Die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine heute: Ideologische Hindernisse für den Dialog mit der Orthodoxie

aus OWEP 2/2000  •  von Natalja Kotschan

Dr. Natalja Kotschan ist Leiterin des Zentrums für geisteswissenschaftliche und religiöse Forschung in Kiew.

Die Übereinkunft von Balamand (1993) ist der erste Versuch von Orthodoxen und Katholiken, gemeinsam die Gründe ihres Konflikts um die Praxis der kirchlichen Unionen zu verstehen und einen Weg zu finden, diesen Konflikt zu lösen. Doch dieser Versuch wird kaum erfolgreich sein ohne Analyse und ohne Einbeziehung der heutigen Realität der katholischen Ostkirchen, die als Ergebnis der Unionen entstanden sind.

Die Besonderheit der katholischen Ostkirchen ist offensichtlich. Die Orthodoxen halten sich von ihnen unverändert distanziert. In der katholischen Kirche wurde mit der Zeit klar, dass es nicht möglich ist die Andersartigkeit der katholischen Ostkirchen zu vernachlässigen. Die östlichen Katholiken legen den Akzent mehr auf ihren “östlichen” Charakter als auf die innere Bedingtheit durch den Katholizismus. Was der “östliche” Charakter ist, wird auf verschiedene Art und Weise erklärt, jedoch niemals mit der Orthodoxie in Zusammenhang gebracht, und im Ausdruck “östliche Katholiken” wird der Begriff “östlich” als Schlüsselbegriff dargestellt. Heute lässt sich in der Ukraine häufig die Selbstbezeichnung der griechischen Katholiken als “Gläubige des ökumenischen Bekenntnisses” oder “der Ökumenischen Kirche” finden, was unterbewusst eine innere Entfremdung sowohl von der Orthodoxie als auch vom Katholizismus bedeutet. Es stellt sich die Frage, inwieweit die katholischen Ostkirchen, die sich als Bindeglied zwischen dem christlichen Osten und Westen verstehen, besonders die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) als die größte von ihnen, tatsächlich zur Annäherung zwischen Katholizismus und Orthodoxie beitragen können. Hier geht es weniger um ihre Teilnahme an der Arbeit von internationalen theologischen Kommissionen als vielmehr um die praktische Ökumene, die gegenseitigen Beziehungen mit konkreten Orthodoxen in einer konkreten Region.

In der Ukraine macht die Orthodoxie eine schwere Krise durch: Als Resultat eines Schismas sind neben der zahlenmäßig weiterhin dominierenden autonomen Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK, in der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats) zwei weitere Kirchen entstanden: die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats (UOK-PK) und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK). Die beiden Letzteren sind nicht kanonisch, versuchen das aber durch die Betonung der Ideen von nationaler Wiedergeburt und Staatsaufbau zu kompensieren.

Für die Entwicklung des Dialogs zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Ortskirchen hat die Normalisierung der Beziehungen zwischen der UGKK und der kanonischen UOK ebenso wie die Respektierung der kanonischen Entscheidungen der Gesamtorthodoxie hinsichtlich der beiden anderen orthodoxen Kirchen in der Ukraine durch die UGKK zentrale Bedeutung. Bekanntlich hat vor allem der Konflikt zwischen Orthodoxen und Griechisch-Katholischen in der West-Ukraine die offiziellen Vertreter des Moskauer Patriarchats zur Blockade der Arbeit der gemischten theologischen Kommission veranlasst. Der politische Charakter, den das Moskauer Patriarchat der “Unierten-Frage” zuschreibt, ist offensichtlich, auch als letzter Vorwand dafür, den Aufbau von Beziehungen mit Rom auf gleichberechtigter und freundschaftlicher Basis zu verhindern. Der Grund dafür mag unter anderem darin liegen, dass die UOK, die 1990 autonomen Status erhielt, ihre Beziehungen mit der UGKK nicht selbstständig regeln kann.

