Veränderte Religiosität inner- und außerhalb der katholischen Kirche in Polen

aus OWEP 4/2000  •  von Janusz Mariański

Prof. Dr. Janusz Mariański, Inhaber des Lehrstuhls für Moralsozi-ologie an der Katholischen Universität Lublin, ist Verfasser zahl-reicher religionssoziologischer Untersuchungen.

Kirche (Kirchlichkeit) und Religion (Religiosität) sind zwei durch ein System wechselseitiger Bindungen und Abhängigkeiten verbundene Wirklichkeiten, die erste Ebene hat einen mehr institutionellen Charakter, die andere einen mehr personalen. In der polnischen Gesellschaft beeinflusste und beeinflusst die katholische Kirche in entscheidender Weise die Form der Religiosität, und die sog. kirchliche Religiosität (in oft selektiver Form) charakterisiert die Mehrzahl der Gläubigen (zu den anderen religiösen Gemeinschaften gehören etwa 3% der Polen). Infolge dessen kann es zu wesentlichen Wandlungen in der Religiosität der Polen führen, wenn das Band zur Kirche geschwächt wird. Man kann von folgendem ausgehen: je mehr die gesellschaftliche Differenzierung und die strukturelle Individualisierung fortschreitet, um so mehr wird in der polnischen Gesellschaft allmählich die Schar der Menschen wachsen, die nicht im kirchlichen Sinne religiös sind. Die Zahl der Personen, die auf der Suche nach Religion sind, die einen Hunger nach Transzendenz verspüren, muss nicht sinken, wenngleich die Kirche nicht immer imstande sein wird, diese Leute zu erreichen und mit ihnen einen bindenden Dialog anzuknüpfen.

In der Zeit des sog. realen Sozialismus vollzog sich in der polnischen Gesellschaft ein Prozess, in dem die Religiosität „verkirchlicht“ wurde. Wer religiös war, fühlte sich gleichzeitig mit der Kirche verbunden. Die recht deutliche Verbindung von Religiosität und Kirchlichkeit, die in der Zeit des Totalitarismus, unter den Bedingungen der programmatischen Laizisierung und Atheisierung eine Chance war, stellt in der pluralistischen Gesellschaft gewissermaßen eine Gefahr dar, denn die Schwächung oder der Verlust von Kirchlichkeit kann den Zerfall der Religiosität nach sich ziehen. Geschwächtes Vertrauen zur Kirche wird in Zukunft wahrscheinlich einer der wichtigen Faktoren sein, die religiöse Krisen, Gleichgültigkeit und Unglauben, aber auch Abwanderung zu Formen der Religiosität außerhalb der Institution Kirche bewirken. Nach 1989 ist es in Polens Gesellschaft nicht zu einem starken Verfall der bisherigen religiös-kirchlichen Strukturen gekommen, es entstehen jedoch neue religiöse Differenzierungen. Eine umfassende Diagnose, wie es um die Religiosität steht, ist im Augenblick eher problematisch, sie hat nicht den Charakter einer dokumentierten Expertise. Eines ist sicher. In der veränderten, immer „undurchsichtigeren“ sozio-kulturellen Situation verlangen viele bisherige Ansichten über Religion und Kirche in Polens Gesellschaft ein Überdenken und eine Neuformulierung.

Die Soziologen sind davon abgegangen, das Ende der Religion und den Beginn einer total weltlichen Ära vorauszusagen. Man spricht sogar von einer langsamen Öffnung der modernen Menschen für Religion und von einem religiösen Erwachen, davon, dass das Sacrum nicht verschwindet, sondern in verschiedene Sphären des menschlichen Lebens verlagert wird. Die Religionssoziologie in Polen steht vor der Versuchung, die extreme Version der Säkularisierungsthese anzunehmen, die an die sich gegenwärtig vollziehenden starken Veränderungen von Rolle und Position der Kirche in der Gesellschaft anknüpft. Unter diesen Bedingungen kommt man leicht in die Versuchung, das Ende der Volkskirche vorauszusagen. Doch sowohl die Prozesse der Säkularisierung wie auch der strukturellen Individualisierung müssen nicht ein Abgehen von der Religion, sondern können den Wandel ihres Charakters und ihrer Funktion bedeuten, sie müssen nicht das Ende oder das Dahindämmern der Volkskirche, sondern sie können auch ihre Schwächung bedeuten, die jedoch Chancen für eine Moder-nisierung nicht ausschließt.

