Die russische Kirche und das sich vereinigende Europa: Perspektiven für ein Zusammenwirken

Bischof Hilarion (Alfeyev) ist Bischof der Russischen Orthodoxen Kirche von Wien und Österreich und Repräsentant der Russischen Orthodoxen Kirche bei den Europäischen Institutionen in Brüssel.

I.

Europa ist ein einzigartiges ethno-kulturelles Phänomen: Es existieren hier auf einem verhältnismäßig kleinen Territorium verschiedene Kulturen, deren jede ihren eigenen Charakter, ihre eigene Sprache und ihre eigene Jahrhunderte dauernde Geschichte hat. Im Laufe der Jahrhunderte war Europa durch Widersprüche zerrissen, die nicht selten zu kriegerischen Auseinandersetzungen ausarteten. In ihrer Mehrzahl entstanden die kriegerischen Konflikte auf Grund des Zusammenpralls der Interessen der einzelnen Staaten, aber nicht selten hatten diese Konflikte einen kulturellen Hintergrund. Viele Konflikte hatten auch eine religiöse Dimension: Auseinandersetzungen erfolgten im Speziellen zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Christen und Muslimen. Einige interkonfessionelle und interreligiöse Konflikte dauern bis zum heutigen Tag an: Es genügt, die Gegnerschaft zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland und zwischen Muslimen und Christen im Kosovo zu erwähnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Notwendigkeit einer allgemeineuropäischen Konsolidierung für das Überleben nicht nur des europäischen Kontinents, sondern auch der gesamten Welt besonders offensichtlich. Einen dritten Weltkrieg musste man um jeden Preis verhindern, denn ein solcher hätte die ganze Menschheit vernichten können. Aus diesem Grund begann man sofort nach 1945 in Europa ein System der gegenseitigen Hilfe und Solidarität auf politischer, ökonomischer und militärischer Ebene zu schaffen. Ein Stimulus für die Vereinigung war auch die Präsenz des „Reiches des Bösen“ hinter dem „Eisernen Vorhang“, in dem man im Westen die Hauptgefahr sah.

Zu Beginn hatte der Einigungsprozess nur wirtschaftlichen und militär-politischen Charakter. Im weiteren Verlauf jedoch wurde das Streben der europäischen Staaten immer offensichtlicher, einen gemeinsamen kultur-zivilisatorischen Raum zu schaffen. So wurde die Ausformung einer gewissermaßen universalen Ideologie unerlässlich, die im Rahmen einer europäischen Kultur die friedliche Koexistenz der unterschiedlichen Subkulturen gewährleisten und die bestehenden weltanschaulichen und religiösen Widersprüche abbauen sollte. Für die Schaffung einer solchen Ideologie war es erforderlich, einen „gemeinsamen Nenner“ aus sämtlichen in Europa existierenden kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Traditionen zu finden. Zu diesem gemeinsamen Nenner wurde der westeuropäische „postchristliche“ Humanismus, dessen Grundprinzipien in der Aufklärung formuliert und dann in der Erfahrung der Französischen Revolution ihrer eigentlichen Prüfung unterzogen worden waren.

Das auf dieser Ideologie basierende Modell eines neuen Europa setzt aber den Aufbau einer bewusst säkularen Gesellschaft voraus, in welcher der Religion ihr Platz nur noch in der Privatsphäre der einzelnen Individuen zugewiesen werden sollte. Der säkularen Auffassung entsprechend musste die Religion nicht nur vom Staat, sondern auch von der Gesellschaft gänzlich getrennt sein: Sie soll die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht beeinflussen und sich auch nicht in die soziale und politische Sphäre „einmischen“. Ein so geartetes Modell reduziert die soziale Dimension jeder Religion nicht nur auf Null, sondern steht auch im Widerspruch zum Missionsanspruch der Mehrheit der religiösen Gemeinschaften. Für die christlichen Kirchen Europas stellt das beschriebene Modell eine ernste Herausforderung dar, bedroht es doch ihre Möglichkeiten, das Evangelium „allen Völkern“ zu predigen und damit vor der Welt das Zeugnis von Christus abzulegen.

II.

Die Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche lebten viele Jahrzehnte in der Situation eines Ghettos, als die Kirche vollständig vom öffentlichen Leben getrennt und die Gesellschaft von ihrem Einfluss „abgekoppelt“ war. Über den Glauben sprach man nicht laut, religiöse Ansichten wurden sorglich verborgen, Gespräche über geistliche Themen vermied man. Die Prozesse, die jetzt in Europa vor sich gehen, erinnern in vielem daran, was in der Sowjetunion geschah. Militanter Säkularismus kann für die Religion ebenso gefährlich sein wie militanter Atheismus. Beide Bewegungen streben danach, die Religion von sozialen und politischen Belangen auszuschließen, sie in eine Ghettosituation zu drängen, um sie auf den Bereich privater Frömmigkeit einzuengen.

