Europäische Erfahrungen in Taizé: Der Mentalität des Sich-Abgrenzens entgegenwirken. Ein Gespräch mit Frère Alois

aus OWEP 1/2016  •  von Michael Albus

Frère Alois ist Prior der Brüdergemeinschaft von Taizé; Gesprächspartner war Michael Albus.

Frère Alois, in Taizé treffen sich jeden Tag viele Menschen, vor allem junge, aus ganz Europa und kommen in engen Kontakt miteinander und Sie mit ihnen. Welche grundsätzlichen Erfahrungen machen Sie und die Brüder der Gemeinschaft dabei?

Frère Alois (Foto: Renovabis-Archiv)

Jugendliche kommen nicht nur aus Europa, sondern auch von den anderen Kontinenten nach Taizé. Sie machen gemeinsam eine bleibende Erfahrung der Freundschaft und der Offenheit für andere. Oft tritt dabei eine tiefe Sehnsucht zutage, dem ständigen Wettbewerb und dem „Jeder-für-sich“ in der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, ein geschwisterliches Miteinander, sowohl auf lokaler Ebene als auch zwischen Ländern und Kontinenten. Gerade angesichts brutaler Gewalt wird es immer dringlicher, geduldig auf Andersdenkende zuzugehen, und dies ist der einzige Weg zu einer Zukunft im Frieden.

In Taizé bekommen diese Freundschaft und das geschwisterliche Zusammenleben durch unser gemeinsames Gebet eine neue Tiefe. Das Gebet der Communauté dreimal am Tag trägt die Jugendlichen, aber wir übersehen nicht: Sie tragen durch ihre treue Teilnahme auch uns. Das gemeinsame Gebet macht uns offen und verleiht unserem Glauben eine neue Tiefe. Jeder Einzelne kann entdecken, dass Gott in ihm wohnt, so klein der eigene Glaube auch sein mag.

Die Jugendlichen kommen zum Teil aus einer der historischen Kirchen, der katholischen, der orthodoxen oder einer der evangelischen Kirchen (Anglikaner, Lutheraner, Baptisten, Mitglieder von Pfingstkirchen und weitere). Sie sind häufig kirchlich sehr engagiert und kommen oft in Begleitung ihrer PfarrerInnen oder Bischöfe. Darüber hinaus gibt es viele Jugendliche, die keinen Bezug zu einer christlichen Konfession haben und die da sind, weil Freunde sie mitgebracht haben; aber auch sie sind auf der Suche und meist sehr offen für das Evangelium.

Gibt es zwischen den jungen Europäern Unterschiede, etwa politische oder nationale, die zu Konflikten führen können? Gibt es Mentalitäten, die auseinanderdriften?

Ich möchte hierzu gerne ein Beispiel nennen: In den vergangenen Jahren sind sich auf unserem Hügel oft Russen und Ukrainer begegnet. Das ist nicht immer leicht, aber die geschwisterliche Atmosphäre erleichtert das Gespräch, man hört einander zu und lernt sich so vielleicht etwas besser zu verstehen. Dieses Jahr war ich mit mehreren meiner Brüder und einer Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen Ländern in Moskau, um die orthodoxe Kar- und Osterliturgie mitzufeiern. Wir verbrachten im Anschluss daran mehrere Tage in Minsk, in Weißrussland, und in Kiew und Lwiw/Lemberg, in der Ukraine. Zum Europäischen Jugendtreffen, das wir zum Jahresende im spanischen Valencia vorbereiten, erwarten wir 2.400 junge Ukrainer! So können wir nur bestätigen, dass sich überall auf der Welt Menschen dafür einsetzen, die trennenden Mauern in der Gesellschaft und zwischen den Nationen abzubauen, und der Mentalität des Sich-Abgrenzens entgegenwirken.

Hat Sie und die Gemeinschaft von Taizé schon das Thema „Flüchtlinge“ erreicht?

Ja! Für uns hat die Aufnahme von Fremden, die in Schwierigkeiten sind, eine lange Tradition. Bereits während des Zweiten Weltkriegs, als Frère Roger in Taizé noch alleine war, versteckte er Flüchtlinge in seinem Haus. Nun sind vor kurzem sieben junge Sudanesen aus Calais in Nordfrankreich, wo sie mit über 6.000 Flüchtlingen in einem Elendsviertel lebten, hier angekommen. Sie sind zwischen 19 und 26 Jahre alt und haben im Darfur-Krieg viele Angehörige verloren. Ihre übrigen Familien leben in Flüchtlingslagern im Sudan. Wir haben die sieben in einem Haus in Taizé untergebracht. Es ist beeindruckend, wie sehr sich das ganze Dorf dabei engagiert – besonders zwei Flüchtlingsfamilien aus dem Irak, die mit ihren Kindern schon seit einiger Zeit in Taizé leben.

Vor kurzem haben wir auch zwei kleine Gruppen Jugendlicher als „Provisorische Gemeinschaften“ nach Ungarn und Kroatien geschickt, um dort die Flüchtlingsarbeit zu unterstützen. Außerdem sind zwei Brüder unserer Communauté für vier Monate im Libanon, in einem Land, das – selbst im Vergleich zu Deutschland – eine ungeheure Zahl von Flüchtlingen aufnimmt. Die Brüder versuchen dort, den Menschen in dieser schwierigen Situation nahe zu sein.

Wir hören von jungen Deutschen Woche für Woche von den Schwierigkeiten angesichts der plötzlich anschwellenden Zahl von Flüchtlingen in Deutschland. Man kann die Unsicherheit und Angst vieler Menschen verstehen, umso erstaunlicher ist die Welle der Solidarität. Zäune werden Menschen auf der Flucht nicht aufhalten. Natürlich braucht es klare Regelungen und vor allem eine Solidarität auf europäischer Ebene – doch wir können uns auch fragen: Helfen uns die Flüchtlinge, die an unsere Tür klopfen, nicht in Wirklichkeit auch, uns auf das Wesentliche zu besinnen?

