Bleiben oder Gehen? Juden in Russland

aus OWEP 3/2008  •  von Gerd Stricker

Dr. Gerd Stricker ist Chefredakteur der Monatszeitschrift „G2W – Glaube in der 2. Welt“ in Zürich.

Das Judentum zählt in Russland heute – neben Orthodoxie, Islam und Buddhismus – zu den „traditionellen Religionsgemeinschaften“, doch ist erst mit den Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) ein kompaktes jüdisches Siedlungsgebiet an Russland gelangt: das berühmte „Schtetl“ der Ostjuden (von Wilna, Witebsk, Mohilew, Gomel, Lemberg (Lwiw) bis Schitomir und später bis Odessa) – ein Gebiet, das heute zu Litauen, Weißrussland und der Ukraine gehört. Zuvor hatte es in Russland kaum Juden gegeben. Seit Ende des 19. Jahrhunderts durften sich Juden zwar außerhalb des „Schtetls“ in den Städten des Zarenreiches niederlassen. Doch haben Pogrome und Prozesse mit antisemitischem Hintergrund seit den 1880er Jahren die Juden in Angst und Schrecken versetzt.

Unter dem Sowjetregime

Die Bolschewiki haben weitgehend auch das jüdische Glaubensleben vernichtet. Fast alle Synagogen und alle jüdischen Bildungseinrichtungen wurden geschlossen. Dem Glauben entfremdete Juden spielten jedoch in Lenins Führungsriege eine wichtige Rolle (Trotzkij, Kamenew, Swerdlow, Sinowjew, Joffe, Bucharin, Jaroslawskij usw.). Die jüdischen Kommunisten gaben dem russischen Antisemitismus starken Auftrieb. Nach der „Wende“ behaupteten viele: „Wir Russen sind am Kommunismus unschuldig – allein die Juden haben dieses Unglück über Russland gebracht.“

Lenins jüdische Mitstreiter wurden während Stalins „Säuberungen“ (1936-1938) liquidiert. Doch zwang ihn der Zweite Weltkrieg zu Zugeständnissen: Ein „Antifaschistisches Jüdisches Komitee“ wurde 1942 zugelassen, einige Synagogen wieder geöffnet. Nach Kriegsende aber kam es auf Stalins Geheiß wieder zu Verfolgungen: 1948 ließ er die Führung des „Antifaschistischen Komitees“ umbringen; im August 1952 wurden 24 jüdische Intellektuelle hingerichtet und im Januar 1953 Prozesse gegen jüdische Ärzte inszeniert: Angeblich hatten sie Stalin vergiften wollen – nur sein Tod am 5. März 1953 rettete sie; es war damals sogar von der Zwangsdeportation aller Juden nach Birobidschan (Ostsibirien) die Rede, wo Stalin im Fernen Osten 1934 das „Autonome Jüdische Gebiet“ eingerichtet hatte.

Nach Stalins Tod lebte der staatliche Antisemitismus in der UdSSR verdeckt weiter: z. B. durch einen scharfen Numerus clausus an Hochschulen, durch Beschäftigungsstopps in öffentlichen Ämtern, im künstlerischen Bereich, in den Medien. Daran änderten Phasen relativer Ruhe wenig. Die Überlebensstrategie der Juden in der Sowjetunion konnte daher nur das Untertauchen sein – vor allem die Loslösung vom Väterglauben. Zum sowjetamtlichen Antisemitismus kam der virulente Antisemitismus in der russischen Bevölkerung. Dies alles löste unter den Juden eine regelrechte „Ausreisepsychose“ aus, die die Sowjetführung durch Abkommen mit Israel kanalisierte, in denen jährliche „Ausreisequoten“ nach Israel festgelegt wurden.

Demographische Entwicklungen des Judentums in Russland nach der Wende

In der UdSSR war die Statistik der jüdischen Bevölkerung ein absolutes Tabu. Das wirkt nach – bis heute ist es unmöglich, eine solche für Russland zu erstellen. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Zahl der Juden in der Sowjetunion auf 5,2 Millionen veranschlagt; nach dem Krieg sollen es noch 2,2 Millionen gewesen sein. Allerdings besagen offizielle Angaben über die Zahl der Juden in der Sowjetunion und im heutigen Russland nicht viel: Denn um Schikanen und Behördenwillkür zu vermeiden, gaben die meisten Juden in der Sowjetzeit (und auch heute) bei Volkszählungen als Nationalität „Russe“ an; das wurde auch im Pass eingetragen. Wer aber „Jude“ im Pass stehen hatte, musste Diskriminierung befürchten.

