Religiöses Leben im heutigen Russland – Ideal und Wirklichkeit

Die Autorin ist Historikerin und arbeitet an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität im „Zentrum zur Erforschung der gesellschaftlich-politischen Prozesse im postsowjetischen Raum“.

I.

Die „Rehabilitierung“ der Religion, wie sie in der sowjetischen Gesellschaft in den Jahren der Perestrojka, des Umbaus, vor sich gegangen ist, bot die Möglichkeit einer elementaren Wiedergeburt für viele Konfessionen und einer Popularisierung religiöser Ideen im Massenbewusstsein. Dabei verlief die „nationale Wiedergeburt“ praktisch aller Völker Russlands unter religiöser Flagge und war Grundlage für die Besonderheiten der heutigen Religiosität in Russland und die Ausbildung der heutigen religiösen Vielfalt.

Die Prozesse, die sich in den letzten Jahren im religiösen Leben Russlands vollzogen haben, waren einzigartig und dienen als Basis für ganz unterschiedliche ideologische und politische Konstruktionen; sie sind aber auch Gegenstand anhaltender Diskussionen im kirchennahen und im wissenschaftlichen Milieu. Darum versuche ich, in meinem Beitrag die wichtigsten und meistdiskutierten Probleme zu umreißen, die mit der Erforschung und Auslegung der Prozesse verbunden sind, die im religiösen Leben des heutigen Russland stattgefunden haben und immer noch stattfinden. Seit Beginn der Perestrojka beschäftigten sich die Forscher mit folgenden Fragestellungen:

  • Wird in der heutigen Gesellschaft, die eine gewaltsame Säkularisierung hinter sich hat, Massenreligiosität wiederbelebt werden und, wenn ja, welche Auswirkungen wird die vorangegangene Säkularisierung dann noch haben?
  • Wird es eine Restauration der Orthodoxie als traditioneller russischer Volksreligion (wie auch der traditionellen Religionen anderer Völker) geben?
  • Welche für Russland neuen religiösen Strömungen werden in der postsowjetischen Gesellschaft am erfolgreichsten sein?
  • Wird sich in Russland eine Staatsreligion herausbilden und wie wird die Frage nach der Beachtung des Rechts auf Gewissensfreiheit entschieden?
  • Welche soziale und politische Rolle wird die Religion spielen?

Bis zur zweiten Hälfte der neunziger Jahre war für Russland ein stürmisches Anwachsen konfessioneller Organisationsstrukturen charakteristisch. Auf gesamtstaatlicher Ebene nimmt hier die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) eine führende Rolle ein, obwohl sich die Situation in den russischen Regionen sehr stark unterscheidet (z. B. übertreffen die Protestanten in einigen Regionen nach der Zahl der registrierten Gemeinden die orthodoxe Kirche, in einem nicht geringen Teil der Regionen ist der Islam von großer Bedeutung). S. B. Filatow, der sich viele Jahre mit der Erforschung regionaler Besonderheiten bei der Entwicklung des religiösen Lebens in Russland beschäftigt hat, bemerkt, dass „sich die Religion wohl als stärkster Bewahrer und Verkünder weltanschaulicher Unterschiede und eines regionalen Bewusstseins erwiesen hat“. Religiöse Vielfalt ist zu einem realen Faktor des russischen gesellschaftlichen Lebens geworden.

Zwar ist die Statistik des offiziellen Wachstums der Organisationsstrukturen verschiedener Konfessionen bekannt und wird als Merkmal für eine erfolgreiche Tätigkeit religiöser Organisationen verwendet, doch wie sich dann in der Praxis auf niederer Ebene eine religiöse Infrastruktur bildet, wie eine Auswahl von Konfessionen zustande kommt, wie in den Orten interkonfessionelle und kirchlich-staatliche Beziehungen entstehen – diese Themen warten noch auf ihre Forscher. Bei weitem mehr Aufmerksamkeit erfuhren der Zustand der Gewissensfreiheit in Russland, die Entwicklung der kirchlich-staatlichen Beziehungen und die politische Rolle der ROK in Russland. Für die systematische Erforschung der Besonderheiten der regionalen Entwicklung wurde der Anfang mit dem Projekt der „Enzyklopädie des heutigen religiösen Lebens in Russland“ unter Beteiligung des Keston-Instituts und russischer Soziologen gelegt, in dessen Rahmen zwischen 1994 und 2001 Feldforschungen in 78 Subjekten der Russischen Föderation durchgeführt wurden. In letzter Zeit richtete sich das Interesse der Forscher auf Fragen, wie und auf welchen wertmäßigen Orientierungen und Regeln des kirchlichen Lebens sich in der Praxis eine gemeindliche Infrastruktur entwickelt, welche sozialen Bindungen entstehen, welchen Platz im kirchlichen Leben die Gemeindegeistlichen und die inoffiziellen Leiter einnehmen. 2009 wurde unter Leitung von Prof. Dr. Alexander Agadschanjan von der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) das Forschungsprojekt „Heutige Orthodoxe Gemeinden: 20 Jahre Transformation“ durchgeführt.