Hält der Glaube Europa zusammen? Welche gegenwärtige Rolle spielt das Christentum dabei, das die Geschichte Europas entscheidend geprägt hat? Worin sehen Sie den Beitrag von Taizé zur einer wachsenden Einheit Europas?

Der christliche Glaube hat die Geschichte des gemeinsamen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zweifelsohne mitgeprägt. Die politisch Verantwortlichen waren damals allesamt Christen. Das heutige Europa ist pluralistischer, die Christen müssen im Dialog mit Muslimen leben, und auch mit Menschen, für die der Glaube keine Rolle spielt.

Die Frage, welchen Beitrag Taizé zur Einheit Europas leistet, können wir nicht selbst beantworten, aber wir wissen, wie wichtig die persönliche Begegnung ist, damit sich Denkweisen ändern können. Die Freundschaft, die zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Ländern und Sprachen während einer Woche in Taizé entsteht, ist etwas Bleibendes. Es entsteht Offenheit für andere und bestehende Vorurteile können abgebaut werden. Während der langen Jahre des Kommunismus haben wir immer wieder Jugendliche aus dem Westen zu Besuchen in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang geschickt. Man konnte sich gegenseitig kennenlernen und einander zuhören, und so blieb der Kontakt über die politischen Grenzen hinweg erhalten.

Auf dem „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“, den Frère Roger vor mittlerweile fast vierzig Jahren ins Leben rief, findet am Ende jedes Jahres ein Europäisches Treffen statt. Dazu sind Jugendliche manchmal mehrere Tage lang mit dem Bus unterwegs; das erinnert daran, wie durch die Pilger im Mittelalter ein europäisches Bewusstsein entstand. Heute nehmen Familien die Teilnehmer der Treffen auf. Sie öffnen fremden Jugendlichen, deren Sprachen sie oft nicht einmal sprechen, ihre Wohnungen – all dies in einer Zeit, in der viele Menschen vor Fremden Angst haben. So wird zum einen die Berufung der Kirche deutlich, Ort der Gemeinschaft zu sein, und gleichzeitig kommen Völker einander näher.

An unseren Jugendtreffen auf den anderen Kontinenten – wie in Benin Anfang September 2016 – nehmen auch immer einige europäische Jugendliche teil. Europa kann nur in Offenheit zu den anderen Kontinenten hin weiter zusammenwachsen.

Europa ist in einer, man kann auch sagen in vielen Krisen. Wie sehen Sie die Zukunft des europäischen Kontinents? Wo sind kritische Punkte? Wo tun sich Perspektiven auf für eine gute Zukunft?

Es gibt momentan zwei völlig widersprüchliche Tendenzen: Zum einen werden nationale und manchmal sogar regionale Identitäten viel stärker, als dies früher der Fall war, hervorgehoben und eingefordert. Zum anderen leben junge Menschen heute ganz selbstverständlich als Bürger Europas, sie studieren und arbeiten zum Beispiel oft längere Zeit in einem anderen Land. Wie viele junge Polen sind zum Beispiel aus beruflichen Gründen in England und Irland!

Das eine wie das andere ist sehr wichtig: Regionale Besonderheiten bergen den Reichtum einer langen Geschichte in sich und sollen bewahrt und hervorgehoben werden. Gleichzeitig ist das wachsende Bewusstsein, zu Europa zu gehören, eine Chance. Wir haben in Taizé großes Vertrauen in die junge Generation. Durch die Offenheit, die viele Jugendliche gewonnen haben, werden sie Wege aus so mancher verfahrenen Situation finden. Es wird ihnen gelingen, die Einheit Europas zu festigen, und gleichzeitig eine stärkere Solidarität mit den anderen Kontinenten zu verwirklichen!

Wie sehen Sie die jungen Deutschen, die so zahlreich nach Taizé kommen?

Bei vielen der Jugendlichen spüren wir eine starke geistliche Suche, ein Suchen nach dem Sinn des Lebens. Sie machen während ihres Aufenthalts in Taizé oft einen großen Schritt nach vorne. Aber die Frage, die wir uns sehr oft stellen, lautet: „Wie machen sie nach einer Woche in Taizé zu Hause weiter?“

Wir ermutigen sie immer wieder, Kontakt mit ihren Kirchengemeinden zu Hause aufzunehmen. Aber nur wenige wagen diesen Schritt; sie fühlen sich dort nicht so angenommen, wie sie sind. Die jüngeren Jugendlichen kommen oft in Begleitung von bemerkenswert engagierten Menschen, PfarrerInnen und Laien, die sie auf die Jugendtreffen vorbereiten und ihnen helfen, die Suche zu Hause fortzusetzen. Gerne würden wir mit diesen engagierten Menschen noch mehr zusammenarbeiten. Allerdings werden bei weitem nicht alle Jugendliche auf diese Weise begleitet, sondern sind oft sich selbst überlassen. Sie bräuchten dringend jemanden, der auch nach einem Aufenthalt in Taizé mit ihnen spricht, der sich für sie Zeit nimmt, ihnen zuhört und der zu verstehen versucht, wonach sie wirklich suchen. Das verlangt großen Einsatz, ohne dass die Jugendlichen dabei vereinnahmt werden. Diesen Aufruf, der mir sehr am Herzen liegt, möchte ich auf diesem Wege an die Kirchenverantwortlichen in Deutschland richten.