Der Islam in Russland im Kontext der europäischen und russischen Integration

Jekaterina Novikova ist Doktorandin im Russischen Christlichen Institut in St. Petersburg.

An der Schwelle des 3. Jahrtausends ist die Welt verwundbarer geworden, weil die globalen Veränderungen von ernsthaften wirtschaftlichen und politischen Spannungen begleitet werden, von militärischen Konflikten, terroristischen Akten und bewaffneten Zusammenstößen. Die wichtige Rolle der interkonfessionellen Beziehungen im Prozess der europäischen Integration wird heute sowohl von Politikern als auch von Wissenschaftlern (Soziologen, Politologen u. a.) und von den Oberhäuptern der religiösen Traditionen selbst erkannt. Der Dialog und die friedliche Zusammenarbeit, die effektive Teilnahme am Integrationsprozess verlangen Toleranz, die (wenn man von Russland spricht) heute sowohl in den religiösen Gemeinschaften als auch in der Gesellschaft im Ganzen fehlt.

Will man die heutige Lage des Islam in Russland bewerten, so muss man sich vor Augen halten, wie weit sich die islamischen Gemeinden in Russland dem Integrationsprozess Europas verschrieben haben und wie weit sie in das öffentlich-politische Leben der Russischen Föderation eingebunden sind. Die negativen Folgen, die mit der Liberalisierung in der Wirtschaft verbunden waren, sind natürlich für eine Gesellschaft, die liberale Werte verkündet. In Russland verurteilen sowohl die orthodoxe als auch die muslimische Religionsgemeinschaft einmütig die negativen Folgen der Liberalisierung und der Globalisierung, sodass also die Wiedergeburt im religiösen Leben Russlands sowohl in der christlichen (vor allem orthodoxen) als auch in der muslimischen Kultur viel Gemeinsames hat.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Geschichte des Islams in Russland und sein Charakter auf dem Territorium des russischen Imperiums erklären vieles. Muslime bilden etwa 13 % der 146 Millionen Einwohner der Russischen Föderation. In kompakten Siedlungsgebieten leben Muslime im Wolgagebiet, im Südural und im Nordkaukasus. Allein Moskau, die Hauptstadt der Russischen Föderation, zählt mehr als eine Million Muslime. Auf dem Territorium des heutigen Russland tauchte der Islam im Nordkaukasus über den „Korridor von Derbenta“ vor 1400 Jahren auf, und im Wolgagebiet (Wolgabulgaren) wurde er bereits im Jahre 922 offizielle Religion, als in diesem Gebiet eine Gesandtschaft des Kalifen von Bagdad erschien, um den Islam dort zu verwurzeln. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde das wolgabulgarische Gebiet von den Mongolen erobert und verwüstet. Seine Territorien wurden durch die Mongolen dem Reich der Goldenen Horde eingegliedert, das sich 1312 unter dem Khan Usbek zum Islam bekannte. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts zerfiel dieses Reich in eine Reihe von Staaten, deren stärkster und bedeutendster das Khanat von Kasan war.

Die Politik des russischen Staates hinsichtlich der Muslime, eines Staates, in dem die Orthodoxie die offizielle Religion bis 1917 war, erwies sich als ziemlich widersprüchlich. Im Ganzen waren der Islam und seine religiösen Einrichtungen niemals offiziell verboten, doch die Gesetzgebung war eher auf eine Beschränkung des Islam gerichtet. Der Bau neuer Moscheen wurde erschwert, der Übertritt von Muslimen zur Orthodoxie wurde begrüßt, ebenso wie die missionarische Tätigkeit der orthodoxen Geistlichkeit. Versuche der Konversion aus der Orthodoxie zum Islam wurden streng unterbunden. Obwohl unter Zar Peter I. die erste Übersetzung des Korans in das Russische angefertigt wurde, setzte erst unter Katharina II. eine Politik der Toleranz ein.