II.

In heutigen soziologischen und religiösen Kreisen Russlands streitet man schon lange darüber, auf welche Weise die Gesamtheit der russischen Bevölkerung als „orthodox“ zu identifizieren sei. Die gesamtrussische Umfrage, deren Fragenkatalog von einem russisch-deutschen Forscherteam (Weniamin Simonow1, Jennifer Wasmuth, Thomas Bremer) ausgearbeitet und vom Levada-Zentrum im Februar 2009 durchgeführt wurde, ergab, dass sich in Russland 72,6 Prozent als Orthodoxe bezeichnen. Ähnliche Ziffern – zwischen 65 und 82 Prozent – erhält man mit einer gewissen Variabilität auch aus anderen Befragungen der letzten Jahre.

Als Hauptindikatoren für die Untersuchung von Kirchlichkeit treten bei der Durchführung früherer soziologischer Studien für gewöhnlich drei Gruppen von Faktoren auf: (1.) Grundkenntnisse der Glaubenslehre, Vorstellungen von Gott und der menschlichen Existenz nach dem Tod, (2.) eine Beziehung zu Phänomenen der geistigen Welt, die dem Christentum entgegenstehen: Zauberei, Magie, Reinkarnation usw., (3.) der Grad der Teilnahme am kirchlichen Leben.

Versuche, die Weltanschauung jener Menschen zu untersuchen, die sich selbst als orthodox bezeichnen, endeten in der Regel mit der Feststellung, das religiöse Bewusstsein sei von „religiösem Synkretismus“ und „Eklektizismus“ beherrscht. So glaubten beispielsweise im Jahre 2005 22 Prozent der russischen Bevölkerung an Seelenwanderung, 42 Prozent an Astrologie, 19 Prozent teilten die Vorstellung von einem Gott, „mit dem der Mensch persönliche Beziehungen herstellen kann“. Nach Ansicht von D. Furman hat die Religion den Atheismus in Russland nicht besiegt, sondern Religion und Atheismus sehen sich beide dem Anwachsen weltanschaulicher Unklarheiten und einem ideologischen Eklektizismus gegenüber, der den Glauben an ein „Weiterleben der Seele“, an Astrologie, Ufologie, „energetische Vampire“, Zauberer, Schamanen usw. einschließt und eine unstrukturierte Form ständig sich wandelnder Elemente bildet, die nicht logisch miteinander verbunden sind.

Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern besteht darauf, dass allgemeine Kenntnisse der orthodoxen Lehre kein Merkmal der traditionellen russischen religiösen Kultur seien. Nach Ansicht der Soziologin W. Tschesnokowa ist die Selbstidentifizierung „orthodox“ einer der ersten Schritte bei einer Bewegung zur Kirche hin; der Mensch „durchläuft viele Etappen, Stufen des Aufstiegs seiner Person hin zum christlichen Ideal“. Am Anfang seines Weges zum Christentum sei der Mensch nicht nur durch den Glauben an Astrologie und das Vertrauen zu Zauberern und Hexenmeistern vorbelastet, sondern auch mit seinem ganzen Lebenswandel, den Sitten, Gewohnheiten, Gebräuchen, mit der komplexen Struktur seines Daseins, das ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Gerade W. Tschesnokowa ist es gewesen, die ein Untersuchungssystem zur Dynamik der zahlreichen Stationen jener Menschen auf dem Weg zur Verkirchlichung ausgearbeitet hat, die sich selbst als orthodox bezeichnen und schrittweise in die Sphäre der traditionellen orthodoxen Ansichten und Werte voranschreiten. Die Befürworter dieses Ansatzes verteidigen in der Regel die Behauptung: „Wenn eine Studentin das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis nicht auswendig kennt, aber keine Materialistin ist und in einem schwierigen Augenblick des Lebens weder in eine Moschee noch in eine evangelische Kirche noch in eine Synagoge geht, jedoch ein orthodoxes Gotteshaus aufsucht, dann ist sie orthodox.“

