„Russkij mir“ und der Krieg in der Ukraine

aus OWEP 3/2015  •  von Oleksandr Zabirko

Zusammenfassung

„Russkij mir“ als geopolitische Konzeption vereint eine Reihe verschiedener Strömungen des antiwestlichen, antiliberalen und neoimperialen russischen Denkens. In ihrer jüngsten Manifestation bietet die Idee von „russkij mir“ eine wichtige Legitimationsgrundlage für das militärische Engagement Russlands in der Ostukraine und beeinflusst darüber hinaus das ideologische Klima in der Russischen Föderation.


Dieser Text ist die erweiterte und überarbeitete Fassung des in der Ausgabe Nr. 289 vom 30.01.2015 der „russland-analysen“ (http://www.laender-analysen.de/russland/) erschienenen Beitrags „‘Russkij Mir‘. Literarische Genealogie eines folgenreichen Konzepts“.

Oleksandr Zabirko ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Slavisch-Baltischen Seminar der Universität Münster.

Ein Blick auf die Semantik

Der Begriff „russkij mir“ (deutsch: „russische Welt“) entstammt der imperialen Ideologie des 19. Jahrhunderts und hat sich im Laufe der Zeit von einer poetischen Metapher zu einem ideologischen (wenngleich sehr ambivalenten) Konzept entwickelt. Vor allem im Kontext des andauernden russisch-ukrainischen Konflikts erfreut sich „russkij mir“ einer besonderen Konjunktur: In der Präambel der Verfassung der „Volksrepublik Donezk“ wird dieser Begriff gleich viermal erwähnt und fungiert dort zugleich als historische Grundlage, Zukunftsideal und gemeinschaftsbildendes Prinzip der „jungen Volksrepublik“. Die Verfassung verkündet die „Schaffung eines souveränen und unabhängigen Staates, der auf die Restauration eines einheitlichen kulturellen und zivilisatorischen Raums der Russischen Welt ausgerichtet ist“. Was ist aber mit der „Russischen Welt“ hier konkret gemeint? Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch kann „russkij mir“ sich sowohl auf die Welt russischsprachiger Menschen beziehen als auch auf die Welt jener, die ein spezifisches, „russisches“ Geschichtsbewusstsein teilen oder zu den Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche gehören; oft kann die Zugehörigkeit zu „russkij mir“ schlicht die Unterstützung für den heutigen russischen Staat und seine Politik bedeuten.

Der „nationale Körper“ im sakralen Raum

Ein wichtiges Spezifikum von „russkij mir“, das ihn von anderen postimperialen Konstrukten wie „Frankophonie“ oder „British Commonwealth“ unterscheidet, ist die Rolle der Kirche und der Religion bei Entstehung und Propagierung dieses Konzeptes. Der russische Raum bzw. der Raum von „russkij mir“ ist in den meisten seiner Manifestationen vor allem ein sakraler, christlicher Raum oder im engeren Sinne ein Raum russischer Orthodoxie. Die sakrale Komponente war über Jahrhunderte ein Element der russischen Nationsbildung. Der sakrale Charakter des russischen Raums erschwerte indes seine klare topografische Verortung – das Verständnis vom entgrenzten, transzendenten Russland machte sein Verhältnis zu den jeweiligen Staatsgrenzen immer problematisch.

Wie in den meisten anderen Ländern des Kontinents war die russische Nationsbildung eine Reaktion auf die gesamteuropäische Herrschaftskrise nach der Aufklärung, als die Herrschaft nicht mehr durch das allgemeine Wohl als oberstes Ziel eines aufgeklärten Monarchen legitimiert werden konnte, sondern durch die Kompatibilität der Herrschaft mit einem „Volksgeist“ der Regierten begründet werden musste. Im Rahmen dieses neuartigen Legitimationsmodells gehört die Souveränität nicht dem Herrscher allein, sondern einem personifizierten nationalen Körper (einem corps politique im Sinne von Rousseau), der über einen unverwechselbaren „Nationalcharakter“ verfügt und die verschiedenen sozialen Schichten buchstäblich „inkorporiert“.Die Herausforderung, die für die russischen Intellektuellen Anfang des 19. Jahrhunderts immer deutlicher wurde, bestand nicht nur in der Konstruktion eines solchen nationalen Körpers (etwa nach französischem Muster), sondern auch in der Notwendigkeit, innerhalb dieser Konstruktion den Platz für die eigene elitäre, stark europäisierte Kultur zu finden. Die zu entwerfende nationale Struktur musste sowohl alle sozialen Gruppen umfassen als auch die bestehenden sozialen Hierarchien aufrechterhalten. Von besonderer Relevanz waren in dieser Hinsicht die Schriften von Nikolaj Karamsin.

