Eine Generation sucht neue Wege. Jugend und Religion in Polen

Zusammenfassung

Der Journalist und Publizist Marek Zając beschreibt in seinem Beitrag, ausgehend vom Tode Papst Johannes Pauls II., die seit dem Fall des Kommunismus in Polen entstandenen Wertekonflikte der Jugend in Polen. Ein Teil der Jugend in Polen erliegt heute der Versuchung, sich vom Glauben und seinen Ritualen abzuwenden. Ein anderer Teil sucht neue Wege, zum Beispiel im Internet, eine eigene Form des Glaubens zu entwickeln.

Marek Zając (geb. 1979 in Krakau) ist ein bekannter polnischer Journalist und Publizist, der sich vor allem auf religiöse und gesellschaftliche Themen spezialisiert hat. Er arbeitet für zahlreiche polnische Zeitungen und Fernsehsender, u. a. für die katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“.

Das Ende einer Ära

Es mag kaum zu glauben sein, doch es ist wirklich geschehen. Am Samstag, dem 2. April 2005, um 21.37 Uhr starb Johannes Paul II. – und fast ganz Polen kam zum Stillstand. Journalisten weinten bei Live-Schaltungen. Bis zur Beisetzung des Papstes sendeten selbst die kommerziellen Fernsehkanäle Beiträge über einen Menschen, den man überall und ohne zu zögern den größten Polen der Geschichte nannte. An Straßen, die seinen Namen trugen, stellten Zehntausende von Menschen Kerzen auf – die Bürgersteige verwandelten sich zu leuchtenden Teppichen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag füllten sich die Kirchen mit Wachenden. Wenn die Menge auf verschlossene Türen stieß, weckte sie die Pfarrer und verlangte die Öffnung der Gotteshäuser.

An den nächsten Tagen geschahen Wunder. Die Anhänger der beiden verfeindeten Krakauer Fußballvereine Wisła und Cravovia vereinigten sich. „Es ist höchste Zeit, um in Schals und Mützen ruhig durch die Stadt gehen zu können. Ohne das Risiko, von jemandem verprügelt, verstümmelt oder gar erschlagen zu werden“, erklärte der Vorsitzende einer Wisła-Fanvereinigung. Unter den Fenstern der erzbischöflichen Residenz tauschten die Fans ihre Schals aus und skandierten: „Jeder wird es sagen, in Krakau regiert Wojtyła!” (Każdy to powie, Wojtyła rządzi w Krakowie!”). Zwar sollte diese Verbrüderung nicht lange halten, doch einige Apriltage lang war sie eine Tatsache. Am Montag verabredeten sich 150.000 Menschen, meist Schüler und Studenten, die mit den Technologien des 21. Jahrhunderts aufgewachsen waren, mitttels SMS und Internet. Sie organisierten einen spontanen Marsch auf die Błonia-Wiese im Herzen Krakaus, wo Johannes Paul II. bei seinen Reisen in die Heimat die Messe gelesen hatte. Am Donnerstag, dem Vorabend der Beisetzung, zog ein „Weißer Marsch der Dankbarkeit“ durch die Stadt, an dem sich mehr als eine halbe Million Menschen beteiligte. Abends fand auf der Błonia-Wiese eine Messe statt, und an die mehr als eine Million Versammelten schickte der Metropolit von Krakau aus Rom eine SMS: „Ich bin mit Euch am Petersdom. Hier und dort der Eure“, schrieb Kardinal Franciszek Macharski. Pünktlich um 21.37 Uhr wurden Kerzen angezündet. Die Menge verstummte. Viele weinten leise, als würden sie den eigenen Vater oder die eigene Mutter verabschieden.