Dementsprechend haben die Befürworter des ersten Ansatzes den letzteren konfessionelle Parteilichkeit und professionelle Voreingenommenheit vorgeworfen, die zweite Gruppe bezeichnet hingegen die ersten als Träger sowjetischer soziologischer Traditionen und beschuldigt sie mangelnder adäquater Kenntnisse über den orthodoxen Glauben der Wissenschaftler selbst. Warum halte ich mich nun mit solchen Einzelheiten einer, wie es scheint, rein akademischen Debatte auf?

Dieser Streit besitzt schon lange politischen Charakter, weil die Zahl der Anhänger der orthodoxen Kirche die Möglichkeit für die Begründung einer Sonderstellung der orthodoxen Kirche in Russland bietet, indem sie Zuwendungen vom Staat bekommt, zu Bildungs- und anderen Bereichen Zugang erhält und, kaum weniger wichtig, zugleich die Tätigkeit anderer Konfessionen eingeschränkt wird. Der Leiter des Pressedienstes des Moskauer Patriarchates, Priester Wladimir Wigiljanskij, bestätigte 2009, dass gerade die Selbstidentifizierung der religiösen Zugehörigkeit der Menschen (seiner Meinung nach 52-55 Prozent der Bevölkerung Russlands) „in den Entscheidungen der Legislative und der Exekutive bestimmend werden sollte“.

III.

Was sind die Merkmale für eine tatsächliche Teilnahme jener Menschen am kirchlichen Leben, die sich selbst als orthodox bezeichnen?2 Betrachten wir zunächst die Häufigkeit des Gottesdienstbesuches (Angaben in Prozent):

einmal wöchentlich oder öfter (3,3), einmal monatlich oder öfter (8,8), mehrmals im Jahr (25,3), ein- bis zweimal im Jahr (18,9), seltener als einmal im Jahr (18,9), niemals (18,5)

Der sonntägliche Kirchgang findet statt:

regelmäßig (2,7), oft (2,6), manchmal (26,9), niemals (61,5)

Es fällt auf, dass 18,5 Prozent der Orthodoxen noch nie einen Gottesdienst besucht haben, ebenso viele besuchen weniger als einmal im Jahr einen Gottesdienst. 61,5 Prozent gehen sonntags nie in die Kirche. Diese Merkmale sind nicht nur für die Orthodoxen charakteristisch; ähnliche Ergebnisse sind für die Vertreter aller christlichen, sich als Kirchen verstehenden Gemeinschaften in der postsowjetischen Ära kennzeichnend. Beispielsweise werden in Lettland von den Menschen, die sich selbst als Lutheraner bezeichnen, regelmäßige Mitgliedsbeiträge eingefordert (das ist ein Kriterium für die Mitgliedschaft in der Kirche), jedoch nur jeder Zehnte zahlt diese auch. Eine ähnliche Situation ist unter der muslimischen Bevölkerung Tatarstans zu beobachten.

Ungeachtet dessen kann man feststellen, dass etwa 30 bis 34 Prozent der Orthodoxen mehrmals jährlich in eine orthodoxe Kirche gehen (und ein- bis zweimal jährlich noch fast 19 Prozent), sodass die orthodoxe Kirche mit diesen Menschen theoretisch einen bestimmten Dialog führen könnte.

Ein zweites wichtiges Merkmal ist die Teilnahme der Menschen am wichtigsten christlichen Sakrament, der Eucharistie.

Frage: Wie oft empfangen Sie die Kommunion? (Angaben in Prozent)

jede Woche (0,6), jeden Monat (0,7), einige Male jährlich (5,3), ein- bis zweimal jährlich (7,2), weniger als einmal jährlich (13,9), niemals (51,5)

Bemerkenswert ist, dass 51 Prozent der orthodox Getauften niemals zur Kommunion gehen, regelmäßig hingegen nur 1,3 Prozent (d. h. mindestens einmal pro Monat). 12,5 Prozent der Gläubigen gehen gelegentlich zur Kommunion.

Die Eingliederung der Menschen in das kirchliche Leben vollzieht sich in der Regel in der Pfarrkirche durch den Pfarrklerus. Doch gerade im Gemeindeleben der orthodoxen Kirchen (oder in seinem Fehlen) lassen sich im letzten Jahrzehnt ernsthafte Probleme beobachten, die sich unter dem Einfluss einer ganzen Reihe kulturhistorischer Faktoren herausgebildet haben.

