„Ihr seid im Herzen der Kirche, weil ihr soviel gelitten habt.“

Zigeuner in Ungarn (Bericht)
aus OWEP 2/2003  •  von József Lankó

Pfarrer Józef Lankó ist Zigeunerseelsorger in Alsószentmárton (Diözese Pécs/Ungarn).

Über die Anzahl der in Ungarn lebenden Zigeuner1 gibt es keine genauen statistischen Daten. Nach Schätzungen beträgt sie zwischen 600.000 und 800.000, ca. 6-8 % der Bevölkerung. Die Mehrheit von ihnen, 71 %, bilden die Romungro, ausschließlich ungarisch sprechende Zigeuner. Sie leben hauptsächlich in Nordostungarn und in Budapest. Von ihnen kommen die berühmten Zigeunermusiker. 21 % der Zigeuner sind Roma, ihre Muttersprache ist Romanes. Sie leben über ganz Ungarn verteilt. Ihre traditionellen Berufe sind Händler, Schmied, Messerschleifer und andere Handwerksberufe. 8% sind Beasch – Zigeuner, die von sich behaupten „zigeunerisch“ zu sprechen; in Wirklichkeit ist ihre Muttersprache jedoch archaisch rumänisch. Ihre traditionellen Berufe sind Korbflechter und Holztrogmacher. Die Mehrheit von ihnen lebt in den Südkomitaten von Transdanubien (Baranya, Sopron, Zaia, Toina).

Die Zigeuner leben als Nomaden. Ihr Leben wurzelt und spielt sich in der Familie ab, ohne Familie ist ihr Leben unvorstellbar. Alleinstehende Zigeuner gibt es nicht. Die Familie sichert den Unterhalt und Sicherheit des Einzelnen. Das Nomadenleben ist der Grundstein für den traditionellen Zusammenhalt der Zigeuner.

Leben am Rande

Der politische und wirtschaftliche Zusammenbruch des Ostblocks veränderte das Leben der Zigeuner völlig. In Osteuropa und besonders in Ungarn wurden Massen von Zigeunern an den Rand der Gesellschaft getrieben, sie leben heute ausgegrenzt, verachtet, in unmenschlichem Elend, oft in ghettoähnlichen Situationen. Ihre traditionellen Berufe und ihre unausgebildete Arbeitskraft wird von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht. Diese bietet ihnen zur Beruhigung ihres Gewissens höchstens eine symbolische Sozialhilfe an. Viele Zigeuner flüchten vor dieser Aussichtslosigkeit in den Alkoholismus. Einige versuchen, ihren Lebensunterhalt durch Geschäfte, die sich an der Grenze der Legalität bewegen, zu sichern (Devisentransaktionen, Alkohol- und Zigarettenschmuggel). Andere brechen aus der Spannung zwischen dem eigenen Elend und der in den Medien und durch die Konsumgesellschaft geschaffenen Scheinwelt aus und stürzen sich in die Kriminalität. Das dient dann einigen politischen Gruppierungen als Vorwand, von anderen Problemen der Gesellschaft abzulenken und die Zigeuner als Sündenbock zu benutzen. Sie fallen oft dem neuerwachten Rassismus und Nationalismus zum Opfer.

Herkömmliche Strukturen verlieren an Kraft

Die Arbeitslosigkeit ist nicht ausschließlich ein finanzielles Problem, vielmehr zerstört sie die traditionellen Familienstrukturen. Arbeitslosigkeit und Verarmung zerrütten den Zusammenhalt und die Solidarität der Zigeuner.