Und hier beginnt eine Geschichte, die wie in einem Brennglas die Kraft und die Schwäche meiner Kirche zeigt. Als Kardinal Macharski aus Rom zurückkehrte, wollte er von seinen engsten Mitarbeitern in allen Einzelheiten erfahren, wie während seiner Abwesenheit Johannes Paul II. verabschiedet wurde. Über die Messe berichtete der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Grzegorz Ryś, ein beliebter Seelsorger und heute Weihbischof in Krakau. Er sprach von den spontan zusammengekommenen Menschenmassen und der weinenden Menge, äußerte aber auch einen Zweifel. Einen Zweifel, der die in diesen Tagen vorherrschende Überzeugung infrage stellte, ob nämlich der Tod Johannes Pauls II. für die Kirche in Polen ein mächtiger Impuls sei und viele zurückholen würde, die sie verlassen hatten. „Vor der Messe hatten wir viele zur Kommunion vorbereitet“, berichtete Ryś. „Doch als die Priester sich in der Menge verteilten, stellte sich heraus, dass nur wenige zur Kommunion gingen. „Sieh an, wie fantastisch die jungen Leute sind …“, schwärmte der Kardinal. „Eure Eminenz “, antwortete Ryś verwirrt, „Sie haben mich wohl nicht recht verstanden. Ich habe gesagt, dass nur wenige zur Kommunion gegangen sind.“ „Ach, wie fantastisch die jungen Leute doch sind“, wiederholte Kardinal Macharski: „Alles drängte sie dazu, die Kommunion zu empfangen. Die Atmosphäre, die Umgebung, die Emotionen, die Tränen … Doch sie haben so große Hochachtung vor der Eucharistie, dass sie das ohne Beichte nicht tun …“

Selbst wenn diese seit Jahren erzählte Anekdote nur zu einem Bruchteil den Tatsachen entsprechen sollte, so soll noch einmal gesagt werden: Sie zeigt sehr deutlich sowohl die Kraft als auch die Schwäche meiner Kirche.

Entwicklung der Religiosität in Polen seit 1989

Das Jahr 1989: Sturz des Kommunismus. In Polen beginnt die vom Runden Tisch eingeleitete demokratische Transformation. Marktwirtschaftliche Schockreform und Triumph des Kapitalismus. Modernisierung aller Lebensbereiche, die Zahl der Menschen mit Hochschulabschluss steigt, die Bevölkerung wird allmählich wohlhabender, die Verstädterung beschleunigt sich, die Einstellungen individualisieren sich rasch und ein neues, aus dem Westen stammendes Sittenleben hält Einzug.

Zu Beginn der 1990er Jahre hatten viele Soziologen kaum Zweifel: Unter dem Druck der genannten Prozesse stehe Polen vor einer unumkehrbaren, radikalen und massenhaften Verweltlichung. Doch die Jahre verstrichen und die apokalyptischen Visionen wollten sich nicht verwirklichen. Natürlich gab es Verluste, doch die Kirchen leerten sich keineswegs. Nach wie vor geben rund 90 Prozent der Polen an, gläubig zu sein, was uns in eine Reihe mit Ländern wie den muslimischen Staaten Afghanistan oder Pakistan stellt. Anfang der 1980er Jahre wurde der Anteil der dominicantes, also der regelmäßig zum sonntäglichen Hochamt kommenden Personen, auf etwas über 50 Prozent der Gläubigen geschätzt. Seit einigen Jahren hat sich an den Statistiken wenig verändert, die Zahlen pendeln hartnäckig um die 40 Prozent. Das ist, zugestanden, kein schlechtes Ergebnis. Ganz ausgezeichnet ist es um die Kommunion bestellt, denn in diesen dreißig Jahren wuchs deren Anteil um das Doppelte und beträgt nun mehr als 16 Prozent. Gelegentlich werden diese Daten so interpretiert, dass die Zahl derjenigen Katholiken in Polen steigt, für die der Glauben kein gedankenlos von Generation auf Generation übertragenes Ritual, keine nationale Tradition mehr ist, sondern das Ergebnis einer bewussten, existenziellen Entscheidung. Deshalb greifen viele Publizisten auch die These auf, wonach sich Polen auf einem anderen Weg befinde als Westeuropa, was der Überzeugung widerspreche, dass Modernisierung eine unaufhaltsame Verweltlichung bedeute. Das ist gut möglich, aber …