Der jüdische Exodus aus der einstigen Sowjetunion nahm in den achtziger und neunziger Jahren Massencharakter an, vor allem im Chaos gegen Ende der Perestrojka und in der Ära Boris Jelzin, als die Wirtschaft kollabierte. Etwa 1,2 Millionen Juden haben in den letzten Jahrzehnten die UdSSR bzw. Russland verlassen (nach Israel, in die USA und nach Westeuropa, namentlich nach Deutschland). Bei der letzten Volkszählung in der UdSSR, 1989, hatten sich noch 1,4 Millionen Personen als Juden bezeichnet; bei der jüngsten Volkszählung in Russland (2002) hingegen lediglich 230.000. Dass solche offiziellen Zahlen mit der Realität nichts zu tun haben, liegt auf der Hand.

Zwar ist jüdische Statistik heute kein Tabu mehr, aber weiterhin umstritten. Viele Juden fürchten noch immer Verfolgung und Repression und meiden alles Jüdische – und bezeichnen sich weiter als „Russen“. Für Verwirrung sorgt auch die Tatsache, dass viele gar nicht wissen, dass nur der wirklich Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Menschen mit typisch jüdischem Namen vom Vater her sind nur Juden, wenn auch die Mutter jüdisch ist. Hingegen haben Menschen oft einen russischen Allerweltsnamen, die von ihrer jüdischen Mutter her im eigentlichen Sinne Juden sind. Unter dem antisemitischen Druck in der UdSSR haben jüdische Mütter ihren Kindern das oft nicht offenbart.

Festzuhalten bleibt, dass statistische Angaben über Juden in Russland mit größter Vorsicht aufzunehmen sind. Den 230.000 Juden der russischen Volkszählung von 2002 wurde von jüdischer Seite zunächst die Angabe „500.000 bis 700.000 Juden in Russland“ entgegengestellt. Berl Lazar, einer der beiden Oberrabbiner Russlands, sprach im Februar 2008 von 1,2 Millionen Juden in Russland (davon 500.000 allein in Moskau) – bald würden es 1,5 Millionen sein. Die Zunahme, so Berl Lazar, beruhe darauf, dass jetzt Zionisten, Agnostiker und Atheisten – und viele, die sich bisher ihres Judentums nicht bewusst waren – nun dem Judentum nähertreten.

Renaissance des Judentums in Russland

Heute vermelden jüdische Organisationen Beeindruckendes. Aber auch da ist es schwierig, die Angaben zu verifizieren und einzuordnen. Trotz aller Widersprüchlichkeit seien daher hier einige häufig zitierte Zahlen genannt, um Entwicklungen anzudeuten. Vor der „Wende“ hatte es in der UdSSR etwa 60 Synagogengemeinden gegeben: in der Russischen Sowjetrepublik 11, im Kaukasus 19, in Mittelasien 17, in der Ukraine ca. 10. Wohl kaum mehr als einige Tausend Familien hatten sich damals öffentlich zum jüdischen Glauben zu bekennen gewagt. Im Jahre 2003 hingegen waren allein in Russland 270 bis 300 so genannte jüdische „religiöse Zentren“ amtlich registriert. Allein in Moskau gab es 2005 zehn jüdische Ausbildungsstätten. Unklar ist, wieviele dieser Zentren als religiöse Gemeinden angesprochen werden können. Die enorme Zunahme jüdischer Institutionen ist in erster Linie das Werk von Rabbinern und Missionaren („Schlichim“) aus Amerika und Israel.

Fast 20 Jahre nach der „Wende“ stellen jüdische Funktionäre fest: Juden scheuten sich noch immer, mit dem Judentum als Religion in Verbindung zu treten. „An die allermeisten Juden kommen wir gar nicht heran“, meinen sie. Das erste Ziel aller Missionsprogramme besteht daher darin, die „versteckten“ Juden für die neuen Zentren zu interessieren: durch kulturelle Angebote, soziale Einrichtungen, Bibliotheken, Buchhandlungen, Abendschulen mit Sprachprogrammen, Computerkurse, Schachclubs, Kurse für koscheres Kochen, Frauenorganisationen, Gesprächskreise, Sportgruppen, Theater, Kino usw. Was im Einzelnen an Aktivitäten angeboten werde, sei gar nicht so wichtig. Nur attraktiv müsse es sein. Aus der lockeren Anbindung soll ein intensives Kennenlernen der jüdischen Kultur und Geschichte – und vor allem der Religion resultieren. Der Gang in die Synagoge ist der allerletzte Schritt dieses Prozesses. Sogar eine wachsende Zahl von Beschneidungen werde verzeichnet – selbst an Siebzigjährigen.

Darüber hinaus bilden Kinder eine wichtige Brücke: Sie wachsen durch die vielseitigen Angebote in Kindergärten und Einrichtungen für ältere Kinder in die jüdische Welt hinein – und über sie werden viele Eltern dem Judentum zurückgewonnen Doch warnt ein Rabbiner vor Selbsttäuschung: Man müsse sich der Tatsache bewusst bleiben, dass die allermeisten Juden in Russland nach wie vor ungläubig sind.