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts existierte ein verzweigtes System muslimischer geistlicher Einrichtungen auf dem Territorium Russlands. Das Leben der Muslime im Kaukasus etwa wurde durch die 1872 gegründeten geistlichen Verwaltungen der Sunniten und Schiiten geleitet. Im Gebiet von Turkestan gab es überhaupt kein besonderes Organ der Leitung, die grundsätzlichen Fragen des Lebens der muslimischen Gemeinden hier wurden durch die lokalen Behörden selbst reguliert, die in Petersburg dem Kriegsministerium unterstanden. Das zentrale Leitungsorgan, das das Leben der russischen Muslime kontrollierte, war das 1832 gegründete und beim Innenministerium angesiedelte Departement der Geistlichen Angelegenheiten ausländischer Glaubensbekenntnisse. Die Politik der beiden letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts war von betont russifizierendem Charakter. Einer der herausragendsten und originellsten muslimischen Publizisten jener Zeit, Ismail-Bey Gasparly (1851-1914), ein Ideologe der kulturellen Wiedergeburt der Muslime des russischen Imperiums, schrieb dazu: „Die Unterschiedlichkeit von Sprache und Leben, der Gebräuche und des Glaubens können in keiner Weise zur Entwicklung einer gegenseitigen Annäherung beitragen … Gebt den Muslimen die Möglichkeit, Russland zu kennen, sein Leben und seine Gesetze, gebt ihnen die Möglichkeit, Erkenntnisse zu erwerben, welche mit ihrer lebendigen Strömung auch ihre vermoderten Weltanschauungen erfrischen würden, erleichtert neuen Ideen und Prinzipien den Zutritt zu den Muslimen, und ihr werdet sehen, wie schnell die (schläfrige und apathische) muslimische Masse belebt wird.“

Zu Beginn der ersten Russischen Revolution 1905 wurde ein Ukas über die Glaubenstoleranz veröffentlicht, durch das Manifest vom 17.10.1905 wurde die Existenz einer ganzen Reihe muslimischer öffentlicher Organisationen und Versammlungen zugelassen. Von 1906-1917 arbeitete in der Staatsduma aktiv eine muslimische Fraktion. Im Augenblick der Revolution von 1917 war der Islam nach der Zahl seiner Anhänger die zweite Religion nach der Orthodoxie. Nach den veröffentlichten Materialien der Volkszählung von 1897 überstieg die Zahl der russischen Muslime 13,9 Millionen Menschen. Im Jahr 1912 waren es nach den Informationen des Departements für Geistliche Angelegenheiten 16,2 Millionen, obgleich inoffizielle Quellen, darunter auch die nationale Presse, die Zahl der Muslime auf 20-25 Millionen schätzte. In der sowjetischen Zeit entsprach die Politik des Staates gegenüber dem Islam vollkommen dem Geist des totalitären Regimes. Allein als Ergebnis der direkten Repressionen gegen muslimische Aktivisten wurden Tausende von ihnen zu unterschiedlichen Freiheitsstrafen verurteilt oder hingerichtet. Die Schließung muslimischer Lehrinstitutionen führte zur Unterbrechung der theologischen Tradition und zur Herabsetzung der Religion auf das Niveau einer rituell-kultischen Praxis und eines Kulturislams. Diese Lage setzte sich bis zu den Zeiten der Perestroika nur mit einer geringen Abschwächung während des Zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsjahren fort.

Organisation und Strukturen seit 1990

Eine der Folgen der Liberalisierung der postsowjetischen Gesellschaft wurde der Prozess der religiösen Wiedergeburt, und ein Teil davon ist die „islamische Renaissance“. Die Zahl der registrierten muslimischen Gemeinden wuchs von 868 (1991) auf 2.907 (1999). Nach den Angaben des Staatsregisters sind zum 01.01.2002 in der Russischen Föderation 3.038 lokale muslimische religiöse Organisationen registriert, die sich auf folgende Weise auf die föderativen Kreise verteilen:

  • Wolgakreis – 1.755
  • Nordwestlicher Kreis – 15
  • Sibirischer Kreis – 89
  • Uralkreis – 254
  • Zentralkreis – 54
  • Südlicher Kreis – 860
  • Fernöstlicher Kreis – 11

Zum bisherigen Höhepunkt der politischen Aktivität der Muslime kam es im Wahlzyklus 1998-2000. Muslimische Politiker bildeten die allgemein-russische politische gesellschaftliche Bewegung „Refach“, die im Jahre 2000 in die gleichnamige Partei umgewandelt wurde. An der Spitze von „Refach“ stand der einflussreiche junge Politiker Abdul Wached Nijasow. Bei den Parlamentswahlen trat Refach in einem Block mit der Putin-freundlichen Vereinigung „Einheit“ auf und brachte fünf Abgeordnete in die Duma.

