Die Bedeutung neuer religiöser Bewegungen in Russland am Beispiel von St. Petersburg

aus OWEP 4/2000  •  von Elena Isakowa

Elena Isakowa ist Mitarbeiterin des Orthodoxen Instituts für Missiologie, Ökumene und neue religiöse Bewegungen in St. Petersburg.

Der Prozess der Demokratisierung des politischen und ökonomischen Systems, der in der Sowjetunion am Ende der 80er Jahre begonnen hat, zog auch einen Prozess der Demokratisierung des religiösen Lebens nach sich. Mit der Annahme des Gesetzes „Über die Freiheit des Glaubensbekenntnisses“ im Oktober 1990 triumphierte in der russischen Gesellschaft die Freiheit des Gewissens. Die traditionellen Religionen und Konfessionen erhielten die Möglichkeit, ihre Tätigkeit frei und ungehindert auszuüben, und die russischen Bürger das durch die Verfassung der Russischen Förderation gesicherte Recht, sich frei und ungehindert zu einer beliebigen Religion zu bekennen oder gar keiner Religion anzuhängen. Es war die Zeit, in der die negative Einstellung zur Religion, die unter dem kommunistischen Regime vorherrschend war, sich in das genaue Gegenteil verwandelte. Parallel zum Prozess der Wiedergeburt der Orthodoxie, anderer christlicher Konfessionen und nichtchristlicher Religionen (Islam, Buddhismus) kam es zu einem rasanten Zuwachs der Aktivität und der Zahl neuer, früher in Russland nicht bekannter, religiöser Bewegungen sowohl westlicher und östlicher als auch genuin russischer Herkunft.

In dieser Hinsicht bildet St. Petersburg keine Ausnahme. Im Gegenteil: Als eine Stadt, die vom Anfang ihrer Geschichte an bekannt ist als die europäischste, offenste und toleranteste in Russland, zählt St. Petersburg heute zu den Regionen, die sich durch eine besonders große Zahl, Vielfalt und Aktivität der neuen religiösen Bewegungen auszeichnen. Nach Angaben der Justizverwaltung von St. Petersburg waren zu dem Zeitpunkt, als das neue Gesetz der Russischen Föderation „Über die Freiheit des Gewissens und die religiösen Vereinigungen“ in Kraft trat (1.10.1997), in der Stadt 366 religiöse Vereinigungen registriert, von denen man etwa 60 zur Kategorie der neuen religiösen Bewegungen zählen kann (den größten Teil der registrierten religiösen Vereinigungen bildeten die orthodoxen Pfarreien des Moskauer Patriarchats: 161). Wie jedoch die Untersuchungen der religiösen Situation in St. Petersburg zeigen, die vom Orthodoxen Institut für Missiologie, Ökumene und neue religiöse Bewegungen (PIMEN) in den Jahren 1996/97 durchgeführt wurden1, stellt diese Zahl nur die Spitze des Eisbergs dar. Etwa zwei Drittel der neuen religiösen Bewegungen sind entweder gar nicht registriert oder sind als gesellschaftliche Organisationen im allgemeinen Register zusammen mit politischen Parteien, Frauenverbänden, Wohltätigkeits- und anderen Organisationen enthalten, so dass sie kaum als solche identifiziert werden können. Deshalb ist es sehr schwierig, genaue Angaben über die tatsächliche Anzahl neuer religiöser Bewegungen in St. Petersburg zu machen. In Verbindung mit den neuen Bedingungen für die Registrierung religiöser Vereinigungen, die mit dem Gesetz von 1997 eingeführt wurden, und in Folge der in letzter Zeit verstärkten Kampagnen gegen Sekten erscheint die Registrierung als gesellschaftliche Vereinigung, die ebenfalls die Rechte einer juristischen Person (Bankkonto, Immobilienbesitz etc.) einschließt, für die neuen religiösen Bewegungen sogar der geeignetere Weg.