Sich wandelnde Religiosität in der katholischen Kirche

Die katholische Kirche in Polen ist in den 80er Jahren um zahlreiche neue Gemeinschaften und religiöse Bewegungen bereichert worden, die Zeichen und Aktionsfeld der Laien sind. Sie unterschieden sich sowohl durch die Formen, in denen das Gemeinschaftsleben organisiert wurde, wie auch durch das Profil der Spiritualität, durch die Ziele ihres Apostolats, durch den Bereich ihrer Aktivität. In den 80er Jahren kam es zu einem deutlichen Anwachsen religiöser Aktivität in informellen Strukturen. Das widerspricht der Meinung, die Priester in Polen hätten es in der Zeit des Kommunismus nicht vermocht, reife und wirkungsvolle Arbeitsmethoden für die Jugend zu erarbeiten. Wenn die katholische Kirche vor dem politischen Umbruch zahlreiche Merkmale einer klerikalen Institution aufwies, so war dies bis zu einem gewissen Grade notwendig für das Überleben und für die kontrollierte Entwicklung unter kommunistischer Herrschaft.

Ein wichtiges Novum in der religiösen Landschaft Polens sind neue, mehr oder weniger eng mit der katholischen Kirche verbundene Bewegungen und religiöse Gemeinschaften, an denen Tausende Polen, insbesondere junge Menschen, beteiligt sind. Für ihre Vitalität brauchen die Pfarreien zweifellos die sich in ihnen entwickelnden Bewegungen und kleineren Gemeinschaften, die Verbindung zum Klerus und zum Diözesanbischof halten. Die neuen religiösen Bewegungen und Gemeinschaften, die mit dem Namen der Erneuerung oder Erweckung verbunden sind, stellen neben den alternativen Gruppen, neben den avantgardistischen und Umweltgruppen u.ä. ein neues und besonderes Forschungsgebiet für die Soziologie dar, vor allem aber neue seelsorgerische Herausforderungen für die Kirche.

Neben den traditionellen Gruppen in den Pfarreien entstehen neue im Rahmen der Liturgie, der Katechese, der Bildungs- und Gemeinschaftsarbeit u.ä., sie zielen auf die aktive Beteiligung am Gemeinschaftsleben der Kirche. Sie wirken auf partnerschaftlicher Grundlage bei der Sendung der Kirche mit, sie vertiefen das religiöse Engagement der Laien, sind radikaler und kompromissloser als die Masse der Gläubigen. Sie bemühen sich nach dem zu leben, woran sie glauben. Manche neue religiöse Bewegungen aus der Zeit vor 1989 entstanden aus dem Wunsch, die gläubigen Menschen vor dem atheistischen Geist der Zeit zu schützen, die meisten aber aus dem Wunsch nach religiöser Erfahrung und nach einem evangeliumsgemäßen Leben im Alltag.

Gegen Ende der 90er Jahre wirkten in Polen über 150 größere, in Vereinigungen zusammengefasste Bewegungen sowie zahlreiche kleinere, die über eine Pfarrei oder eine Diözese nicht hinausreichten. Nach Meinungsumfragen erklären sich 4% der Polen als Mitglieder von katholischen Bewegungen und Vereinen. In den letzten zehn Jahren ist die zahlenmäßige Stärke der Bewegungen und Vereinigungen um das über Zweieinhalbfache gewachsen, jetzt wird sie auf etwa 2,5 Millionen Personen geschätzt. Sie gestalten nicht nur das religiöse und moralische Leben ihrer Mitglieder, sie unterrichten nicht nur über die Rolle und Mission des Laien in Kirche und Welt, sondern sie sind auch ein wichtiger Faktor, der die ganze Infrastruktur im dritten Sektor des sozialen Lebens aktiv mitgestaltet. Von über 2 Millionen Mitglieder aller Nichtregierungsorganisationen entfallen 75% auf Mitglieder katholischer Bewegungen und Vereinigungen. Sie haben in bedeutendem Maße die Entwicklung der ehrenamtlichen Tätigkeit in Polen vorangebracht. Seit 1990 gibt es den Gesamtpolnischen Rat der Katholischen Bewegungen (A. Schulz).