Momentan ist die Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime Russlands (ZDUM) die Hauptorganisation. Sie erstreckt ihre Jurisdiktion auf das Territorium der Russländischen Föderation (außer dem Nordkaukasus), auf Weißrussland, Moldova, Lettland, Litauen und Estland. Der Leiter der ZDUM ist der oberste Mufti (momentan ist das Talgat chasrat Tadschuddin). Er wird von der Versammlung der Muslime Russlands auf Lebenszeit gewählt. Die Leitungsorgane der ZDUM Russland sind die Versammlung (Medschlis), das Präsidium, der Rat der Muftis, der Rat der Gelehrten. Kontrollorgan der ZDUM ist die zentrale Revisionskommission der ZDUM Russlands. Auf den Territorien der einzelnen Subjekte der Föderation Russlands oder auf den Territorien anderer Staaten gibt es regionale geistliche Verwaltungen der Muslime (RDUM) innerhalb der ZDUM von Russland. Am 01.01.2002 gehörten 28 RDUM zur ZDUM. Der Leiter der RDUM ist der Vorsitzende im Rang eines Mufti. Die Leiter der RDUM werden vom Obermufti Russlands nach einem Vorschlag des Präsidiums der ZDUM Russlands eingesetzt. Die RDUM bestehen aus Territorialverwaltungen der Muslime („Muchtasibat“). Diese Territorialverwaltungen haben in der Regel den Status einer religiösen Organisation und werden von einer übergeordneten religiösen Organisation eingerichtet. Die Leiter der Regionalverwaltungen sind ihre Vorsitzenden im Rang eines Imam. Auf dem Territorium von Städten, Kleinbezirken, Siedlungen und Dörfern werden lokale muslimische religiöse Organisationen geschaffen. Die Leiter dieser lokalen Organisationen sind Imame. Alle Amtsträger werden auf Lebenszeit in ihre Funktionen berufen.

Die russische politische Elite bildet ihre Meinung über die Probleme des Islam zumeist unter Einfluss des Rates der Muftis Russlands. Der Rat der Muftis Russlands (RMR) wurde 1996 bei einem Treffen der Muftis und der Leiter der Geistlichen Verwaltung der Muslime in einer Reihe von Territorien Russlands eingerichtet. Das Spektrum der Politiker, mit denen der Rat der Muftis Kontakt hat, ist ziemlich breit, von aktiven Staatsbeamten bis zu den Führern von Parteien und Bewegungen.

Zunehmende Radikalisierung

Die Gründe für die Radikalisierung des Islam in Russland sind sehr unterschiedlich. Dazu gehört sowohl der ethnopolitische Gegensatz zwischen muslimischer Peripherie und Zentrum als auch die wachsende Unzufriedenheit der Muslime durch die Verschlechterung der materiellen Lage, die Korruption der Behörden, der Verfall der Sitten, die Verbreitung von Drogenabhängigkeit usw. Bei einem Teil der Bevölkerung nimmt der soziale Protest religiöse Formen an. So gab es etwa in Dagestan bis zum Herbst 1999 ganze Enklaven, deren Bevölkerung ihre Landstücke als „islamisches Territorium“ ausrief (manchmal sogar als „islamischen Staat“, wenn auch unter der Jurisdiktion der Russischen Föderation). Es wäre nicht richtig, den äußeren Einfluss seitens der Muslime aus dem Nahen und Mittleren Osten auf die Glaubensgenossen in Russland zu unterschätzen. Ihr Einfluss ist ideologisch, kulturell, finanziell und politisch zu verstehen. Zusätzlich erweisen sich vor allem junge energische Muslime als die Träger des radikalen Geistes, die eine religiöse Ausbildung durchlaufen haben, die arabische Sprache beherrschen und die Gewohnheiten missionarischer Aktivität kennen.

Die Wiedergeburt des Islam in Russland legt das Problem offen, dass es kaum qualifizierte Geistliche gibt, vor allem angesichts des schnellen Wachstums der Zahl neuer und restaurierter Moscheen und der Einrichtung einer großen Zahl muslimischer Gemeinden. Die islamische geistliche Ausbildung wurde bis zum Anfang der neunziger Jahre in der gesamten UdSSR nur durch die Mir-Arab-Medresse in Buchara repräsentiert, die bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, und durch das Islamische Institut „Imam Al Buchari“, das Ende der achtziger Jahre eröffnet wurde. Die erste Ausbildungseinrichtung in Russland zur Ausbildung von Imamen und Muezzinen wurde die Medresse „Imam Risautin Fachretdin“ in Ufa, wo die Ausbildung 1989 begann. Nach Angaben des Ministeriums für Justiz der Russländischen Föderation aus dem Jahre 1998 gab es auf dem gesamten Territorium Russlands 106 islamische Ausbildungseinrichtungen, von denen ein großer Teil Mittelschulniveau haben, obwohl auch in ihren Bezeichnungen der Begriff Hochschule vorkommt. Die überwältigende Mehrheit der Medressen beschränkt den Kreis der zu lernenden Fächer auf die rein religiösen Disziplinen.

