„Den Menschen dazu befähigen, die Zukunft zu gestalten.“

Die griechisch-katholische Sozialakademie in Kiew
aus OWEP 2/2019  •  von Mykhaylo Melnyk

Pfarrer Dr. Mykhaylo Melnyk ist der Direktor der Sozialakademie der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Kiew.

Zusammenfassung

Der Aufbau der Zivilgesellschaft in der Ukraine kommt trotz mancher Fortschritte in den letzten Jahren nur schleppend voran. Angesichts der Tatsache, dass viele junge Menschen resignieren und ihre Heimat verlassen wollen, sind Einrichtungen wie die Sozialakademie der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche mit ihren vielfältigen Programmen wichtig, denn sie setzen, wie aus dem folgenden Beitrag deutlich wird, Zeichen für eine Entwicklung hin zum Besseren.

Ausgangslage

Wenn man die sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche in der Ukraine in den letzten zehn Jahren bedenkt und sich bewusst macht, welche Folgen diese Veränderungen für jeden einzelnen Bürger hatten, ist es leicht einzusehen, dass gerade die jungen Ukrainer in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung davon stark betroffen und vielfach beeinträchtigt waren. Zahlreiche Forschungen bestätigen die Tatsache, dass viele junge Menschen aufgrund der schwierigen Verhältnisse nicht mehr in der Ukraine leben wollen und auf der Suche nach Arbeit das Land verlassen. Dies hat natürlich auch Folgen für das Engagement von Nichtregierungsorganisationen, denen gerade junge Mitarbeiter fehlen. Zudem haben viele Ukrainer ihren Glauben an eine funktionierende Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit im Land verloren. Eine gemeinsam mit ukrainischen Partnern durchgeführte Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte, dass die ukrainischen Jugendlichen besonders Krieg und Korruption fürchten, lediglich 32 Prozent von ihnen sehen soziale Ungerechtigkeit und Arbeitslosigkeit als großes Problem.

Die Sozialakademie der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche (im Folgenden: Sozialakademie) versucht seit ihrer Gründung im Jahre 2013, Antworten auf die existentiellen Fragen vieler junger Menschen zu finden und sie vor einem Absturz als Folge von Arbeitslosigkeit zu bewahren. Von Anfang an ging es ihr darum, das Evangelium mit dem konkreten Leben zu verbinden; sie versteht sich deshalb als Initiative zur Förderung der Jugend und als Chancengeber sowohl auf kommunaler als auch auf nationaler Ebene. Ihre zahlreichen Angebote wie beispielsweise die Aus- und Weiterbildung junger Menschen und die Gründung von Genossenschaften bilden seit sechs Jahren konkrete Gesten und sichtbare Zeichen ihres aktiven und von sozialethischem Denken und Handeln geprägten Einsatzes, der maßgeblich zum Erfolg ihrer Arbeit beigetragen hat.

Die Angebote der Sozialakademie zielen darauf, Menschen und Organisationen, die den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten, zu unterstützen. Durch die gezielte Förderung persönlicher und beruflicher Fähigkeiten trägt die Akademie zur Entwicklung der Zivilgesellschaft, der lokalen Gemeinschaften und damit ganz generell zur Demokratisierung der Gesellschaft bei. Alle Aktivitäten, Projekte und Programme basieren darauf, die ukrainische Gesellschaft nach den Werten und Prinzipien der katholischen Soziallehre (Menschenwürde, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl) zu gestalten.

Konzeption und Vision

Als Instrument zur Stärkung der Jugend und ihres Engagements im zivilgesellschaftlichen Leben ist das „Konzept der sozialen Innovation“ im Sinne eines ununterbrochenen Engagements zur Gestaltung einer besseren Welt die Grundlage unserer Arbeit. In diesem Zusammenhang werden junge Menschen zu einer alternativen Lebensweise ermutigt, die nur mit einer bestimmten Glaubenshaltung und der Offenheit gegenüber Gottes Verheißung entdeckt und klarer herausgearbeitet werden kann. Diese „katholischen sozialen Innovationen“ tragen sowohl zur persönlichen als auch zur beruflichen Entwicklung von moralisch integren Staatsbürgern bei und helfen zugleich bei der Lösung sozialer Probleme und beim Aufbau des Gemeinwohls auf kommunaler und nationaler Ebene. Darüber hinaus entsprechen die sozialen Innovationen direkt den Prinzipien der katholischen Soziallehre und sind auch ein hervorragendes Beispiel für ihre Implementierung im Dienste der Armen und Randgruppen.

Das Team der Sozialakademie ist fest davon überzeugt, dass die Ermutigung, Förderung und weiterführende Unterstützung sozialer Innovatoren nicht nur für die Zielgruppe selbst, sondern auch für die gesamte ukrainische Gesellschaft von hohem Nutzen sein wird, weil die Absolventen der Akademie innovative Lösungen langfristiger sozialer Probleme entwickeln und umsetzen werden. Gleichzeitig leistet die Akademie durch die Bildung von Jugendlichen gemäß der katholischen Soziallehre einen Beitrag zum Heranwachsen einer neuen Generation von Führungskräften und verantwortungsbewussten Bürgern der Ukraine, die sich den Lehren des Evangeliums verpflichtet fühlt. Wenn dies alles gelingt, könnte die Vision der Sozialakademie Wirklichkeit werden – es entstünde eine Gesellschaft mit Führungskräften und Kompetenzträgern zum Aufbau und zur Gestaltung einer gerechteren, auf christlichen Prinzipien beruhenden Welt.

