Erzbischof Hilarion (Alfejew), neuer Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats

(Porträt)
aus OWEP 3/2009  •  von Jewgenij Pilipenko

Der Autor ist orthodoxer Theologe (Studium in Moskau und Münster) und hat 2009 mit einer Arbeit über die neuere katholische Sakramententheologie promoviert.

Erzbischof Hilarion (Foto: Renovabis-Archiv)

Nach dem Beschluss des Heiligen Synods der Russischen Orthodoxen Kirche vom 31. März 2009 ist der Bischof von Wien Hilarion (Alfejew) zum Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats und somit zum Nachfolger des heutigen Patriarchen Kyrill auf diesem Posten geworden. Bischof Hilarion wurde zugleich zum Vikar des Patriarchen ernannt und trägt jetzt den Titel „Archiepiskop (Erzbischof) von Volokolamsk“. Als Außenamtsleiter wird er zum ständigen Mitglied des Heiligen Synods, also des kirchlichen Verwaltungsorgans, das im Zeitraum zwischen den Konzilien der Russischen Orthodoxen Kirche gemeinsam mit dem Patriarchen die Regierungsfunktion ausübt. In der Kompetenz des „Außenministers“ befinden sich vor allem die interkonfessionellen und internationalen Beziehungen des Moskauer Patriarchats.

Hilarion Alfejew, am 24. Juli 1966 in Moskau geboren, wurde wegen seiner musikalischen Begabung 1973 in die spezialisierte Musikschule aufgenommen, in der er bis zum Abschluss 1984 Geige und Komposition lernte.

Schon in der Schulzeit fand eine Begegnung mit der orthodoxen Tradition statt: Zu einem prägenden Moment seines christlichen Aufwachsens zählt Bischof Hilarion die Bekanntschaft mit dem 2003 verstorbenen Metropoliten Antonij Bloom von Surosh, dessen Predigten er bereits als Junge in einer privaten Wohnung in den siebziger Jahren hörte. Seitdem vollzog sich seine tiefe Einwurzelung in die liturgische und alltägliche Praxis der Orthodoxie. Er las faktisch die ganze ins Russische übersetzte Literatur der Kirchenväter, wurde mit fünfzehn Jahren Messdiener und arbeitete später für den Synodalverlag der Russischen Orthodoxen Kirche. Bald nach dem zweijährigen Militärdienst traf er 1987 die Entscheidung, sein Studium als Komponist am Moskauer Konservatorium aufzugeben, um nach einer kurzen Zeit des Noviziats die Mönchsgelübde abzulegen und zum Priester geweiht zu werden(19. August 1987).

Die Jahre danach war Hilarion als Pfarrer in Litauen tätig und schloss parallel sein Theologiestudium an der Geistlichen Akademie in Sergiew Posad ab. Gleichzeitig begann seine vielseitige Lehrtätigkeit: Als Dozent für Homiletik, Dogmatik und Patrologie unterrichtete er an theologischen Schulen Moskaus, bis er 1993 als Aspirant des Außenamts nach Oxford entsandt wurde. An der Universität Oxford schrieb Hilarion unter der Leitung des orthodoxen Bischofs Kallistos Ware seine Dissertation zum Thema „St Symeon the New Theologian and Orthodox Tradition“ und erhielt dafür 1995 den philosophischen Doktorgrad.

Nach der Rückkehr bekam Hilarion eine Stelle im Außenamt und wurde für die Beziehungen zwischen den christlichen Konfessionen verantwortlich. Das führte dazu, dass Hilarion Alfejew schon viele Jahre die Russische Orthodoxe Kirche in unterschiedlichen theologischen Kommissionen und öffentlichen Foren offiziell vertrat. Seine Position kennzeichnete dabei eine scharfe Kritik der modernen Tendenz zur totalen Säkularisierung aller Sphären des menschlichen Lebens, des zunehmenden ethischen Liberalismus und dogmatischen Relativismus innerhalb des westlichen Christentums. Ein solches Christentum habe allerdings keine Zukunft: „Es wird sterben“, ist Bischof Hilarion tief überzeugt, „denn die neuen liberalen Normen in der Moral bringen unvermeidlich auch Unstimmigkeit, innere Streitigkeiten und schließlich neue Trennungen mit sich.“ Die traditionstreuen Christen sollten dagegen in dieser Situation ihre Bemühungen konsolidieren, um ihre sittlich-kulturellen Werte und den „Glauben der Apostel und der Väter“ effektiver zu verteidigen. Mit diesem Ziel sei eine strategische Allianz der Kirchen, die sich als „Kirchen der Überlieferung“ identifizieren, dringend notwendig.