Im Herbst des vergangenen Jahres stellte bei einer Tagung der Polnischen Bischofskonferenz Mirosława Grabowska, eine erfahrene Soziologin und Leiterin des Meinungsforschungsinstituts CBOS, einen Bericht über die Jugend vor. Die Schlussfolgerungen? Erstens: Die Zahl der religiös praktizierenden jungen Menschens sinkt. Zweitens: Die meisten lehnen die katholische Sexuallehre entschieden ab. Drittens: Die Abkehr von der Kirche als Institution verläuft viel schneller als die Aufgabe des Glaubens insgesamt. Dies drückt sich in folgender Formulierung aus: Gott – vielleicht schon, aber Kirche – ganz gewiss nicht.

Gestützt auf die Analyse anderer Daten und Statistiken füge ich meinerseits noch eines hinzu: Unter den Erwachsenen greift die Verweltlichung – wie gesagt – relativ langsam um sich. Doch unter den Jungen hat sie sich beschleunigt. Deshalb gilt es, sich hart an die Arbeit zu machen. Wir können uns keinen Schlummer erlauben, denn es geht um alles: um die Zukunft.

Hier nach Mirosława Grabowska noch einige Daten für das Jahr 2013: Als gläubig bezeichnen sich 71 Prozent der Jungen. Im Vergleich zu Mitte der 1990er Jahre hat sich der Anteil der erklärten Nichtgläubigen verdoppelt und beträgt 10 Prozent. Und die Religionsausübung: 1996 praktizierten 16 Prozent der Jugend überhaupt nicht, 2013 waren es schon 23 Prozent. Der Anteil der mindestens einmal in der Woche praktizierenden jungen Leute stürzte in diesem Zeitraum von 55 Prozent auf 37 Prozent ab. Bösartige Kommentatoren behaupten, dass die Firmung in Polen als Kirchenabschiedssakrament bezeichnet werden müsse. Die Jugendlichen, die sich nun abkehren, kommen erst im Erwachsenenalter zum Altar zurück, wenn sie heiraten. Der Grund ist einfach: Die kirchliche Liturgie gilt nach wie vor hinsichtlich Feierlichkeit und Symbolik als konkurrenzlos und lässt die Zeremonien in den staatlichen Standesämtern weit hinter sich.

Einer der vielen Gründe für die Abkehr der Jugendlichen von der Kirche ist die Schwäche der Seelsorge in den Pfarreien und des Religionsunterrichts in den Schulen, aber oft auch das schmerzliche Fehlen christlicher Glaubenspraktiken in der eigenen Familie. Welche Bedeutung hat die Erstkommunion für ein Kind, dessen Eltern überhaupt nicht zur Kommunion gehen? Letztlich sind wir oft nicht in der Lage, einen Teenager durch das Rote Meer zu führen, das den kindlichen Glauben an den Herrgott von dem Glauben trennt, den er als Erwachsener annehmen und praktizieren könnte. Keine geringe Rolle hierbei spielt, dass die Jugendlichen gerade in diesem Alter ihre eigene Sexualität entdecken. Über die Hälfte der Jugendlichen sagt, dass für Sex weder Ehe noch Liebe nötig seien. Die große Mehrheit lehnt die Haltung der Kirche zur Schwangerschaftsverhütung ab.

Den genannten Befunden ist noch ein weiteres Problem hinzuzufügen: religiöses Unwissen und Ignoranz. Umfragen in mehreren Warschauer Schulen zeigen, dass nur 48 Prozent der Schülerinnen und Schüler erklären, an die Person Gottes zu glauben. Knapp 29 Prozent glauben an die Wiederauferstehung von Seele und Körper. Das alles begünstigt die Abkehr vom Glauben. Der bekannte polnische Religionssoziologe Janusz Mariański zitiert die symptomatische Aussage eines seiner Schüler: „Für mich ist der Glaube nicht wichtig, aber er ist in meinem Leben präsent.“

