Vom Kirchenkampf zur Kommerzialisierung

Der Berg der Kreuze als litauischer Wallfahrts- und Widerstandsort
aus OWEP 1/2017  •  von Markus Nowak

Markus Nowak ist Historiker und arbeitet als Journalist mit Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa in Berlin. Er stellte auch das Foto vom Berg der Kreuze zur Verfügung.

Zusammenfassung

Etwa bei Kilometer 145 auf der Fernstraße E 77 zwischen dem ehemaligen Tilsit, heute Sowjetsk, und der lettischen Hauptstadt Riga steht hinter Šiauliai ein kleines Abzweigschild. „Kryžiu kalnas“ weist unscheinbar auf einen Ort hin, der für Litauens Geschichte zum Symbol für Volksfrömmigkeit, Widerstand und Freiheitsdrang wurde. Der Berg der Kreuze mit seinen hunderttausenden Holzkreuzen wurde immer wieder von der Sowjetmacht zerstört, heute ist er eines der beliebtesten Touristenziele in der Baltenrepublik.

Abends, wenn die Touristenbusse abfahren und die letzten Besucher vom Berg absteigen, erobert sich die Natur den Ort zurück. Er wird dann zu einem Paradies für Spinnen, die hier ihre Netze spannen, immer wieder huschen Mäuse den Berg herauf und hinunter und ziehen so auch Störche auf Beutefang an. Dieser Ort ist aber mehr als ein Refugium für Flora und Fauna.

Der Berg der Kreuze (Foto: Markus Nowak)

Kryžių kalnas, Berg der Kreuze, nennt sich dieser Ort, etwa zwölf Kilometer von Šiauliai im Norden Litauens, wobei die Bezeichnung „Hügel“ für die nur wenige Meter hohe Erhebung besser zutrifft. Bekannt ist diese über die Landesgrenzen hinaus wegen ihrer unüberschaubar hohen Zahl an Kruzifixen. Ein Meer an Holzkreuzen und Rosenkränzen – vorsichtige Schätzungen gehen von einer sechsstelligen Zahl aus. Kruzifixe jedweder Größe und Beschaffenheit blitzen aus jeder noch so kleinen Lücke hervor. Manche sind in die Erde gerammt, andere hängen an anderen Kreuzen herunter. Viele Kunstwerke sind darunter, aber auch einfache und zusammengeschusterte, oft schon verrottete Holzbretter. Wenn der Wind die hängenden Kreuze schaukeln lässt, ist hier und da ein leises Klackern, Klingeln und Knarren zu hören. Etwas Beklemmendes liegt dann auf diesem Ort, und die meisten Besucher verstummen. Denn obwohl der Berg etwa zweieinhalb Autostunden von Litauens Hauptstadt Vilnius entfernt ist, kommen die Touristenbusse in Scharen her: Neben der Altstadt von Vilnius und der Wasserburg von Trakai ist der Berg das am meisten besuchte Touristenziel im südlichsten der drei baltischen Staaten. Doch dieser Art Nutzung ist nur eine von vielen Dimensionen des Berges …

Land der Kreuze

Wer durch Litauen fährt und abseits der befestigten Straßen die Schotterpisten zwischen den Dörfern in dem eher dünn besiedelten Land nutzt, dem fällt eines auf: Häufig stehen an Wegesrändern, Feldern und in den Vorgärten die Darstellungen des Rūpintojėlis, des Christus in der Rast, oder eben Holzkreuze. In einem Land, in dem sich über 80 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben bekennt, vielleicht nichts Ungewöhnliches. Schließlich sind Flurkreuze auch in anderen katholischen Regionen, ja selbst in Deutschland, anzutreffen. Doch die litauischen hölzernen Wegekreuze haben es in sich: Viele sind so aufwendig geschnitzt und verziert, dass die UNESCO diese und die Schnitzkunst zum immateriellen Kulturerbe erklärte.1 Als Land der Kreuze bezeichnet die Reiseliteratur die Baltenrepublik, und das, obwohl Kreuze in Litauens Geschichte erst spät zu einem Element des Volksglaubens wurden. Denn lange galt das Kreuz als das Symbol des Deutschen Ordens, gegen den die baltischen Stämme im Mittelalter kämpften.

