Albaniens Geschichte in acht Leitfragen

Dr. Michael Schmidt-Neke, Kiel, ist Historiker und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Geschichte und Gegenwart Albaniens; er arbeitet als Wissenschaftlicher Referent bei der SPD-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag.

1. Die Albaner: Nachkommen der Illyrer oder der Thraker?

Die Albaner sind stolz darauf, von den Illyrern abzustammen, einem antiken indogermanischen Volk, das zwischen dem 9. und 2. Jahrhundert v. Chr. zahlreiche kleine Staatsgebilde (u. a. der „Albanoi“) gründete. Manches spricht dafür, dass diese Theorie richtig ist, anderes dagegen. Leider haben die Illyrer zwar eine Reihe von Orts- und Personennamen hinterlassen, aber keine Texte, nicht einmal eine gesicherte Inschrift, was die Voraussetzung für einen systematischen Sprachvergleich wäre. Sicher ist, dass die albanische Sprache – ein selbstständiger Zweig der indogermanischen Sprachfamilie – auf eine antike Balkansprache zurückgeht und dass diese Sprache nicht das Griechische ist, das wir seit dem späten 2. Jahrtausend v. Chr. fast lückenlos kennen. Als Vorfahren der Albaner wurden außerdem die ostbalkanischen Thraker (Stamm der Bessen) ins Gespräch gebracht.

Im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. wurde der Siedlungsbereich der Illyrer von den Römern erobert, nicht ohne Gegenwehr. Die „illyrischen Piraten“ waren Anlass, Gnaeus Pompeius den Oberbefehl zu übertragen; Gaius Iulius Caesar wurde von ihnen sogar als Geisel genommen. Aufstände wie der unter Bato in den Jahren 6-9 n. Chr. waren keine Seltenheit. Daneben machten aber auch viele Offiziere aus dem Illyricum steile Karrieren. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts wurden mehrere von ihnen Kaiser (Claudius Gothicus, Aurelian, Probus, Diocletian) und leisteten wichtige Beiträge zur militärischen und politischen Stabilisierung des Imperiums. Auch sie werden noch heute in einem nationalistischen Verständnis in die Geschichte der albanischen Nation integriert.

2. Skanderbeg: Gründer eines Nationalstaats oder Condottiere?

Nach der Reichsteilung 395 gehörten die albanischen Gebiete zum Oströmischen (Byzantinischen) Reich. Bei dessen Zerfall wurde die Region Durchmarsch- und Besatzungsgebiet der Bulgaren, Normannen, Venezianer und Serben. Als einer der Nachfolgestaaten des von den Kreuzfahrern eroberten Byzanz etablierte sich von 1276 bis 1479 das Despotat Epirus, zu dem Südalbanien gehörte. Erst im 11. Jahrhundert wurden hier auch die „Alvanoi“ oder „Arvanitai“ erwähnt. Albanisch-slawische Familien wie die Balsha gründeten seit dem 12. Jahrhundert kleine Fürstentümer in Abhängigkeit von Byzanz oder anderen Mächten. Das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan zwang die albanischen Fürsten dann zu einer Schaukelpolitik zwischen den Mächten; viele von ihnen wechselten mehrmals die Konfession und sogar die Religion.