Für die Nachwelt bleibt Karamsin der Autor zweier sehr unterschiedlicher Werke, die jedoch beide auf verschiedene Weise zum „Imaginieren“ einer russischen Nation beigetragen haben. In seiner monumentalen „Geschichte des Russischen Staates“ rechtfertigt Karamsin die Selbstherrschaft des Zaren (russisch: „samodershawije“) auf für damalige Zeit neue Art und Weise, indem er sie zum Ausdruck des russischen Volksgeistes erklärt. Im Rahmen dieser Metapher erhält „samodershawije“ einen symbolischen Charakter und fungiert fortan nicht nur als konkrete Herrschaftsform, sondern als einigendes Kollektivsymbol. Das andere – wohl nicht weniger bedeutende – Werk von Karamsin ist die recht kurze sentimentale Novelle „Die arme Lisa“ über die tragische Liebe eines Bauernmädchens zu einem jungen Adligen. Neben der in diesem Werk literarisch inszenierten emotionalen Annäherung der sozialen Klassen beschwört dieser Text mit vielen christlichen Motiven eine neue Art der Religiosität: Die Handlung der Novelle spielt im Moskauer Simonow-Kloster, das zum Treffpunkt der Geliebten wird.

Die Liebe zum christlichen Glauben und die Treue gegenüber dem Monarchen sollten somit das einfache Volk und die Elite verbinden. Anders als in Frankreich, wo die Entstehung des „nationalen Körpers“ das Ancien Régime zu Fall gebracht hat, hat der russische „sentimentale Nationalismus“ in dieser Konfiguration seine funktionale Aufgabe bereits erfüllt: Das russische Pendant zu Liberté, Égalité, Fraternité wurde schließlich von Sergej Uwarow, einem Schüler Karamsins formuliert und lautete: Prawoslawije, Samodershawije, Narodnost – zu Deutsch: „(christliche) Orthodoxie, Zarenherrschaft, Volksverbundenheit“.

Die heilige Rus und der „russische Gott“

Die Etablierung der neu entworfenen russischen Gemeinschaftskonzeption wurde in den Kreisen der russischen Elite allerdings nicht direkt aufgenommen, sondern mittels Reflexion über religiöse Topoi – die „heilige Rus“ und den „russischen Gott“ –, die sich in der Folklore entwickelten und später von den imperialen und nationalen Diskursen vereinnahmt wurden. Das Schwanken zwischen Ablehnung und Akzeptanz dieser Topoi lässt sich am Besten anhand der Schriften von Pjotr Wjasemskij illustrieren, der zweifelsohne zu den bedeutendsten Vertretern der russischen „literarischen Aristokratie“ des 19. Jahrhunderts gehörte. 1828 veröffentlichte Wjasemskij ein Gedicht mit dem Titel „Der russische Gott“ – eine bissige Satire auf die Versuche, diesen Topos für die Zwecke der Nationsbildung zu instrumentalisieren. Der russische Gott ist für Wjasemskij ein Gott der schlechten Straßen, der Kälte und des Hungers, der bitteren Armut und des zügellosen Reichtums, ein Gott der heruntergewirtschafteten Landgüter, schließlich ein Gott der ausländischen Abenteurer und hier in erster Linie ein Gott, der die Deutschen bevorzugt.

Genau zwanzig Jahre später jedoch blickt derselbe aufgeklärte russische Intellektuelle mit blankem Entsetzen auf das vom revolutionären Wirbel erfasste Europa und formuliert seine Gedanken in dem Gedicht „Die heilige Rus“, in dem er für eine maximale Distanz Russlands zu Europa plädiert und die Symbole auflistet, die Russland vor verderblichen europäischen Einflüssen beschützen sollen: der orthodoxe Glaube, die allgemeine Liebe zum Zaren und schließlich (ein Novum!) die russische Geschichte und Sprache. Zusammen ergeben sie sein Bild der „heiligen Rus“, das europäischer Gesetzlosigkeit, Irrlehren und falsch verstandener Freiheit gegenübergestellt wird.