Und hier kommen wir zu etwas vielleicht noch Wichtigerem, das wohlgemerkt nicht nur die jungen Leute betrifft. Seit dem Tod Johannes Pauls II. ist in Polen ein weitreichender Wandel in Bezug darauf zu erkennen, ob die Kirche als Autorität angesehen wird, als Stimme, die Einfluss auf individuelle Lebensentscheidungen, aber auch auf den Alltag hat. Noch 2005 sagten immerhin 66 Prozent der Befragten, sie glaubten und ließen sich von der Kirchenlehre leiten. Vor zwei Jahren waren es nur noch 39 Prozent! In dieser Zeit ist der Anteil derjenigen, die sagten, sie glaubten auf ihre eigene Weise, von 32 auf 52 Prozent emporgeschnellt. Das ist nicht nur ein interessanter Trend, es kann vielmehr das Vorzeichen eines Erdbebens sein.

Neue Medien als Wege zu Gott?

Stellen wir uns einen Dom vor, der jeden Tag von mehr als 10.000 vor allem jungen Menschen gefüllt ist. Und jeden Monat kommen insgesamt mehrere hunderttausend. Wo in Europa würde man heute eine solche Kirche finden? Wenn wir an Gebäude aus Holz und Backsteinen denken, an Kathedralen mit hohem Kirchenschiff und gotischen Spitzbögen, mit einer reich verzierten Kanzel, die auf Figuren der vier Evangelisten ruht – dann muss gesagt werden, dass es einen Dom mit einem solchem Gottesdienstbesuch nicht gibt. Nirgendwo. Auch nicht in Polen. Wenn wir aber den engen Rahmen der „normalen“ Welt verlassen und davon ausgehen, dass dieser Dom nicht physisch existieren muss, sondern auch virtuell sein kann – dann stoßen wir auf die Seite „Facebóg“ („Facegott“). Aber Achtung: Dort gibt es keinen einzigen Bischof …

Das nur schlecht ins Deutsche übertragbare Wortspiel „Facebóg” spielt auf den Namen des weltweit größten Online-Mediums an. Initiator und spiritus movens des Unternehmens ist der junge Computergrafiker und Journalist Piotr Żyłka. Das Facebook-Profil von „Facebóg” hat über 185.000 Likes. Eine andere bekannte Internetseite, die von den Jesuiten gegründete und betriebene Seite deon.pl, wird monatlich sogar von mehreren hunderttausend Nutzern (unique users) besucht.

In einer Art Netz-Credo schreibt Żyłka: „Man sagt, dass das Evangelium heute altmodisch sei und der Informationsgesellschaft nichts mehr zu sagen habe. Man sagt, dass Facebook kein Ort für gute Initiativen zur Verbreitung von Werten sei. Wir beweisen, dass diese beiden Behauptungen unwahr sind! So haben wir die Idee des Projekts Facebóg zu Anfang der Fastenzeit 2012 beschrieben. Zunächst entstand ein Facebook-Profil, später eine Homepage. Rasch stellte sich heraus, dass es Sinn hat, das Netz mit kurzen und inhaltsreichen Gedanken zu nähren. Das Projekt weitete sich aus. Wir ermöglichten es unseren Nutzern, auf unserer Seite eigene Grafiken zu gestalten und zu veröffentlichen.

Welches ist unser Hauptziel? Wir wollen das Evangelium verkünden. Wir wollen Gläubige und Ungläubige ansprechen. Wir wollen einen und zum Denken anregen. Das Projekt Facebóg ist der Versuch, alle zum Leben zu erwecken, die sich lange bei Facebook aufhalten. Wir wollen eure Gedanken zum Wesentlichen lenken. Oder anders – zu dem, was am wichtigsten ist.“ So veröffentlichte Facebóg etwa vor Kurzem einen Gedanken der hl. Theresa: „Auf zwei Worte – Liebe und Barmherzigkeit – kann man das ganze christliche credo reduzieren.“ Und es gibt einen Film mit Hinweisen von Pater Grzegorz Kramer, was man tun muss, wenn man sich „voll aufregt“.