Die Geschichte der Entstehung des Berges der Kreuze ist nicht unumstritten. Legenden zufolge steht die Aufstellung der christlichen Symbole im Zusammenhang mit den polnisch-litauischen Aufständen im 19. Jahrhundert. Da die zaristischen Machthaber eine Grabstätte für die toten Rebellen nicht gestatteten, haben die Familien auf dem Hügel Kreuze aufgestellt. Der Kirchenhistoriker Arūnas Streikus sieht jedoch keine direkten Quellen, nur unglaubwürdige Zeugnisse für diese Version der Entstehung. In der Tat tauchen Hinweise auf die Tradition, Kreuze auf dem Hügel aufzustellen, etwa in der Mitte des 19. Jahrhundert auf. Die ersten Kreuze auf dem alten Schlossberg von Jurgaičiai wo im Mittelalter schon eine litauische Festung gegen den Deutschen Orden stand, sind auf ersten Quellen auf das Jahr 1847 datiert: Ein Bewohner aus Jurgaičiai sei nach einer schweren Krankheit genesen. Zum Dank stellte er ein Kreuz auf dem Hügel auf. Die Nachricht von der Gesundung des Mannes habe sich daraufhin rasch verbreitet, sodass die Menschen recht schnell mehrere Kruzifixe dazu stellten.

Der Glaube an Gott und der Ausdruck der Volksfrömmigkeit der umliegenden Bevölkerung stehen damit im Zentrum der Entstehung des Kreuzbergs bei Šiauliai. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte er eher lokale Bedeutung; erst in der Zwischenkriegszeit erweiterte sich die Bedeutung um eine nationale Ebene: „Unstrittig ist, dass der Berg der Kreuze in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht über den Status eines religiöses Erinnerungsortes auf nationaler Ebene, den er am Ende des 20. Jahrhunderts hatte, verfügte.“2 Streikus zufolge zeigte selbst die katholische Kirche bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur wenig Interesse an dem wachsenden religiösen Kult auf dem Berg.

Ort des Widerstandes

Als Litauen durch das Sowjetregime 1940 und 1944 - 1990/91 besetzt war, erfuhr der Berg der Kreuze einen Bedeutungszuwachs im kollektiven Bewusstsein. Etliche Kreuze wurden gleich nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt, meist von Angehörigen von Opfern des bewaffneten Widerstands gegen das sowjetische Regime. Weitere Kreuze kamen hinzu, als nach dem Tod des sowjetischen Diktators Stalin 1953 die in den ersten Besatzungsjahren verschleppten Menschen zunehmend aus den Lagern in den Tiefen des Sowjetreiches zurückkehren durften. Einige der Kreuze wurden aus Dankbarkeit an Gott, andere als Symbol der eigenen Leiden in der Fremde auf dem Berg aufgestellt. Allein zwischen 1956 und 1959 sollen über 1.000 Kreuze hinzugekommen sein, damit erlangte der Ort erstmals eine ausgesprochen politische Bedeutung.3

Aus dieser Zeit stammt auch die Zuschreibung als litauisches Golgota durch die Chronik der litauischen katholischen Kirche.4 Die größte litauische Untergrundzeitschrift dokumentierte seit 1972 die Kirchenverfolgung und Menschenrechtsverletzungen in der litauischen Sowjetrepublik. Ob Schauprozesse gegen Geistliche, Kirchenschließung oder das Infiltrieren von KGB-Agenten in das Priesterseminar in Kaunas – die Chronik beschrieb anschaulich, welcher Mittel sich die Moskauer Machthaber bedienten, um den Einfluss der katholischen Kirche zu schmälern. Auch das Ausland erfuhr von der kirchenfeindlichen Politik der Sowjetmacht, denn die Hefte erschienen im Ausland in mehreren Übersetzungen. So wurde die Kirchenchronik zu einem Symbol des katholischen Widerstandes gegen das Regime. Der Berg der Kreuze war darin zu finden, wenn die Sowjetmacht die Kreuze beseitigen wollte.