Die Resultate der totalen Säkularisierung der westlichen Gesellschaft sind bereits sichtbar. Gewaltige christliche Kathedralen, die noch vor einem halben Jahrhundert von Tausenden Gläubigen gefüllt waren, stehen heute leer; Priesterseminare werden – eines nach dem anderen – auf Grund fehlender „Berufungen“ geschlossen; Klöster füllen sich nicht mit Jugend; Kirchen werden zu Restaurants, Bierstuben und Sporthallen. Und all das geschieht ungeachtet der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Menschen im Westen für gläubig hält. Viele europäische christliche Gemeinschaften stellen sich immer wieder dieselben Fragen: Wie ist die Kirche zu retten? Wie ist das völlige Abgleiten der Gesellschaft in den Abgrund des Säkularismus zu vermeiden? Wie kann man die Jugend wieder in die Kirche bringen?

Die Russische Orthodoxe Kirche kann mit ihrer einzigartigen Erfahrung des Überlebens unter härtesten Verfolgungen den westlichen Christen helfen, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Im Unterschied zur Mehrheit der Länder des Westens vollzieht sich in Russland und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion eine religiöse Renaissance; Millionen von Menschen wenden sich wieder Gott zu. In der Russischen Kirche gibt es auch keinen Mangel an „Berufungen“. In der Russischen Kirche wird eine ernsthafte intellektuelle Arbeit zur Förderung der Rolle des Christentums in der säkularen Welt und zur Positionierung der Kirche in Bezug auf die Schlüsselfragen der Gegenwart unternommen. Die vom Bischofskonzil des Jahres 2000 beschlossenen „Grundlagen der Sozialkonzeption“1 sind eine deutliche Bestätigung dafür. Dieses Dokument bezeugt, dass die Kirche die Periode einer Blüte durchlebt, die durch die Erfahrung der Neumärtyrer und Bekenner vorbereitet wurde, die in den Jahren der Prüfung ihr Leben für Christus hingegeben haben.

III.

Im Jahre 2002 eröffnete die Russische Orthodoxe Kirche in Brüssel eine Vertretung bei der Europäischen Union. Wozu braucht die Russische Kirche diese Vertretung, da ja Russland kein Mitglied der Europäischen Union ist und – wenigstens in absehbarer Zukunft – auch keinen Beitritt beabsichtigt? Vor allem muss man dazu sagen, dass die Russische Kirche nicht die „Kirche Russlands“, nicht die „Kirche der Russen“ ist: Ihre kanonische Jurisdiktion erstreckt sich auch auf die Ukraine, auf Weißrussland, auf Moldawien, auf die Baltischen Länder und die übrigen Länder des „postsowjetischen Raumes“. Außerdem existieren Diözesen und Gemeinden der Russischen Kirche in vielen Ländern des Westens, darunter natürlich auch in Staaten, die zur Europäischen Union gehören. Das bedingt vielfach das Interesse, das die Russische Kirche durch ihre Hierarchie den Prozessen entgegenbringt, die im sich vereinigenden Europa vor sich gehen. Der Russischen Kirche ist es nicht gleichgültig, wie das neue Europa nach dem Integrationsprozess aussehen wird, welche Prinzipien der europäischen Gesetzgebung zugrunde liegen und welche Normen das Wirken der religiösen Gemeinschaften auf dem Territorium der Europäischen Gemeinschaft regeln werden.

Die Ziele und Aufgaben der neu gegründeten Vertretung wurden im Brief des hochheiligen Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus’ Aleksij II. an den damaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Romano Prodi dargelegt:

„Die Russische Orthodoxe Kirche ist bestrebt, einen kreativen Beitrag zur Entwicklung der geistlichen, moralischen und weltanschaulichen Grundlagen der Zusammenarbeit unter den Völkern Europas durch ihre in verschiedenen Ländern lebenden Gläubigen und auch mittels eines direkten Dialogs der Hierarchie des Moskauer Patriarchats mit den europäischen zwischenstaatlichen Institutionen zu leisten. Das Moskauer Patriarchat ist schon heute auf dem Territorium der Länder Westeuropas durch viele Zehntausende Gläubige vertreten; mit der Aufnahme Estlands, Litauens und Lettlands wird die Zahl unserer Pfarren in der Europäischen Union um etwa 300 Gemeinden zunehmen. Im Falle einer umfassenden Erweiterung der Union wird die Russische Kirche zusammen mit den Kirchen Griechenlands, Polens, Bulgariens, Rumäniens und Zyperns Teil einer bedeutenden orthodoxen Gemeinschaft werden, die das Recht hat, einen gewichtigen Beitrag zur Schaffung der tragenden Fundamente der europäischen Integration zu leisten.“

