Bedeutung und Ziele religiöser Bildung in Polen

aus OWEP 2/2019  •  von Szymon Stułkowski

Dr. Szymon Stułkowski ist der Rektor des Priesterseminars der Erzdiözese Poznań.

Zusammenfassung

Bei Diskussionen zur Rolle des Religionsunterrichts für die Hinführung zum Christentum ist es wichtig, von klaren Begriffen auszugehen. Der Autor skizziert einige wesentliche Eckpunkte und schildert im Anschluss daran anhand statistischer Daten die Situation in Polen, vornehmlich im Bereich der Erzdiözese Poznań.

Wenn wir uns heutzutage, am Ende des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, dem Thema der religiösen Bildung widmen, wird mit Blick etwa auf die Länder Europas deutlich, dass es nicht mehr allein eine Frage der Kultur oder Gesellschaft ist, ob jemand Christ ist. Über Jahrhunderte hinweg prägte der katholische Glaube die Identität der auf diesem Kontinent lebenden Menschen und wurde in einigen Ländern von den Bürgern als Teil ihrer kulturellen Tradition betrachtet. Inzwischen ist der Glaube oft Gegenstand einer persönlichen Entscheidung für oder gegen seine Annahme. Heute bewahrheiten sich in vielen traditionell katholischen Ländern die Worte Tertullians: „Man wird Christ, aber man wird nicht als solcher geboren.“

Was ist Bildung?

Der Begriff der Bildung bezeichnet die Gesamtheit aller Prozesse, die der Herausbildung (Veränderung, Entwicklung) der Fertigkeiten eines Menschen dienen.1 Autoren, die sich mit der Thematik beschäftigen, verweisen auf eine Vielzahl von Faktoren, die Einfluss auf die Bildung, die Voraussetzungen für ihre Verwirklichung sowie auf die theoretischen und praktischen Reflexionsebenen nehmen.

Der Begriff „Bildung“ wird stets näher definiert, was auf die Besonderheit und Spezifik äußerer Faktoren sowie auf die mit diesen einhergehenden inneren Reflexionen deutet. Dies erlaubt es, denn Begriff „Bildung“ auch durch das Adjektiv „religiös“ näher zu beschreiben, wobei sich „religiös“ auf die Ziele, Quellen, Mittel und die Institutionen beziehen kann – jedoch nicht auf das Subjekt des Wirkens, da dieses stets das Individuum ist.

Was ist religiöse Bildung?

Religiöse Bildung ist die Gesamtheit der religiösen Unterrichtungs- und Erziehungsprozesse sowie der religiösen Sozialisierung im Umfeld der Kirche, Familie und Gesellschaft. Der Terminus „religiöse Bildung“ ist im Vergleich zu anderen Begriffen der Katechese und Religionspädagogik ein sehr allgemeiner und unpräziser Begriff. Er entstammt der angelsächsischen Tradition, in der die Katechese (catechesis) und der Religionsunterricht (religious instruction) in der pädagogischen Reflexion verknüpft werden mit der Gesamtheit der christlichen Erziehung (christian education) oder – breiter – der religiösen Erziehung (religious education).2 Hans-Georg Ziebertz argumentiert, dass religiöse Bildung eine Öffnung für die religiöse Dimension der Wirklichkeit darstellt, da Religion nicht nur in der heutigen Gesellschaft präsent ist, sondern „sogar festgestellt werden kann, dass sie eine ihrer grundlegenden Dimensionen und für viele Menschen einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens darstellt“.3

Im Prozess der religiösen Bildung durchdringen sich gegenseitig Wissen, Fertigkeiten und Haltungen. Die Wissensvermittlung an einen Menschen, der in einem religiösen Umfeld (in einer religiös geprägten Familie) lebt, erfolgt meist über sein gesamtes Leben hinweg; zunächst im Familienkreis, anschließend durch den Religionsunterricht im Kindergarten, in der Schule und in der Gemeinde sowie in anderen Zusammenhängen (beispielsweise durch ein universitäres Theologiestudium, Religionskurse oder durch Eigenstudium). Quelle des Wissens ist im Christentum die Offenbarung Gottes und ihre Exegese. Die Texte sind von zentraler Bedeutung aufgrund der Autorenschaft – Gott selbst hat sich durch das Wort dem Menschen offenbart. Die Erlangung religiösen Wissens dient der Entwicklung des Glaubens durch die Erläuterung und Offenbarung der Glaubensgeheimnisse. Dies befähigt den Menschen, sich der Welt zu öffnen und diese im Lichte der endzeitlichen Ewigkeit zu interpretieren.

Die Bedeutung religiöser Bildung

Die Mission der Kirche, die Begegnung mit Gott und dem Glauben zu ermöglichen, verwirklicht sich in der religiösen Bildung. Sie hilft, Gott und die Kirche kennenzulernen, und fördert die persönliche Entwicklung und Identitätsfindung derjenigen, die sie erfahren dürfen. Sie dient der Gesamtheit der Gesellschaft, da sie neben ihrem strikt religiösen Auftrag Empathie, Solidarität und Verantwortung lehrt und dadurch auf das Leben in Gemeinschaft und zu sozialem Engagement vorbereitet.