Das Gedicht von Wjasemskij war aber zugleich eine poetische Replik auf das Zarenmanifest „Über die Vorkommnisse im westlichen Europa“ vom 14. März 1848, sodass die zentralen rhetorischen Argumente hier bereits vom Staat vorgegeben wurden, und zwar: 1.) Religion als Vermächtnis der Vorfahren, 2.) dass Russlands Feinde überall seien, und schließlich 3.) die Behauptung, dass die Verteidigung Russlands überall und nicht nur an seinen Grenzen erfolgen solle. Die wichtige Ergänzung, die sich der Dichter Wjasemskij erlaubt, ist vor allem die Aufwertung der Sprache, die einerseits alle Russen als „Brüder einer Familie“ auffassen lässt, andererseits aber zu einem Medium erhoben wird, über das der russische Mensch mit Gott kommuniziert.

Die eher unerwarteten Folgen einer solchen Instrumentalisierung der Sprache kamen ausgerechnet bei Iwan Turgenjew, einem beinahe idealtypischen russischen „Westler“, zum Ausdruck. In einem seiner Prosagedichte (das sowohl zur Sowjetzeit als auch heute zum Schulkanon gehört) nennt er die zentralen Attribute der russischen Sprache – Wahrhaftigkeit, Macht, Größe und Freiheit – wodurch die Sprache nicht nur zum nationalen Symbol wird, sondern vor allem zu einem Medium, mit dem der ganzen Welt Wahrheiten verkündet werden können. Dieser Gedanke wird von Dostojewskij später im „Tagebuch eines Schriftstellers“ ausführlich formuliert, wobei dieser die Mission Russlands darin sieht, mit den „russischen Worten der Wahrheit die tragischen Missverständnisse der west-europäischen Zivilisation zu korrigieren“. Neben dem Versuch, sich rhetorisch von Europa abzugrenzen, kann das Konzept „russkij mir“ heute ganz im Sinne Dostojewskijs als ein Kampfbegriff in einem Ringen nicht gegen, sondern gerade um die europäische Identität instrumentalisiert werden. So sieht der russische regierungsnahe Politologe Boris Meshujew die zivilisatorische Mission von „russkij mir“ heute gerade darin, den europäischen Kontinent von dem „geistigen Diktat“ der USA zu befreien und die Stellung der angeblich in Vergessenheit geratenen Begriffe „Vaterland, Gott und Familie“ wieder aufzuwerten.

Für das 19. Jahrhundert lässt sich festhalten, dass die Formeln von der „heiligen Rus“ und dem „russischen Gott“ sich in der Literatur zu einer Art von Gemeinplätzen entwickeln und den Verzicht auf eine rationale Auseinandersetzung mit den Eckpunkten russischer Raum- und Gemeinschaftsordnung signalisieren – eine Geisteshaltung, die wohl am deutlichsten in den berühmten Zeilen des Dichters Iwan Tjutschew artikuliert wurde: „Verstehen kann man Russland nicht …, an Russland kann man nur glauben.“

Eurasismus als Rettungsideologie des Imperiums

Der Fall der Monarchie und der nachfolgende Machtantritt der bolschewistischen Partei bedeuteten zunächst einen radikalen Bruch mit der bestehenden Tradition der Gemeinschafts- und Raumwahrnehmungen. Doch wurden bereits in den 1930er Jahren die alten Paradigma wieder aufgegriffen und radikal umgedeutet. Die UdSSR verstand sich zunehmend nicht nur als Träger der Revolutionsidee, sondern auch als Weltmacht, und sie entwickelte einen wahrlich globalen „Welt“-Begriff. Man denke hier nur an den Globus auf dem Wappen der Sowjetunion, während die erste Strophe der sowjetischen Hymne einen Bezug zur Rus enthält: „Die Große Rus hat auf ewig die unzerbrechliche Union der freien Republiken vereint.“

