Zigeuner in Russland. Geschichte und gegenwärtige Probleme

aus OWEP 2/2003  •  von Nikolaj Bessonov

Nikolaj Bessonov ist Mitarbeiter der Internationalen Gesellschaft „Memorial“ und lebt in der Nähe von Moskau.

Im russischen Reich sind Zigeuner erheblich später aufgetaucht als in den Ländern Westeuropas, nämlich erst unter Zar Peter I., zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nichtsdestoweniger hat dieses Volk in der Kultur Russlands eine Spur hinterlassen, die in keinem Verhältnis zu seiner geringen Größe steht.

Es gibt keine genauen statistischen Angaben über die Zigeuner, da sich viele von ihnen bei den Volkszählungen als Russen, Ukrainer, Moldavier usw. bezeichneten. Entsprechend den Daten von 1979 lebten in der UdSSR 250.000 Zigeuner (davon 153.000 in der Russischen Föderation), wobei diese Ziffern wenigstens zu verdoppeln sind. Die Führer der in der jüngeren Zeit entstandenen Zigeunerorganisationen führen andere Daten an. Nach ihren Schätzungen lebten in den Ländern der ehemaligen UdSSR mehr als eine Million Zigeuner, wobei das wohl eine verständliche Übertreibung ist, die politische Ziele hat.

In Europa waren die Zigeuner häufig schweren Verfolgungen ausgesetzt – ganz anders in Russland. Von Anfang an erhielten die neuen Untertanen der russischen Zaren eine wirkliche Gleichberechtigung sowie bestimmte Vorteile, und es gab ihnen gegenüber keine Verfolgungen auf nationaler Grundlage. Dies soll im Folgenden dargestellt werden.

Unter der Herrschaft der Zaren

Der erste offizielle Ukas unter Zarin Elisabeth gestattete den Zigeunern, in der Umgebung von St. Petersburg „zu leben und mit Pferden zu handeln“, unter der Bedingung, dass sie Steuern zahlten. Den Zigeunern war es erlaubt, sich in verschiedene Stände einzutragen, sodass sie bald unter Bauern, Kleinbürgern und Kaufleuten gefunden wurden. Darüber hinaus gelangten dank gemischter Ehen viele Zigeunerinnen in die privilegierten Hofschichten.

Zweifellos lassen sich die Sympathien der Behörden für ihre neuen Untertanen durch deren christliches Bekenntnis erklären. Nirgends im Russischen Reich wurden die Zigeuner zu den sogenannten „Andersstämmigen“ gerechnet. Die ethnische Gruppe „Russka Roma“ umfasst direkte Nachkommen deutscher und polnischer Zigeuner. Nichtsdestoweniger traten sie bald nach ihrer Umsiedlung vom Katholizismus zur Orthodoxie über. Die Regierung des Reichs überließ den Zigeunern teilweise Selbstverwaltung (Einrichtung der „Burmistr“ in Russland und „Zigeuneratamane“ in der Ukraine). Bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht waren Zigeuner zum Dienst in der Armee nicht gezwungen (was Freiwillige übrigens nicht daran hinderte, an einzelnen Kriegszügen teilzunehmen). Das Wichtigste jedoch war, dass die Behörden des Reiches die traditionelle Lebensweise nicht behinderten. Wenn man daran denkt, dass Nichtsesshaftigkeit offiziell verboten war und jeder „Vagabund ohne Pass“ arrestiert werden konnte, dann erscheint die Ausnahme, die für Zigeunerlager gemacht wurde, beispiellos. Dort, wo ein Russe bestraft wurde, konnte sich ein Zigeuner in Sicherheit fühlen.

Die Zaren wollten natürlich die Zigeuner idealerweise als sesshaftes Volk sehen. Mit diesem Ziel wurden immer wieder Experimente durchgeführt, wobei man ihnen kostenlos Land zuwies. In der Fachliteratur wird besonders auf den Misserfolg zweier großer Aktionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts hingewiesen. Dabei verschweigen die Forscher jedoch die zahlreichen bedeutenden Zigeunerlandwirtschaften, die im ganzen Reich auftauchten. Im zeitlichen Vorgriff lässt sich sagen, dass die sowjetische Politik der Schaffung von Zigeunerkolchosen gerade in den Orten Erfolg hatte, wo sich die Zigeuner bereits vor der Revolution traditionell mit Landwirtschaft beschäftigt hatten.

