Polen – Ukraine.

Der Schatten der Geschichte

Die in Warschau lebende Autorin ist Expertin für ukrainische Geschichte und besonders für die polnisch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Sie edierte einen Band von Briefen des Vorkämpfers der polnisch-ukrainischen Aussöhnung „Jerzy Giedroyc – Die ukrainische Emigration. Briefe 1950-1982“ in polnischer Sprache (Warschau 2004).

Der im vergangenen Jahr erfolgte massenhafte und doch friedliche Protest der Ukrainer gegen die grobe Verfälschung der Präsidentenwahlen bewirkte, dass die Ukraine – erstmals in diesem Ausmaß – ins Zentrum der internationalen öffentlichen Meinung rückte. Die weltweite öffentliche Meinung verfolgte zuerst ungläubig, bei fortschreitender Entwicklung der Ereignisse mit immer größerer Begeisterung das Ringen der Ukrainer. Wenngleich diese Reaktion recht allgemein verbreitet war, so steht doch außer Zweifel, dass Polen jenes Land war, in dem die „orangefarbene Revolution“ die größte Solidaritätswelle auslöste. In Dutzenden polnischen Städten nahmen Tausende Menschen an Solidaritätsbekundungen mit der ukrainischen Demokratie teil. In großen Universitätszentren (u.a. Warschau, Krakau, Lublin, Wrocław/Breslau) fanden diese Aktionen für ehrliche Wahlen am Dnjepr täglich statt. Polnische Beobachter waren schon beim ersten Wahlgang dabei, beim zweiten wurden sie immer zahlreicher und beim zusätzlichen Wahlgang stellten sie, obwohl dies auf Weihnachten fiel, die größte, über 3.000 Personen umfassende Gruppe unter den internationalen Beobachtern. Radikal wuchs die Sympathie für die ukrainischen Nachbarn, bei der Altersgruppe von 25 bis 35 Jahren erreichte sie fast 50 Prozent. Über 80 Prozent der Polen meinten, eine dauerhafte polnisch-ukrainische Versöhnung sei möglich.

So wie die Ereignisse am Dnjepr nicht vorhersehbar waren, sowenig konnte man an der Weichsel mit einer so breiten und spontanen Reaktion auf diese Ereignisse rechnen. Zumal es knapp ein Jahr vor der „orangefarbenen Revolution“, als die offiziellen Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der antipolnischen Aktion der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) in Wolynien, Podolien und Galizien stattfanden (in ihr starben etwa 100.000 Polen), so ausgesehen hatte, als ob die Beziehungen zwischen Polen und Ukrainern in einer Sackgasse steckten. Die „orangefarbene Revolution“ setzte die historischen Ressentiments nicht so sehr außer Kraft, sie schob sie vielmehr wirksam an den Rand der wechselseitigen Beziehungen. Die entschiedene Mehrheit der polnischen Gesellschaft hätte im Herbst vorigen Jahres den von Bronisław Komorowski (einem Politiker der PO/Liberale Bürgerplattform) geäußerten Satz unterschreiben können: „Erst müssen die Ukrainer die Demokratie verteidigen, erst später kommt die Zeit für Realpolitik“, darunter auch für die Diskussion über historische Geschehnisse. Zweifellos auch werden diese historischen Geschehnisse um so mehr an Bedeutung gewinnen, als die „orangefarbene Revolution“ selbst immer mehr in die Vergangenheit entrückt.