Im Allgemeinen erwachsen die religiösen Bewegungen und Vereine in Polen nicht aus theologisch zweifelhaften Prämissen noch aus dem Protest gegen die institutionelle Kirche, deshalb bereiten sie dem Klerus und der Hierarchie keine echten Sorgen. Die meisten dieser Bewegungen entstanden im Rahmen der institutionellen Kirche mit der Intention, deren Bemühungen zu unterstützen, ein Teil fand sich spontan zur dynamischen und persönlichen Glaubenserfahrung zusammen, nachdem man gemeinsame Werte und Ziele erkannt hatte. Manche religiöse Bewegungen mögen jedoch den Weg zu einem außerkirchlichen Christentum betreten. In den letzten Jahren beobachtet man erste Symptome derartiger Erscheinungen in großen Städten (innerkatholische „Sekten“).

Manche Erneuerungsbewegungen lassen sich nur mit Mühe zur Teilhabe am religiös-kirchlichen Leben der Pfarrei bewegen. Sie stützen sich stärker auf die Heilige Schrift und den Heiligen Geist als auf Tradition und Lehre der Kirche. Faktisch befinden sie sich an den Rändern der klassischen kirchlichen Strukturen, der Pfarreien, das heißt an der Peripherie der institutionellen Kirche. Sie propagieren eine Glaubenserfahrung, die nicht immer mit dem objektiven Inhalt der Offenbarung übereinstimmt, so wie sie von der Kirche interpretiert wird. Die entschiedene Mehrzahl der kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften steht in enger Verbindung zu Klerus und Hierarchie.

Die neuen und unter dem Namen Erneuerung zusammengefassten religiösen Bewegungen und Gemeinschaften sind durch etwas andere Glaubensakzente charakterisiert als die sog. Durchschnittskatholiken: a) Der erneuerte Glaube ist eher in der Bibel verwurzelt, als dass er auf dem Katechismus aufbaut, er ist ein christozentrischer Glaube. Zivilisatorischer und technischer Fortschritt, politische Umwälzungen sind in dieser Perspektive ohne größere Bedeutung; b) Es kommt zu einer eigenartigen Sakralisierung des Lebens, es gibt keine weltliche und heilige Ordnung, kein Alltagsleben und keinen Sonntagsritus. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles sakral ist, es bedeutet, dass alles sakral sein kann, weil es keine grundsätzlich weltlichen Gebiete gibt; c) Anders ist auch das Verständnis und Erlebnis von Kirche und Sakramenten. Die Kirche ist weniger Institution, sie ist mehr mystischer Leib Jesu, und die Sakramente sind in geringerem Maße institutionelle Erfordernisse, sie sind in größerem Maße eine persönliche Begegnung mit Jesus (M. Grabowska).

Die neuen religiösen Bewegungen füllen das gesellschaftliche Vakuum, das in vielen Pfarreien zwischen den Gemeindemitgliedern und den weiteren kirchlichen Strukturen existiert. Sie tragen zur Entwicklung des religiösen Lebens bei und wirken der Tendenz entgegen, die Kirche als „Dienstleistungsagentur“ zu betrachten. Sie werden zu aktiven Subjekten in der Kirche, zu engagierten Teilhabern an der unmittelbaren Evangelisierung sowie zu Schöpfern einer gesellschaftlichen und moralischen Erneuerung. Eine Arbeitsfrucht der Erneuerungsgruppen und -bewegungen findet sich in der gefestigten Religiosität, oft auch in der missionarischen und expansiven Pastoral in der Pfarrei.

Beide Tendenzen zur Vertiefung der Religiosität – die an besondere Gemeinschaften und die enger an die kirchliche Institution gebundene – sind im polnischen Katholizismus keine allgemeine Erscheinung, sie umfassen etwa 20% der Katholiken. Die erste Tendenz verbindet sich mit der Beteiligung an religiösen Gemeinschaften und Bewegungen, die andere zeigt sich außerhalb von deren Bereich, aber in Verbindung zur Kirche im Geiste des II. Vatikanischen Konzils. Im einen wie im anderen Fall wird der religiöse Glaube zum personalen, erlebten und in die Tat umgesetzten Wert.