Schon vor dem 18. Jahrhundert war das Musiktalent der Zigeuner in Russland anerkannt. Zigeuner unterhielten nicht nur die russischen Eliten durch Gesang und Tanz, sondern traten auch bei offiziellen staatlichen Anlässen auf. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die Schicht der Chorzigeuner, die vor allem in den großen Städten einen sehr großen Einfluss auf die russische Kultur ausübten. Durch ihre Kreativität haben sie die Schriftsteller Tolstoj und Kuprin, den Komponisten Rachmaninow und viele andere Kunstschaffende begeistert. Hier ist besonders festzuhalten, dass, ausgehend von Puschkins Gedicht „Zigeuner“, ein positives romantisches Bild dieses Volkes entstand. Da sie sich unter einem despotischen Regime befanden, empfanden die russischen Menschen die Freiheit als höchsten Traum, und die „ewigen Wanderer“ erschienen Bauern ebenso wie Adel als Verkörperung von Freiheit. Auch wenn das in anderen Staaten als merkwürdig erscheinen mag – die Russen schämten sich, sofern sie Zigeuner unter ihren Vorfahren hatten, niemals dieser Verwandtschaft.

In kommunistischer Zeit

Eine völlig neue Etappe begann für die Zigeuner des Russischen Reichs nach der Revolution. Bei aller internationalistischen Rhetorik der Bolschewiken verschlechterte sich das Leben der Zigeunerbevölkerung real bedeutend. Schon unter Lenin wurde die Kaufmannsschicht unter den Zigeunern verhältnismäßig unblutig liquidiert. Die Sesshaften verließen ihre Häuser, Fabriken und Betriebsstätten und gingen auf Wanderschaft. Ein weiterer Schlag war das Stalinsche Verbot von privatem Pferdebesitz. Diese Maßnahme beseitigte die wirtschaftliche Grundlage für die Zigeuner, die Pferdehändler waren. Schließlich spürten die Zigeuner schon zu Beginn der dreißiger Jahre den Stalinschen Terror an sich selbst: grundlose Verhaftungen und Deportationen. Die Fassade der kommunistischen Nationalitätenpolitik war die Sorge um die Kultur. Es wurden nationale Schulklassen geschaffen, Literatur in Zigeunersprache gedruckt, Klubs und sogar ein Theater entstanden. Dabei handelte es sich eindeutig um politische, nicht um kulturelle Aufgaben. Mit Hilfe von Klubs und Zeitschriften wurden in das Zigeunermilieu solche Ideen wie die Notwendigkeit des Klassenkampfes eingebracht, die der Nationalpsychologie fremd waren. Eine besondere Verbitterung rief die antireligiöse Propaganda hervor. In die Kolchosen traten die Zigeuner vor allem ein, um Kredite zu erhalten und nach kurzer Zeit in unbekannter Richtung zu verschwinden. Es ist bemerkenswert, dass sogar auf dem Höhepunkt der Kolchosenbewegung nicht mehr als 5 % der Zigeuner von der „Kollektivarbeit“ erfasst wurden.

In den ersten Jahren der Sowjetmacht irrten sich die Kommunisten hinsichtlich des nichtsesshaften Stammes gewaltig, weil sie ihn für ihren natürlichen Verbündeten hielten. Sie sahen, was von außen als „Zigeunerlagerkollektivismus“ erschien, und glaubten, dass ein „armer Vagabund“ die reichen Ausbeuter hasst. Deswegen verbrachten die Kommunisten nicht wenig Bemühungen darauf, die Weltanschauung der Zigeuner in die richtige Richtung zu lenken. Doch bald zeigte sich die Vergeblichkeit dieser Arbeit. Die Zigeuner gingen davon aus, dass die Anwesenheit von reichen Menschen dem Lande wohltuend sei. Die kollektive Arbeit, die auf Enthusiasmus beruhte und keinen materiellen Stimulus mehr hatte, ließ sie ebenfalls gleichgültig. Und obgleich das Volk der Zigeuner bezüglich der Ideologie keine Kämpfer gegen das Regime hervorbrachte, ist es nicht verwunderlich, dass es zu einer der Zielscheiben des repressiven Apparats wurde.