Religiöse Bildung schafft einen Raum für Dialog und Austausch, indem sie eine Form der kollektiven Teilhabe am Alltag ist, verstanden als Lehren und Lernen. Bildung durch Dialog und Austausch vereinheitlicht die Sprache ihrer Nutzer, da sie sich auf gemeinsame Traditionen und Begriffskategorien beruft. Daher lässt sich feststellen, dass religiöse Bildung eine soziale Aufgabe ist, die Einzelpersonen und Gruppen dazu motiviert, eine Gemeinschaft zur Ergründung der Glaubensinhalte zu schaffen. Sie wirkt außerdem öffnend – die Teilhabe an der Mehrung religiösen Wissens animiert zur Partizipation im Alltag durch Glaubensreife.

Religiöse Bildung ist darüber hinaus dialogisch, wodurch sie fortwährend zwischen der Glaubensgemeinschaft, der Gesellschaft und der Kultur auf individueller, gemeinschaftlicher und institutioneller Ebene vermittelt. Sie hilft den Sinn des Lebens zu entdecken. Ihre Präsenz in der gegenwärtigen Zivilisation verdeutlicht, wie notwendig es ist, dass der Mensch sich für die Komplexität der Wirklichkeit öffnet.4 In einer Welt voller Widersprüche und globaler Bedrohungen spielt sie eine „therapeutische“ Rolle als Heilmittel gegen das Böse der heutigen Welt.

Ziele religiöser Bildung

Jede Lehre ist per se lehrreich, und im Prozess ihrer Erziehungswirkung lassen sich die zwei Ebenen des Lehrens und des Erziehens kaum voneinander trennen. Es herrscht auch nicht immer Einigkeit darüber, ob Erziehungsziele benannt werden müssen. Eine Systematisierung von Unterrichts- und Erziehungszielen ist notwendig, um Grundsätze der religiösen Bildung formulieren und entsprechende Erziehungsmethoden und -mittel aufzeigen zu können. Wenn heute versucht wird, das Ziel religiöser Bildung zu definieren, so ist dieses zwischen einer humanistischen Erziehung und der Erziehung zum Glauben zu suchen.

Der Begriff „Erziehungsziele“ beschreibt einen Status, der durch Erziehungsmaßnahmen erreicht werden soll.5 Der spezielle Charakter religiöser Bildung und der aus ihr resultierenden Erziehung erfordert eine Übereinstimmung zwischen den einzelnen Zielen. Dies ist der Fall, wenn die Erziehungsziele von einer Leitidee durchdrungen sind, die zugleich Bestandteil des Erziehungsideals ist.6 Das Erziehungsideal ist folglich oberstes und übergeordnetes Ziel. Es ist die Verbindung aller Einzelziele, die eine reife Persönlichkeit ausmachen. Das Ideal ist richtungsweisend für alle übrigen Ziele.

In der Diskussion über Erziehungsziele werden gegenwärtig Tendenzen berücksichtigt, die Erziehungsziele infrage stellen und folglich eine intentionale Erziehung ablehnen. Hierzu gehören die so genannte kritische Erziehungswissenschaft, bisweilen auch radikale Erziehungswissenschaft genannt, die humanistische Pädagogik und die Waldorfpädagogik.7 Die kritische Erziehungswissenschaft hat die Förderung einer rationalistischen Lebenshaltung zum Ziel, durch die das Individuum bereit ist, alle angenommenen oder absoluten Wahrheiten infrage zu stellen, was fortwährenden Zweifel und Skeptizismus nach sich zieht und dazu ermutigt, jeder Auffassung und jedem Weltbild mit Toleranz und Dialogbereitschaft zu begegnen.8 Zentraler Wert und Erziehungsziel der humanistischen Pädagogik wiederum sind Weltoffenheit, die Fähigkeit, global zu denken und zu handeln, sowie die Rückkehr zur Natur.9

Religiöse Bildung und Erziehung sollten die Entwicklung der persönlichen und der christlichen Identität des Schützlings unterstützen. Die Rede ist von der Identität des Gläubigen, der in Gott die Antriebskraft für das eigene Leben und seinen Glauben findet. Die grundlegende These der religiösen Bildung und Erziehung lautet, dass in der persönlichen Begegnung mit Christus der Mensch sein Ich erblickt.10 In Christus findet er die Antwort auf die Frage: Wer bin ich wirklich?