Gjergj Kastriota, einer der Söhne des Fürsten von Kruja, machte am Sultanshof eine glänzende Militärkarriere als Iskender Bey (albanisch „Skëndërbeu“, deutsch „Skanderbeg“), wandte sich aber gegen den Sultan, als seine Ansprüche auf den väterlichen Besitz in Frage gestellt wurden. Er besetzte Kruja, kehrte vom Islam zum Katholizismus zurück und gründete unter venezianischer Schirmherrschaft 1444 in Lezhë eine Liga mittel- und nordalbanischer sowie slawischer Fürsten, ohne jedoch damit einen Staat zu begründen. Bis zu seinem Tod 1468 wehrte er mehrere osmanische Angriffe ab und griff auch in einen Erbfolgekrieg im Königreich Neapel ein. Skanderbeg wurde in weiten Teilen Westeuropas als Verteidiger des christlichen Abendlandes zur Legende. Seine kurz nach 1500 in Rom veröffentlichte Biographie aus der Feder des Priesters Marinus Barletius ist eines der großen Werke im Humanistenlatein und hat, immer wieder neu aufgelegt und in viele europäische Sprachen übersetzt, sein Bild als eines unbesiegbaren Helden bis ins 19. Jahrhundert geprägt, das auch in einer Unzahl von literarischen Werken fortlebte. In Albanien geriet er in den folgenden Jahrhunderten weitgehend in Vergessenheit. Die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts, die von den Albanern Süditaliens ausging, fand in ihm einen Anknüpfungspunkt zur europäischen Kultur. Mehr und mehr wurde der Nationalheld als Gründer eines ersten albanischen Staates verstanden, als dessen Erben sich alle späteren albanischen Regimes sahen. So verwundert es nicht, dass die Veröffentlichung einer quellenkritischen Biographie durch den Wiener Historiker Oliver Jens Schmitt 2008/09 heftigste Polemiken zwischen Schmitts Gegnern und Unterstützern in der albanischen Publizistik auslöste, besonders weil er persönliche Motive im Handeln Skanderbegs sieht.

3. Die türkische Herrschaft: Joch oder Überlebensgarantie?

Ab 1502 standen alle albanischen Gebiete unter osmanischer Herrschaft. Die Osmanen waren tolerantere Eroberer als die christlichen Herrscher. Sie zwangen – von Ausnahmen abgesehen – die Besiegten nicht, ihre Religion zu wechseln; wer allerdings nicht zum Islam übertrat, hatte keine großen Karrieremöglichkeiten und musste zudem Sondersteuern zahlen. Viele Albaner nutzten Skanderbegs Hilfe für den neapolitanischen König und wanderten dorthin aus; noch heute lebt eine albanischsprachige Minderheit, die Arbëresh, in Süditalien. Andere Familien zogen es vor, zum Islam zu konvertieren; neben den Bosniern waren die Albaner nach einigen Jahrhunderten das einzige mehrheitlich muslimische Volk Europas. Im Verständnis der Balkanvölker gilt die Osmanenherrschaft als das „Türkenjoch“, als Periode der Eroberung und Unterdrückung, in der die Ursache für die sozialökonomische Rückständigkeit Südosteuropas gegenüber Westeuropa zu suchen ist. Aber es gibt auch die These, dass das albanische Volk und seine Sprache nur unter den Bedingungen des muslimischen Großreiches, das es nicht auf ethnisch-sprachliche Assimilation abgesehen hatte, der Assimilierung durch die orthodoxen Nachbarvölker – Griechen und Serben – entgehen konnte. Aufstände richteten sich eher gegen wirtschaftliche Missstände als gegen das osmanische Herrschaftssystem. Im nördlichen Bergland (und in Montenegro) setzte sich der osmanische Herrschaftsmechanismus übrigens nie ganz durch; die dortige albanische Gesellschaft organisierte sich in Großfamilien und „Stämmen“ nach ihrem eigenen Gewohnheitsrecht, dem Kanun.

Ab dem 18. Jahrhundert wurde die osmanische Zentralgewalt schwächer; Kommandeure und Statthalter der Randprovinzen versuchten, ihre Gebiete faktisch selbstständig zu beherrschen. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden Nordalbanien (Sandschak Shkodrë) 1 unter der Familie Bushatlli, der Süden (Sandschak Janina) unter Ali Pascha Tepelena (1741-1822) auch international über Jahrzehnte hinweg als politische Einheiten behandelt. Auch wenn beide Gebiete schließlich wieder unter die Kontrolle der osmanischen Regierung kamen, wirkten ihre Separationsbestrebungen doch katalysierend auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Griechen.