Heute überwiegt die UGKK in der West-Ukraine nicht absolut, wie das bis 1946 der Fall war. Die Zahl der Orthodoxen ist erheblich angewachsen. In “orthodoxen Gegenden” kam es jedoch zu bedeutenden Veränderungen: die überwiegende Mehrheit traf die Entscheidung zu Gunsten der “nationalen” Kirchen, die in Galizien zweifelsfrei (angesichts von 189 Gemeinden der kanonischen UOK) am größten sind: die UAOK mit 798 Gemeinden und die UOK-PK mit 197 Gemeinden.1 Die Tatsache, dass die Ansprüche des Moskauer Patriarchats, im Namen der “in Galizien verfolgten Orthodoxen” aufzutreten, somit keine Grundlage haben, ändert nichts an der Hauptfrage: Wie lassen sich die Beziehungen der UGKK zu den Orthodoxen Kirchen in der Ukraine, insbesondere zur UOK, mit so schwierigen sowohl inner-ukrainischen als auch äußeren zwischenkirchlichen Umständen in Übereinklang bringen?

Die Praxis

Als das Oberhaupt der UGKK in Rom 1987 die Bereitschaft zur Versöhnung mit dem Moskauer Patriarchat erklärte, hatte es den Anschein, als sei die UGKK bereit, sich in den katholisch-orthodoxen Dialog zu integrieren und ihn nicht mehr aus politischen Motiven zu ignorieren. Dieser Eindruck verflog jedoch, als die UGKK aus dem Untergrund heraustrat: orthodoxe Priester, die zu den Griechisch-Katholischen übertraten, wurden massenhaft erneut geweiht2, ungeachtet der zwischenkirchlichen Übereinkünfte und der noch ganz frisch im Gedächtnis haftenden Erklärung von Johannes Paul II., dass “diese Kirche wie die anderen orthodoxen Kirchen wahre Sakramente hat, vor allem – kraft apostolischer Sukzession – die Eucharistie und das Priesteramt”3. In der UGKK war keine Stimme des Protestes gegen die Praxis einer zweiten Weihe der Geistlichkeit der orthodoxen Kirche, die auf offizieller Ebene als “Schwesterkirche” bezeichnet wurde, zu hören. Bis zum heutigen Tag hat niemand der Augenzeugen der Erklärung des Oberhauptes der UGKK “zur Einheit der Kirchen” widersprochen. Diese war vor allem an die für solche Dinge sensiblen West-Christen gerichtet, nicht so sehr an den Klerus und die Gläubigen der UGKK, die das Gegenteil sahen und für normal befanden: “Ein für allemal soll allen klar sein, dass die katholische Kirche ohne irgendwelche Einwände und in gleicher Weise alle heiligen Sakramente der kanonischen orthodoxen Kirche anerkennt. Es ist streng verboten, irgendjemand ‘wieder zu taufen’, der die heilige Taufe in der orthodoxen Kirche empfangen hat. Das gilt auch für die heilige Salbung, für die Sakramente des Priesteramtes und der Ehe, die in der orthodoxen Kirche vollzogen wurden - auf keine Weise darf man sie wiederholen. Wir können nicht so tun, als würden wir die Wirksamkeit der orthodoxen heiligen Sakramente in Frage stellen, weil das der klaren Lehre der katholischen Kirche in dieser Frage widersprechen würde”4. Der doppelte Standard für den inneren und den äußeren Gebrauch auf der Ebene der Hierarchie ließ keinen Platz für Hoffnung auf ein Überwindung der traditionellen Haltung der griechisch-katholischen Geistlichkeit und der Gläubigen zur orthodoxen Kirche in der Ukraine.

Zur Charakteristik dieser Beziehungen sind folgende Anschauungen eines Priesters der griechisch-katholischen Kirche typisch: Die Orthodoxen “haben sich vom Glauben des Petrus und der Kirche entfernt. Sie haben ihre autokephale Kirche geschaffen, die vom Nachfolger des Petrus unabhängig ist (und natürlich auch von Christus und Gott selber, da sie auf seine Anweisungen nicht gehört haben). Man sagt, wir alle sollen gute Christen sein, gute Orthodoxe, gute Katholiken. Und man könnte hinzufügen: gute Juden, gute Zeugen Jehovas, gute Muslime, gute Krischna-Jünger, gute Kommunisten, gute Atheisten, gute Satanisten. Auch das sind doch alles Menschen! Warum hätten unsere Bischöfe vor 400 Jahren eine Union abschließen sollen, wenn man bis jetzt bei der guten Moskauer Orthodoxie hätte bleiben können? In aller Ruhe hätte man mit allen möglichen Gottlosen zusammenarbeiten können, darunter auch dem KGB, und seine Unterschrift [für den Übertritt in die Orthodoxie] geben können, um, wie der jetzige Bischof [der UOK] im Interview mit seiner Zeitung sagt, die Kirche zu bewahren. Als Beispiel führe ich an, dass mein Vater wie auch andere Priester die Kasematten von Workuta überstanden, um die Kirche zu bewahren”5.