Bevor die konkreten Aktionen des Stalinschen Terrors beschrieben werden, muss besonders unterstrichen werden, dass die Erschießungen und Deportationen nicht auf Grund eines nationalen Prinzips durchgeführt wurden. Die Zigeuner wurden zusammen mit den übrigen Völkern der UdSSR Opfer einer allgemeinstaatlichen Kampagne. So wurden sie während der Kollektivierung an Ort und Stelle erschossen, wenn sie sich weigerten, ihre Pferde an die Kolchose zu geben, und 1937 wurden sie in die Erschießungslisten als „englische Spione“ eingetragen. Wenn man die verschiedenen Kampagnen nach ihren Konsequenzen beurteilt und vergleichen will, dann war die Einführung von Pässen sicherlich der größte Schlag. Sofort nach der Einführung von Inlandspässen 1932 wurde die gesamte Bevölkerung aufgezeichnet. Im Frühjahr und Sommer 1933 wurde eine „Säuberung“ der Städte von „asozialen Elementen“ durchgeführt. Eine zweite Welle von Razzien erfasste das Land 1937. Bei weitem nicht allen Deportierten gelang es, die Verbannung zu überleben. Viele starben an Hunger, Kälte und durch die Zwangsarbeit. Leider ist damit die Liste der Verluste vor dem Krieg noch nicht erschöpft. Hunderte von Zigeunern wurden auf Grund von politischen Paragraphen erschossen, als „Spione“, „Konterrevolutionäre“ und „Saboteure“. Während der Okkupation des Baltikums, der Ukraine, Weißrusslands und eines Teils Russlands durch die Nazis verlor die Zigeunerbevölkerung der UdSSR schließlich ca. 30.000 Menschen.

Wie bereits mehrfach gesagt, hatten die Russen hinsichtlich der Lebensart keine Antipathien gegen Zigeuner. Natürlich gab es kleinere Konflikte, aber sie stellten nicht die Hauptlinie der Beziehungen dar. Sogar heute, nach dem Zerfall der UdSSR und dem Auftauchen von vielen radikalen nationalistischen Gruppen, sind Antizigeunerstimmungen verhältnismäßig schwach entwickelt. Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ beobachtet in den letzten Jahren die nationalistische Literatur, Zeitungen und Flugblätter eingeschlossen, und dabei zeigt es sich, dass Zigeuner als Objekt das Hasses in 6.000 Texten nur zweimal erwähnt werden! Ein solches Resultat wäre in Ungarn oder Rumänien völlig undenkbar, wo auf der „Hass-Skala“ die Zigeuner durchgehend den ersten Platz einnehmen. Nichtsdestoweniger ist es eine Tatsache.

1956 wurde ein Regierungserlass ausgegeben, der das Wanderleben verbot. In der westlichen Literatur ist es üblich, sich genau auf diesen Erlass zu beziehen, um ihn als Höhepunkt der Bestrafungspolitik darzustellen. Jedoch wird bei genauer Betrachtung deutlich, dass die Strafsanktionen im Unterschied zu den Stalinschen Jahren nur sehr selten angewendet wurden. Vielmehr haben die Zigeuner selbst sehr schnell die Vorzüge der sesshaften Lebensform angenommen. Interviews mit der älteren Generation zeigen, dass die früher Nichtsesshaften gegenüber den Behörden so etwas wie Dankbarkeit empfinden. Es handelte sich darum, dass der Erlass eine kostenlose Überlassung von Wohnraum vorsah, von landwirtschaftlichem Grund und einen verpflichtenden Schulbesuch der Kinder. Das Nachkriegsrussland lebte ärmlich. Um so wertvoller sieht unter diesen Gesichtspunkten die Bemühung aus, den Zigeunern zu helfen, sich das Leben einzurichten. Die Tradition des Mitgefühls für das „freie Volk“, die seit Puschkins Zeiten in der russischen Gesellschaft existierte, erlaubte es, den Übergang zur Sesshaftigkeit relativ schmerzlos zu realisieren. Die Politik des Staates wurde auch deswegen von Erfolg gekrönt, weil das nichtsesshafte Leben zu den Zeiten Chruschtschows wirtschaftlich unattraktiv wurde. Das Nachlassen der strengen Ordnung und die wachsende Korruption in der Miliz gestattete es der Zigeunerbevölkerung, einfach auf Handelsverdienste überzugehen. Sich mit der sogenannten „Spekulation“ (das sowjetische Äquivalent für das Wort „Business“) zu beschäftigen war einfacher, wenn man eine eigene Wohnung als Stützpunkt und Umschlagsbasis hatte.