Eine Ausgabe im Jahr 1972 beschreibt etwa, wie eine große Vernichtungsaktion im Jahr 1961 ablief. Dazu fasste das Zentralkomitee der Litauischen Kommunistischen Partei den Beschluss, den Schlossberg von Jurgaičiai zu reinigen, denn die wachsende Zahl der Kreuze und der Bedeutungszuwachs des Hügels allgemein waren den Machthabern ein Dorn im Auge. Die Beseitigungsaktion war groß angelegt und blieb dank der Kirchenchronik den Menschen im Gedächtnis:
Am frühen Morgen des 5. April 1961 hielten einige Automobile vor dem Kreuzberg. Unbekannte Männer begannen Kreuze abzureißen. Soldaten, die Miliz und Gefangene verwüsteten den Kreuzberg. Die hölzernen Kreuze wurden auf der Stelle verbrannt, die steinernen und Zementkreuze wurden niedergerissen und nach Šiauliai gebracht. Man erzählt, dass sie als Straßenschotter benutzt wurden. Zwei Lastwagen voller Kreuze wurden nach Bubniai gebracht und dort verbrannt oder versenkt. Innerhalb eines Tages waren sämtliche Kreuze vernichtet. An den Zufahrtswegen zum Kreuzberg wurden Milizbeamte postiert, die darauf achteten, dass sich niemand dem Kreuzberg nähere.5

Die Räumung im Jahre 1961 stand im Zusammenhang mit einem Jahrestag, der sich Anfang der 1960er Jahre zum 100. Mal jährte, der Bauernbefreiung im russischen Zarenreich und des Januaraufstandes 1863. Ein Gedenkstein sollte aus diesem Anlass auf dem Schlossberg aufgestellt werden. Die Sowjetmacht versuchte so, den Erinnerungsgehalt des Hügels neu zu formen und die Vernichtung der Kreuze zu rechtfertigen. Denn im Zentrum sollte nicht die bisherige religiös motivierte, sondern eine staatlich verordnete Erinnerung stehen. Versuche, das kollektive Gedächtnis mit propagandistischen Maßnahmen zu beeinflussen, gab es in dieser Zeit in vielen Ländern des so genannten Ostblocks.

Im Falle des Kreuzbergs wurde behauptet, der Hügel habe den Aufständischen von 1831 und 1863 als Friedhof gedient. Beide polnisch-litauischen Aufstände waren zwar gegen die russische Herrschaft gerichtet. Aber sie wurden von der sowjetischen Historiografie auch als bäuerliche Erhebungen gegen die Zarenherrschaft gedeutet. Vor diesem Hintergrund schien es geboten, dem Erinnerungsort den religiösen Charakter zu nehmen, um daraus ein Monument mit sowjetischen Inhalten zu formen. Der Hügel wurde daher auch zum historisch-archäologischen Denkmal erklärt, um so ein erneutes Aufstellen der Kreuze zu verhindern. Bemerkenswert ist, dass diese Art des Narrativs noch heute in der breiten Öffentlichkeit aktuell zu sein scheint. Viele Reiseführer und auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia schenken dieser Version der Entstehung Glauben.6

Bei der einen Zerstörung des Kreuzbergs blieb es nicht, denn die litauischen Gläubigen stellten immer wieder im Schutz der Dunkelheit neue Kruzifixe auf. Die Kirchenchronik thematisierte dieses Kapitel. Dabei waren es nicht nur katholische Gläubige, die die christlichen Symbole aufstellten, sondern auch Personengruppen, von denen das nicht zu erwarten war, wie der Bericht eines Priesters darlegt:
Zu gleicher Zeit stoppte vor dem Berg ein Heeresfahrzeug. Zwei russische Piloten brachten ein Kreuz und baten mich, es zu weihen. Ich erfüllte ihre Bitte. Daraufhin erzählte mir der eine Pilot, dass sich sein Düsenflugzeug während eines Fluges entzündet habe. In solch einem Fall sei eine Rettung fast unmöglich. Plötzlich habe er sich der wunderbaren Erzählungen vom Kreuzberg erinnert und gelobt, dort ein Kreuz aufzustellen, wenn er überleben sollte. Er wisse nicht, wieso das Flugzeug Feuer fing, aber ebenso plötzlich habe es aufgehört zu brennen.7

Bedeutungserweiterung(en)

Als sich der Fabrikarbeiter Romas Kalanta am 14. Mai 1972 in Kaunas – wie schon drei Jahre zuvor in Prag Jan Palach – mit Benzin übergoss und aus Protest gegen die sowjetische Politik selbst anzündete, erschienen vermehrt Kreuze auf dem Hügel. Kurz vor dem ersten Jahrestag des tödlichen Protests im April 1973 wurde der Hügel erneut geräumt. Wenige Tage darauf aber stellte eine Gruppe erneut ein Kreuz auf. Diesmal kein kleines, sondern ein weit sichtbares, drei Meter großes: Das Kreuz war mit symbolischen Zeichen geschmückt: ein Herz von 2 Schwertern durchbohrt, auf deren Schäften je ein Hakenkreuz und ein fünfzackiger Stern zu sehen waren8, schreibt die Kirchenchronik dazu und unterstreicht damit die politische Komponente des Ortes.