An diesen Worten ist alles aufschlussreich: Die aggressive Haltung gegenüber der Orthodoxie, die Ablehnung der orthodoxen Kirche als Kirche (der Autor schreibt das Wort “Kirche” mit kleinen Buchstaben, wenn er die Orthodoxie meint), die glatte Identifizierung der Aktivität der Kirche mit der Politik des Staates und seiner Organe (sei es im zaristischen Russland oder in der Sowjetunion), die Ablehnung des Martyriums der orthodoxen Kirche und ihrer Gläubigen in der UdSSR sowie der Unwillen anzuerkennen, dass ein großer Teil der orthodoxen Bevölkerung der Ukraine gerade dieser Kirche angehört und mit ihr durch nicht weniger enge Bande verbunden ist als die griechisch-katholischen Christen mit der Kirche von Rom.

Die Besonderheit der ukrainischen Wirklichkeit liegt darin, dass sich die Aggressivität gegen das Moskauer Patriarchat und die Reduzierung seiner Gläubigen ausschließlich auf Bürger russischer Nationalität vor allem gegen Millionen orthodoxer Einwohner der Ukraine richtet. Sogar die unzuverlässige sowjetische Statistik wies aus, dass sich ein großer Teil der Gemeinden der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine befand, wie auch unter den Bischöfen und Priestern der ROK der Prozentsatz derjenigen, die aus der Ukraine kommen, sehr hoch war und bleibt.6 Die Mehrheit dieser Gemeinden blieb mit ihren Priestern und Gläubigen auch nach der Ausrufung des unabhängigen ukrainischen Staates in der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats. Die Beziehung zur UOK und ihren Gläubigen, wie sie sich auf den Seiten der griechisch-katholischen Kirchenpresse finden lässt, kann man alles andere als irenisch nennen. Einige Beispiele:

Ein Redakteur der Zeitung des griechisch-katholischen Bistums von Iwano-Frankiwsk versucht in dem Artikel “Spricht Metropolit Sabodan die Wahrheit?”7 seinen Lesern zu beweisen, dass die UOK, deren Oberhaupt Metropolit Wladimir (Sabodan) ist, “die konservativ-reaktionäre Vertreterin und Trägerin des russischen Nationalismus oder besser noch Chauvinismus war und ist”; dass die UOK “mit allen Kräften die imperialistischen Bemühungen des ‘großen Bruders’ unterstützt und eine umfassende Russifizierung des ukrainischen Volkes zu erreichen versucht”; dass “die Hinterhältigkeit des Bischofs Sabodan keine Grenzen kennt, da er seit seiner Ankunft in der Ukraine keinen einzigen Schritt zur Gründung einer eigentlich ukrainischen [Unterstreichung im Original] Kirche gemacht hat”8. Ein anderer Artikel mit dem Titel “Sie säen Trennung und Hass” ist dem Kloster von Potschajew gewidmet, das die ganze Zeit bei der UOK geblieben war. Hier heißt es: “Das jetzt vom nördlichen Okkupanten besetzte Kloster von Potschajew gehört zum Moskauer Patriarchat”; die östliche Ukraine wird als “unterdrückte, von Moskau kolonisierte Region”9 charakterisiert. Die russischsprachige Bevölkerung von Galizien wird als “Personen mit östlichen Akzent” bezeichnet und kollektiv beschuldigt, “Sympathien für die kommunistische Vergangenheit zu haben”; die Bistumszeitung gibt ihr in schlechtem Russisch den Rat: “Unsere Grenzen sind nicht geschlossen, herzlich willkommen im Norden in der Umarmung von Mütterchen Russland”10. Ansichten dieser Art, die in Galizien ziemlich populär sind, vertreten griechisch-katholische Priester auch in anderen Regionen der Ukraine und propagieren sie dort, wo sie für die Mehrheit der Bevölkerung, die ja orthodox ist, unakzeptabel sind. Die feindliche Beziehung zur orthodoxen Kirche in der Ukraine, die sich in Einheit mit dem Moskauer Patriarchat befindet, ist ein neues Phänomen und ist im Leben der UGKK nicht marginal, wie man das aus den obigen Zitaten von nur einem Bistumsorgan schließen könnte. Dieses Problem betrifft die ganze Kirche.