  • Die Männer sind den ganzen Tag zu Hause, verlieren als Väter jedes Ansehen. Sie können nicht verkraften, dass ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird und sie ihre Familie nicht mehr versorgen können; sie fallen jetzt ihren Familien zur Last. Parallel dazu ist der Alkoholausschank als einzige Unternehmensform in den Dörfern entstanden. In diesen Lokalen kann man sogar auf Kredit trinken. Gewissenlose Menschen stellen in der Nähe von den Lokalen Spielautomaten auf. Die Väter ersticken ihre Unbeholfenheit durch Alkoholrausch oder versuchen ihr Glück an den Spielautomaten. Die Tragödie des ungarischen Sozialhilfesystems besteht darin, dass ein arbeitsloser Zigeuner den Lebensunterhalt seiner Familie am besten mit seinem Tod sichern kann. Dann bekommt nämlich seiner Familie statt der völlig unzureichenden Sozialhilfe eine Waisen- und Witwenrente, aus denen eine Familie mit z. B. drei Kindern anständig leben kann. Noch schlimmer ist es, wenn in der Familie ein oder zwei Elternteile suchtkrank sind; besonders für die Kinder wird das Leben dann zur Hölle. Die Kinder dieser Familien leben in ständiger Angst und Unsicherheit.
  • Die männlichen Teenager haben ein falsches und verzerrtes Männerbild und ahmen ihre Väter nach. Früher verrichteten die 16-jährigen Jungen – in der Zigeunergesellschaft ist man in diesem Alter volljährig – harte körperliche Arbeit. Heutzutage haben sie keine Möglichkeit dazu, und so entwickelt sich in ihnen kein Verantwortungsbewusstsein. Der Gegensatz zwischen bunter Reklamewelt der Konsumgesellschaft und eigenem Elend treibt viele in die Kriminalität.
  • Die Ehen werden unter dem Einfluss der Medien labiler; die Mädchen sind in einer hoffnungslosen Lage, viele werden in die Prostitution getrieben. Bei den Zigeunern kommt oft vor, dass ein Mädchen nach den Gebräuchen ihres Volkes bereits mit 13 oder 14 heiratet. Die Starrheit des Schulsystems führt dann dazu, dass die Mädchen wegen Gefährdung der anderen von der Schule verwiesen werden.

In den Zigeunerfamilien herrschen eigenartige Eigentumsverhältnisse. Die einzelnen Gegenstände und Sachen sind eher Familieneigentum als persönliches Eigentum. Den auf dem Haken hängenden Mantel zieht nicht unbedingt der Besitzer an, sondern derjenige, der ihn gerade braucht. Die Zigeunerfamilien respektieren traditionell das Privateigentum von anderen Zigeunerfamilien oder von Nicht-Zigeunerfamilien. Heute hingegen werden Einbrüche und Diebstähle immer häufiger.

Die Beziehung der Zigeuner zur Außenwelt der Bauern hat sich verändert. Früher war die Mehrheit der Felder, Wälder und Weinberge Staatseigentum. Allgemeiner Brauch war, dass man alles, was man unter die Finger bekam, mit nach Hause nahm. Niemand hat dies als Diebstahl angesehen. Heute, nach der Privatisierung, nehmen die Zigeuner weiterhin alles mit nach Hause. Aber die Bauern sehen das mit anderen Augen. Ihr Eigentum wird geplündert: aus den Gärten verschwindet das Gemüse, aus den Wäldern das Brennholz, von den Maisfeldern der Mais. Sehr schnell entwickelt sich Misstrauen gegenüber der Zigeunergesellschaft, und bestehende Vorurteile werden gestärkt.

Die Zigeuner bewegen sich in der Außenwelt unsicherer. Früher, als sie in staatlichen Arbeitsplätzen arbeiteten, fuhren sie jeden Tag in die Städte und waren mit Nichtzigeunern zusammen. Heute kommt vor, dass sie monatelang nicht in die Stadt kommen. Besonders für die Jugendlichen wird diese Welt immer fremder.

Unsere Geschwister

Jesus schickte uns zu allen Völkern, um das Evangelium zu verkünden. Gleich zu welcher Rasse oder Religion sie gehören, alle Menschen sind unsere Geschwister, geliebte Kinder Gottes. Wenn wir das Hauptgebot Jesu ernst nehmen, dann dürfen wir nicht nur ein Almosen verteilen, das auf den Tischen der Reichen übrig geblieben ist. Wir entziehen den Armen ihre menschliche Würde, wenn wir bestimmen, was sie brauchen, wenn wir ihre Bedürftigkeit nach unserem Maß beurteilen. Wir entziehen ihnen ihre menschliche Würde, wenn wir ihnen nur das Allernötigste geben, aber nicht mehr, keine Freude und Glück. Wir entziehen den Armen ihre menschliche Würde, wenn wir bestimmen, wie sie lieben sollen, wie viele Kinder sie bekommen sollen, welche Ausbildung sie zu akzeptierten Bürgern macht.

Nur wenn wir sie kennen lernen – was biblisch lieben lernen bedeutet –, wenn wir ihre Kinder in den Arm nehmen, auch wenn sie schmutzig sind, nur wenn wir ihre Einladung zu einer Tasse Kaffee annehmen, nur wenn wir sie zu uns nach Hause einladen, nur dann können wir vom Teilen reden. Gegenseitige Beachtung ist das Maß unseres biblischen Verhaltens. Unsere Zuwendung darf mit keinem Umerziehungsversuch verbunden sein.