Der vorliegende Beitrag hat keine tief gehende Analyse der religiösen Prozesse zum Ziel, die sich in Russland im Allgemeinen und in St. Petersburg im Besonderen vollziehen. Sein Ziel ist bescheidener: Er soll eine kurze Beschreibung der „religiösen Szene“ in St. Petersburg geben. Dabei ist zu beachten, dass es in Russland keine allgemein gültige Terminologie hinsichtlich der nicht traditionellen religiösen Strömungen und Gruppen gibt. Forscher, Kirchenvertreter und Publizisten nutzen für die Beschreibung dieser religiösen Vereinigungen unterschiedliche Begriffe: „Sekten“, „totalitäre Sekten“, „destruktive Kulte“ usw. Ich benutze den Begriff „neue religiöse Bewegungen“, weil er die neutralste Bezeichnung ist, die keine negative Bewertung impliziert, und weil er meines Erachtens das Wesen dieser Erscheinungen widerspiegelt, insofern alle diese Bewegungen – auch die bereits im 19. Jahrhundert entstandenen – neu sind im Vergleich mit den traditionellen Religionen (Christentum, Buddhismus, Hinduismus etc.). Alle neuen religiösen Bewegungen, die in der St. Petersburger „Szene“ aktiv sind, kann man unter bestimmten Bedingungen in folgende Gruppen einteilen:

  1. Neue religiöse Bewegungen „westlicher“ Herkunft;
  2. Neue religiöse Bewegungen „östlichen“ Ursprungs;
  3. Neue religiöse Bewegungen genuin russischer Herkunft;
  4. Strömungen, Bewegungen und Gruppen aus dem Bereich „New Age“.

Die Situation innerhalb dieser Gruppen soll im Folgenden kurz beschrieben werden.

Neue religiöse Bewegungen „westlicher“ Herkunft

Die erste Gruppe neuer religiöser Bewegungen innerhalb der Petersburger „religiösen Szene“ stellen Gruppen dar, die aus dem Westen nach Russland kamen. Die größte und aktivste unter ihnen, die in der Öffentlichkeit wegen der Hartnäckigkeit und Aggressivität ihrer Predigt zugleich das größte Unbehagen weckt, sind die Zeugen Jehovas. Trotz der großen Kampagnen gegen Sekten, die in den Massenmedien liefen, und des abnehmenden Interesses an der Religion in der russischen Gesellschaft gelang es der Petersburger Gemeinde der Zeugen Jehovas nicht nur ihre Mitgliederzahl zu halten, sondern sogar die Zahl ihrer Anhänger, wenn auch nur geringfügig, zu erhöhen. Im Jahr 1999 erreichten die Zeugen Jehovas die vom neuen Religionsgesetz geforderte Neuregistrierung beim Justizministerium der Russischen Föderation, was auch die ungehinderte Neuregistrierung ihrer Gemeinden in den Regionen sichern dürfte. In St. Petersburg wurde nur eine religiöse Vereinigung der Zeugen Jehovas offiziell registriert, obwohl es tatsächlich 50 Gemeinden mit jeweils 80 bis 100 Anhängern gibt. Nicht weit von St. Petersburg befindet sich in einem ehemaligen Pionierlager das Leitungszentrum der Zeugen Jehovas, das die Tätigkeit der Gemeinden auf dem Territorium der Russischen Föderation und weiterer neun früherer Sowjetrepubliken koordiniert.

Durch eine besonders aktive Arbeit im Bereich der Jugend zeichnet sich die „Church of Christ“ (Boston-Bewegung) aus. Obwohl die Anzahl der Anhänger dieser Bewegung etwa gleichbleibend ist und 1.000 kaum übersteigt, ist für diese neue religiöse Bewegung eine starke Rotation ihrer Mitglieder charakteristisch, so dass nach zehn Jahren ihrer Tätigkeit in St. Petersburg eine verhältnismäßig große Zahl junger Menschen (dabei handelt es sich vor allem um Studenten) durch ihre Reihen gegangen ist. Bei ihnen bleibt für lange Zeit und manchmal für ihr ganzes Leben eine verzerrte Vorstellung vom Christentum und den christlichen Werten zurück, verbunden mit einer negativen Einstellung gegenüber den traditionellen christlichen Kirchen sowie mit Unglauben und Zynismus.

Von den anderen neuen religiösen Bewegungen „christlichen“ Ursprungs sind bei der städtischen Justizverwaltung registriert: die „Christliche Wissenschaft“, vier Gemeinden der Neuapostolischen Kirche und neun Gemeinschaften der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ (Mormonen). Die Mitgliederzahl dieser Gemeinden ist jedoch sehr gering und ihre Tätigkeit ist in der Stadt kaum bemerkbar.