Beim Treffen der Hierarchen der katholischen Ostkirchen Europas, das im Sommer 1997 in Ungarn unter dem Vorsitz von Kardinal Silvestrini stattfand, stimmte der Bischof von Iwano-Frankiwsk damit überein, dass es nötig sei, “den ökumenischen Dialog mit unseren getrennten Brüdern wiederaufzunehmen”, verwies aber auf die Schwierigkeiten: “Wir bemerken das Fehlen von wahrem Glauben an Christus. Es gibt in Kiew häufig Streitigkeiten und Trennungen zwischen den orthodoxen Hierarchen der verschiedenen kanonischen und unkanonischen Jurisdiktionen [es gibt in der Ukraine nur eine kanonische orthodoxe Kirche, N.K.]. Wenn man mit dem einen von ihnen spricht, dann wird der andere einen schon nicht mehr empfangen”11. Die Behauptung vom Fehlen eines rechten Glaubens an Christus bei den Orthodoxen ist mehr als fragwürdig. Der zweiten Behauptung des Bischofs muss man jedoch zustimmen. Der Gegensatz zwischen den orthodoxen Kirchen ist so scharf, dass gleichmäßige Beziehungen mit allen dreien nur in nichtkirchlichen Fragen unterhalten werden können. Es besteht ein wirkliches Dilemma: Entweder unterhält die UGKK Kontakte mit der kanonischen UOK, dann muss sie sich von Kontakten zu den beiden anderen Kirchen fernhalten, oder aber sie unterhält Kontakte zu den “nationalen” Kirchen, dann jedoch wird es für sie nicht möglich sein, Kontakte mit der UOK zu haben. Die UGKK hat wenig Sensibilität in diesem Dilemma gezeigt. Ihre Selbstidentifizierung als nationale Kirche, die aktiv beim Bau des Nationalstaates mitwirkt, ihre fortdauernde Abhängigkeit von der Ideologie des integralen Nationalismus der 30er und 40er Jahre sowie ihre Russophobie und das Vorherrschen eines politischen Ansatzes hinsichtlich der Beziehungen zum Moskauer Patriarchat und damit auch zur UOK haben ihr keine anderen orthodoxen Partner außer den “nationalen” Kirchen übrig gelassen.

Die Theorie

Unter den ideologischen Konzeptionen mit Einfluss auf das innere Leben der UGKK ragen zwei besonders hervor, die sich beide durch Nationalismus, Messianismus und Visionenreichtum auszeichnen. Sie enthalten viele Konditionalsätze (“falls”) und Neologismen, mit denen die “wahre” Geschichte gezeigt werden soll. Eine besondere Abteilung stellen die Erklärungen neu eingeführter Ausdrücke für die UGKK dar (z.B. Kiewer Kirche, Ukrainische Ortskirche, Kiewer Galizisches Patriarchat).

Die erste Konzeption behauptet als Erbe der Ideologie des Uniatismus eine besondere Mission der griechisch-katholischen Kirche in der Sache der Annäherung und Vereinigung mit den orthodoxen Kirchen als “Brücke zwischen Ost und West”. Die katholischen Ostkirchen werden als Kirchen dargestellt, in denen ein Beispiel der “Synthese von Orthodoxie und Katholizismus” verwirklicht ist.