Wenn wir Projekte planen und organisieren, müssen wir wissen, dass die Zigeuner anders sind als wir und dass sie anders bleiben wollen. Uns verbindet mit ihnen der Glaube an den einen Gott, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. In einem Zeitalter, in dem die Religionsunterschiede oft mit Nationalismus verbunden sind und zu Krieg und Elend führen, kann die Arbeit der Kirche ein Zeichen setzen, dass wir als Kirche anders sind und uns um den Frieden bemühen.

Zigeunerpastoral – wir fangen nicht bei Null an

Die Zigeuner leben seit Jahrhunderten mitten unter uns. Zwar sind die meisten getauft, dennoch gab es bislang keine spezielle Zigeunerpastoral in der ungarischen Kirche. Erst 1999 wurde von den Bischöfen für jede Diözese ein verantwortlicher Priester ernannt. Wir fangen nicht bei Null an, weil zu allen Zeiten Laien, einzelne Priester und Ordensleute die Zigeuner entdeckten und ein Herz für sie zeigten. Immer aber waren sie Außenseiter innerhalb der Kirche.

Im November 1999 kamen aus ganz Ungarn engagierte Christen zusammen, um ihre Erfahrungen mit den Zigeunern auszutauschen, Kontakte zu organisieren und eine flächendeckende Pastoral zu beginnen. Auf Wunsch der Teilnehmer treffen wir uns inzwischen jährlich. Das Treffen wurde durch die Unterstützung von Renovabis und die Zigeunerseelsorge der Erzdiözese Paderborn ermöglicht. Wir stellten dabei fest:

  • Es gibt Ordensgemeinschaften, die mit den Zigeunern leben, Leben, Freude und Leid mit ihnen teilen.
  • Es gibt eine Reihe von Gemeindepfarrern, die sich um die Zigeuner sorgen, ein Herz für sie haben, anfangs für die Kinder, bei der Vorbereitung auf die Sakramente, dann aber auch für die Familien, bei ihrer Sorge um die Ausbildung und um Arbeit.
  • Oft sind es nicht die Pfarreien, sondern die Pfarrer und Kapläne, an denen dann die Zigeuner hängen. Sie vergessen nicht, wer ihnen gut war, und bleiben diesen Geistlichen auch bei Versetzung in andere Gegenden treu.
  • Es gibt inzwischen viele Schul- und Ausbildungsprogramme für Zigeunerkinder und -jugendliche. Sie reichen von Kindergartenprojekten, über Schularbeitshilfen und Eliteförderung bis hin zu Maßnahmen, durch die die Kultur der Zigeuner erhalten werden soll.
  • Es gibt Versuche der Arbeitsämter, in Zusammenarbeit mit den Kirchen die Ausbildungsförderung zu organisieren und neue Berufe für junge Leute zu entdecken.
  • Auch von den Universitäten („Romologie“) wird der Kontakt zur Kirche gesucht.
  • Einzelne Personen und Jugendverbände (z. B. Pfadfinder) engagieren sich in Wohnvierteln der Zigeuner.

Zigeunerkinder

Für die Zigeunerfamilien und besonders die Kinder ist eine Bildungsinstitution (angefangen mit den Kindergärten) eine von der Außenwelt aufgezwungene Institution. Wie den Zigeunern die Sprache und die Welt der Schule fremd sind, genauso ist für die meisten Pädagogen die Innenwelt der Zigeunerfamilien fremd. Jahrzehntelang haben die einsprachigen Pädagogen die Zweisprachigkeit der Zigeuner als eine Behinderung angesehen. Oft haben Kinder und Pädagogen darunter gelitten, dass das Bildungssystem den Begriff der Person nicht kannte. Das System hat versucht, die Zigeunerkinder nach den allgemeinen Regeln und Erwartungen zu lehren. Das war zum Scheitern verurteilt. Ein großes Problem ist es, den Kindern der verarmten Familien die Möglichkeit zum Lernen so zu sichern, dass sie ihre Identität bewahren können. Eigene Schulen nur für Zigeunerkinder sind keine Lösung.

Auf der Mittelschulebene bildet die Stiftung Collegium Martineum ein beispielhaftes Experiment, das durch die finanzielle Unterstützung von Renovabis und durch die gemeinsame pädagogische Konzeption von Lothar Weiß und einigen ungarischen Pädagogen zustande gebracht wurde. Das Collegium Martineum versucht, das Familienmodell der Zigeuner abzubilden. Das Kollegium bietet ein Zuhause und seelische, geistliche und finanzielle Unterstützung für das Lernen. Daneben müssen die Jugendlichen sich aber jeden Tag mit den Erwartungen der Außenwelt auseinandersetzen.