Zur Situation in Polen

Religiöse Bildung in der Schule, Kirchengemeinde und in der Familie hat zum Ziel, vor allem durch die Sakramente die Begegnung des Menschen mit Gott zu ermöglichen. In der Praxis herrscht in Polen eine klare Aufteilung zwischen Schulkatechismus und Gemeindekatechese. Religionslehrer können Geistliche, Ordensangehörige oder gläubige Laien sein.11 Sie können von der Schule eingestellt werden, wenn sie eine von der Fakultät für Religionsdidaktik der Bischofskurie ausgestellte missio canonica vorlegen. Sollte ihnen diese Beauftragung entzogen werden, ist eine Fortsetzung der Lehre an der Schule nicht möglich.

Die Arbeit der Religionslehrer wird aus dem Staatshaushalt gezahlt. Vorausgesetzt werden ein Pädagogik- und Theologiestudium. Über die Teilnahme der Schüler am Religionsunterricht entscheiden die Eltern, indem sie zum Schuljahresbeginn eine entsprechende schriftliche Erklärung einreichen. Am katholischen Religionsunterricht können auch ungetaufte Kinder teilnehmen.

Die Vorbereitung auf die Sakramente und ihre Annahme finden in der Kirchengemeinde statt. Hier, wo der Glauben gelebt wird, kann er erfolgreich weitergereicht werden. Die Gemeindekatechese wird in Polen von Geistlichen, Ordensangehörigen oder gläubigen Laien angeleitet.

Im Erzbistum Poznań wird seit 2008 eine Gemeindekatechese für Erwachsene angeboten, die von Laien durchgeführt wird, die in der Katechetenschule darauf vorbereitet werden. Gegenwärtig gibt es 300 Katecheten, die Eltern und Taufpaten auf die Taufe ihrer Kinder vorbereiten, oder Eltern von Erstkommunionkindern und Jugendlichen, die sich auf die Firmung vorbereiten, begleiten. Die Erzdiözese führt darüber hinaus eine Katechumenatseinrichtung, die Erwachsene auf die Gläubigentaufe vorbereitet. Jährlich werden während der Osternacht ca. 15-20 Erwachsene in der Kathedrale von Poznań getauft.

Zusammenfassung

Der Begriff „religiöse Bildung“ beschreibt das Phänomen eines Lehrens und Lernens, das auf religiösen Quellen basiert, deren Auswahl und Interpretation von der Glaubensgemeinschaft bestimmt werden. Die religiöse Bildung schreibt sich in die Idee des lebenslangen Lernens ein. Sie funktioniert innerhalb des sozio-kulturellen Umfelds ebenso wie innerhalb der Glaubensgemeinschaft und setzt als soziale und individuelle Praxis voraus, dass die Begriffe „Bildung“, „Religion“ und „Kompetenzen“ allgemein verstanden werden.

Der besondere Charakter religiöser Bildung setzt die Übereinstimmung zwischen den einzelnen Bildungszielen voraus. Oberstes Ziel ist das Erziehungsideal: In ihm kommen mehrere miteinander verbundene Ziele zusammen, die über die persönliche Reife des Menschen entscheiden. Das Streben nach persönlicher Heiligkeit als das Ziel religiöser Bildung und Erziehung ist eng verbunden mit dem Streben nach der persönlichen Entwicklung als Mensch; es ist die Vollendung dieser Entwicklung.

Aus dem Polnischen übersetzt von Maria Albers.


Fußnoten:


  1. Vgl. Pedagogika. Leksykon PWN (Red.: B. Milerski, B. Śliwerski). Warschau 2000, S. 54. ↩︎

  2. Vgl. Bogusław Milerski: Pedagogika religii. In: Pedagogika. Podręcznik akademicki (Red.: Z. Kwieciński, B. Śliwerski). Warschau 2008, Bd. 1, S. 262. ↩︎

  3. Hans-Georg Ziebertz: Religijność i wychowanie w świecie pluralistycznym, Kraków 2001, S. 77. ↩︎

  4. Ebd., S. 85-87. ↩︎

  5. Vgl. Henryk Muszyński: Ideał i cele wychowania. Warschau 1974, S. 23. ↩︎

  6. Vgl. Piotr Petrykowski: Wprowadzenie do podstaw teorii wychowania. Toruń 1997, S. 103-108. ↩︎

  7. Vgl. Teresa Kukołowicz: Szkoła w systemie społeczno-wychowawczym. In: Katecheza w szkole (Red. J. Krucina). Wrocław 1992, S. 34. ↩︎

  8. Ebd., S. 35. ↩︎

  9. Vgl. Antoni Tomkiewicz: Rudolf Steiner i jego myśl pedagogiczna. In: Pedagogia Christiana 1/1 (1997), S. 87-99. ↩︎

  10. Vgl. Adolf Exeler: Religiöse Erziehung als Hilfe zur Menschwerdung. München 1982, S. 32. ↩︎

  11. In der Erzdiözese Poznań beispielsweise (mit rund 1.500.000 Einwohnern) arbeiten in den Schulen aktuell 284 Geistliche, 90 Ordensschwestern und 900 Laien. Die Geistlichen teilen sich auf in 250 Kapläne, 8 Diakone, die sich auf ihre Weihen vorbereiten, und 26 Ordensbrüder. ↩︎