Die Skythen

aus OWEP 2/2005  •  von Alexander Block

Alexander Alexandrowitsch Block (1880-1921) war ein führender Vertreter des russischen Symbolismus, dem stark vom orthodoxen Glauben Osteuropas beeinflussten Gegenstück dieser literarischen Bewegung in Europa. Enttäuscht über den Ausgang des Russisch-Japanischen Krieges und die fehlgeschlagene Revolution 1905 wurde der Grundton seiner Gedichte düsterer und pessimistisch, doch gab ihm die Russische Revolution 1917 neue Hoffnung. „Skiphy“ (1918, Die Skythen), eine ebenso leidenschaftliche wie melancholische Ode, bringt seinen Glauben an einen moralischen Sieg Russlands über den Westen zum Ausdruck. Das Gedicht zeigt das Spannungsverhältnis der Russen – hier als Skythen vorgestellt – zum westlichen Europa, ein Verhältnis, das zwischen Liebe und Hass pendelt, zwischen Klage und Drohung.

Ihr seid Millionen. Wir – Legion, Legion, Legion!
Versucht nur, euch mit uns zu schlagen!
Ja, unsre schrägen Augen, gierig schon,
Verkünden: Wir sind Skythen, Asiaten!

Für euch Jahrhunderte, für uns ein Augenblick.
Mongolen, Europäer, die sich hassen –
Als treue Knechte hielten wir den Schild
Gehorsam zwischen beide Rassen …

Jahrhunderte saht ihr nach Osten, dann,
Das Gold einschmelzend, das ihr uns gestohlen,
Habt höhnend ihr die Frist berechnet, wann
Auf uns zu richten wären die Kanonen.

Jetzt ist die Stunde da, der Flügelschlag
Des Unheils nähert sich, es künden
Uns eure Kränkungen: bald kommt der Tag,
Wo spurlos eure Städte schwinden! …

Wir lieben alles, gallischen Esprit,
Der Zahlen kalte Glut, das Ahnen
Des Unbekannten, doch auch das Genie
Des finster brütenden Germanen.

Und wir erinnern uns der Hölle auch,
Der Straßen von Paris. Venedigs Feste
Sind uns so nah wie jener graue Rauch,
Der sich auf Kölns Gemäuer niederpresste.

Des Fleischs Vergänglichkeit – sinnlich und keusch –
Wir lieben sie wie seinen bittern
Verwesungshauch. Sind wir denn schuld, dass euch
In unsren Armen eure Knochen splittern? …

Erholt euch von des Krieges Schrecken, hört,
Von unsren Armen freundlich-fest umschlossen:
Noch ist es nicht zu spät, steckt ein das Schwert,
Lasst uns zu Brüdern werden und – Genossen!

Wenn ihr nicht wollt – wir sind uns selbst genug.
Wir pfeifen auf das Wort der Treue!
Euch wird noch ein Jahrhundert lang der Fluch
Der kranken Enkel treffen stets aufs Neue.

Europa, anmutsvolle Dame, wir
Werden durch Steppen und durch wüste Wälder
Dir eine Bresche schlagen: Mädchen, hier,
Sieh unsere Asiatenfratzen selber!

Wir räumen euch das Feld bis zum Ural
Für eure stählernen Maschinen:
Asiatenhorden gegen‘s Integral –
Wir sehen zu mit unbewegten Mienen.

Wir sind ab heute euch kein Schild mehr, nein,
Kämpft euren Todeskampf mit den Mongolen,
Wir greifen in den Kampf jetzt nicht mehr ein,
Wir werden zusehn, wenn die Schlachten toben …

Zum letztenmal besinn dich, alte Welt!
Zum brüderlichen Fest der Friedensfeier,
Zum Fest der Arbeit, das uns friedlich eint,
Ruft der Barbaren Leier!

(Nachdichtung – hier etwas gekürzt – aus dem Russischen von Heinz Czechowski, Abdruck mit seiner freundlichen Genehmigung)