Generelle Methode für das gemeinsame Wirken muss der Dialog sein, damit diese Bewegungen und Gemeinschaften keine Gefahr für die Mission der Kirche sind (weder Exklusivität von Seiten der Gemeinschaften noch übermäßige Kontrolle von Seiten der umfassenderen kirchlichen Strukturen), damit sie vielmehr diese Mission bereichern, vertiefen und authentischer Ausdruck und Träger allgemeinerer religiöser Wandlungen in unserem Lande werden. Ihre Entwicklung muss auf der Ebene von Pfarrei, Diözese und ganzem Land Gegenstand besonderer Obhut sein. Sie sind u.a. wegen ihres Vorbildcharakters sehr wichtig.

Selbst wenn manchmal die Zugehörigkeit zu religiösen Bewegungen und Gemeinschaften aus der Suche nach Beteiligung in einer „Gruppe Gleichgesinnter“ (zum Beispiel weil man sich verloren fühlt, weil man Schwierigkeiten im Leben hat, nach einem Sinn des Lebens sucht u.ä.) resultiert, so geht es dennoch hauptsächlich um das Bedürfnis, christliche Ideale im Alltagsleben zu verwirklichen, gemeinsam im christlichen Geiste (Verbindung geistiger Werte mit dem Alltagsleben) zu denken und zu handeln. Selbstverständlich führen die Vertiefung der eigenen religiösen Erfahrung, das Streben nach Heiligung, die geistige und moralische Entwicklung zum Wiederaufbau atomisierter sozialer Bindungen und desintegrierter Wertorientierungssysteme, sie führen auch dazu, sich selber dadurch wiederzufinden, dass man in tieferer Weise mit anderen und für andere lebt. Die Entwicklung der neuen kirchlichen Gemeinschaften und Bewegungen ist in der pluralistischen Gesellschaft wichtig, denn sie schaffen Umgebungen „nach menschlichem Maß“, in denen der Glaube offen akzeptiert ist, in denen man sich zu ihm bekennt und ihn im Alltag lebt.

Man kann weiterhin von einer schwachen Vereinsbewegung in Polens Kirche sprechen. Diese Schwäche zeigt sich darin, dass die formal schon bestehenden Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten ungenügend genutzt werden. Viel muss sich noch verändern, bis die katholischen Laien sich als wirkliche Subjekte im Leben der Kirche empfinden, bis sie konkrete Formen der Mitverantwortung für die Pfarrgemeinde und auch für die Diözese übernehmen. Dies würde einen Wandel des Bildes der Kirche als Dienstleistungsinstitution bedeuten, die individuelle religiöse Bedürfnisse der Gläubigen befriedigt. Der neue Stil des Katholik-Seins ist der Schlüssel für die Erneuerung des religiös-kirchlichen Lebens (besonders in Jugendmilieus) und zur Belebung der Strukturen in der Alltagsseelsorge.

Religiosität außerhalb der katholischen Kirche

Die sich in Polen vollziehenden sozio-politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen bleiben nicht ohne Einfluss auf die Religiosität und die Verbindung zur Kirche sowie auf die Suche nach alternativen Formen des religiösen Lebens. In diesem Kontext ist eine wachsende Einwirkung von religiösen Bewegungen und Kulten festzustellen, die außerhalb der katholischen Kirche wirken – und oft auch gegen sie. Die neuen religiösen Bewegungen füllen manchmal ein geistiges Vakuum unserer Zeit, sie überwinden den kulturellen Nihilismus. Sie können – zumindest teilweise – den negativen Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und des kulturellen Umbruchs vorbeugen, indem sie Antworten auf in der menschlichen Kultur dauerhaft vorhandene existentielle Situationen geben.

„Heute verbreiten sich bei der jungen Generation der Polen Symptome der Ermüdung, der Apathie, der Ideenlosigkeit, der Nachgiebigkeit gegenüber dem Mythos von Geld und Konsum. Das weckt berechtigte Unruhe bei vielen Seelsorgern. Es verbreitet sich das Gefühl der Frustration, das noch durch die Erscheinung der Arbeitslosigkeit vertieft wird, die gerade die Jugend besonders schmerzhaft trifft. In dieser Situation sind sie den vielfältigen Formen sozialer Pathologie ausgesetzt. Leider suchen viele eine Lösung ihrer Probleme in der Flucht zu Alkoholismus und Sucht. Auf religiösem Gebiet kann man dagegen nicht umhin, den negativen Einfluss von Sekten zu beobachten, auch jener sich als new age bezeichnenden pseudoreligiösen Strömungen“ (Johannes Paul II. in der Ansprache an die polnischen Bischöfe am 12. Januar 1993).