Geschichte mit Tabus

Die Geschichte Polens und der Ukraine ist eng miteinander verknüpft: durch Nachbarschaft, in der Vergangenheit durch gemeinsame Staatlichkeit, aber auch durch den gemeinsamen Verbleib im Rahmen anderer staatlicher Organismen (die Zeit nach den polnischen Teilungen). Aus diesem reichen Erbe legen sich die mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verbundenen Ereignisse beider Völker wie ein Schatten auf die heutigen polnisch-ukrainischen Beziehungen. Ereignisse, die insonderheit mit Versuchen zum Aufbau eigener Staatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg, mit tragischen Geschehnissen in Wolynien, Podolien und Ostgalizien in den Jahren des Zweiten Weltkriegs sowie mit den Zwangsumsiedlungen in der Nachkriegszeit verbunden sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass bei anderen Abschnitten der polnisch-ukrainischen Geschichte zwischen Polen und Ukrainern volle Übereinstimmung in ihrer Bewertung herrscht, dennoch sind die Unterschiede im Blick auf sie nur natürlich. Sie resultieren ganz einfach aus der unterschiedlichen nationalen Optik, und sie haben nicht einen solch explosiven Charakter wie die oben angeführten. Die Emotionen im Zusammenhang mit den Ereignissen der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts sind in bedeutendem Maß ein Ergebnis der kommunistischen Vergangenheit, genauer gesagt des Tabus, mit dem der kommunistische Staatsapparat manche Kapitel der polnischen und ukrainischen Geschichte belegte. Im Fall der Ukraine wurden aus dem erzieherischen, wissenschaftlichen, propagandistischen Bereich und aus der öffentlichen Debatte alle Hinweise auf ukrainische nationale Befreiungskämpfe entfernt. Jeder solcher Hinweis hätte nämlich die „Rechtmäßigkeit“ der Sowjetmacht in der Ukraine in Frage gestellt oder jedenfalls geschwächt. Im Fall Polens ging es darum, die historische Erinnerung der Polen an die Nachkriegsgrenzen des polnischen Staates „anzupassen“ und die „militärischen Allianzen nicht zu untergraben“. Dieses Prinzip wurde bis zur Absurdität getrieben, z. B. wurde nach dem Krieg in den Personalpapieren der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in Ostgalizien oder Wolynien geborenen Polen als Geburtsort „Sowjetunion“ eingetragen (obwohl ein Staat solchen Namens erst 1922 entstand!). So waren im gesamten halben Nachkriegsjahrhundert die historischen polnisch-ukrainischen Konflikte und die „öffentliche“ Erinnerung an sie eingefroren. Was Wunder, dass die alten Streitigkeiten mit neuer Kraft zurückkehrten, als beide Länder Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre ihre Unabhängigkeit wiedergewannen und die Beschränkungen der Meinungsfreiheit verschwanden.

Der Friedhofsstreit von Lemberg

Am längsten dauert der Streit um den so genannten „Friedhof der Jungen Adler“ in Lwów/Lwiw/Lemberg. Die Geschichte dieses Friedhofs ist mit dem polnisch-ukrainischen Krieg verknüpft, der vor Beendigung des Ersten Weltkriegs ausbrach. Polen und Ukrainer, die in Ostgalizien wohnten, betrachteten ihre engere Heimat als unveräußerlichen Teil ihrer künftigen staatlichen Organismen. In der entstandenen Situation war kein Kompromiss möglich, und am 1. November 1918 brachen die Kämpfe um Lemberg aus, die sich zu regulären Kriegshandlungen ausweiteten. Anfangs hatten die Ukrainer das Übergewicht, aber bald neigte sich, besonders als Verstärkungen aus Zentralpolen die Stadt erreichten, die Schale des Sieges auf die polnische Seite. Im Juli 1919 hörte die westukrainische Staatlichkeit (die West-Ukrainische Volksrepublik) de facto auf zu existieren. Für die galizischen Ukrainer wurde die kurze Zeit dieses eigenen Staates zu einem wichtigen Bezugspunkt für ihre weiteren staatsbildenden Bemühungen. In die polnische Legendenwelt aber gingen die „Jungen Lemberger Adler“ ein – die Kinder und Jugendlichen, die als erste den Kampf gegen die damals in Lemberg übermächtigen ukrainischen Kräfte aufnahmen. Die polnischen Opfer des polnisch-ukrainischen und des polnisch-bolschewistischen Krieges von 1920 wurden auf einem gesondert angelegten „Friedhof der Jungen Adler“ (neben dem Lytschakiw-Friedhof; poln.: Łyczaków) bestattet. Nach dem Plan seiner Schöpfer sollte der Friedhof ein Denkmal des Ruhmes sein, eine Bestätigung der „ewigen, mit Blut erkauften Rechte Polens“ auf die Gebiete Ostgaliziens; die Ukrainer, die im Krieg gegen die Polen fielen, wurden hauptsächlich auf dem Janiw-Friedhof (poln.: Janów) beigesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel der „Friedhof der Jungen Adler“ langsam zur Ruine, und am 25. August 1971 fuhren Panzer auf dieses Gelände, die den Friedhof dem Erdboden gleichmachten (ein ähnliches Schicksal traf ukrainische Militärquartiere auf dem Janiw-Friedhof). Aber selbst den Panzern gelang es nicht, alle architektonischen Elemente zu zerstören. Elemente des Säulengangs und die (in einen Steinmetzbetrieb umgewandelten) Katakomben überlebten den Akt des Vandalismus, aber das Friedhofsgelände diente als Müllhalde. Auf Initiative der polnischen Firma Energopol, die Geschäfte in der Ukraine betrieb, begannen die ersten Aufräumungsarbeiten vor dem Zerfall der Sowjetunion. Mit dem Entstehen einer unabhängigen Ukraine wurde die Frage eines teilweisen Wiederaufbaus dieses Friedhofs zum Gegenstand zwischenstaatlicher Vereinbarungen, aber auch zu einer Funktion des laufenden politischen Lebens in der Ukraine. Trotz der sich regelmäßig wiederholenden Krisen um die Frage des „Friedhofs der Jungen Adler“ wurde er, soweit möglich, wieder hergerichtet. Um die Frage endgültig abzuschließen, blieb nur noch die Abstimmung über einige symbolische Details übrig (vor allem der Wortlaut auf der Grabplatte des Unbekannten Soldaten). Beim letzten Polenbesuch kündigte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko an, die Angelegenheit des Friedhofs werde bis Juni 2005 gelöst.