Es findet sich hier auch eine Erzählung: „Im Bauch einer schwangeren Frau waren Zwillinge. Der eine fragte den anderen: ‚Glaubst du an das Leben nach der Geburt?‘ – ‚Klar. Irgendetwas muss da sein! Ich glaube, dass wir genau deshalb hier sind, um uns darauf vorzubereiten, was danach sein wird.‘ – ‚Dummes Zeug. Es gibt kein Leben nach der Geburt. Wie sollte das denn aussehen?‘ – ‚Nun, das weiß ich nicht, aber es wird dort mehr Licht geben. Wir werden laufen, mit dem Mund essen können …‘ – ‚Aber das ergibt doch keinen Sinn! Laufen kann man nicht! Und wer hat jemals gesehen, dass man mit dem Mund isst! Wir werden doch von der Nabelschnur genährt.‘ – ‚Hm, ich weiß nicht, aber wir werden Mami sehen und sie wird sich um uns kümmern.‘ – ‚Mami? Du glaubst an Mami? Wer ist das deiner Meinung nach denn?‘ – ‚Aber sie ist doch überall um uns herum … Dank ihr leben wir. Ohne sie gäbe es uns nicht.‘ – ‚Das glaube ich nicht! Ich habe nie eine Mami gesehen, also gibt es sie nicht …‘ – ‚Wie das? Wenn wir still sind, kannst du doch hören, wie sie singt. Oder spüren, wie sie unsere Welt streichelt. Siehst du, ich denke, dass das wirkliche Leben erst später beginnt …‘“

Infantil? Naiv? Banal? Vielleicht. Aber kurz gesagt: Diese Geschichte hat schon mehr als viereinhalbtausend Likes und nur positive Kommentare. Żyłka hat auch einen Becher entworfen, auf dem zwei Sprüche stehen. Der erste: „Sag Gott nicht, dass du ein großes Problem hast.“ Der zweite: „Sag deinem Problem, dass du einen großen Gott hast.“ Das ist eine kurze Katechese über die Liebe des allmächtigen Gottes, die bewirkt, dass man selbst in einem dunklen Tal keine Angst vor dem Bösen hat – das ist eine wahre biblia pauperum für das 21. Jahrhundert.

Ein Blick in die Zukunft

Die Aktivitäten der Kirche im Internet wuchern in Polen unglaublich. Es gibt zahlreiche Facebookprofile und Internetseiten, Tausende von Video-Exerzitien, Blogs charismatischer Seelsorger und Exorzisten, Youtube-Kanäle mit Homilien, Postings oder SMS mit Bibelzitaten oder päpstlichen Dokumenten, virtuelle Briefkästen für Fragen junger Nutzer, Möglichkeiten, bei Frauenklöstern online Messen für bestimmte Personen zu bestellen …

Damit das klar ist: Ich sage nicht, dass das Internet ein Rezept gegen jedes Wehwehchen ist. Verschiedene Formen und Beispiele der Evangelisierung im Netz und durch das Netz wecken Zweifel. Etwa die Frage nach den Absichten einiger derer, die sich als Internetseelsorger aufspielen – auch hier fehlt es nicht an billiger Effekthascherei, eitlem Starkult und gefährlicher Sektiererei. Und in dem offenen, fast grenzenlos pluralistischen Internet gibt es schließlich keinerlei imprimatur. Die Glaubenskongregation ist ratlos … Noch wesentlicher scheint folgende Frage zu sein: Wie kann man die im Internet an Jesus und am Evangelium interessierten jungen Leute aus dem virtuellen Raum in die Kirche außerhalb der Netzwelt bringen? Denn nur dort haben sie schließlich Zugang zu den Sakramenten!