Ein grundsätzlich anderes Verständnis von „russkij mir“ entwickelte sich im Rahmen der so genannten „eurasischen Ideologie“. Von russischen Exilautoren Anfang der 1920er-Jahre erstmals formuliert, avancierte der Eurasismus in der Zwischenkriegszeit schnell zur wichtigsten Denkströmung in der russischen Diaspora. Die Eurasier schufen in der russischen Kulturphilosophie Begriffe wie „slawische Welt“ oder „romano-germanische Welt“, wo „Welt“ zumeist mit „Kultur“ oder „Zivilisation“ gleichgesetzt wird. Bereits in den frühen Schriften der Eurasier erfolgte eine Konzeptualisierung von Russland/Eurasien als „besondere Welt“.

Die weltanschauliche Doktrin des Eurasismus basierte auf der Prämisse, dass es einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur Russlands und der „germano-romanischen“ Kultur Westeuropas gibt. Das Herzstück der Ideologie der Eurasier war die Bewahrung der Einheit eines nicht selten metaphysisch bzw. ideell verstandenen russischen Staates. Dieser Staat, so die Eurasier, könne unterschiedliche politische und ideologische Ausdrucksformen annehmen und somit etwa in Gestalt des Zarenreiches, der UdSSR oder eines utopischen Eurasischen Völkerbundes realisiert werden.

Renaissance des Sonderwegs: Zwischen Utopie und Staatsideologie

Eine Konzeption, die auch im Titel die Wortbildung „russkij mir“ enthält, wurde erstmals von Pjotr Schtschedrowizkij, einem „Polittechnologen“ und Mitarbeiter verschiedener kremlnaher Think-Tanks, im Jahre 2000 formuliert. In seiner Publikation „Russkij mir und das Transnationale Russische“ („Russkij mir i Transnazionalnoje russkoje“) definiert er „russkij mir“ als ein Netzwerk größerer und kleinerer Gemeinschaften, deren konstitutives Element die russische Sprache ist. In dieser Konstellation verliert die Idee von „russkij mir“ ihre Bindung an die Grenzen der Russischen Föderation oder an die russische Ethnie. Sie ist vielmehr eine hypothetische Strategie, die über die Einbindung der russischsprachigen Diaspora dem russischen Staat den Zugang zu den globalen ökonomischen und finanziellen Ressourcen ermöglichen sollte.

Ab Mitte der 2000er Jahre wurde der Diskurs um „russkij mir“ allmählich „verstaatlicht“ und verteilte sich unter anderem auf den Bereich des Moskauer Patriarchats und der 2007 gegründeten Stiftung „Russkij Mir“ (die sich vor allem mit Kultur- und Sprachförderung beschäftigt).

In der jüngsten Rhetorik des russischen Staates werden die Diskurse von Eurasismus und „russkij mir“ immer klarer voneinander abgegrenzt. Während „russkij mir“ sich allmählich zu einer bio-politischen Doktrin entwickelt, die auf den Schutz der imaginären, transterritorialen Gemeinschaft der Russischsprechenden zielt, wird Eurasismus zunehmend mit der Schaffung der so genannten Eurasischen Union (von Russland, Belarus und Kasachstan) in Verbindung gebracht und befasst sich stärker mit den politischen Prozessen als mit Identitätsdiskursen.

„Russkij mir“ und der neue russische Patriotismus

Der Krieg in der Ukraine markierte für die Idee von „russkij mir“ den Übergang von einer diskursiven Imperiums- und Nationsbildung hinein in den Bereich politischer Programmatik. Als Dachbegriff für verschiedene religiös verbrämte großrussische Ideale liefert das Konzept von „russkij mir“ nun den prorussischen Kämpfern in der Ostukraine eine wichtige Legitimationsgrundlage.