Der Streit um den polnischen Friedhof resultiert nicht aus Unterschieden in der Beurteilung des polnisch-ukrainischen Krieges 1918 (ein polnischer Historiker schrieb sogar, wenige Niederlagen hätten die Polen soviel gekostet wie jener gewonnene Krieg), sondern eher aus ukrainischen Befürchtungen über eine mögliche symbolische Bedeutung dieses Ortes in der heutigen Zeit. Ein gewisser Teil der ukrainischen Bevölkerung meint nämlich, der Friedhof sei ein „Pantheon des Ruhms der polnischen Waffen“, das für die Ukrainer eine beschämende Erinnerung an ihre nationale Niederlage darstelle. Die schärfsten ukrainischen Gegner einer Wiederherstellung des Friedhofs glauben sogar, er sei das Zeichen für einen polnischen Grenzrevisionismus. Da die Polen sich in ihrer Masse längst mit den Nachkriegsgrenzen abgefunden haben und vom polnisch-ukrainischen Krieg nichts oder sehr wenig wissen (wenngleich dies erstaunlich ist, denn die Frage des polnischen Ehrenfriedhofs in Lemberg lebt in den polnischen Medien unabhängig vom historischen Kontext), ist es unerhört schwierig, ihnen die Befürchtungen zu erklären, die ein Teil der heutigen ukrainischen Bewohner dieser Stadt hegt. Zusätzlich wird die Sache durch die Tatsache kompliziert, dass die Erinnerung an die west-ukrainische Staatlichkeit im heutigen ukrainischen Staat hauptsächlich eine lokale Erinnerung ist, die sich auf das Territorium Galiziens beschränkt.

Was die Befürchtungen im Zusammenhang mit polnischen Absichten in der Frage des „Friedhofs der Jungen Adler“ betrifft, so hat die Unterstützung Polens für die demokratischen Veränderungen in der Ukraine bewirkt, dass immer mehr Ukrainer im heutigen Lemberg ihr früheres Misstrauen aufgeben, denn – so schrieb es der Lemberger Publizist Askolt Jeromin: „Durch Unterstützung der orangefarbenen Revolution unterstützten die Polen die Ukraine. Durch Unterstützung der Ukraine bestätigten die Polen die Wahrheit, dass – wie sehr auch immer sie Lemberg liebten, welch wichtigen Platz in ihren Herzen und Seelen diese Stadt auch einnahm – Lemberg für immer ukrainisch bleibt. Selbst wenn der Friedhof der Jungen Adler zum ‚Pantheon des Ruhms der polnischen Waffen‘ würde, so wird dies das ukrainische Lemberg in keiner Weise gefährden.“1