Die außerkirchlichen religiösen Bewegungen offenbaren – zumindest mittelbar – die Existenz gewisser religiöser Bedürfnisse, die die katholische Kirche bisher nicht wahrnahm oder mit denen sie nicht umgehen konnte. In Polen stehen Forschungen über neue religiöse Bewegungen protestantischer Herkunft, über auf der Basis des Christentums entstandene Sekten, über orientalische oder afrikanische Bewegungen sowie über Bewegungen der Gnosis oder Esoterik erst in der Anfangsphase, wenngleich erste Arbeiten theoretischen und empirischen Charakters vorliegen. Es fehlt weiterhin an exakteren Feststellungen, wie viele Anhänger die seit langem wirkenden neuen religiösen Bewegungen haben. Manche geschätzte Zahlen erscheinen zu niedrig angesetzt. Die Suche nach alternativen Formen des religiösen Lebens ist eine Tatsache.

Die Expansion der neuen religiösen Bewegungen außerkirchlichen Charakters hielt in den 90er Jahren an. Sie vereinen in größerem Maßstab jüngere, besser ausgebildete Personen, Männer, Singles, Menschen in größeren Städten sowie in Nord- und Westpolen, solche, die aus nichtintakten Familien und aus solchen mit geringerer Religiosität stammen. Ein Teil der neuen religiösen Bewegungen entwickelt sich auf dem Grenzfeld von Religion und anderen Gebieten der Kultur, er hat parareligiösen Charakter. Manche traditionellen Sekten und neuen religiösen und pseudeoreligiösen Gruppierungen säen Verwirrung, und sie können sich gewisser Erfolge rühmen. Wegen ihrer Methoden und ihres finanziellen Reichtums, auch wegen der Hartnäckigkeit, mit der sie Proselytismus betreiben, beeinflussen sie in gewissem Maße jugendliche Kreise, wenn auch nicht in so großem Maße wie in westlichen Ländern. Nach Meinung mancher Leute wird Polen als eine Art Übungsplatz für das Eindringen orientalischer Religionen angesehen.

Im Lichte der bisherigen soziologischen und psychologischen Untersuchungen kommt es zu einer immer besseren Erkenntnis der Mechanismen, nach denen die neuen religiösen Bewegungen in der Gesellschaft funktionieren und sich entwickeln. „Die Teilhabe an neuen religiösen Bewegungen ist besonders dadurch bedingt, dass – vor allem junge - Menschen neue Werte, einen neuen Lebensstil, neue Formen des religiösen Ausdrucks suchen. Diese Suche nach neuer ... Lebensorientierung kann eine unterschiedliche Ursachengrundlage und in jedem Einzelfall eine andere haben. Wenn man den eigenen Ort durch Wahl einer neuen Religion (Konversion) findet, so bedeutet dies, dass das traditionelle Modell ein unzureichender Vorschlag war, dass die weltanschauliche Orientierung der Familie kein befriedigender Wegweiser für die Lebensaktivität darstellte“ (M. Libiszowska-Żółtkowska).

Solche religiösen Gruppierungen wie die Gesellschaft für Krischna-Bewusstsein sowie verschiedene Richtungen des Buddhismus knüpfen an orientalische Traditionen an. Die meisten dieser Gruppen wurden als Kirchen registriert. Wenn man davon ausgeht, dass die Entwicklung der religiös-kirchlichen Situation in Polen sich in ähnlicher Richtung bewegt wie in westlichen Ländern, dann ist zu erwarten, dass ihre Einflüsse in der Gesellschaft in den nächsten Jahren stärker werden. Man kann also annehmen, dass sie ein dauerhafter Faktor in der Pluralisierung der polnischen religiösen Szene sind. Die Einstellung, man müsse die religiöse Szene in Polen als ein Spektrum auf der Achse „Katholiken – Nichtglaubende“ betrachten, verliert heute an Aktualität, denn es erscheinen unterschiedliche Kräfte und Gruppierungen Andersgläubiger. Die gegenwärtige religiöse Situation der polnischen Gesellschaft wird durch einen schwierigen Komplex von Faktoren bestimmt, die ihre Form bedingen und beeinflussen. Ein Teil dieser Faktoren kumuliert, und sie erzeugen verschiedenartige Formen einer außerkirchlichen Religiosität.