Mit der Intervention auf der Krim und später im ostukrainischen Donbass hat Russland nicht nur die Identität der Ukraine als einer Nation in Frage gestellt; es hat zugleich alternative Identitäten angeboten. Es ist nicht überraschend, dass das rhetorische Arsenal und die neuen Kollektivsymbole aus dem Umfeld der russischen Staatsführung stammen und besonders massiv nach der Krim-Annexion in Umlauf gesetzt wurden. In seiner Rede vom 18. März 2014 bezeichnete Präsident Putin die Russen als „geteiltes Volk“ und öffnete damit die Pandora-Büchse des ethnischen Irredentismus. Zugleich führt Putin den geohistorischen Begriff „Noworossiya“ (d. h. „Neurussland“) ins Feld, der einige Regionen der Ukraine zur historisch angestammten Provinz Russlands macht. „Neurussland“ wird damit zur Parole eines Kampfes um neue politische Realitäten – ja, zur militärischen Ermächtigung.

Der neue russische Irredentismus manifestiert die Krise der russischen Selbstwahrnehmung und macht deutlich, dass die heutige Ukraine-Krise nicht zuletzt auch eine Russland-Krise ist. Denn anders als in vielen anderen post-imperialen Staaten, wo es absolut normal ist, Plural-Wörter wie „English-speaking countries“ oder „deutschsprachige Länder“ zu verwenden, konnte sich in Russland ein in dieser Weise manifestiertes post-imperiales Verständnis der russischen Sprache und Kultur nur sehr begrenzt entwickeln. In den offiziellen Dokumenten der Russischen Föderation wird die russischsprachige Bevölkerung in anderen Staaten unter dem Begriff „Landsleute im Ausland“ zusammengefasst, ungeachtet der Tatsache, dass diese „Landsleute“ andere Staatsbürgerschaften haben.

Die irredentistische Haltung ist bisher zwar nicht zu einer offiziellen Ideologie des russischen Staates aufgestiegen, ist aber seit Langem im geistigen und intellektuellen Leben Russlands sichtbar. Exemplarisch dafür stehen die Werke von Zachar Prilepin – eines der Shooting-Stars der gegenwärtigen russischen Prosa. Sein Roman „Sankya“, der lange die russischen Bestseller-Listen beherrschte, ist ein offenes Bekenntnis zum politischen Radikalismus. Der Protagonist des Romans, ein junger Mann namens Sascha Tischin, ist ein Mitglied einer Untergrundbewegung, die ihn eines Tages nach Lettland schickt, um dort Vergeltungsaktionen gegen die Unterdrückung der russischen Minderheit zu organisieren. Später kehrt er nach Russland zurück und wird dort zum Anführer einer blutigen Revolte mit ungewissem Ausgang. Die Wahl Lettlands als eines symbolischen „Zünders“ für die bevorstehende russische Revolution ist aus mehreren Gründen bedeutsam. Während die erträumte nationale Renaissance Russlands sich nur zögerlich entfalten kann, wird das nationale „Wir“ außerhalb der Landesgrenzen aufgespürt: Die russische Selbst-Rettung beginnt mit der Rettung der eigenen „Landsleute“ im Ausland.

Dieser Gestus lässt sich nun auch im propagandistischen Umgang mit der ostukrainischen Bevölkerung erkennen: Diese Bevölkerung ist kein Subjekt, sondern ein Objekt imperialer Sorge. Auch Neurussland ist in diesem Diskurs nur ein „archimedischer Punkt“, der vor allem die tiefgreifenden politischen Veränderungen im russischen „Stammland“ ermöglichen soll. Der Krieg in der Ukraine hat jedoch die fundamentalen Schwächen von „russkij mir“ als einer transnationalen Schicksalsgemeinschaft offenbart. Angesichts der separatistischen Bestrebungen und der drohenden russischen Invasion ist in den Städten und Regionen „Neurusslands“ eine Wiederentdeckung oder gar Neuerfindung eines ukrainischen Bürgersinns eingetreten, der sich auf unterschiedliche Art und Weise artikuliert. Die politische Loyalität und die Bereitschaft, den ukrainischen Staat zu verteidigen, haben die Fragen der kulturellen, sprachlichen oder konfessionellen Präferenzen als belanglos erscheinen lassen. Auf den beiden Seiten der Front stehen nun Menschen gegeneinander, die großenteils dieselbe (russische) Sprache sprechen und vor denselben (russischen) Ikonen beten. Gerade dort, wo „russkij mir“ sich am schnellsten entfalten sollte, wird er nun vehement abgelehnt.