Parallel zu dem Beschriebenen vollzog sich der Prozess, die Zigeuner in gewöhnliche Berufe anzulernen. Während der Sowjetzeit gab es Bauarbeiter, Arbeiter und Angestellte von Zigeunernationalität. Leider erlaubte es die Politik den Massenmedien, solche Erscheinungen wie den Zigeunerarzt, den Zigeunerlehrer oder den Zigeunerdirektor zu verschweigen. In den Augen des durchschnittlichen Bürgers gab es all diese Menschen leider nicht. Für den „einfachen Mann von der Straße“ waren Zigeuner nach wie vor nur die, die wahrsagten oder auf den Straßen bettelten. Auch der größte Teil der Zigeunergemeinde, der auf den Märkten handelte, blieb unbeachtet. Die Tracht der Zigeuner hat keine nationale Besonderheit, deswegen rechneten die Kunden sie unbewusst entweder den „Kaukasiern“ oder den „Orientalen“ zu.

Zweifellos waren die beste Zeit für die Zigeunerbevölkerung Russlands die Regierungsjahre von Breschnew und Gorbatschow. Das ständige Defizit aller möglichen Waren bildete eine günstige Grundlage für Warenvermittlung. Es gab praktisch keine Konkurrenz. Natürlich wurden viele Zigeunerinnen und Zigeuner von Gerichten wegen „Einzelhandel an unangemessenem Ort“ verurteilt. Doch wesentlich häufiger erlaubten es Bestechungsgelder, sich von der Strafverfolgung frei zu kaufen. Resultat dieser unnatürlichen wirtschaftlichen Situation war der unmittelbare Übergang der Zigeuner in die Kategorie der Mittelklasse. Die noch unlängst Nichtsesshaften schafften sich Autos und weiträumige Häuser an. Gerade in den beschriebenen Jahren erreichten Zigeunerhochzeiten und -feiern riesige Ausmaße und kosteten bis zu 70.000 US-Dollar, manchmal sogar mehr (bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen in Russland von etwa 80 US-Dollar).

Nach dem Umbruch

Ziel der Jelzin-Reformen war der Übergang zur Marktwirtschaft. Ein Erfolg der Reformer war dabei die Sättigung des Warenmarktes. Für die Zigeuner bedeutete das Ende des Warenmangels, dass die Gewinnspanne, die früher bis zu 400 % betrug, auf 15-30 % fiel. Auch kamen jetzt andere Leute, selbst Russen, als Konkurrenten auf dem Markt hinzu. Die Lage der Zigeuner wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass sie wenig in die Erweiterung ihres Geschäfts investierten, sondern eher das Geld für Festessen, Immobilien und Luxusartikel ausgaben. Im Ergebnis wurden sie schnell an die Peripherie des Marktes gedrängt. So geriet die Zigeunerbevölkerung unerwartet in die gleiche wirtschaftliche Situation, in der sich auch die Zigeuner des übrigen Europa befinden.

Die Wirtschaftskrise, in der sich die Zigeunerbevölkerung nach 1993 befand, hat einen Schock bewirkt. Viele Familien hatten sie für ein kurzfristiges Phänomen gehalten und sich in Schulden verstrickt. Die Versuche, den früheren hohen Lebensstandard zu halten, verschlimmerten nur die Situation. Ein Teil der Zigeunerbevölkerung wandte sich dem Drogenhandel zu, den er für eine Möglichkeit hielt, den Familienhaushalt im gewohnten Rahmen zu sichern. Obwohl die Mehrheit der Zigeuner mit dem schmutzigen Geschäft nichts zu tun hatte, muss man die Folgen dieses Phänomens als katastrophal bezeichnen. Die Presse und das Fernsehen erklärten das Zigeunervolk für einen der Hauptschuldigen an der Drogensucht. Die Bevölkerung hat diese Version widerspruchslos hingenommen, da sie an vielen Orten Beispiele sieht, die die Zeitungsartikel bestätigen. Die Willkür der Miliz hat erheblich zugenommen. Von überall her kommen Nachrichten darüber, dass bei Durchsuchungen die Milizionäre unschuldigen Menschen Drogen in die Tasche stecken, um Geld für die Niederschlagung des Falls zu erhalten. Der niedrige Grad der Rechtskultur zwingt Zigeuner, sich mit Bestechungsgeldern in der Mehrheit der Fälle freizukaufen, obwohl es besser wäre, die gesetzmäßig zukommenden Rechte mit Hilfe von Anwälten durchzusetzen. Leider sind die Zigeunerinitiativen zu schwach, um ihre Landsleute vor ungesetzmäßigen Abgaben und Hetzjagden in den Massenmedien zu verteidigen. Es genügt zu sagen, dass im Unterschied zur benachbarten Ukraine kein einziger russischer Fernsehsender und kein Druckerzeugnis jemals eine Entschuldigung für rassistische Artikel brachte, obwohl es kaum einen Tag gibt, an dem nicht gewöhnliches Verleumdungsmaterial dieser Art erscheint.