Es scheint ein Wettlauf ohne Sieger gewesen zu sein: Die Bevölkerung stellte Kreuze auf, die später von sowjetischen Bulldozern plattgewalzt und entfernt wurden, und dann begann das Ganze von vorne. Doch gerade die Bemühungen der Bevölkerung, neue Kruzifixe aufzustellen, führten dazu, dass der Charakter des Hügels eine Erweiterung erhielt. Er wurde zum Widerstandsort gegen die sowjetische Besatzung ausgedehnt. Erst die Unternehmungen zur Verwüstung des Hügels sowie die Versuche, die Erinnerung zu transformieren, haben dem Hügel diese Komponente gegeben und ihn politisch aufgeladen. Damit entstand ein Ort des stillen politischen Widerstandes. Zugleich ging der religiöse Charakter nicht verloren, da durch die Entlegenheit und Anonymität ein Glaubenszeugnis – wenn auch eingeschränkt – möglich war, denn auch Wallfahrten und geheime Gottesdienste sind aus der Zeit der Sowjetbesatzung überliefert. Die letzte Reinigung des Bergs durch die sowjetischen Machthaber fand 1985 vor dem Tauwetter in Moskau statt.

In der Wendezeit erlebte der Berg eine Renaissance: Wie schon nach dem Krieg schossen die Kreuze wie Pilze aus dem Boden. Anfang der 1990er Jahre versuchten Studenten, die Kruzifixe, zu zählen und kamen auf fast 20.000 christliche Symbole. Einen weiteren Bedeutungszuwachs erhielt der Hügel durch den Besuch von Papst Johannes Paul II. im September 1993. Es war nicht nur die Papstmesse mit über 100.000 Gläubigen, die aus dem bisher nationalen Symbol einen Ort des internationalen katholischen Glaubens machte. Der Pontifex sorgte für die Einbindung dieses Ausdrucks der Volksfrömmigkeit in kirchliche Strukturen, indem er 1997 aus Teilen der Diözesen Panevėžys, Kaunas und Telšiai das Bistum Šiauliai begründete. Am Tag seiner Weihe stellte Bischof Eugenijus Bartulis persönlich ein Kreuz auf dem Hügel auf und erklärte den Ort neben der Kathedrale Šiauliai zum religiösen Zentrum der jüngsten Diözese Litauens.9

Eine weitere Institutionalisierung als religiöses Zentrum erfolgte durch die Errichtung eines Klosters nur wenige hundert Meter von dem Berg. Papst Johannes Paul II. soll bei einem Urlaub auf dem Berg La Verna in der Toskana die Franziskaner überredet haben, einen Konvent in Šiauliai zu gründen. Das Kloster wurde 2000 eingeweiht und bildet mit seinem modernen Bau einen interessanten architektonischen Kontrast zum Berg. Eine architektonische Pointe bildet die Klosterkapelle: Kein Kreuz steht in der Apsis an der Rückwand hinter dem Altar, sondern eine große Fensterfront mit Blick auf den Berg der Kreuze.

Kreuze und Kommerz

In den letzten Jahren erfuhr der Berg einen weiteren Bedeutungszuwachs. Nachdem der Hügel ursprünglich ein Ort der Volksfrömmigkeit war, zum Ort des stillen Widerstandes gegen die sowjetischen Machthaber wurde und nach der Wende zu einem religiösen Zentrum des Bistums und ganz Litauens erwuchs, nahmen ihn auch staatliche Akteure in den Fokus. Der Kreuzberg avancierte 2007 auf eine landesweite Liste historisch und kulturell bedeutsamer Objekte. Eine Art Adelung erfolgte auch durch die erwähnte Listung des litauischen Holzschnitzwerks als immaterielles Welterbe der UNESCO (wobei der Berg der Kreuze selbst nicht als UNESCO-Kulturerbe gilt).