Die religiösen Bewegungen außerkatholischer, christlicher und nichtchristlicher Art werden das Panorama der Religiosität in der polnischen Gesellschaft bereichern, sie stellen die Pfarrei vor neue Aufgaben, die in ökumenischem Sinne zu lösen sind. Es kann zu einer Verschärfung der Konfrontation der katholischen Kirche mit den Sekten, aber auch mit radikalen Oppositionsgruppen innerhalb der Kirche kommen. Manche von diesen religiösen oder parareligiösen Bewegungen und Gemeinschaften haben Methoden und Techniken zur Gewinnung neuer Mitglieder erarbeitet, die wirksamer sind als die traditionellen Methoden der Kirche.

Die Soziologen beobachten die Prozesse der religiösen und kirchlichen Transformation in der polnischen Gesellschaft auch unter dem Blickwinkel, dass eine locker mit der Kirche verbundene oder außerhalb ihrer sichtbaren Strukturen wirkende Religiosität auftaucht. Sie ist nicht nur in radikalisierten Formen einer selektiven Religiosität zu suchen, sondern auch in jenen Formen von Religiosität, die unter dem Einfluss liberaler und postmodernistischer, zu uns aus dem Westen dringender Strömungen entstehen. Wenn man heute der außerkirchlichen Religiosität (insbesondere der postmodernistischen Religiosität) den Status eines „Eindringlings“ zuschreiben mag, so erringt sie bald den Status eines legitimen Bewohners im „religiösen Kosmos“. In Zukunft wird in Polens Gesellschaft die Zahl der Individuen zunehmen, die Lebenshaltungen sich zu eigen machen, welche sich in einem durch postmodernistische Denkweise abgesteckten Rahmen bewegen. Diese Erscheinung wird sich unabhängig davon verstärken, ob in Polen ein heftiger Prozess der Laizisierung erfolgt oder aber – wie manche sagen – es hier das „Wunder der Laizisierung“ nicht geben wird (M. Grabowska).

Einige Schlussfolgerungen

Die sich seit Mitte der 70er Jahre – im Rahmen der damaligen Möglichkeiten – entwickelnden religiös-kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften sind noch keine Massenerscheinung, wenngleich deutliche quantitative Veränderungen auf diesem Gebiet bereits sichtbar sind. Sie werden für die Zukunft von Religion und Kirche in der polnischen Gesellschaft größere Bedeutung haben als die von der „Umfrage“-Soziologie konstatierten typischen (durchschnittlichen) Erscheinungen der manifestierten, äußeren, sozio-kulturellen Religiosität. In der Entwicklung des religiösen Lebens ist Qualität wichtiger als Quantität. Die religiösen Bewegungen und Gemeinschaften – und seit den 90er Jahren auch die katholischen Vereinigungen – garantieren eine permanente religiöse Sozialisation und werden deshalb in Zukunft eine große Bedeutung für die Prozesse religiöser Vertiefung auch in der gesellschaftlichen Makroskala haben.

In den 90er Jahren veränderte sich langsam die religiöse Landschaft in Polen. Zwar sind weiterhin über 95% der Polen in der katholischen Kirche getauft, aber die neuen religiösen Bewegungen außerkirchlichen Typs und die traditionellen Sekten zeigen eine lebhaftere Aktivität, die auf die Gewinnung neuer Mitglieder zielt. Von den über 150 registrierten Kirchen und religiösen Vereinigungen zählen die meisten zwischen einigen Dutzend und einigen Tausend Anhängern. Sie stellen eine Alternative für Katholiken dar, die in ihrem heimischen Bekenntnis keine Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse finden. Die Tatsache, dass auf der religiösen Bühne viele neue organisierte religiöse Gruppen mit abweichenden Glaubensüberzeugungen und Praktiken auftauchen, bewirkt, dass man vom Anfang einer religiösen Pluralisierung in der polnischen Gesellschaft sprechen kann, die jedoch nicht in grundsätzlicher Weise die konfessionelle Homogenität durchbricht. Vom soziologischen Gesichtspunkt aus wahrt die katholische Kirche in Polen die Merkmale einer Volkskirche mit der Tendenz zu innerkirchlicher Modernisierung.

Aus dem Polnischen übersetzt von Wolfgang Grycz.