Der blutige Konflikt in Wolynien

Während wir es beim Streit um den „Friedhof der Jungen Adler“ nicht so sehr mit einem echten Konflikt zweier nationaler Erinnerungen als vielmehr mit Befürchtungen zu tun haben, die sich aus einer Überempfindlichkeit als Konsequenz aus der Kurzlebigkeit der staatlichen Existenz der Ukraine ergeben, liegt im Fall der blutigen Ereignisse der Jahre 1943-1944 in Wolynien, Podolien und Ostgalizien ein solcher Konflikt ganz sicher vor. 1943 begann die ukrainische Partisanenbewegung – die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) – eine massenhafte antipolnische Aktion. Im Ergebnis starben nach Schätzungen polnischer Historiker etwa 100.000 Polen, manchmal auf sehr grausame Weise. Hunderte von Polen bewohnte Dörfer Wolyniens verschwanden von der Erdoberfläche, und die meisten Opfer fanden kein eigenes Grab. Praktisch wurden bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts alle wissenschaftlichen Untersuchungen darüber unmöglich gemacht. Das wolynische Gemetzel – wie die antipolnische Aktion der UPA in der polnischen Literatur oft genannt wird – blieb auch außerhalb der öffentlichen Debatte (dafür konnte man – und das war gewissermaßen ein Ersatz für das wolynische Blutbad – über den polnisch-ukrainischen Konflikt der Jahre 1944-1947 sprechen, der im Bereich des heutigen Polens tobte und der nicht so blutig verlief wie die Vorfälle in der Ukraine, zumal die Zahl seiner Opfer auf polnischer und ukrainischer Seite vergleichbar war). Dennoch blieb die Erinnerung an die wolynische Tragödie im Familiengedächtnis erhalten. In dem Moment, wo politische und Zensurbeschränkungen verschwanden, mahnten die Familien der wolynischen Opfer die Erinnerung für ihre Angehörigen an. Für die meisten Wolynien-Polen (und für einen recht großen Teil der polnischen Bevölkerung) ist die Ukrainische Aufständische Armee eine verbrecherische Formation. Von Ukrainern wird diese UPA grundsätzlich anders gesehen. Zwar haben die ehemaligen UPA-Soldaten in der Ukraine keine Kombattanten-Sonderrechte (dem widersetzt sich der Osten und das Zentrum des Landes, hauptsächlich wegen der Nachkriegskämpfe dieser Formation gegen die Rote Armee und gegen den NKWD), doch im Westen der Ukraine werden sie als Helden gesehen, die zuerst gegen die deutschen Okkupanten und dann gegen überlegene Sowjetkräfte kämpften. Noch bis vor kurzem tauchte der polnische Bezug in ukrainischen Veröffentlichungen über die UPA fast überhaupt nicht auf. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass polnische Bemühungen zur Würdigung der Opfer der antipolnischen UPA-Aktion und besonders die offiziellen Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der wolynischen Tragödie im Jahre 2003 in der Ukraine heftige Emotionen auslösten. Die damaligen ukrainischen Behörden, die sich mit den Feiern im Bereich ihres Staates einverstanden erklärt hatten, wurden von einem bedeutenden Teil der ukrainischen öffentlichen Meinung heftig kritisiert.

In der Masse ukrainischer Äußerungen, die die Erscheinungen des polnischen Erinnerns an die von der UPA im Zweiten Weltkrieg ermordeten Polen scharf ablehnten, gab es auch ungewöhnlich mutige Stimmen, die die ukrainischen Landsleute zur Gewissenserforschung über die dunkle Seite in der UPA-Geschichte aufriefen. Ein sehr wichtiges Element dieser Äußerungen war die Tatsache, dass deren Autoren (Jaroslaw Hrytsak, Myroslaw Popowytsch, Bohdan Olekseyuk) sich nicht vom ganzen UPA-Erbe distanzierten, sondern zu dessen Prüfung aufriefen. Sie erkannten deren Rolle im Freiheitsstreben der Ukrainer an, meinten aber, gleichzeitig sei eine eindeutige Verurteilung der von ihnen verübten Kriegsverbrechen notwendig.