Mit der Zeit kam eine weitere Rolle des Berg hinzu: Wie erwähnt, ist der Hügel einer der beliebtesten touristischen Orte in Litauen. Es gibt wohl keinen Baltikum-Reiseführer, der den Berg nicht als besondere Sehenswürdigkeit anpreist. Zwar liegt er mit 220 Kilometern zweieinhalb Autostunden von Vilnius entfernt. Doch im Stundentakt kursieren Busse aus der Hauptstadt. An der Endstation, dem Parkplatz, befinden sich mehrere Devotionalienhändler, bei denen sich die Besucher vor einem Gang zum Berg mit einem Kruzifix ausstatten können. Vom bescheidenen Modell aus Holz für einige Eurocent bis zum goldverzierten Metallkreuz für mehrere Euro ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Devotionalienhändler sind übrigens nicht das Ende der Fahnenstange bei der Kommerzialisierung des Kreuzbergs: Vor einigen Jahren tauchten Pläne auf, ein Hotel in Nähe des Hügels zu errichten. Nach erheblichem Widerstand wurden sie – ebenfalls wie Pläne für eine Kirche am Berg – fallen gelassen.

Zweifelsohne aber hat der Kreuzberg mit der neuen Bedeutungserweiterung auch die Funktion als touristisches Objekt erhalten. Und wie so oft bei kommerziell genutzten Denkmälern und geschichtsträchtigen Orten wandelt sich die Funktion als Erinnerungsort: „So entwickelt sich eine Popkultur, die ein gewandeltes Verständnis von der nationalen, kulturhistorischen und religiösen Bedeutung des Berges ausdrückt,“10 glaubt der Kirchenhistoriker Streikus.

Beim Blick auf die Besucherströme und die Devotionalienhändler mag für einen Augenblick die Kehrseite der popkulturellen Dimension durchscheinen und der Gedanke einer Profanisierung des Ortes kommen. Doch einen Funktions- und Bedeutungswandel erfuhr der Berg in seiner Geschichte immer wieder. Wenn seine Geschichte als Widerstandsort durch Touristen weitergetragen wird, ist dem nichts entgegenzusetzen, denn seine Funktionen als Ort der katholischen Volksfrömmigkeit, des litauischen Widerstands- und Freiheitsgedankens, des Wallfahrtsortes und religiösen Zentrums und des Tourismus füllt er weiterhin parallel aus. Die Bedeutungswandlungen und -zuwächse des Ortes sind ein Spiegel des kollektiven Gedächtnisses des Landes.

Der Berg der Kreuze (litauisch Kryžių kalnas), eigentlich nur ein Hügel, liegt in Nordlitauen unweit der Stadt Šiauliai. Ungezählte Kreuze und andere christliche Symbole machen ihn heute zu einem Wallfahrtsort und zugleich touristischen Anziehungspunkt. Die Tradition, Kreuze auf dem Hügel aufzustellen, stammt aus dem 19. Jahrhundert und entwickelte sich nach und nach auch zum Zeichen des Protests gegen die russische bzw. später sowjetische Obrigkeit.


Fußnoten:


  1. Vgl. http://www.unesco.org/culture/ich/en/RL/cross-crafting-and-its-symbolism-00013 (letzter Zugriff: 21.10.2020) ↩︎

  2. Vgl. Arūnas Streikus: Der Berg der Kreuze. In: Joachim Bahlcke (u. a.) (Hrsg.): Religiöse Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Konstitution und Konkurrenz im nationen- und epochenübergreifenden Zugriff. Berlin 2013, S. 223-231, hier S. 225. ↩︎

  3. Ebd. ↩︎

  4. Die Lietuvos katalikų bažnyčios kronika, kurz LKB kronika, erschien auch in deutscher Sprache, die Ausgaben sind heute online nachlesbar unter http://www.lkbkronika.lt (letzter Zugriff: 21.10.2020) ↩︎

  5. Chronik (wie Anm. 4), 4/1972, S. 30. ↩︎

  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Hill_of_Crosses (zuletzt aufgerufen am 21.10.2020) ↩︎

  7. Chronik (wie Anm. 4), 4/1972, S. 30. ↩︎

  8. Chronik (wie Anm. 4), 8/1973, S. 67. ↩︎

  9. Vgl. Lietuvos Vyskupų Konferencija: Szlak Pielgrzymi Jana Pawła II. na Litwie (Die Wallfahrt Johannes Paul II. nach Litauen), 2010, S. 252 ff. ↩︎

  10. Streikus, Berg (wie Anm. 2), S. 229. ↩︎