4. Entstehung der Nation oder „Nationale Wiedergeburt“?

Später als die meisten anderen Balkanvölker entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert auch bei den Albanern eine Nationalbewegung, die in der albanischen Historiographie nach dem Vorbild anderer Völker als „Nationale Wiedergeburt“ (Rilindja Kombëtare) bezeichnet wird, zunächst als kulturelle Identitätsfindung, dann als Forderung nach administrativer Zusammenfassung der von Albanern besiedelten Gebiete in einer Verwaltungseinheit. Die ersten Vertreter dieser Bewegung waren Italo-Albaner, besonders Girolamo (alban. Jeronim) de Rada (1814-1903), der die in der europäischen Literatur lebendige Skanderbeg-Thematik für die albanische Kultur entdeckte. In Albanien waren es nach Versuchen von Naum Bredhi Veqilharxhi (1767-1846), albanische Fibeln und Schulbücher mit einer eigenen Schrift zu konzipieren, besonders die Brüder Naim (1846-1900) und Sami Frashëri (1850-1904), die mit Lyrik, Epen, Dramen und Programmschriften die im südalbanischen Dialekt (Toskisch) geschriebene Literatur weiterentwickelten. 2 Als nach dem Russisch-Osmanischen Krieg 1877/78 die Abtretung albanischer Gebiete an die Nachbarstaaten drohte, bildete sich mit Billigung durch die Behörden eine muslimische Allianz, die Liga von Prizren (1878-1881), zur Verteidigung des Status quo; sie richtete sich erst dann gegen die osmanische Regierung, als diese die Beschlüsse des Berliner Kongresses von 1878 durchsetzen wollte. Ihr Ziel war Autonomie innerhalb des Osmanischen Reichs. Im Ersten Balkankrieg (1912/13) verlor das Osmanische Reich fast alle europäischen Gebiete. Als Antwort auf das Vorrücken der serbischen, montenegrinischen und griechischen Armeen proklamierte eine Versammlung von Grundbesitzern, Stammesführern, Kaufleuten und anderen Vertretern der sozialen Elite in Vlorë am 28. November 1912 die Unabhängigkeit Albaniens, die von der Botschafterkonferenz in London im Juli 1913 bestätigt wurde. Fast die Hälfte des albanisch besiedelten Gebiets, besonders Kosovo, fiel allerdings an die Nachbarstaaten. Diese nach dem Ersten Weltkrieg bis 1925 im Detail fixierten Grenzen haben bis heute Gültigkeit.

