Zahl ist nicht gleich Zahl – Angaben zur Romabevölkerung im östlichen Europa

(Nationen-Information)
aus OWEP 2/2003  •  von Joachim Krauß

Es ist sehr schwierig, zuverlässiges statistisches Material über die Roma zusammenzutragen. Joachim Krauß M. A., der sich im Rahmen seiner Magisterarbeit an der Humboldt-Universität in Berlin schwerpunktmäßig mit der Situation der Roma in Rumänien befasst hat, hat einige Kerndaten gebündelt, die im Folgenden vorgestellt werden.

Schätzungen zufolge gibt es gegenwärtig weltweit 12 Millionen Roma. Für Europa wird von einer Gesamtbevölkerung von über 8 Millionen ausgegangen, wobei die überwiegende Mehrheit der europäischen Roma (6 Millionen) in den Ländern Ost- und Südosteuropas lebt.

Diese Angaben, die sich in wissenschaftlichen Studien und in den Veröffentlichungen internationaler Gremien finden, erscheinen eindeutig und unproblematisch. Jedoch sind die Zahlen nur die Summe aus Schätzungen über die Romabevölkerung in den einzelnen Ländern. Darunter sind die Zahlenangaben zum östlichen Europa als besonders unsicher anzusehen. Wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich wird, liegt in zahlreichen Fällen eine große Spannbreite zwischen den Angaben. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. So beruhen die von Wissenschaftlern und/oder Menschenrechtsorganisationen vorgenommenen Schätzungen nicht auf einheitlichen Kriterien. Unter anderem wird die Frage, wer Roma ist, von Betroffenen und Schätzenden unterschiedlich beantwortet, sodass die Schätzungen auf Selbst- oder Fremdzuweisung beruhen. Dieses Merkmal schlägt sich auch in den Ergebnissen offizieller Volkszählungen nieder. Sofern vorhanden, wurden sie in die Tabelle aufgenommen. Allerdings ist davon auszugehen, dass die offiziellen Angaben nur einen Teil der Romabevölkerung erfassen. Die großen Unterschiede zu den geschätzten Daten lassen verschiedene Autoren zum arithmetischen Mittel aus offizieller und geschätzter Zahl greifen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die damit gewonnenen Angaben der Realität näher kommen; als zuverlässig kann dieses Vorgehen allerdings nicht gelten. Ein Lösungsansatz besteht in der Durchführung von Lokalstudien. Diese ergaben beispielsweise im rumänischen Fall, dass die Zahl der Roma um das Zwei- bis Dreifache über den offiziellen Angaben liegt. Dieses Ergebnis lässt sich für Rumänien mit Einschränkungen verallgemeinern, eine Übertragung auf andere Länder ist jedoch unzulässig. Wissenschaft und Politik werden somit auch zukünftig nicht mit exakten Zahlen über die Roma in Osteuropa operieren können. In diesem Sinne kann die folgende Aufstellung nur eine Orientierungshilfe darstellen.

Romabevölkerung in Osteuropa nach Volkszählungen und Schätzungen. Die Erhebungszeiträume der Volkszählungen erstrecken sich über die Jahre 1989 (ehemalige Sowjetunion) bis 2002 (Rumänien).

Quellen: Liégeois, J.-P., Gheorghe, N.: Roma/Gypsies: A European Minority, London 1995; Druker, J.: Present but unaccounted for, in: Transition 4, 1997; Barany, Z.: The East European Gypsies, Cambridge 2002; European Roma Right Center – http://www.errc.org/publications/factsheets/numbers.shtml.

Die zusammengefassten Daten bleiben ohne erläuternde Randbemerkungen reine Zahlenkolonnen. Von Bedeutung ist, dass sich die Roma nicht nur länderübergreifend, sondern auch innerhalb eines Landes stark unterscheiden, d. h. die Zahlen geben eine sprachlich, kulturell, konfessionell, sozial und soziostrukturell überaus heterogene Bevölkerung wieder. Die verschiedenen Eigenbezeichnungen und das damit einhergehende Verständnis von Gruppengrenzen stehen der Verallgemeinerung von Aussagen entgegen.

Zu beachten ist auch, dass die regionale Verteilung in den Ländern unterschiedlich ist. So findet sich in der Slowakei und Ungarn eine Mehrheit der Roma in ökonomisch benachteiligten Regionen im Osten bzw. Nordosten des jeweiligen Landes. In Rumänien und Bulgarien ist hingegen keine regionale Konzentration zu verzeichnen. Die Stadt-Landverteilung der Roma differiert ebenfalls.

Die Randbemerkungen sind um weitere Hinweise zu ergänzen. Für Regierungen kann es von Interesse sein, die Zahl der Roma in den Statistiken zu minimieren, um auf diesem Wege fehlenden Handlungswillen zu verdecken. Die Vertreter von Romaorganisationen hingegen erhöhen ihr politisches Gewicht über einen höheren Bevölkerungsanteil der Roma. Damit wächst gleichzeitig die Sorge westeuropäischer Regierungen um die Roma als Migrationspotenzial.

Diese Anmerkungen sprechen nicht gegen die Erhebung statistischer Daten über Roma. Sie sollen vielmehr die Notwendigkeit verdeutlichen, die dahinter verborgenen Interessen und Ziele zu berücksichtigen.