Für die Zigeunerkinder ist der Eintritt in die Schule oder in den Kindergarten ein Eintreten in eine fremde Welt. In Alsószentmárton ist es natürlich, dass alle zigeunerisch reden. Die Kinder fangen im Kindergarten an, die ungarische Sprache zu lernen. Vielen gelingt dies schnell, es gibt aber auch Kinder, bei denen es jahrelang dauert. Diese erleben in der Schule reihenweise Misserfolge. Für die meisten Kinder, besonders in der Pubertät, bleibt die Schule ein notwendiges Übel. Viele Eltern können ihren Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen. Oft ist es sogar ein Problem, für das Lernen einen Platz zu finden, da es im Haus keinen oder nur einen einzigen Tisch gibt. Meist fehlen zuhause die Bücher völlig, auch Zeitungen werden nur selten gekauft.

Ein Beispiel: Alsószentmárton

Alsószentmárton ist ein Beasch-Zigeunerdorf mit 1.100 Einwohnern am Fluss Drava. Der Arbeitslosenanteil beträgt 60-90 %, abhängig von der Saisonarbeit. Die Zigeuner hier sind seit Generationen sehr gläubig, lassen ihre Kinder taufen und ihre Toten kirchlich begraben.

Für die Kinder gibt es Katechese in der Schule und Sommerferienlager, für die Erwachsenen Bibelstunden. Ortseigene Sitten und Gebräuche für die drei großen Kirchenfeste wurden bewusst für die Gottesdienste ausgestaltet. So feiern wir an Weihnachten den Wortgottesdienst der Mitternachtsmesse im Freien neben einem Lagerfeuer. An Ostern halten wir Nachtwache nach den Gebräuchen der ortsüblichen Totenwache. An Pfingsten gibt bei uns eine Novene als Vorbereitung für das Fest; die Idee dazu haben wir aus einer Renovabis-Vorlage genommen. Außerdem findet eine Fußgangwallfahrt nach Mariagyüd statt. Seit Jahren feiern einige unserer deutschen Freunde aus Witten an der Ruhr Ostern oder Pfingsten mit uns.

Nach dem Systemwechsel sind die Ghettoverhältnisse etwas aufgebrochen worden. Außenbeziehungen bedeuten Leben. Durch die Freundschaft von zwei Pfarrern (Lothar Weiß und József Lankó)2 konnte eine Beziehung zwischen den Kirchengemeinden von Alsószentmárton und von St. Pius in Witten aufgebaut werden. Gemeinsame Pfadfinderlager haben deutschen, zigeunerischen und rumänischen Kindern und Jugendlichen ermöglicht, einander kennen zu lernen und Europa zu erleben. Die in den Ferienlagern angefangenen Beziehungen wurden mit Besuchen fortgesetzt. Deutsche Familien sind zu uns zu Besuch gekommen und haben trotz der primitiven Verhältnisse die Gastfreundschaft der Zigeunerfamilien entdeckt. Sie sind nie mit leeren Händen gekommen. Ganz schnell haben sie zu Hause eine Kleiderkammer organisiert, daraus wurden regelmäßige Hilfsgütertransporte. Seit Jahren kümmern sich Frauen in der Caritas-Gruppe um die Sammlung, die Sortierung, die Männer erledigen den Transport. Mehrmals haben deutsche Jugendliche alle Arbeiten im Zusammenhang mit den Hilfsgütertransporten als Konfirmationsvorbereitung auf sich genommen. Aus diesen Transporten können wir zweimal jährlich die Bedürftigen in den Dörfern der Kirchengemeinde bekleiden.

Unsere deutschen Freunde haben den Caritas-Sankt Martin e. V. gegründet. Sie haben uns in einem Dorf unserer Kirchengemeinde, in Siklósnagyfalu, ein Haus gekauft. In diesem Haus haben wir durch Zusammenarbeit und mit der finanziellen Unterstützung von Renovabis ein Gemeinschafts- und Gästehaus eingerichtet. Hier veranstalten wir unsere Gemeinschaftsprogramme (Gottesdienste, Bibelstunden, Kinder- und Jugendklubs, Freitisch für alte Menschen), und hier übernachten unsere Freunde, wenn sie uns besuchen.

Die alten und behinderten Menschen haben in den Zigeunerfamilien einen Platz; niemand von ihnen lebt im Heim. Gleichzeitig wird aber Hilfe gebraucht, damit sie den kinderreichen Familien nicht zur unerträglichen Last werden. In der sechs Quadratmeter großen Küche des Pfarramtes wurde zuerst für 20, heute für 80 Menschen eine kostenlose Ein-Teller-Mahlzeit gekocht. Diese Arbeit wird von einheimischen Jugendlichen entweder im Rahmen ihres Zivildienstes oder für einen Minimallohn verrichtet.