Jüdische Organisationen

Vor 1991 gab es in der UdSSR nur die erwähnten ca. 60 jüdischen (wohl meist orthodoxen) Gemeinden. Der Moskauer Gemeinde stand seit 1983 Adolf Schajewitsch (Šaevič, *1937) als Oberrabbiner vor, der – zwar selbst ohne Machtbefugnisse – das Judentum in der Sowjetunion offiziell repräsentierte. Wie die anderen Vertreter von Religionsgemeinschaften war auch er de facto von der sowjetischen Führung in sein Amt gesetzt – und war ihr verpflichtet. Kein Wunder, dass nach der „Wende“ Kollaborationsvorwürfe gegen Schajewitsch erhoben wurden. Aber das Wohlwollen von Präsident Boris Jelzin schützte ihn. Der Oberrabbiner baute aus jenen Gemeinden, die er aus Sowjetzeiten kannte, und aus neuen Gemeinden eine Struktur auf. Hieraus entwickelte sich der 1996 offiziell gegründete „Russische Jüdische Kongress“ (künftig: „Kongress“). Als sein erster Präsident fungierte der Medienzar Wladimir Gusinskij. In der Ära Jelzin repräsentierte Schajewitschs „Kongress“ durchaus einen Machtfaktor – nicht zuletzt deshalb, weil sich jüdische Wirtschaftsbosse wie eben Gusinskij, die Präsident Jelzin nahestanden, mit dem „Kongress“ (etwa durch Großspenden) solidarisierten.

Gleichzeitig geschah etwas Unerwartetes: Es entstanden neue jüdische Gemeinden völlig anderen Zuschnitts als die „klassischen“ Synagogengemeinden. Und sie unterstellten sich nicht dem „Kongress“. Der damalige Oberrabbiner in der UdSSR, Adolf Schajewitsch, hatte nach der „Wende“ Glaubensgenossen im Ausland um die Entsendung von Rabbinern und Missionaren gebeten, die helfen sollten, das religiöse Lebens in Russland wiederzubeleben. Insgesamt folgten wohl einige Hundert diesem Aufruf und nahmen in vielen Städten Russlands die Arbeit auf. Mehrheitlich gehörten sie der „Chabad Ljubawitsch“ an – der bedeutendsten chassidischen Gruppierung im Judentum. Die Chassidim waren im Zuge der sowjetischen Repressionen aus dem „Schtetl“ abgewandert und hatten ihr Zentrum nach New York verlegt. Unter den aus den USA eingereisten Missionaren war Berl Lazar, der dort eine hervorragende theologische Ausbildung empfangen hatte. Alsbald wurde er in Russland zum „Zaddik“ (chassidischer Seelenführer) erhoben. Die von ihm und anderen Chassiden gegründeten neuen Gemeinden bildeten die „Föderation jüdischer Gemeinden und Organisationen in Russland“ (offiziell seit 1998; künftig: „Föderation“) und wählten Berl Lazar zu ihrem Oberrabbiner. Mit amerikanischem Geld und seinem hervorragendem Organisationstalent machte Lazar die „Föderation“ zwar zu einem gut organisierten Verband chassidischer Gemeinden, der aber in der Jelzin-Ära keine bedeutende Rolle spielte.

Das änderte sich mit dem Ende der Präsidentschaft Boris Jelzins. Einige Favoriten Jelzins, auf die Adolf Schajewitsch gesetzt hatte, gehörten bald zu den erklärten Gegnern des neuen Präsidenten Wladimir Putin – wie etwa Wladimir Gusinskij, der nach Großbritannien fliehen musste; wie auch Freunde von Michail Chodorkovskij, den Putin nach Sibirien hatte verbannen lassen. Wie seine jüdisch-russischen Gönner fiel auch Adolf Schajewitsch mit seinem „Kongress“ bei Putin in Ungnade.

Berl Lazar hingegen, Oberrabbiner der chassidischen „Föderation“, hat die „richtigen“ jüdischen Magnaten auf seiner Seite – wie etwa den Erdölmagnaten Roman Abramowitsch oder den Diamantenhändler Lew Lewajew. Beide standen bei Präsident Putin in Gunst. Dieser legte Wert auf gute Beziehungen zu Berl Lazar; man traf sich regelmäßig; an der Einweihung des großen Moskauer Zentrums der „Föderation“, „Marina Roschtscha“, nahm Putin persönlich teil (2000). Die Zurücksetzung Schajewitschs und seines „Kongresses“ zeigte sich markant, als Putin im „Rat für die Zusammenarbeit aller Religionen Russlands“ Berl Lazar als Repräsentanten des Judentums bestimmte. Gegner bezeichnen ihn oft als „Kreml-Rabbiner“. Putins Nachfolger, Präsident Dmitrij Medwedjew, hat schon früher das Zentrum der „Föderation“ besucht. Die Basis interessiert der Machtkampf der gegnerischen Bünde allerdings nicht; manche Gemeinden sind sogar Mitglied in beiden Verbänden.