Die zweite Konzeption ist jüngeren Datums und trägt das Siegel eines im Vergleich mit den übrigen europäischen Völkern verspäteten Prozesses: der Bildung einer ukrainischen Nation ohne einen eigenen Nationalstaat und bei sich verstärkenden konfessionellen Trennungen und Gegensätzen von Orthodoxen und Griechisch-Katholischen. Der Eckpunkt dieser Konzeption ist die Konsolidierung der Nation durch die Vereinigung der Orthodoxen mit der griechisch-katholischen Kirche, und zwar in der Regel mit dem Ziel, entweder einen monolithischen unabhängigen Staat zu bauen, oder als Beispiel für wahrhafte christliche Einheit zu dienen, dem die christliche Welt dann folgen wird.

Ein früherer Bischof zieht folgende Schlussfolgerungen: “Für die Vereinigung des gesamten ukrainischen Volkes in einen monolithischen Staat und für die Erfüllung der Vorbestimmung der ukrainischen Ortskirchen ist die Vereinigung der drei Zweige der Kiewer Orthodoxie notwendig: der griechisch-katholischen orthodoxen Kirche [so nennt der Autor vorzugsweise die UGKK], der orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und der orthodoxen autokephalen Kirche, und zwar im einheitlichen Patriarchat von Kiew und Galizien, in dem die kirchliche Einheit möglich ist. … Die Ukraine hat eine besondere Sendung sowohl als Kirche als auch als Volk: als Kirche in der Vereinigung des noch nicht vereinten Ostens, als Volk unter den Völkern der westlichen Welt, die ihre christliche Identität immer mehr verlieren”12.

Der Direktor des Instituts für Religion und Gesellschaft an der Theologischen Akademie von Lemberg bemerkt, dass er “nicht umhin kann zu spüren, dass eine neue Trennlinie in der ökumenischen Bewegung genau in der Ukraine gezogen werden wird”, und er schlägt vor, für die Schaffung des Kiewer Patriarchats das “trinitarische” Prinzip zu verwenden: “Wie in der Hl. Dreifaltigkeit jede der Hypostasen innerlich ‘autonom’ ist und sich mit den anderen nicht vereint, sind sie doch gemeinsam, von einem Wesen, untrennbar”13. Die Hypostasen werden in diesem Modell durch die das Patriarchat bildenden ukrainischen Kirchen UGKK, UOK und die zwei nichtkanonischen UOK-PK und UAOK dargestellt. “In einem solchen Modell wird das Kiewer Patriarchat”, so meint der Autor, “zu jenem ersten kirchlichen Gebilde, welches in sich die Einflusssphären von Rom, Byzanz und Moskau vereinigt.”14

Die zitierten Autoren lassen auch die für die UGKK schmerzhafte Frage über den Platz der UOK in der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats in den von ihnen beschriebenen Vereinigungsprozessen nicht aus. Der erste ist der Meinung, dass man diese Kirche, da sie Moskau unterstellt ist, “nicht in die Überlegungen einbeziehen muss, weil sie als solche keine Kirche von Kiew ist, sondern sich lediglich auf dem Territorium des ukrainischen Staates befindet. Sie müsste sich um die Russen orthodoxen Bekenntnisses kümmern, welche zum Moskauer Patriarchat gehören, doch außerhalb dessen Territoriums lebten”15. Der zweite ist in seinen Einschätzungen nachgiebiger. Er charakterisiert die UOK als “ukrainische Orthodoxie Moskauer Orientierung” und ist der Meinung, dass “vor Geistlichkeit und Gläubigen der UOK die Aufgabe steht, die tiefen und nicht die oberflächlichen konfessionellen Interessen dieses Landes, in dem sie leben, zu erkennen und zu realisieren. Die Nachkommen der alten Kiewer Kirche können in den Schutz der byzantinischen Mutterkirche zurückkehren, insofern sie für uns wirkliche Mutterkirche ist”16. Es ist darauf hinzuweisen, dass der Autor eigentlich ein Modell der Einheit zwischen der UGKK und den orthodoxen Kirchen in der Ukraine vorschlägt, dabei aber die ukrainischen römisch-katholischen Christen ausschließt; entweder deswegen, weil sie “Polen” sind (ein weiteres schmerzliches Thema in der UGKK), oder weil bei ihnen ohne jede Hoffnung “oberflächliche konfessionelle Interessen” dominieren.