Obgleich im modernen Russland die Religion vom Staat getrennt ist und das Bundesgesetz „über Gewissensfreiheit und religiöse Vereinigungen“ beachtet wird, so ist die Religion doch nicht von der Gesellschaft getrennt, in der die Meinung über den Islam vor allen durch die Massenmedien gebildet wird – häufig eine negative Meinung vor dem Hintergrund politischer Konflikte und Meinungsverschiedenheiten. Kirche, Politiker, Beamte und öffentliche Personen verwenden häufig Begriffe wie „ethnische Muslime“, „historische Orthodoxe“ (das sind vor allen Russen und Ukrainer) usw. Außerdem existieren neben den „islamistischen“ Organisationen mit radikaler Ausrichtung analoge orthodoxe, wie etwa die Organisation „Union Orthodoxer Bürger“. Ihr dominierender Gedanke ist, dass das Russische Reich seinem Wesen nach nur orthodox sein kann; jeder anderer Glaube kann nur insofern geduldet werden, als er das orthodoxe Wesen des Reichs nicht berührt. Insoweit jeder beliebige Glaube dieses orthodoxe Wesen allein durch die Tatsache seiner Existenz auf dem Territorium des Reiches stört, ist im Allgemeinen keine religiöse Toleranz denkbar.

Im Rahmen dieser Tendenz finden sich zuweilen Versuche, gerade für den Islam Ausnahmen zu machen, Versuche, ihn in einen „schlechten“ und einen „guten“ Islam zu teilen. Doch im Allgemeinen wird heute der Islam von orthodoxen Nationalisten als gleichberechtigte Komponente im Heer des gegen Russland auftretenden Antichristen betrachtet, als materialisierter Satanismus, als Herrschaft der Dunkelheit. Die Situation wird auch noch durch die immer größere Anzahl von Immigranten aus muslimischen Regionen in Russland (Nordkaukasus), innerhalb der ehemaligen UdSSR (Aserbaidschan, Mittelasien) und sogar aus dem „fernen“ Ausland (Afghanen, Kurden u. a.) erschwert.

Interkonfessionelle Kontakte

Dennoch ist es notwendig festzuhalten, dass die Position der Nationalisten sich deutlich von der Position des Moskauer Patriarchats unterscheidet, das Wert auf außerordentlich freundschaftliche Beziehungen mit den offiziellen Strukturen des Islam legt, Proselytismus unter den Muslimen ablehnt und dazu aufruft, „extremistische Bewegungen, die islamische Losungen verwenden“, nicht mit dem Islam im Ganzen zu verwechseln. Im immer wichtiger werdenden Dialog spielt der 1998 gegründete „Interreligiöse Rat Russlands“ eine aktive Rolle. Seine Hauptziele sind die Koordination von lokalen Aktivitäten und der Widerstand gegen die Verwendung religiöser Gefühle für die Entfachung zwischenethnischer Konflikte. Der Rat vereinigt in seiner Arbeit nicht nur Christen und Muslime, sondern auch Vertreter des Judentums und des Buddhismus in der Russischen Föderation. Momentan wird vom Rat das zweite interreligiöse Friedensforum vorbereitet, das Anfang März 2004 in Moskau stattfinden soll.

Im letzten Jahrzehnt wurde in den Massenmedien immer häufiger das Problem der Bildung nationaler Ideen diskutiert, die geeignet sind, die Bürger Russlands zu vereinen. Obwohl im Moskauer Patriarchat die Idee von der sozialen Gleichberechtigung der Orthodoxie, des Islam und anderen offiziell anerkannten großer Religionsströmungen nicht in Frage gestellt wird, kommt doch behutsam das Konzept von traditionellen Religionen immer mehr zum Vorschein und löst die Phrase über das „multikonfessionelle Land“ langsam ab. Sogar eine Liste dieser traditionellen Religionen gibt es: Orthodoxie, Islam, Buddhismus und Judentum. Für die Gesellschaft im Ganzen, für die effektive Integration sind aber nicht nur die richtigen Schritte der religiösen Oberhäupter wichtig, sondern auch das tolerante Massenbewusstsein der gläubigen wie auch der nichtgläubigen Mitglieder der Gesellschaft. Der islamische Faktor ist im Leben Russlands wesentlich, eine Kultur der Toleranz in zwischenreligiösen Beziehungen jedoch momentan noch eher Traum als Wirklichkeit.

Aus dem Russischen übersetzt von Thomas Bremer.