5. Das Königreich Zogus: Entwicklungsdiktatur oder autokratisches Satrapenregime?

Die europäischen Großmächte verständigten sich auf den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied als Staatsoberhaupt, der sich wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs jedoch nur vom 7. März bis zum 3. September 1914 halten konnte. Die Staatlichkeit Albaniens war bis 1920 ausgesetzt, das Land wurde Besatzungs- und Durchmarschgebiet von sieben Krieg führenden Mächten, die z. T. Regierungen mit lokalem oder regionalem Wirkungsbereich einsetzten. Erst am 31. Januar 1920 wurde durch einen Kongress in Lushnja die staatliche Kontinuität durch die Bildung einer gesamtstaatlichen Regierung wieder aufgenommen. Die kurze Phase eines instabilen Elitenpluralismus brachte – anders als in den anderen Balkanstaaten – kein ausdifferenziertes Parteiensystem, sondern nur Gruppierungen innerhalb des Parlaments, lokale Wählergruppen und politische Gesellschaften hervor. Fragen nach grundsätzlichen politischen und sozialen Reformen sowie nach einer aktiven Kosovo-Politik beherrschten die Auseinandersetzungen, die von dem westlich orientierten orthodoxen Bischof Fan Noli und Ahmet Bej Zogu dominiert wurden. Das Experiment einer Reformregierung, die Noli 1924 nach der „Juni-Revolution“ bildete, scheiterte nach einem halben Jahr an Widerständen der sozialen Eliten, die mit jugoslawischer Hilfe Zogu zur Macht verhalfen. Zogus Herrschaft, die diktatorische Züge trug, dauerte vom 24. Dezember 1924 bis zum 7. April 1939. Zunächst regierte er als Präsident, ging aber bereits am 1. September 1928 zur Monarchie über. Albanien wurde damit zur ersten der für den Balkan der Zwischenkriegszeit typischen Königsdiktaturen. Die von Jugoslawien erwartete Bindung gab er binnen Kurzem zu Gunsten einer engen Allianz mit Mussolinis Italien auf, bekämpfte aber weiterhin jede Form von Irredentismus gegenüber dem Kosovo. Durch mehrere politische, militärische und wirtschaftliche Abkommen sicherte er seinem Regime Stabilität und Kredite, schränkte aber seinen Handlungsspielraum fast völlig ein. Versuche in den dreißiger Jahren, Mussolinis Griff zu lockern und gleichzeitig soziale Reformen durchzuführen, scheiterten; Zogu blieb zu sehr der Vertreter der alten Eliten, besonders der Großgrundbesitzer, deren Interessen er nicht grundsätzlich schaden konnte, ohne seine Position zu gefährden. Ein aufwändiger Hofstaat und höhere Ausgaben für den Repressionsapparat als für Schulen und Gesundheitswesen verschafften Zogus Albanien das Image einer Operettenmonarchie. Schließlich besetzte Italien das Land am Karfreitag 1939, gliederte es in Personalunion an und nutzte es als Aufmarschgebiet gegen Griechenland. König Zogu ging mit seiner Familie ins Exil, er starb 1961 in Frankreich.

6. Albanien im Zweiten Weltkrieg: Befreiungskampf oder Bürgerkrieg?

Die Annexion durch Italien stieß zunächst auf wenig Widerstand. Die Italiener investierten viel in die Infrastruktur, jedoch nur, soweit es ihren militärischen Plänen diente. Nach der Besetzung und Zerschlagung Jugoslawiens wurden 1941 ein großer Teil von Kosovo sowie die albanisch besiedelten Teile Westmakedoniens Albanien angegliedert. Am 8. November 1941 schlossen sich lokale kommunistische Zirkel zu einer kommunistischen Partei (KP) zusammen; unter ihren Führern setzte sich bis 1943 Enver Hoxha endgültig durch. Unter Anleitung jugoslawischer Kommunisten gründete sie im September 1942 eine „Nationale Befreiungsfront“ unter Einschluss nichtkommunistischer Gruppen, aus der eine von den Kommunisten geführte Partisanenarmee hervorging. Nach Mussolinis Sturz besetzten im September 1943 deutsche Truppen Albanien und stellten seine Souveränität pro forma wieder her, doch blieb die Kollaborationsregierung von der deutschen Militärverwaltung abhängig. Angesichts der sich abzeichnenden deutschen Niederlage nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den Kommunisten und konservativen Widerstandsbewegungen – der republikanischen „Nationalen Front“ (Balli Kombëtar) und der monarchistischen Legalitätsbewegung (Lëvizja e Legalitetit) – um die Fragen des künftigen Systems und der Staatsgrenzen zu. Die Konservativen wollten kein kommunistisches Albanien, lehnten einen Verzicht auf Kosovo ab und versuchten, im Rahmen einer begrenzten Kollaboration die Besatzer für sich zu instrumentalisieren. Damit gaben sie den Kommunisten das Argument in die Hand, nur sie seien noch Träger des Widerstandes.. Die Schlussphase des Widerstandes artete in einen Bürgerkrieg aus, dessen Folgen bis heute spürbar sind.

Der Abzug der Deutschen im November 1944 überließ der KP die Macht im Land und brachte dem Land den ersten echten Elitenwechsel, da die alten Eliten ins Exil gingen, den Säuberungen der Nachkriegsjahre zum Opfer fielen oder zumindest enteignet und „deklassiert“ wurden. Wie in Jugoslawien wurde von vornherein ein Einparteiensystem durchgesetzt; bei den ersten Wahlen am 2. Dezember 1945 standen nur Einheitskandidaten der Front zur Wahl. Danach trennten sich die Kommunisten bald von ihren nichtkommunistischen Verbündeten, und wer sich ihren Regeln nicht unterwarf, riskierte Freiheit und Leben.

7. Das kommunistische Albanien: Terrorregime oder Entwicklungsdiktatur?

In den Nachkriegsjahren konnten die jugoslawischen Kommunisten, zunächst mit Stalins Segen, ihren Einfluss auf Politik und Wirtschaft Albaniens stärken; auch Teile der albanischen Führung sahen die Zukunft ihres Landes in einer Föderation mit Jugoslawien. Diese Entwicklung wurde 1948 durch den Bruch zwischen Stalin und dem jugoslawischen Parteichef Tito abrupt gestoppt. Parteichef Hoxha steuerte die KP, die sich auf ihrem I. Parteitag 1948 wegen der geringen proletarischen Durchdringung der albanischen Gesellschaft in „Partei der Arbeit Albaniens“ (PPSH) umbenannte, auf einen strikt prosowjetischen und stalinistischen Kurs. 1954 wurden auch in Albanien die Ämter von Partei-Generalsekretär und Ministerratsvorsitzendem getrennt; letzteres Amt übernahm Mehmet Shehu von Hoxha. Albanien vollzog als Mitglied von RGW (1949-1962) 3) und Warschauer Pakt (1955-1968) die Reformen nach dem XX. Parteitag der KPdSU, die in der Sowjetunion zum Abbau des Stalinismus führten, nur ansatzweise nach. Die anhaltende Verherrlichung Stalins in Albanien beschränkte sich nicht auf die Ideologie; bis in die achtziger Jahre wurde an der Praxis ständiger innerparteilicher Säuberungen und rücksichtsloser Verfolgung ganzer Familien fest gehalten. Über 5.000 Menschen wurden zwischen 1944 und 1990 hingerichtet oder kamen im Gefängnis um; die Zahl der Verfolgten dürfte sechsstellig sein.

Das kommunistische Regime kontrollierte sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens, insbesondere den kulturellen Sektor und die Medien. Aufbauend auf literarischen Versuchen in der Widerstandspresse setzte die PPSH die Errichtung eines Bildungswesens für die gesamte Bevölkerung einschließlich Alphabetisierungskampagnen durch, setzte allerdings der Literatur und Kunst inhaltlich und organisatorisch einen sehr engen Spielraum. Auch ein Sozial- und Gesundheitswesen wurde aufgebaut; 1944 war Albanien mit 1 Million Einwohnern der am dünnsten besiedelte Balkanstaat, bis 1990 hatte sich die Einwohnerzahl auf ca. 3,3 Millionen erhöht; Albanien wurde damit zum am dichtesten besiedelten Staat des Balkans.