Unter den „nichtchristlichen“ neuen religiösen Bewegungen agiert in St. Petersburg vor allem die „Scientology Church“ erfolgreich, die hier den Status einer weltlichen Organisation hat und den Bürgern unter der Bezeichnung „Dianetik-Zentrum“ bekannt ist. Obwohl die Moskauer Organisation der Scientologen Ende 1999 Schwierigkeiten mit der Registrierung hatte, kann das zweitgrößte Zentrum der Scientologen in Russland in St. Petersburg seine Literatur ungehindert durch ein Netz von Petersburger Buchhandlungen vertreiben. Außerdem verbreiten die Scientologen ihre Ideen durch Kurse, an denen wöchentlich etwa 200 Bürger teilnehmen, bei denen es sich größtenteils um technische Ingenieure und Studenten wirtschaftlicher und technischer Hochschulen handelt.

Eine der früher aktivsten religiösen Organisationen in St. Petersburg, die „Vereinigungskirche“ Mun, hat nach einer Serie von Skandalen Mitte der 90er Jahre und infolge der verstärkten Kontrolle staatlicher Organe, ob weltliche Organisationen religiöse Aktivitäten durchführen, die ihrem Status widersprechen, ihre Tätigkeit beinahe eingestellt. Die Führer der Bewegung sind aus luxuriösen Büros im Zentrum der Stadt in bescheidenere Wohnungen umgezogen, die Anhänger der Bewegung müssen ihre Versammlungen in Privatwohnungen abhalten und die missionarische Tätigkeit wird nur noch äußerst vorsichtig durchgeführt.

Neue religiöse Bewegungen „östlichen“ Ursprungs

Diese Gruppe bildet in St. Petersburg ein mannigfaltiges Spektrum. Hier gibt es Anhänger der Hare-Krischna-Bewegung, der Transzendentalen Meditation und der zu trauriger Berühmtheit gelangten Aum-Sekte wie auch vielfältige Interpretationen des Taoismus und Buddhismus. Die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit dieser Bewegungen, Gruppen und Grüppchen keinen offiziellen Status als religiöse Organisation besitzt, hat praktisch keinen Einfluss auf ihre Tätigkeit. Sie sind kaum missionarisch tätig und haben eine sehr begrenzte Anhängerschaft, die hauptsächlich durch persönliche Kontakte gewonnen wird.

Die größte und missionarisch aktivste religiöse Vereinigung in dieser Gruppe war bis vor kurzem die Hare-Krischna-Bewegung. Auf Grund einer Spaltung innerhalb dieser Bewegung ist diese jedoch inzwischen sehr geschwächt. Unter den neuen religiösen Bewegungen „östlichen“ Ursprungs spielt daher zur Zeit das St. Petersburger Brahma-Kumaris-Zentrum die aktivste Rolle, was sich auch an der Anzahl der Klagen ablesen lässt, die bei verschiedenen Instanzen eingereicht wurden. Diese Bewegung verbirgt ihre Religiosität sehr sorgfältig. Sie ist beim Justizministerium der Russischen Föderation als gesellschaftliche Organisation registriert und stellt sich überall als Hochschule unter dem Namen „Ökumenische Geistliche Universität“ dar.

Die Inkompetenz der russischen Gesellschaft in Fragen der Religion sowie der Verweis auf den Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und der UNICEF öffnet den Vertretern dieser Organisation die Türen bei vielen höheren Instanzen. Vertreter städtischer Institutionen sowie von Einrichtungen aus Wissenschaft, Kultur und Bildung werden animiert, an den verschiedenen Initiativen von „Brahma Kumaris“ teilzunehmen. Kaum eine dieser Amtspersonen weiß – ebenso wie diejenigen, die der Organisation die Lizenz für ihre Bildungstätigkeit gaben –, dass sie es mit einer religiösen Bewegung zu tun haben, die ihre Autorität dazu nutzt, um ihre Ideen zu propagieren und neue Mitglieder zu gewinnen, darunter auch in den allgemein bildenden Schulen und Hochschulen der Stadt, in denen – entsprechend der russischen Gesetzgebung – jegliche religiöse Tätigkeit verboten ist.

Neue religiöse Bewegungen russischer Herkunft

Diese Gruppe stellt für den westlichen Leser vermutlich die interessanteste dar. In St. Petersburg umfasst sie neuheidnische Gruppen sowie die Anfang der 90er Jahre entstandenen Bewegungen der „Weißen Bruderschaft“, der „Kirche des Letzten Testamentes“ Wissarions und das „Muttergotteszentrum“. Diese drei bekanntesten neuen religiösen Bewegungen russischer Herkunft zeichnen sich durch folgende Besonderheiten aus: (1) den Eklektizismus ihrer Glaubenslehren, die sich weitgehend unter dem Einfluss der Lehre Rerichs und der Theosophie Elena Blawatskas herausgebildet haben, die seit den 70er Jahren die praktisch einzig zugängliche „Ware“ auf dem „Markt der Religion“ waren, wie auch unter dem Einfluss christlicher Ideen; (2) die Radikalität der Forderungen an ihre Adepten, die übrigens für viele neu entstandene religiöse Bewegungen charakteristisch ist; (3) die Sorge um das Schicksal Russlands (alle drei Lehren stellen Russland oder die ehemalige UdSSR ins Zentrum des Kampfes zwischen den Kräften des Guten und des Bösen).