Der Beitritt von Staaten Zentral- und Osteuropas zur Europäischen Union und die Intensivierung der Kontakte zwischen den Ländern des Kontinents schaffen das Problem der Bewahrung und Entwicklung der Lebensweise traditionell orthodoxer Völker. Die Russische Orthodoxe Kirche ist bereit, mit den Organen der Europäischen Union im Bereich der Erarbeitung der Wertedimension eines geeinten Europa zusammenzuarbeiten. Wir können bei der Erörterung der die interreligiösen und internationalen Beziehungen betreffenden Fragen und bei der Erarbeitung einer Gesetzgebung für die religiösen Gemeinschaften teilnehmen. Außerdem haben Kirchenvertreter etwas zu sagen zu den philosophischen Grundlagen des Rechts, zum interkulturellen Dialog, zur allgemeineuropäischen Sicherheit, zur Vermeidung und Überwindung von Konflikten, zur sozialen Problematik, zur Ethik der Verwendung moderner Technologien, zur Migration …

Die erste und grundlegende Aufgabe der Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Brüssel ist also die Teilnahme an den Diskussionen über die Zukunft Europas, die in den europäischen internationalen Organisationen bereits geführt werden. Die Stimme der Russischen Kirche soll auch in der Europäischen Kommission, im Europarat, im Europäischen Parlament, in der OSZE und in der NATO hörbar sein. Durch ihre Vertretung in Brüssel nimmt die Kirche sowohl an der Lösung konkreter Probleme teil, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Lage der Gläubigen in den Ländern der Europäischen Union haben, als auch an der Erörterung der theoretischen Grundlagen der allgemeineuropäischen Integration. Die Vertretung hat jedoch auch noch andere Aufgaben. Eine davon ist die ständige Information der westlichen kirchlichen und staatlichen Öffentlichkeit über die Position der Russischen Orthodoxen Kirche zu grundlegenden Fragen der Gegenwart und die Pflege regelmäßiger Kontakte zu den westlichen Masseninformationsmedien. Dazu veröffentlicht die Vertretung das elektronische Bulletin „Europaica“ in englischer, französischer und deutscher Sprache (derzeit übersteigt die Zahl seiner direkten Abonnenten 5.000), und sie unterhält auch eine Homepage mit einer Vielzahl von Materialien zu aktuellen Themen.

Die Vertretung des Moskauer Patriarchats in Brüssel bemüht sich um Zusammenwirken und Zusammenarbeit mit den schon bestehenden Vertretungen des Patriarchats von Konstantinopel, der Orthodoxen Kirche Griechenlands und auch mit den verschiedenen Vertretungen der Katholischen Kirche, protestantischer Denominationen und innerchristlicher Organisationen. Die Positionen der christlichen Gemeinschaften stimmen in Fragen, die das christliche Zeugnis vor der säkularen Welt und die Rolle der Religion im sich vereinigenden Europa betreffen, sowie bei vielen sozialen und politischen Themen überein: Es ist wichtig, dass die Christen bei Diskussionen über eine derartige Problematik mit einer Stimme sprechen.

Die Russische Orthodoxe Kirche hat zusammen mit der Römisch-Katholischen Kirche und mit anderen Kirchen an den Diskussionen über den Entwurf der europäischen Verfassung aktiv teilgenommen. Bei dieser Diskussion gelang es nicht, eine Erwähnung des Christentums in der Präambel der Verfassung zu erreichen, obwohl die absolute Mehrheit der europäischen Bevölkerung zu den Christen zählt. Ein Artikel über die Notwendigkeit eines strukturellen Dialogs der europäischen politischen Institutionen mit den Kirchen und religiösen Vereinigungen wurde jedoch in die Verfassung aufgenommen. Wir wissen nicht, wie dieser Dialog strukturiert sein wird, hoffen aber, dass sowohl Katholiken als auch Orthodoxe sowie Protestanten und Vertreter der traditionellen nichtchristlichen Religionen daran teilnehmen werden. Dies ist in Europa für die Schaffung einer Gesellschaft unumgänglich, in der es kein Monopol des säkularen Humanismus, vielmehr einen Platz sowohl für gläubige als auch ungläubige Menschen geben und wo jeder im Einklang mit seinen moralischen und religiösen Grundsätzen leben können sollte. Nur in einem solchen Fall wird Europa zu einem echten Haus für alle seine Bewohner werden, darunter auch für die Mitglieder der Kirchen und religiösen Gemeinschaften.

Aus dem Russischen übersetzt von Johann Krammer.


Fußnote:


  1. Vgl. dazu Josef Thesing/Rudolf Uertz (Hrsg.), Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Deutsche Übersetzung mit Einführung und Kommentar. St. Augustin 2001; außerdem Rudolf Uertz/Lars Peter Schmidt (Hrsg.), Beginn einer neuen Ära? Die Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche von August 2000 im interkulturellen Dialog. St. Augustin 2004. 

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Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird gemeinsam von Renovabis und dem Zentralkomittee der deutschen Katholiken herausgegeben und erscheint vierteljährlich mit einem neuen Themenschwerpunkt. Mehr über die Zeitschrift.

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