Dies zeigen auch andere Beispiele: Auf dem großen Rockfestival „Przystanek Woodstock“ (Haltestelle Woodstock), das 2004 nach Kostrzyn (Küstrin) an der Oder direkt an der deutschen Grenze verlegt wurde, organisieren Missionare einen „Przystanek Jezus“ (Haltestelle Jesus) und fischen sehr erfolgreich nach verirrten jugendlichen Seelen. Das Problem beginnt meist dann, wenn die frisch Bekehrten nach Hause kommen und sich im zuweilen grauen und monotonen Gemeindeleben zurechtfinden müssen. Hier kommt mir eine Geschichte in den Sinn. Der Ende letzten Jahres verstorbene Dominikaner und legendäre Seelsorger Jan Góra warnte, als er noch zu kommunistischen Zeiten die Liturgie begann, die in den Bänken sitzenden Greisinnen: „Das ist eine Messe für Jugendliche! Sie könnten den Glauben verlieren!“

Denn Jugendseelsorge ist nur etwas für Leute, die kein Risiko scheuen. Das Risiko, das darin besteht, nach neuer Sprache und neuen Formen zu suchen, aber auch darin, mit unbequemen Fragen konfrontiert zu werden. Hier führen kirchlicher Newspeak, seichte Frömmigkeit und rituelle Religiosität nicht weiter. Das Problem ist nicht neu. In den 1950er Jahren verstanden nicht alle Pfarrer, warum zum Kuckuck ihr junger Kollege Karol Wojtyła mit Studenten in die Berge an einen See fährt, um auf einem umgekippten Kajak die Heilige Messe zu lesen. Am schlimmsten ist es, wenn die Kirche keine Emotionen – auch negative – mehr hervorruft und junge Leute total gleichgültig lässt. Wie Kardinal Carlo Maria Martini in der Einführung zu seinem Buch „Jerusalemer Nachtgespräche“ schreibt: „Am wichtigsten sind die von den Jungen gestellten Fragen. Sind sie heute überhaupt noch daran interessiert, uns, die Kirche, die Regierenden, das Establishment zu kritisieren? Vielleicht entfernen sie sich schweigend? Ich bin überzeugt: Wo es Konflikte gibt, dort lodert das Feuer und wirkt der Heilige Geist.“

Zweifellos befinden wir uns in Polen an einem weiteren Wendepunkt. Das ist kein plötzlicher Wetterumschlag, sondern eine schleichende Krise. Ich sage es noch einmal: Wenn wir die Jugend verlieren, verlieren wir die Zukunft. Die Ausgangsposition ist noch nicht so schlimm. So betätigen sich zum Beispiel nach recht vagen Schätzungen rund eine Million junge Leute in Polen in diversen katholischen Bewegungen und Gemeinschaften. Selbst wenn wir diese Zahl in Wirklichkeit halbieren müssten, so haben wir es doch mit einem großen Potenzial zu tun. Wenn wir ihnen vertrauen, so werden sie für ihre Gleichaltrigen zu überzeugenden und glaubwürdigen Zeugen des Glaubens werden. Es besteht auch die Hoffnung, dass der Weltjugendtag in Krakau unsere Kirche dazu bringt, die sicheren Mauern der Gotteshäuser zu verlassen und einen großen missionarischen Werbefeldzug zu veranstalten.

Vor uns – dabei meine ich nicht nur die Kirche und nicht nur Polen – liegen gewaltige Herausforderungen. Aggressiver Fundamentalismus und gnadenloser Terrorismus; bewaffnete Konflikte – erstmals seit Jahren so nahe unserer Grenzen (Ukraine); eine Weltwirtschaft, die sich von der Ethik gelöst hat und immer wieder in neue Krisen stürzt, aber auch eine immer schwieriger aufzuhaltende Umweltkatastrophe. Und dazu das in seinen Grundfesten erbebende gemeinsame europäische Haus, das noch vor gut zehn Jahren unzerstörbar schien. Bei alledem haben es die jungen Leute besonders schwer: fehlende Stabilität, zerfallende Familien, hohe Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig wachsenden persönlichen Bestrebungen und Konsumerwartungen. Dazu kommt ein immer größeres Misstrauen gegenüber den Politikern. Es verwundert kaum, dass junge Leute immer häufiger Parteien wählen, die nicht mehr nur gegen das System, sondern gar gegen die Demokratie agitieren.

Werden sie in unserer Kirche Hoffnung, Glauben und Liebe finden? Das ist hier die Frage.

Aus dem Polnischen übersetzt von Peter Oliver Loew.