Die „Große Weiße Bruderschaft“ ist die extremistischste der genannten Bewegungen. Ihre Glaubenslehre besteht aus einer Mischung der Ideen Rerichs, hinduistischer Weltanschauung und Elementen der christlichen Lehre. Die Weiße Bruderschaft wurde vor allem durch die Massenunruhen in Kiew 1993 bekannt, als sich Dutzende von Anhängern dieser Bewegung in der ukrainischen Hauptstadt versammelten, um das „Ende der Welt“ zu erwarten. Sie waren bereit jegliche Anweisung ihrer Führerin, Marina Zwigun-Kriwonogow, die sich selbst „Maria Jungfrau Christus“ nennt, zu befolgen. Die Kiewer Ereignisse führten zu einer ernsthaften Auseinandersetzung der Russen mit dem Problem neuer religiöser Bewegungen. Sie gaben den Impuls zur Entstehung einer Anti-Sekten-Bewegung in Russland. Die Weiße Bruderschaft besaß nie eine besonders große Anhängerschaft. Die St. Petersburger Gemeinde – die größte in Russland – umfasste zu den besten Zeiten nicht mehr als 40 Personen. Doch die unglaublich große Aktivität der Mitglieder dieser Bewegung erweckte den Eindruck, dass es sich um eine starke Bewegung handelt. Nachdem die Führungspersonen wegen aufrührerischer Handlungen inhaftiert worden waren, verringerten sich die Aktivitäten der Bewegung, hörten jedoch nicht auf. Das in den russischen Massenmedien vermittelte Bild der Bewegung ist derart negativ, dass eine Erhöhung der Zahl der Anhänger der Weißen Bruderschaft in nächster Zeit kaum zu erwarten ist.

Das „Muttergotteszentrum“ ist vermutlich das „christlichste“ unter den genannten religiösen Bewegungen. Die Organisationsstruktur, der Gottesdienst, die Kleidung der Priester und die Ikonographie dieser Bewegung kopieren exakt die Gewohnheiten in der Russischen Orthodoxen Kirche, obwohl die Verehrung der Muttergottes sich stärker an katholischen Vorbildern orientiert. Die Anhänger dieser Bewegung unterstreichen ohne Ausnahme, dass sie die dogmatischen Entscheidungen des nicaeno-konstantinopolitanischen Glaubens-bekenntnisses anerkennen, und versuchen die apostolische Sukzession ihrer Hierarchie zu beweisen. Jedoch haben viele der Ideen, die in den Offenbarungen des Ioann Bereslawskij (des Gründers der Bewegung) enthalten sind und die die Grundlage der Glaubenslehre des Muttergotteszentrums bilden, keinerlei Beziehung zum Christentum. Dass der Anfang des neuen Jahrtausends als Geburt eines „neuen Christentums“ bezeichnet wird, verbindet das Muttergotteszentrum eher mit der Ideologie der New-Age-Bewegung.

Die Grundlage der Glaubenslehre des Muttergotteszentrums bildet jedoch die Idee, dass Gott sich einzig und allein durch die Muttergottes offenbart, dass die Jungfrau Maria und nicht Christus die wahre Retterin der Menschheit ist. Das gesamte patristische, theologische und liturgische Erbe der Orthodoxie und der römisch-katholischen Kirche wird durch das Prisma dieser Ideen betrachtet und die Riten und Sakramente werden entsprechend modifiziert. Die Aktivitäten des Muttergotteszentrums in Moskau und St. Petersburg erreichten ihren Höhepunkt Anfang der 90er Jahre. Seit 1993 reduziert die Bewegung ihre lautstarke öffentliche Tätigkeit und geht inzwischen mehr konspirativ vor. Zur Zeit ist ihre Tätigkeit kaum bemerkbar. Die Bewegung hat sich allmählich auf andere Regionen Russlands ausgedehnt. Im Januar 1998 gab es 17 registrierte Gemeinden. Der Akzent wurde stärker auf soziale Tätigkeiten (in Krankenhäusern, Gefängnissen und Altenheimen) gelegt und die Bewegung bemühte sich, Verbündete im Ausland zu finden, vor allem unter Gruppen, die der Verehrung der Jungfrau Maria besondere Aufmerksamkeit schenken.