Aufbau der Bildungsarbeit

Die Bildungsprogramme gehören zu den zentralen Aktivitäten der Sozialakademie.1 Die entsprechenden Angebote bilden Räume, in denen Menschen ihre Kompetenzen stärken können, um innerhalb der vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse kritik- und handlungsfähig zu sein. Dies trägt letztlich dazu bei, dass in der Bevölkerung vorhandene Potenziale wie beispielsweise lokale Selbstorganisation oder bürgerschaftliches Engagement weiter gestärkt werden und somit ein wichtiger Beitrag für mehr Bürgersinn und Gemeinwohlorientierung in der Ukraine geleistet wird.

Die Aktivitäten der Sozialakademie sind mit einem Prozess vergleichbar, der sich aus den folgenden drei Stufen zusammensetzt:

Förderung der sozialen Innovation

Angestrebt wird eine Schärfung des Bewusstseins zur Lösung der dringendsten sozialen Probleme und zur Stärkung der lokalen Gemeinschaften. Alle geförderten Themen, etwa soziale Innovationen und soziales Unternehmertum, werden im Licht der katholischen Soziallehre und ihrer Grundlagen behandelt. Zudem wird der Aufbau eines breiten Netzwerks zur Verankerung des sozialen Unternehmertums in der Gesellschaft vorangetrieben, um unternehmerisches Handeln mit sozialem Denken in Einklang zu bringen.

Mitgestaltung der ukrainischen Gesellschaft durch eine praxisorientierte Aus- und Weiterbildung

Eine entscheidende Aufgabe der Sozialakademie ist die Schaffung eines Programms, das nicht nur Fertigkeiten und technische Fähigkeiten, sondern vor allem auch die Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung fördert. Deshalb sollten Menschen vor den Schwierigkeiten der modernen Welt nicht bewahrt, sondern vielmehr befähigt werden, mit deren Pluralität und Unübersichtlichkeit zurecht zu kommen und selbst gestaltend tätig zu werden. Es ist die Vision der Sozialakademie, der Generation der unter 30-Jährigen die nötigen Werkzeuge mit auf den Weg zu geben, die sie brauchen, um frische Ideen zur Überwindung der vielfältigen sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Probleme in der Ukraine zu finden. Unter dem Leitspruch „Education for Societal Change“ werden deshalb unterschiedliche Qualifizierungsprogramme für motivierte junge Menschen angeboten, die etwas bewegen möchten. Derzeit ist das pädagogische Team der Sozialakademie vorwiegend in vier Programmbereichen tätig:

  • Social Entrepreneurship (Soziales Unternehmertum)
  • Social Innovation Management (Management sozialer Innovationen)
  • Social Ethics and Leadership (Sozialethik und Leitung)
  • Ecclesial Administration and Management (Kirchliche Verwaltung und Management)

Die Programme und Aktivitäten sollen das Bewusstsein für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wecken und den Menschen dazu befähigen, die Zukunft zu gestalten und nachhaltige Ideen zu entwickeln. Die Gründung von eigenen Initiativen der Teilnehmenden trägt zur Übertragung ihrer Visionen auf die Gesellschaft bei, die somit aufgefordert wird, selbst aktiv zu werden und immer neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. Die Sozialakademie leistet damit einen Beitrag zur weltweiten Verbreitung sozialer Innovationen – die Welt ist voller Ideen und braucht nur viele mutige und positiv denkende Menschen zu deren Umsetzung.

Unterstützung unseres Alumni-Netzwerks

Die Sozialakademie möchte in Kontakt mit ihren Studierenden bleiben und auch nach deren Abschluss an ihrem weiteren Lebensweg teilhaben. Weil eine gute Idee alleine nicht immer ausreichend ist, sollen zudem ausgewählte Menschen an wichtigen Orten zusammengebracht werden. Um die Welt zu verändern, müssen sich Ideen verbreiten und mehr Menschen erreichen als nur das soziale Umfeld eines Individuums. Stetig treibt die Akademie daher den Aufbau eines breiten Netzwerks voran, um soziales Unternehmertum zu fördern. Alumni übernehmen Patenschaften für bestimmte Themen und werden so zu Experten, Türöffnern, Multiplikatoren und finanziellen Partnern.

Herausforderungen der Zukunft

Trotz aller Erfolge und angesichts der Tatsache, dass eine bessere Welt durch Bildung allein nicht erreicht werden kann, ist die Sozialakademie bestrebt, ihre Aktivitäten weiter auszuweiten. An dieser Stelle sei an die Worte von Papst Franziskus erinnert: „Nur wenn man die Bildung verändert, kann man die Welt verändern.“2 Vor diesem Hintergrund setzt sich die Sozialakademie für zivilgesellschaftliche Bildung zur Förderung der von Papst Franziskus geforderten „Kultur der Begegnung“ ein, die imstande ist, eine harmonische und friedliche Welt aufzubauen. Solche Begegnungen sind mehr als nur ein vages Zusammentreffen – es geht darum, dem Menschen wahrhaftig zu begegnen, um einen umfassenden Austausch zu eröffnen und damit einen gemeinsamen Weg hin zu einer besseren Gesellschaft zu finden.


Fußnoten:


  1. Ausführliche Informationen (in englischer Sprache) unter http://social-academy.com.ua/en/↩︎

  2. Ansprache von Papst Franziskus an die Mitglieder der Stiftung „Gravissimum educationis“ (25.06.2018); Text in deutscher Übersetzung einsehbar unter http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2018/june/documents/papa-francesco_20180625_gravissimum-educationis.html↩︎