In den letzten Jahren ist auch ein deutliches Ansteigen von Drogenabhängigkeit unter der Zigeunerjugend festzustellen, wobei die Tragödien gerade in jenen Familien begannen, die versucht haben, ihre materielle Lage zu verbessern, und für die benachbarten „Fremdlinge“ Drogen beschafften.

Verständlicherweise beschränken sich die Probleme der gegenwärtigen russischen Zigeuner nicht auf das Aufgezählte. Fast alle ihre traditionellen Arbeitsgebiete sind mit Schwierigkeiten verbunden. Die Zigeunermusiker, die früher in den Jahren des Sozialismus Konzerte gegeben haben, sind ebenfalls in der Krise. Das Verbot von Rockmusik und ähnlichen „ideologisch schädlichen“ Richtungen wurde zwar aufgehoben; gleichzeitig sind aber die Kosten für Reise und Unterbringung erheblich gestiegen, was Gastspiele meistens unrentabel macht. Die großen Zigeunerensembles sind zerfallen, die Mehrheit der Musiker lebt von unregelmäßigen und oft sehr geringen Honoraren in Restaurants. Die Zigeuner, die Tierzucht betreiben, haben große Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der allgemeinen Lage in der Landwirtschaft.

Eines der wichtigsten Probleme muss noch berührt werden. Große Unruhe bei der älteren Bevölkerung ruft die Erosion der traditionellen Werte hervor. Nach dem Zerfall der Clans in einzelne Familien haben die Assimilierungsprozesse schnell zugenommen. Die Kenntnis der Muttersprache wird immer schlechter. Moralische Normen werden vermischt. All das bleibt nicht ohne Folge für die russische Gesellschaft, weil die Gefahr besteht, dass die Zigeuner ihre Kultur eher verlieren als eine fremde annehmen. Einstweilen ist die Gewaltkriminalität bei den russischen Zigeunern zwar noch erheblich niedriger als bei den Vertretern der Titularnation, der Kurs in Richtung Assimilierung kann dieses Verhältnis jedoch möglicherweise bald ändern.

Man kann nicht sagen, dass in Russland nichts für die Erhaltung der Nationalkultur getan würde. In der Hauptstadt wird mit staatlicher Unterstützung ein Festival der Zigeunerkunst durchgeführt. Es gab Versuche zur Herausgabe von Periodika. Zuweilen erscheinen ethnographische Sammelbände, Lexika und Monographien. Leider machen die geringen Auflagen und das Fehlen von Verteilungskanälen all diese Aktivität ziemlich ineffektiv.

Die Zeit arbeitet gegen die Zigeuner. In der Marktwirtschaft sind sie zu einer Verschlechterung des Lebensniveaus verurteilt, weil sie nicht genügend Ausbildung und eine schlechte Arbeitsdisziplin haben. Der verhältnismäßige Wohlstand der russischen Zigeuner kam als Ergebnis einer einmaligen Kombination von Umständen zusammen. Die Zigeuner bedürfen kolossaler Anstrengungen, um einen angemessenen Platz in der Gesellschaft zu finden, wobei es einstweilen noch nicht einmal Andeutungen dafür gibt, ob sie zu radikalen Veränderungen bereit sind.

Aus dem Russischen übersetzt von Thomas Bremer.