Diesen Aufruf richtet Hilarion Alfejew vor allem an die römisch-katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxen Kirchen. Auch die Renaissance, die das religiöse Leben in Russland aufzeigt, dürfe seiner Meinung nach keineswegs Anlass für Euphorie geben: Der Kampf mit dem Säkularismus, der jetzt im Westen geschieht, stehe dem russisch-orthodoxen Christentum noch bevor.

Eine neue Etappe in der Kariere des heutigen Außenamtsleiters begann 2002 mit seiner Bischofsweihe, die Patriarch Alexij II. am 14. Januar 2002 vollzog. Seit diesem Zeitpunkt wirkte er hauptsächlich im Ausland. In dieser Phase seiner Biographie fanden auch einige markante Ereignisse statt.

Als ein sehr traumatisches Erlebnis bezeichnet Hilarion seine bischöfliche Amtszeit in England: „Die 130 Tage, die ich in der Diözese Surosh als Vikar des Metropoliten Antonij Bloom verbrachte, wurden zur schwersten Versuchung und Erschütterung meines ganzen Lebens“, schrieb er bezüglich des Konflikts, den sein Auftreten in Großbritannien auslöste. Manche Kleriker und Laien nahmen den neuen Bischof aus Moskau als eine Figur von außen wahr, die die genuinen geistig-pastoralen Prinzipien dieser durch einen eigentümlichen Lebensstil gekennzeichneten Diözese zu zerstören drohte. Monatelange, von Intrigen und dramatischen Missverständnissen begleitete Auseinandersetzungen führten letztlich zur Entfernung Hilarions aus London. Dieser Streit war für ihn persönlich besonders bitter, weil sie die vertrauliche Beziehung zwischen ihm und dem Metropoliten Antonij, seinem geistlichen Lehrer, überschattete.

In der folgenden Zeit leitete Bischof Hilarion die österreichische und die ungarische Diözese. Gleichzeitig vertrat er das Moskauer Patriarchat bei den Institutionen der Europäischen Union in Brüssel und blieb auch als Theologieprofessor und Autor aktiv: Er dozierte an orthodoxen Seminaren in den USA und an der theologischen Fakultät der Universität Cambridge. 1999 erlangte er ein theologisches Doktorat am orthodoxen St. Serge-Institut in Paris.

Als außerordentliches Ereignis in der Geschichte der katholisch-orthodoxen Beziehungen wurde 2005 die Tatsache bezeichnet, dass in der Person von Hilarion Alfejew eine Habilitation und Lehrtätigkeit als Privatdozent im Fach Dogmatik eines orthodoxen Bischofs an der katholischen Universität Fribourg erfolgte.

In den letzten anderthalb Jahrzehnten erschienen zahlreiche Publikationen von Alfejew: Monographien zum Leben und Werk einiger östlicher Kirchenväter, patristische Übersetzungen aus dem Griechischen und Syrischen sowie Abhandlungen zur orthodox-dogmatischen und ökumenischen Thematik. Sein populärstes Buch „Geheimnis des Glaubens“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Kürzlich ist der erste Band von Hilarions jüngstem Werk „Orthodoxie“ erschienen, dem noch zwei weitere folgen werden.

Bischof Hilarion Alfejew ist auch oft und gerne in den modernen Medien präsent. So nahm er am 5. Oktober 2008 am „Bibelmarathon“ teil, den das italienische Fernsehen veranstaltete, und las Kapitel 2 des Buches Genesis vor, unmittelbar nach Papst Benedikt XVI., der Kapitel 1 las.

Zu einer interessanten Besonderheit der Persönlichkeit dieses orthodoxen Bischofs und Theologen gehört es, dass er sich erneut dem Komponieren zuwandte. Als Komponist arbeitet er in den großen Formen der geistlichen Musik: Mit Erfolg werden auf internationalen Bühnen Alfejews „Weihnachtsoratorium“, „Die göttliche Liturgie“ und seine „Matthäus-Passion“ aufgeführt.

Ob es ihm auch weiterhin gelingt, sein theologisches und künstlerisches Schaffen mit dem bischöflichen und organisatorischen Dienst zu harmonisieren, ist schwer zu sagen. Die vom neuen Patriarchen bereits gestellten Ziele und Aufgaben im kirchlichen Bereich verlangen den Einsatz vieler Kräfte. Der Leiter des Außenamts ist jetzt zudem für den Aufbau des neu gegründeten kirchlichen Aufbaustudiums als dessen Rektor direkt verantwortlich. Denjenigen also, die von ihm neue Bücher und Musikwerke erwarten, bleibt nun zu wünschen, dass ihm auch fortan die Energie bleibt, alle seine Talente auf dem Feld des christlichen Handelns zu realisieren.