Die europäische Erfahrung des Islam in Bosnien-Herzegowina

aus OWEP 1/2004  •  von Nedžad Grabus

Nedžad Grabus unterrichtet an der Fakultät für Islamwissenschaften in Sarajevo und ist Redakteur beim religiösen Programm von Radio Bosnien-Herzegowina.

Bosnien-Herzegowina befindet sich in Südosteuropa an den Berührungspunkten des zentralen dinarischen Gebirgsraums mit der Südgrenze der pannonischen Ebene und dem Übergang zum Mittelmeergebiet im Süden. Über den Ort Neum hat es einen Zugang zur Adria. Das Gebiet von Bosnien-Herzegowina ist ausgesprochen gebirgig und liegt durchschnittlich 150 Meter über dem Meer. Sein Klima ist überwiegend gemäßigt kontinental und in einem kleineren Teil mediterran.

Die Gesamtoberfläche von Bosnien-Herzegowina beträgt 51.129 km2. Es grenzt an die Republik Kroatien (931 km) sowie an Serbien und Montenegro (Serbien 375 km, Montenegro 249 km). Im Nordteil grenzt Bosnien-Herzegowina an den Fluss Save und im Süden an die Adria. In Bosnien-Herzegowina leben drei ethnische Gruppen: 48 % Bosniaken, 37,1 % Serben, 14,3 % Kroaten und 0,5 % andere (Volkszählung des Jahres 2000). 1991 hatte Bosnien 4.364.574 Einwohner. Die Bewohner lebten in etwa 1,2 Millionen Haushalten, die in 5.884 Siedlungen zusammen gefasst waren; diese bildeten verwaltungsmäßig 109 Gemeinden. Eine durchschnittliche Gemeinde hatte 469 km2 und ca. 40.000 Bewohner mit etwa 11.000 Haushalten, d. h. 3,6 Mitgliedern pro Familie. Vor dem Krieg (1992-1995) waren die Dörfer vorwiegend national und religiös homogen, in den Städten mischten sich die Angehörigen der verschiedenen Völker und aller drei Religionen und Kulturen. Krieg und ethnische Säuberung haben dieses Bild völlig verändert. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist im Laufe des Krieges in die Städte geflohen, während die Dörfer zerstört wurden. 75 % allen Wohnraums wurden vernichtet oder beschädigt, in Städten – besonders Sarajevo, Mostar und Brčko – ebenso wie in vielen Dörfern.

Religiöse Vielfalt

Bosnien-Herzegowina ist seit Jahrhunderten Heimat und Haus aller monotheistischen Religionen, des Judentums, des Christentums und des Islam. In geopolitischer, historischer, kultureller und religiöser Hinsicht wurde das Schicksal von Bosnien entscheidend durch die Teilung des römischen Reiches in ein Ost- und ein Westreich geprägt, welche Theodosius der Große 395 durchgeführt hat. Das Gebiet von Bosnien-Herzegowina wurde ein Grenzgebiet, an dem zwei kulturzivilisatorische Kreise endeten und sich berührten: der lateinische bzw. römisch-katholische im Westen, der griechisch-orthodoxe im Osten. Die Situation wurde komplizierter, als die Osmanen in die südöstlichen Teile Europas vordrangen. Obwohl es auch früher Kontakte und Einflüsse gegeben hatte, hat erst mit der offiziellen Eroberung Bosniens 1463 die lokale Bevölkerung in größerer Zahl den Islam angenommen.

Die islamische Gemeinschaft heute

Die islamische Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina bildet die einheitliche Organisation der Muslime in Bosnien-Herzegowina, der Bosniaken außerhalb der Heimat und der anderen Muslime, die sie als ihre Organisation akzeptieren. Die Räte (Meschihat) der islamischen Gemeinschaft im Sandžak, in Kroatien und in Slowenien sind Bestandteil der islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina.

Die islamische Gemeinschaft der Bosniaken hat ihre Selbstständigkeit und Autonomie vor mehr als 120 Jahren hergestellt. Im Jahre 1882 ernannte der Scheich-el-Islam aus Istanbul Hilmi Omerović zum bosnischen Mufti und später im gleichen Jahr auch zum Reis-ul-ulema (Oberhaupt der Gelehrten). 1930 schaffte der jugoslawische König Alexander die Autonomie der islamischen Gemeinschaft ab und schuf eine neue Organisation der Gemeinschaft auf dem Gebiet des Königreichs Jugoslawien. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien hat die gleiche Praxis fortgesetzt. Die islamische Gemeinschaft wurde 1947 auf dem ganzen jugoslawischen Territorium organisiert; nach diesem Prinzip wurden auch die Organe der islamischen Gemeinschaft gebildet. Eine solche Struktur entsprach der damaligen zentralistischen Staatsorganisation, die es dem Staat ermöglichte, das Leben und die Arbeit der islamischen Gemeinschaft leichter zu kontrollieren und auf ihre Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Die Verfassung von 1959 legalisierte die staatliche Beschlagnahmung der religiösen Stiftungen und die Einziehung des Immobilienbesitzes der islamischen Gemeinschaft.

Durch den Zerfall Jugoslawiens verschwanden die staatlichen Grundlagen einer einheitlichen islamischen Gemeinschaft in Jugoslawien, und durch die Schaffung des international anerkannten Staates Bosnien-Herzegowina ergab sich die Möglichkeit, die autonome islamische Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina zu erneuern. Während der Aggression gegen Bosnien-Herzegowina und des Völkermords an den Bosniaken hielten Personen aus den Organen der islamischen Gemeinschaft und angesehene bosniakische Intellektuelle am 28.04.1993 eine Gründungsversammlung ab, die eine Entscheidung über die Verfassung als einstweilen höchsten Akt durchführte, einen Vertreter des Reis-ul-ulema und seines Stellvertreters wählte sowie Aktivitäten unternahm, um eine Verfassung für die islamische Gemeinschaft auszuarbeiten. Diese Verfassung wurde im November 1997 beschlossen. Im August 1996 trat der jetzige Reis-ul-ulema, Dr. Mustafa Cerić, sein Amt an.

Zur Organisation der islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina

Die unterste Organisationseinheit der islamischen Gemeinschaft heißt Džemat und umfasst normalerweise das Gebiet eines Dorfes oder mehrerer Dörfer, in den Städten einen Stadtteil oder einige Straßenzüge. Die Zugehörigkeit zu einem Džemat ist normalerweise mit der nächstgelegenen Moschee verbunden. Das Organ der islamischen Gemeinschaft, das gewöhnlich das Gebiet einer Gemeinde (oder darüber hinaus) umfasst, heißt Medžlis. Das Hauptorgan der islamischen Gemeinschaft für eine bestimmte Region wird Muftiat genannt. In Bosnien gibt es acht Muftiate: Das von Sarajevo hat 206 Imame und Lehrer. Während der Aggression wurden 49 religiöse Objekte zerstört, 142 beschädigt. Neun Imame sind ums Leben gekommen. Das Muftiat von Zenica umfasst 159 Džemate auf dem Gebiet von sieben Gemeinden. Dort gibt es 159 Imame und sieben Lehrer. Auf dem Gebiet des Muftiat gibt es 151 Moscheen und 72 Gebetsräume. Während des Krieges wurden 45 Moscheen und 16 Gebetsräume zerstört, 28 Moscheen und 23 Gebetsräume beschädigt. Das Muftiat von Mostar hat auf dem Gebiet von 13 Gemeinden 80 Imame und 40 Lehrer in 130 Moscheen und 65 Gebetsräumen. Während der Aggression sind fünf Imame ums Leben gekommen. 78 Moscheen und 45 Gebetsräume wurden zerstört. Das Muftiat von Travnik hat 120 Imame und 11 Lehrer. Von den 110 Moscheen wurden während des Krieges 21 beschädigt. Fünf Imame sind ums Leben gekommen. Das Muftiat von Banjaluka umfasst 12 Gemeinden. In Banjaluka wurden 16 Moscheen zerstört. Das Muftiat von Bihać umfasst 11 Gemeinden. Das Muftiat von Tuzla umfasst 22 Medžlis, in denen 206 Imame und 196 Lehrer arbeiten. Vor dem Krieg gab es auf dem Gebiet des Muftiats 293 Moscheen, von denen 119 völlig vernichtet und 78 beschädigt wurden. Fünf Imame sind ums Leben gekommen. Das Muftiat von Goražde ist eines der kleinsten Muftiate und umfasst das Gebiet von sechs Gemeinden, von denen fünf sich in der Republika Srpska befinden. Alle Moscheen auf dem genannten Gebiet, mit Ausnahme der in der Stadt Goražde, wurden zerstört.

Der Rijaset (Leitung) der islamischen Gemeinschaft ist das Exekutivorgan der Vollversammlung mit dem Reis-ul-ulema an der Spitze; Mitglieder sind außer ihm noch sein Stellvertreter, vier gewählte Muftis, zwei von der Vollversammlung delegierte Mitglieder und je ein Mitglied aus der Fakultät der Islamwissenschaften und der Gazi-Husre-Beg-Medresse. Der Reis-ul-ulema ist das religiöse Oberhaupt aller Muslime in Bosnien-Herzegowina und aller Bosniaken, die im Ausland leben. Er wird von der Vollversammlung der islamischen Gemeinschaft gewählt und repräsentiert die islamische Gemeinschaft im In- und Ausland. Die Vollversammlung ist das höchste gesetzgebende Organ der islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina. Sie verabschiedet die Verfassung und andere Vorschriften, wählt den Reis-ul-ulema, gründet Schulen und andere Einrichtungen, benennt und entlässt Muftis. Die Vollversammlung hat sich auf der Sitzung am 28.04.1995 konstituiert und hat 73 Mitglieder.

Die Interpretation des Islam in Bosnien-Herzegowina

Der Gegenstand des vorliegenden Beitrags gestattet es nicht, detaillierter in die Probleme des zivilisatorischen und kulturellen Einflusses des Islam auf dem Balkan einzugehen. Daher soll es im Folgenden nur um die Identifizierung der wichtigsten Strömungen des Islam in der Geschichte Bosnien-Herzegowinas gehen.

Die Periode der osmanischen Verwaltung hat den Charakter des Islam in Bosnien-Herzegowina wesentlich geprägt. Der Islam hat in Bosnien-Herzegowina als Glaube begonnen, hat sich dann zum Staat gewandelt und lebt heute als Kultur. Wie die anderen Völker auch, die zum islamischen kulturhistorischen Kreis gehörten, haben die Bosniaken ihre Schriftlichkeit und Bildung im Rahmen dieser Kultur entwickelt, in den Sprachen, die durch diese Kultur bestimmt werden, nämlich dem Arabischen, das die Sprache von Wissenschaft, Recht und Theologie war, dem Türkischen, das die administrative Sprache war und die der Profanliteratur, sowie dem Persischen, der Sprache der Poesie. Menschen in Bosnien und aus Bosnien haben Hervorragendes in verschiedenen Gebieten der islamischen Kultur, der Bildung und der Literatur geleistet.

In Bosnien-Herzegowina basierte während der osmanischen Verwaltung das Rechtssystem auf dem islamischen Scharia-Recht. Nichtmuslime hatten den Status von Schutzbefohlenen, für sie waren ihre religiösen Gerichte zuständig. In österreichisch-ungarischer Zeit wurde das Scharia-Recht weiterhin angewendet, aber es wurde nach und nach auf Personalfragen, also auf Familie, Ehe und Erbrecht, reduziert. So blieb es bis zum 05.03.1946, als das Scharia-Recht in Bosnien-Herzegowina abgeschafft wurde. Während der Osmanenzeit haben die Muslime in Bosnien-Herzegowina ihre Werke, wie bereits erwähnt, in arabischer, türkischer und selten auch in persischer Sprache verfasst. Die österreichisch-ungarische Periode ist von außergewöhnlicher Wichtigkeit für die Muslime in Bosnien-Herzegowina, da sie damals direkt in die europäische Zivilisation eintraten. Damit war das Schicksal der Muslime in Bosnien-Herzegowina als europäische Muslime definitiv bestimmt. Sie waren damals mit Fragen konfrontiert, mit denen die Emigrantengruppen von Muslimen in den europäischen Ländern erst heute konfrontiert sind. Muslime aus Bosnien-Herzegowina sind europäische Muslime, und viele eingewanderte Muslime in Europa leben heute immer noch als Muslime in Europa, aber nicht als europäische Muslime.

Es gibt wenige Städte in der Welt und vor allen in Europa, in denen sich die Spitzen der Kirchtürme und der Minarette berühren. Daher wird Sarajevo mit Recht „europäisches Jerusalem“ genannt. Sogar in der Zeit der Belagerung und der völligen Blockade der Stadt von 1992-1995 gelang es der Armee der Republik von Bosnien-Herzegowina, die Würde der religiösen Objekte in Sarajevo zu bewahren. Obwohl im Lande Hunderte von Moscheen zerstört wurden, gab es in Sarajevo keinen Platz für Revanchismus, was der größte moralische Sieg dieser multireligiösen Stadt ist. Es ist eine Tatsache, dass auch nach den unbegreiflichen Konflikten in Bosnien eine besondere Art von religiösem Miteinander und eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit beim erneuten Aufbau des gegenseitigen Verständnisses und der Erneuerung der religiösen Toleranz in Bosnien-Herzegowina besteht. Da die Katholiken, Muslime und Orthodoxen in Bosnien-Herzegowina in gewisser Weise in einem Randgebiet der großen Zivilisationen leben, behüten sie ihre religiöse Identität oft eifersüchtiger als an anderen Stellen Europas. Die These, dass das Christentum in Bosnien beheimatet ist, der Islam aber eine fremde Religion sei, wird am besten durch die Tatsache widerlegt, dass sowohl Christentum, Judentum als auch Islam aus dem Gebiet um Jerusalem bzw. Mekka stammen. Der Islam ist in Europa mehr als 1000 Jahre auf der iberischen Halbinsel zu Hause, außerdem in Teilen Russlands und auf dem Balkan.

Dilemmata in der Interpretation des Islam in Bosnien-Herzegowina

Die Periode der Islamdeutung in Bosnien-Herzegowina während der osmanischen Verwaltung lässt sich als klassisch definieren. Die Muslime haben sich damals ausschließlich mit Fragen beschäftigt, mit welchen auch die Muslime in den übrigen Teilen des Reiches beschäftigt waren. Manchmal sind auch Werke entstanden, die die interreligiösen Beziehungen im Osmanischen Reich und die Beziehungen mit den Christen außerhalb des Reiches behandelten. In der Zeit der österreichisch-ungarischen Verwaltung haben die muslimischen Intellektuellen Fragen gestellt wie die, ob Muslime in einem Land bleiben und leben sollten, das nicht muslimisch ist, oder ob sie es verlassen sollten, ob sie Armeedienst leisten können, ob sie sich ausbilden sollten, wie sie im neuen Wertesystem handeln sollten usw. Nach einer ersten Welle von Unsicherheit haben muslimische Intellektuelle geantwortet, dass sie die Bedingungen akzeptieren sollten, in welchen sie sich befanden, und Antworten auf die Fragen suchen sollten, mit welchen sie in der neuen Umgebung konfrontiert waren. Die Zeit der österreichisch-ungarischen Verwaltung öffnete den Muslimen Möglichkeiten, in einem neuen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Milieu eine Interpretation des Islam zu entwickeln, die ihnen das Verbleiben und die Entwicklung im Rahmen dieses Reiches ermöglichte.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurden Fragen folgender Art gestellt und Antworten gesucht: Was für eine Schule sollte es geben, welche Kleidung sollte man tragen und welche Kopfbedeckung? Darf ein Muslim einen Hut tragen? Darf eine Muslimin gesellschaftlich engagiert sein? Soll das islamische Recht für Dauer abgeschafft werden, und sollen die Muslime eigene Gerichtsbarkeit haben? Das waren Fragen, die die muslimischen Intellektuellen in Bosnien-Herzegowina vom Anfang des 20. Jahrhundert an bewegten. In der Zeit des kommunistischen Regimes im ehemaligen Jugoslawien wurde die Interpretation des Islam auf das rituelle Segment beschränkt. Viele muslimische Intellektuelle wurden Opfer des totalitären Tito-Regimes.

Nach der Einführung des Mehrparteiensystems und demokratischen Wahlen in Bosnien-Herzegowina 1990 begann man Fragen aus dem Bereich der Religion freier zu interpretieren. Dieser Prozess stagnierte in den Jahren 1992-1995. Acht Jahre nach dem Krieg in Bosnien-Herzegowina zeichnet sich jedoch so etwas wie religiöse Toleranz ab. Die Muslime in Bosnien-Herzegowina haben eine eigene, im Islam wurzelnde Literatur und Kunst, die sich jedoch eines hellenistischen (europäischen) Apparats bedienen. Der Islam ist in die soziokulturelle Umgebung völlig integriert und wie Judentum und Christentum zum Allgemeingut von Bosnien-Herzegowina geworden. Alle Religionsgemeinschaften stimmen darin überein, ihre Aktivitäten in Übereinstimmung mit europäischen Standards der Menschenrechte und der religiösen Freiheiten zu realisieren. Durch die Achtung des Gesetzes und die jahrhundertelange Erfahrung des Lebens in Verschiedenheit sucht Bosnien-Herzegowina seinen Weg zur Europäischen Union, einen Weg, der definitiv die unrealistischen Pläne über die Aufteilung des Landes und die Aufdrängung irgendeiner religiösen oder politischen Vorherrschaft beenden wird – denn sonst hat das Land keinen Bestand.

Deutsch von Thomas Bremer.