Im letzten Jahr hat der Caritas-Sankt Martin e. V. auch in Alsószentmárton ein altes Bauernhaus gekauft. Wir hoffen, dort eine vom Gesundheitsamt genehmigte Küche und ein Gemeinschaftshaus einrichten zu können. Im Gemeinschaftshaus werden vormittags für die Alten, nachmittags und abends für die Kinder und Jugendlichen Programme organisiert. In einem Schrank der Sakristei lagern wir eine Lebensmittelreserve, aus der bedürftige Familien in besonders harten Tagen eine Überbrückungshilfe bekommen können. Echte Hungersnöte konnten so bisher verhindert werden.

Die Wende hat die Rückforderung des früheren Kirchenbesitzes, der im Kommunismus verstaatlicht wurde, ermöglicht. Es dauerte allerdings sieben Jahre, bis unsere Kirchengemeinde das Gebäude, in dem seit 1998 der Kindergarten ist, tatsächlich zurück bekommen hat. Im Kindergarten sind zur Zeit 70 Kinder und 11 Mitarbeiter, von denen 10 selber Zigeuner sind. Der Betreiber des Kindergartens, die Diözese Pécs, hat uns ermöglicht, den Kindern dreimal täglich eine kostenlose Mahlzeit anzubieten.

Das Erziehungsprogramm des Kindergartens basiert auf Zweisprachigkeit, auf der Achtung der Einzelpersönlichkeit der Kinder, auf den Erziehungsmethoden der Zigeunerfamilien. Mehrere Mitarbeiter des Kindergartens waren in Witten, um Erfahrungen zu sammeln. Große Freude haben unsere deutschen Freunde den Kindern mit ihren Geschenken (Spielzeuge, Süßigkeiten, Fotos) bereitet. Sie wiederum konnten die Besucher mit ihrer Offenheit und Freundlichkeit erfreuen.

Das fehlende Kettenglied zwischen dem Sankt Martin-Kindergarten und dem zum Abitur führenden Collegium Martineum war die Unterstützung der Grundschulen. Nach unseren Erfahrungen ist die örtliche staatliche Schule der Ghettosituation der Zigeuner nicht angemessen. Besser ist eine integrierte Schulbildung, die durch die katholische Sankt Imre-Grundschule in Siklós möglich geworden ist. Diese nimmt die Zigeunerkinder gerne auf. Trotz Zusatzkosten wählen immer mehr Eltern die Schule in Siklós, auf der zur Zeit 30 Zigeunerkinder lernen. Für 13 werden die Zusatzkosten (Reise, Mittagessen und Schulsachen, zusammen 18 Euro im Monat) von deutschen und ungarischen Familien finanziert.

Renovabis unterstützt für drei Jahre die Anstellung eines Sozialpädagogen, der zwischen Schule und Familie vermittelt und ein Nachmittagsprogramm organisiert. Dort werden neben dem Spielen auch die Hausaufgaben erledigt. Seit einigen Jahren arbeiten junge, engagierte Pädagogen, Sozialarbeiter und Religionslehrer mit, die ab und zu von freiwilligen Helfern unterstützt werden. So entwickelt sich ein durchgehender Bildungsgang vom Kindergarten bis zum Abitur, der den Zigeunerkindern zu besseren Chancen verhilft. Sie können damit – und das ist ganz wichtig – ihre Identität bewahren.

„... den Armen die Frohe Botschaft zu bringen ... (Lk 4,18)“

Nach der Lehre des Alten Testaments ist Gott empfindsam. Er sah das Leiden seines Volkes, hörte seine Klagen und schickte ihnen in Moses einen Befreier. Gottes wanderndes Volk, die Kirche, soll als Institution und durch ihre Mitglieder genauso empfindsam sein. Sie kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen, kann aber in den Ortsgemeinden der Welt ein Vorbild sein.

Mit der Entdeckung und praktischen Umsetzung der Liebe und Hoffnung vermag sie dazu beizutragen, dass sich die Welt erneuert. Sie soll und muss ihre Stimme gegen alle Art von Ausgrenzung, Demütigung und Leid und für ihre leidenden Mitglieder erheben. Papst Paul VI. hat genau das getan, als er zu den Zigeunern sagte: „Ihr seid im Herzen der Kirche, weil ihr so viel gelitten habt.“


Fußnoten:


  1. Das Wort „Zigeuner“ habe ich bewusst benutzt, da bei uns die Bezeichnung „Roma“ nur eine engere Gruppe bedeutet. ↩︎

  2. Vgl. auch den Beitrag von Lothar Weiß in vorliegendem Heft. ↩︎