Albanien näherte sich Anfang der sechziger Jahre immer stärker dem maoistischen China an. Die Partnerschaft mit China verschaffte dem Balkanland nochmals den Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen, jedoch wurde es von diesem kulturell fremden Partner weit weniger geprägt und beeinflusst als von Jugoslawien oder der UdSSR. Hoxha widersetzte sich den Bestrebungen Pekings, einen antisowjetischen Block mit Jugoslawien und Rumänien zu bilden. Schließlich kam es 1978 zum Bruch, an den sich eine Phase des Isolationismus anschloss, in der Albanien den Sozialismus ohne Wirtschaftshilfe und Kredite aufbauen wollte, letztlich aber in Stagnation und Rezession endete. Hohe Summen wurden in die Landesverteidigung, besonders in Hunderttausende von Bunkern investiert, um eine Invasion stoppen zu können, die nie kam. Nach dem angeblichen Selbstmord Mehmet Shehus 1981 und einer letzten großen Säuberung 1981/82 setzte sich Ramiz Alia (*1925) als Nachfolgekandidat Hoxhas durch, der am 11. April 1985 starb. Die Ära Alia war von zurückhaltenden Reformen geprägt, die die Nähe zu Gorbatschows Perestroika bewusst vermied, sich aber deren Sogwirkung nicht entziehen konnte. 8. Das postkommunistische Albanien: marktwirtschaftliches Erfolgsmodell oder defekte Demokratie? Im Dezember 1989 gab es eine erste regierungsfeindliche Demonstration in Shkodrë, Anfang Juli 1990 flohen Tausende in die westlichen Botschaften, und im Dezember 1990 setzte eine Studentenbewegung die Legalisierung von Oppositionsparteien durch. Der Zerfall des kommunistischen Systems verlief chaotisch und unter schweren Unruhen. Die PPSH (die sich kurz darauf als Sozialistische Partei – PS – umgründete) gewann zwar die ersten pluralistischen Wahlen am 31. März 1991, konnte aber ihre Macht nicht mehr stabilisieren. Ein Streik erzwang die Bildung einer Allparteienregierung; nach deren Scheitern führte eine Expertenregierung das Land in Neuwahlen am 22. März 1992, bei denen die Demokratische Partei (PD) siegte. Ihr Vorsitzender Sali Berisha wurde vom Parlament zum Präsidenten gewählt. Die erhoffte schnelle Verbesserung des Lebensstandards stellte sich trotz massiver Auslandshilfen nicht ein; weiterhin versuchten Hunderttausende, das Land zu verlassen. Die verheerend schlechte Infrastruktur, Massenkriminalität und die Nähe zu Jugoslawien wirkten abschreckend auf Investoren. Über Wahlfälschungen sicherte sich Berisha 1996 eine erdrückende Parlamentsmehrheit, konnte aber 1997 den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung nach dem Kollaps betrügerischer Anlagefonds („Pyramidengesellschaften“) nicht verhindern, die große Teile der Bevölkerung um ihre Ersparnisse brachten. Erst durch eine internationale Intervention konnte die Lage wieder einigermaßen stabilisiert werden. Die PS siegte bei den im Juni 1997 abgehaltenen Neuwahlen und bildete eine Koalition mit mehreren Mitte-Links-Parteien. Der Koalition gelang eine Stabilisierung der Lage, doch konnte sie die während des Bürgerkriegs gestohlenen Waffen der Armee und Polizei nur zu einem kleinen Teil konfiszieren. Einem neuen wirtschaftlichen Aufschwung stand weiterhin umfassende Korruption auf allen Ebenen gegenüber.

Berisha und seine PD kehrten bei den Parlamentswahlen 2005 an die Macht zurück; auch nach den Wahlen von 2009, die zu einem Patt zwischen dem Regierungslager und zwei linken Listenverbindungen geführt hatten, blieb er Regierungschef in einer Koalition mit der von der PS abgespaltenen Sozialistischen Integrationsbewegung (LSI). Das politische System ist gegenwärtig vom Dauerkonflikt zwischen den beherrschenden Persönlichkeiten Berishas und seines sozialistischen Kontrahenten Fatos Nano (bis 2005), nunmehr Edi Rama, dem PS-Vorsitzenden und Bürgermeister von Tirana, geprägt. Wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen boykottiert die Opposition derzeit die Parlamentsarbeit. 2009 wurde Albanien Vollmitglied der NATO und stellte einen Antrag auf Mitgliedschaft in der EU, doch wird die nach wie vor instabile Gesamtlage der Region den Weg in die EU eher verlangsamen.


Fußnoten:


  1. Sandschak (türkisch „Sancak“) ist der Begriff für einen Verwaltungsbezirk im Osmanischen Reich. 

  2. Zur Bedeutung der Literatur vgl. auch den Beitrag von Robert Elsie in vorliegendem Heft. – Zur Aussprache der albanischen Begriffe ein Hinweis: „xh“ spricht sich wie „dsch“, so auch bei „Enver Hoxha“ (daher deutsch meist „Enver Hodscha“ geschrieben). 

  3. RGW: „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (Organisation der sozialistischen Staaten, bestand 1949-1991).