Die größte und aktivste unter den neuen religiösen Bewegungen russischer Herkunft stellt seit Anfang der 90er Jahre bis in die Gegenwart die „Kirche des Letzten Testamentes“ dar. Die Glaubenslehre der Anhänger Wissarions, wie sich der Gründer dieser Bewegung nennt, ist typisch für New-Age-Bewegungen. Wenn man den für Gruppen dieses Typs charakteristischen Wortschatz beiseite lässt, besteht das Wesen ihrer Glaubenslehre im Folgenden: Die Menschheit steht an der Schwelle einer „neuen Ära“, die nur diejenigen Menschen erreichen werden, denen es auf Grund der Kenntnis der „Gesetze der Transformation“ gelingt, sich in der kurzen verbleibenden Zeitperiode auf den Übergang in den neuen Zustand vorzubereiten. Die „Gesetze der Transformation“ werden den Menschen durch Wissarion offenbart. Von christlichen Ideen ist in dieser Bewegung nur die Selbstbezeichnung Wissarions als „Sohn Gottes“ sowie die als Evangelium stilisierte Heilige Schrift der Anhänger Wissarions unter der Bezeichnung „Letztes Testament“ übrig geblieben.

Das Zentrum der Bewegung befindet sich in Sibirien im Gebiet Kuragin (Region Krasnojarsk), wo seit 1994 mit offizieller Erlaubnis der örtlichen Behörden eine ökologische Siedlung gebaut wird, die von den Anhängern der Bewegung das „Neue Jerusalem“ genannt wird. Hier sammeln sich die Anhänger der Bewegung aus ganz Russland, um das „Ende der Welt“ zu erwarten und die Grundlage für eine neue Menschheit zu legen. Die sibirische Gemeinde umfasst etwa 3.000 Personen, darunter viele mit Hochschulbildung (Mediziner, Pädagogen, etc.). Weil die Rettung nur im „Neuen Jerusalem“ möglich ist, werden die Gemeinden in anderen Städten nur als zeitlich begrenzte Stützpunkte der Bewegung betrachtet, um die Lehre mit Hilfe von Druckerzeugnissen sowie Audio- und Videokassetten zu verbreiten. In St. Petersburg dürfte die Anhängerschaft dieser Bewegung derzeit etwa 100 Menschen umfassen.

Versuche, das Heidentum als eine in sich abgeschlossene, vorchristliche Weltanschauung wiederzubeleben, gibt es in vielen Regionen Russlands. Besonders stark sind die neuheidnischen Bewegungen in den Republiken mit finno-ugrischen Bevölkerungsgruppen. Dort vollzieht sich die Rückkehr zum Heidentum in rasantem Tempo unter der Devise der kulturellen und nationalen Wiedergeburt dieser Nationen. Es gibt auch Versuche, neuheidnische Gemeinden in der slawischen Bevölkerung zu etablieren. Jedoch ist die Vermittlung heidnischer Traditionen im russischen Volk bereits vor langer Zeit abgerissen und die verbliebenen Elemente der Folklore geben keine ausreichenden Informationen und sprechen die russische Seele nicht an. Diese Gemeinden sind daher sehr klein und versuchen beinahe nach Belieben das Pantheon der slawischen Götter zu rekonstruieren.

In St. Petersburg gibt es zwei verschiedene Typen neuheidnischer Gemeinden: (1) religiös-politische Vereinigungen mit nationalistischer Orientierung; (2) Bewegungen folkloristischen Typs, die altslawische Traditionen, Gebräuche und Rituale einstudieren und propagieren. Den einzigen Versuch eine spezifisch religiöse neuheidnische Gemeinde in der Stadt zu gründen, stellt die „Vereinigung aller Slawen“ dar. Diese Gemeinde wird vom „Obersten Priester“ Wladimir Bogomil II. (Wladimir Goljakow) geleitet, der behauptet aus einer altslawischen Priesterfamilie zu stammen, in der das Wissen über die alte Religion der Slawen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Die Bewegung hat ihre eigenen heiligen Bücher, die von Wladimir Goljakow geschrieben wurden. Seit 1991 hat Goljakow in St. Petersburg und Umgebung neun Tempel eröffnet, in denen regelmäßig heidnische Riten vollzogen werden. Als Mitglied der Gemeinde wird jeder Slawe betrachtet, der den Ritus der Initiation durchlaufen und die göttliche Macht der Ahnen anerkannt hat, selbst wenn er danach nie wieder im Tempel erscheint.

Strömungen und Gruppen aus der New-Age-Bewegung

In St. Petersburg gibt es mehr als 100 verschiedene Organisationen und Gruppen aus dem Bereich der New-Age-Bewegung. Je nach Methode und Charakter ihrer Tätigkeit kann man sie in folgende Richtungen einteilen: (1) Gruppen, die verschiedene Psychotechniken nutzen; (2) esoterische Gruppen; (3) Gesundheitszentren; (4) soziale Bewegungen. Den größten Anteil (etwa ein Drittel) bilden die Gruppen der „psychologischen“ Richtung, die in traditionellen und nicht traditionellen Bereichen der Psychologie arbeiten. Als ihr Ziel bezeichnen diese Gruppen die „Erweiterung des Bewusstseins und der Fähigkeiten des Menschen“, die „geistige Vervollkommnung“, die „nicht traditionelle Bildung und Erziehung“ usw. Diese Ziele werden von verschiedenen Akademien, Instituten oder Schulen für Psychologie umgesetzt. Ihre Arbeitsmethode besteht in der Regel in Vorlesungen in Verbindung mit verschiedenen psychologischen Trainingsprogrammen.

Das Spektrum der Bewegungen mit esoterischem Charakter ist überaus groß. In der Regel beziehen sich diese Gruppen auf irgendeine geistige Autorität. Der Zugang zu den verschiedenen Ebenen der Information ist in diesen Bewegungen verbunden mit der Erhöhung des geistigen Niveaus der Adepten, des Durchschreitens bestimmter Stufen der Erkenntnis, verschiedener Ebenen der Erleuchtung usw. Unter den einheimischen Gruppen dieser Richtung sind das „Zentrum Kalinauskas“ und das „Gurdschijew-Zentrum“ am stärksten, die jeweils nach den Gründern der Bewegung benannt worden sind.

Die so genannten „Gesundheitszentren“ arbeiten in zwei Bereichen: körperliche Gesundheit (autogenes Training, Akupunktur, Massage etc.) und geistige Gesundheit (Meditation, Hypnose, verschiedene Yoga-Schulen usw.). Die vor allem im sozialen Bereich aktiven Bewegungen sind nicht sehr zahlreich. Zu ihnen zählen verschiedene Frauenverbände und Clubs, ökologische Organisationen und einige Massenmedien, welche die Ideen des New Age propagieren. Die New-Age-Literatur, die heute in großen Auflagen produziert wird, wird in den besten Buchhandlungen der Stadt wie auch an Straßenständen verkauft. Es gibt ein Netz spezialisierter Geschäfte, die ausschließlich Literatur über Theosophie und Okkultismus, über Astrologie und verschiedene Methoden des Wahrsagens, über Anthroposophie und nicht traditionelle Behandlungsmethoden verkaufen. Diese Literatur wird auch von Bibliotheken angeschafft, die sich bemühen „auf der Höhe der Zeit“ zu bleiben. Im Katalogisierungssystem der Bibliotheken wurde bereits eine spezielle Abteilung eingerichtet, die „Außerkonfessionelle Formen der Religion“ genannt wird.

Es ist nicht einfach das ganze Spektrum der in St. Petersburg agierenden neuen religiösen Bewegungen zu beschreiben, denn es ist überaus breit und über viele Bewegungen gibt es kaum verlässliche Informationen. Die religiöse Situation in St. Petersburg verändert sich sehr schnell und erfordert eine gründliche interdisziplinäre und überkonfessionelle Analyse. Dies ist eine der Aufgaben des Orthodoxen Instituts für Missiologie, Ökumene und neue religiöse Bewegungen in St. Petersburg, das dabei auch mit Vertretern anderer kirchlicher und säkularer Institute zusammenarbeitet.

Aus dem Russischen übersetzt von Johannes Oeldemann.


Fußnote:


  1. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind dokumentiert in einem dreibändigen Sammelwerk von Selbstzeugnissen religiöser Gemeinschaften in St. Petersburg: E. Isakowa (Hg.), Religioznye obščiny i organizacii Sankt-Peterburga, Sankt-Peterburg 1998. ↩︎