Zwangsumsiedlung der Ukrainer in Polen

Die für die Ukrainer in den polnisch-ukrainischen Beziehungen zweifellos traumatischste Erfahrung des 20. Jahrhunderts waren die polnisch-ukrainischen Kämpfe der Jahre 1944-1947 auf dem Gebiet des heutigen Polens (bei denen auch polnische Militäreinheiten Kriegsverbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung verübten) sowie die Massenumsiedlungen von Ukrainern aus Südost-Polen; insbesondere die so genannte Aktion „Wisła“ (Weichsel) des Jahres 1947, bei der die (nach den früheren Umsiedlungen in die UdSSR) noch in Südost-Polen verbliebenen Ukrainer zwangsweise in Gebiete Nordwest-Polens umgesiedelt wurden. Die umgesiedelte Bevölkerung wurde weit zerstreut und dem Polonisierungsdruck ausgesetzt. Fast 4.000 (häufig ohne Grund) der Zusammenarbeit mit der UPA verdächtigte Ukrainer wurden im Lager Jaworzno festgesetzt, wo 160 von ihnen auf tragische Weise starben. Die Tragödie der polnischen Ukrainer wurde in dem halben Jahrhundert nach dem Kriege, ähnlich wie die wolynische Tragödie, völlig aus dem öffentlichen Bereich ausgeblendet. Der erste in freien Wahlen entstandene Senat der Republik Polen verurteilte 1990 die Aktion „Wisła“ als Beispiel dafür, wie gegen die ukrainische Bevölkerung das Prinzip der kollektiven Verantwortung angewandt wurde. Trotzdem mussten die Häftlinge des Lagers Jaworzno noch über 10 Jahre auf finanzielle Entschädigungen für die rechtlose Inhaftierung warten. Am schmerzlichsten war es jedoch für die polnischen Ukrainer, dass ihr Drama durch die von einem Teil der polnischen öffentlichen Meinung betriebene ständige Erinnerung an die antipolnische UPA-Aktion in Wolynien, Podolien und Ostgalizien marginalisiert wurde. Auch im allgemeinen ukrainischen Geschichtsbewusstsein war die Erinnerung an die Tragödie der Ukrainer in Polen bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts einfach nicht vorhanden.

Die Ergebnisse des bisherigen polnisch-ukrainischen Geschichtsdialogs kann man mit vorsichtigem Optimismus bewerten. Zwar wird man in manchen Fragen, wie z. B. der antipolnischen UPA-Aktion in Wolynien und – umfassender – des polnisch-ukrainischen Konfliktes in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, auf gemeinsame Festlegungen der polnischen und ukrainischen Historiker noch warten müssen, dennoch kann es wohl nicht anders sein, wenn man bedenkt, dass dieser Dialog in ungezwungener Weise erst etwas über zehn Jahre geführt werden kann (zuvor war ein ähnlicher Dialog – mit begrenztem Erfolg – lediglich im Exil geführt worden, wo die von Jerzy Giedroyc geleitete Pariser polnische Exilzeitschrift „Kultura“ das größte Verdienst daran hatte). Dieser Dialog wird allerdings durch die Tatsache sehr erschwert, dass die Ukraine – im Sinne der historischen Erinnerung – sehr tief in Ost und West gespalten ist, während im offiziellen Gebrauch ständig Muster der vaterländischen Geschichte aus sowjetischen Zeiten dominieren.

Die größte Gefahr für diesen Dialog ist aber die von Zeit zu Zeit auftauchende Versuchung, historische Geschehnisse für politische Zwecke zu nutzen.

Aus dem Polnischen übersetzt von Wolfgang Grycz.


Fußnote:


  1. „Wysokyj Samok“, 27. 04. 2005.