Schlussbemerkung

Bei der Zusammenstellung des Materials für diesen Artikel habe ich mich bewusst auf den Zeitraum der letzten Jahre beschränkt, ebenso auf Quellen aus kirchlichen Publikationen: Aussagen von Hierarchen und Priestern und ebenso von Laien, die in der UGKK wichtige Posten innehaben. Ich habe deswegen in diesem Artikel einen großen Teil der Ideologie nicht berücksichtigt, die dieser Realität und diesem theologischen Denken, das in der heutigen ökumenischen Terminologie “Uniatismus” genannt wird, entsprechen. Dort werden die obigen Zitate an Schärfe und Unbedachtheit der Aussagen in der Regel noch übertroffen.

Es scheint eigentlich unangemessen, die Frage nach der besonderen Rolle der katholischen Ostkirchen in Bezug auf die Annäherung zwischen der Orthodoxie und dem Katholizismus zu stellen. Die Aufgabe, “eins zu sein”, liegt in gleichem Maße bei allen Christen, unabhängig von ihrer kulturellen und nationalen Zugehörigkeit, ihrer historischen Erfahrung und ihren Traditionen. Wie aus obigen Beispielen sichtbar ist, kann für den Dialog zwischen der katholischen Kirche und den lokalen orthodoxen Kirchen die Erfahrung der UGKK aus ihrer Beziehung zur Orthodoxie wenig beitragen, da diese Beziehungen immer noch von oberflächlichen Träumen und Beleidigungen historischen Charakters geprägt sind, nicht jedoch von der eigentlichen Grundlage des Glaubens.

Übersetzung: Thomas Bremer


Fußnoten:


  1. Daten des Staatskomitees für Religionsangelegenheiten beim Kabinett der Ukraine, bezogen auf den 1.1.1999. 

  2. Keleher, Serge: Freising, Ariccia and Balamand Statement: An Analysis, in: Logos 34 (1993) S. 431. 

  3. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Euntes in mundum“ zur Tausendjahrfeier der Taufe der Rus‘ von Kiew, 25.1.1988 (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 83), Nr. 15. 

  4. Kardinal M. Lubachivski, Pastoralschreiben über die Einheit (25.3/7.4.1994), in: Ire per Mundum, 2/II, Dokumenty, Warschau 1996, S. 569-570. 

  5. In: Nova Sorja (Zeitung des Bistums von Iwano-Frankiwsk) Nr. 5, März 1996, S. 4. 

  6. Sogar noch Ende der 90er Jahre kamen mehr als 15% aller Bischöfe des Moskauer Patriarchats aus der Ukraine und etwa 10% kamen aus den westlichen Gebieten der Ukraine. Vgl. N. Mitrochin, S. Timofejewa: Episkopy i eparchii Russkoj Pravoslavnoj Cerkvi, Moskau 1997, S. 16. 

  7. Aus Unwissenheit oder absichtlich nennen griechisch-katholische Autoren die Hierarchen der UOK in herabsetzender Weise häufig nur mit ihrem Nachnamen; die Kirche selber wird nicht Russische, sondern Moskauer Kirche genannt. 

  8. In: Nova Sorja Nr. 40 vom 13.10.1998, S. 1. 

  9. In: Nova Sorja Nr. 33 vom 25.8.1998, S. 7. 

  10. In: Nova Sorja Nr. 40 vom 13.10.1998, S. 1. 

  11. In: Nova Sorja Nr. 29 vom 22.7.1997, S. 5. 

  12. A. Sapeljak, L´vivska Cerkva na slov´janskomu schodi. Kanonično-ekumeničnij aspekt, Buenos Aires-Lwiw 1999, S. 227 f. 

  13. M. Marinowitsch, Rozdumi odnogo mirjanina nad problemoju ekumenizmu, in: Znaki casu. Do problemi porozuminnja miž Cerkvami, Lwiw 1999, S. 488. 

  14. Ebd. S. 499-500. 

  15. Sapeljak, a.a.O., S. 227. 

  16. Marinowitsch, a.a.O., S. 494.