Die chassidisch geprägte „Föderation“ mit Oberrabbiner Berl Lazar ist mit 181 Gemeinden und 46 Rabbinern (2005) der größte jüdische Verband in Russland (am 18.02.2008 wurden folgende Institutionen erwähnt: 40 Synagogen, 70 Gemeindezentren, 5 Hoch- und Talmudschulen, 29 Schulen [mit Gymnasien], 28 Kindergärten, 94 „katechetische“ Punkte, 368 Freizeitzentren). Der „Kongress“ vereinigt 74 orthodoxe und 58 liberale Gemeinden. Von den 34 dem „Kongress“ zugehörigen Rabbinern gehören zwei zur liberalen Richtung (die meisten liberalen Gemeinden werden von Laien geführt). Daneben gibt es noch einen kleinen Verband ausschließlich liberaler Gemeinden (OROSIR), der kaum mehr als 15 Gemeinden zählen dürfte.

Die beiden gegnerischen Bünde haben praktisch keinerlei Kontakte zueinander. Eine Annäherung ist vorerst nicht zu erwarten: Abgesehen von dem angeblich noch immer sowjetischen „Stallgeruch“, der von Adolf Schajewitsch und seinem „Kongress“ ausgehe, lehnt die chassidisch geprägte „Föderation“ eine Vereinigung mit dem „Kongress“ ab, weil zu diesem liberale Gemeinden gehören – mit orthodoxen Gemeinden rabbinischer Tradition hätte die „Föderation“ kein Problem.

Antisemitismus

Von einem „offiziellen“ staatlichen Antisemitismus wie zu sowjetischen Zeiten kann heute keine Rede mehr sein. Präsident Jelzin hatte sich mit jüdischen Magnaten umgeben; auf Putins hervorragendes Verhältnis zur Berl-Lazar-Gruppe wurde hingewiesen. Moskaus Oberbürgermeister, Jurij Lushkow, besucht das Chanukka-Fest im Stadtzentrum. In den Medien wird für jüdische Veranstaltungen geworben. Einige unter den Sowjets verstaatlichte Gebäude wurden jüdischen Gemeinden zurückgegeben. Die russische Führung will jedem Verdacht eines staatlichen Antisemitismus vorbeugen.

Jüdische und staatliche Kreise spielen das Problem des Antisemitismus in Russland eher herunter, wohingegen Menschenrechtskreise wie das Moskauer Holocaust-Zentrum einen nach wie vor virulenten Antisemitismus beklagen. Eher selten sind in letzter Zeit antisemitische Äußerungen von Politikern – wie etwa von dem rechtsradikalen Politclown Schirinowskij oder von dem kommunistischen Duma-Abgeordneten Albert Makaschow. Es sei an den berüchtigten „Brief der 500“ (Januar 2005) erinnert, den auch 19 Dumaabgeordnete unterschrieben hatten; er gipfelte in der Forderung nach Schließung aller jüdischen Einrichtungen in Russland. Obwohl Synagogen streng bewacht werden, gibt es immer wieder Anschläge, bei denen Gebäude beschädigt und Gläubige verletzt werden; die Schändung jüdischer Grabsteine ist etwas Alltägliches. Nach wie vor ziehen Rechtsradikale mit Hitler-Gruß und ausländerfeindlichen Parolen durch russische Straßen. Sie versuchen z. B. den neu eingeführten „Tag der nationalen Einheit“ für antisemitische Aktivitäten zu missbrauchen. Juden bleiben an diesem Novembertag lieber zu Haus; auch meiden sie Metro-Stationen, wo Rechtsradikale und Skinheads auf alles losschlagen, was nicht slawisch aussieht. Leider ist es auch eine Tatsache, dass in gewissen Kreisen des Episkopats der Russischen Orthodoxen Kirche Antisemitismus propagiert wird.

Trotz allem: Der Druck auf die Juden hat nachgelassen. Aggressionen richten sich heute eher gegen Menschen aus dem Kaukasus. Oberrabbiner Berl Lazar meinte einmal: „Den alltäglichen Antisemitismus gibt es nicht nur in Russland, sondern auch in Europa und in den USA. Damit müssen wir leben. Wichtig ist aber, dass Juden in Russland heute keine Angst mehr haben müssen, sich zu ihrem Judentum zu bekennen.“

Quellen und Literaturhinweise: