zunächst seitens türkischer, später auch arabischer Missionare. Gleichzeitig sind die krimtatarischen Anführer überaus empfänglich für die Bekundungen eines religiösen Extremismus und nehmen mit den Ideen eines politischen Islam aus den Staaten des Nahen Ostens spürbaren Einfluss auf die muslimischen Gemeinden der Halbinsel. Oft genug haben sie unterstrichen, dass „ihr“ Islam nicht „fremd“ sein kann, sondern ganz den Traditionen und Gewohnheiten der Vorfahren entsprechen muss. Insbesondere der Vorsitzende des Medschlis (des repräsentativen Organs der Krimtataren), Mustafa Dschemilew, erklärte allerdings auch, dass, sollten irgendjemandem von den Mitgliedern des Muftiates fremde Gebräuche und Uneinigkeit auf religiöser Grundlage aufgezwungen werden, sich die Muslime das Recht vorbehielten, diese Personen jederzeit aus dem Muftiat zu entfernen. In einem der offiziellen Dokumente des Kurultaj (Nationalversammlung, höchstes bevollmächtigtes Organ der krimtatarischen Bevölkerung) von 2001 werden die „Versuche der ausländischen Missionare, den Islam, wie man ihn auf der Krim von alters her bekennt, zu revidieren“, geradewegs verurteilt.

Konfliktbereiche

Ein solcher Islam ist in bedeutendem Maße ein Nationalislam, der in sich mystische Vorstellungen und Gebräuche noch vorislamischer Herkunft aufnimmt. Er absorbiert aber auch rituelle Formen, wie sie sich in den Deportationsorten herausgebildet haben, wo den Krimtataren die elementaren Möglichkeiten eines Koranstudiums ebenso fehlten wie fast gänzlich auch Geistliche mit einem Minimum an regulärer islamischer Bildung. Ungeachtet dessen, dass es in der Ukraine sieben geistliche islamische Lehranstalten mit ca. 260 Hörern gibt, bleibt das Problem gebildeter Geistlicher recht akut. Die islamische Universität in Kiew und die Medresse (muslimische Hochschule) auf der Krim sehen sich mit ernsthaften Problemen des Lehrniveaus ebenso konfrontiert wie mit dem Niveau der Abiturientenvorbereitung. Die Studenten, die zur Erlangung einer geistlichen Ausbildung ins Ausland fahren (im allgemeinen in die Türkei, in letzter Zeit aber auch in andere islamische Länder), wechseln nicht selten in weltliche Spezialfächer und bleiben im Ausland. Hinzu kommt noch, dass die Altersstruktur der Geistlichen ernsthaft gestört ist; zur mittleren Altersstufe gehören nur einige wenige der Imame. Bei den übrigen handelt es sich entweder um erst kürzlich entlassene Absolventen der Islamschulen im Alter von etwa 25 oder um sehr betagte Imame. Diese zwei Kategorien repräsentieren unterschiedliche Weltanschauungen und Ansichten über die Entwicklung der muslimischen Gemeinden in der ukrainischen Gesellschaft, was naturgemäß zu Spannungen zwischen ihnen führt.

Eine weitere ernsthafte Quelle für Konflikte innerhalb des ukrainischen Islam besteht in der Konkurrenz zwischen den geistlichen Verwaltungen in Kiew, auf der Krim und im Donezk-Gebiet. Diese Konkurrenz nimmt zeitweise recht scharfe Formen an; sie entzündet sich am Einfluss auf die muslimischen Gemeinden und am Repräsentationsrecht des Islam in der Ukraine gegenüber den weltlichen Gemeinden, ihren einzelnen Zentren und gegenüber den ukrainischen Machthabern. Die Konkurrenz scheut auch nicht vor gegenseitiger Kritik zurück und führt sogar so weit, den Gegnern Untätigkeit gegenüber den religiösen Extremisten vorzuwerfen. Die Beschuldigung, den religiösen Extremismus zu unterstützen, zählt auch zu den Fixpunkten der Propagandakampagne prorussischer politischer Kräfte auf der Krim; besondere Aktivitäten in dieser Richtung entfalten die kommunistischen Anführer der Krim. Obwohl für die Anschuldigungen des religiösen Extremismus an die Adresse der Krim-Muslime vor allem anderen die Beweise fehlen, bewirkt die Unlösbarkeit der sozial-ökonomischen Probleme der krimtatarischen Rückkehrer – zu nennen sind besonders die hohe Arbeitslosigkeit und das Fehlen von Grundbesitz – Spannungen in den Beziehungen zur slawischen Bevölkerung und fördert tatsächlich die Zunahme radikaler Stimmungen unter den Muslimen, vor allem unter der Jugend.

Die Zukunft des Islam hängt daher nicht nur von den inneren Prozessen der muslimischen Gemeinde ab, also von den Wechselbeziehungen zwischen fundamentalistischen und liberalen Strömungen und vom Ausgang der Konkurrenz der verschiedenen Einflusszentren, sondern wesentlich auch vom Gelingen der Integration in die ukrainische Gesellschaft vor allem jener vielköpfigen ethnischen Gemeinschaft, die sich auf der Krim zum Islam bekennt.

Deutsch von Friedemann Kluge.