Am wichtigsten ist der historische Faktor – der Mangel an Erfahrung in der neuen und neuesten Geschichte Russlands und die mangelnde Tradition der Menschen, sich selbst zu organisieren und gesellschaftliche Vereinigungen zu bilden. Das zeigen auch die Umfrageergebnisse: Am Leben der Kirchengemeinden nehmen regelmäßig nur 1 Prozent der Orthodoxen teil, der Prozentsatz derjenigen, die sich von Zeit zu Zeit am kirchlichen Leben beteiligen, beträgt weniger als 7 Prozent. Diese These wird durch die Praxis der in Russland entstandenen orthodoxen Gemeinden bestätigt: Ihrer Struktur nach kann man meist von einem autoritären oder einem oligarchischen Charakter sprechen. Im ersten Fall nimmt der Geistliche eine dominierende Stellung mit entscheidendem Stimmrecht ein; falls er die Gemeinde verlässt, hört diese auf zu funktionieren. Im anderen Fall wird die Gemeinde von einer Gruppe von Personen beherrscht, die dem Geistlichen nahe stehen.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist die gespannte Einstellung der Kirchenleitung zu Laienaktivitäten. Dieses Vermächtnis der sowjetischen Periode, das sich bis in die Zarenzeit zurück verfolgen lässt, hat massive Wurzeln in der Mitte der Geistlichkeit; ihre korporative Abgeschlossenheit und das traditionelle Misstrauen gegenüber der Glasnost, der Offenheit“, neigen dazu, sich zu verstärken. Die „Besucher“ der Gottesdienste werden von den Repräsentanten dieser Kategorie der Geistlichkeit als „babki“3 bezeichnet. Außerdem bewegt ein ganz gewöhnliches Stereotyp die Hierarchen und die Geistlichkeit – sie suchen Unterstützung bei den Repräsentanten der Macht und/oder der Geschäftswelt. Die fehlende Notwendigkeit innerkirchlicher Unterstützung hat auch eine ökonomische Begründung: Während in der Sowjetzeit die Geistlichkeit und die Hierarchie von den Opfergaben der Gemeindeglieder ernährt wurden, sind die Opfergaben der Gläubigen heute (wegen der Verarmung des größten Teils der Bevölkerung) ökonomisch nicht interessant. Ökonomische Schlüsselfaktoren des Lebens in der ROK sind erstens staatliche Privilegien, Dotationen und das vom Staat übergebene Kirchenvermögen, zweitens die Sponsorenhilfe von einzelnen mittleren und großen Geschäftsleuten.

Diese Faktoren treten am deutlichsten in Moskau zutage, wo nach Ansicht zahlreicher Moskauer Priester die Diözesanverwaltung nach 1998 die Gründung aktiver Gemeinden inoffiziell verboten hat. In den russischen Provinzen ist die Situation zumeist anders: Die Diözesanleitung erhebt grundsätzlich keinen Einwand gegen das Gemeindeleben, obwohl es oft schwieriger zu organisieren ist als in Moskau. Dennoch kommt es auch dort zu Konflikten.

Davon, dass gerade das oben beschriebene Problem sich als systemimmanente Untugend erweist, zeugt m. E. das Fehlen von Kriterien für eine Mitgliedschaft in der Kirche und für den Begriff „Kirchengemeinde“. Im Statut der ROK gibt es weder eine Definition der Kirchenmitglieder noch der „Laien“ – es ist nur von „Gemeindemitgliedern“ die Rede. „Gemeindemitglied“ ist ein historischer Begriff aus der Zeit, als das Gotteshaus, das der orthodoxe Gläubige besuchen sollte, auf Grund der territorialen Aufteilung der kirchlichen Pfarreien ermittelt wurde. Für die großen Städte im heutigen Russland ist das ein völliger Anachronismus.

Wer aber sind die Gemeindemitglieder, welchen Platz nehmen sie im Statut der ROK aus dem Jahr 2000 ein? „Jedes Gemeindemitglied hat die Pflicht, am Gottesdienst teilzunehmen, regelmäßig zu beichten und die Kommunion zu empfangen, die Regeln und kirchlichen Vorschriften zu befolgen, die Dinge des Glaubens zu erfüllen, nach religiös-moralischer Vervollkommnung zu streben und die Wohlfahrt der Pfarrei zu fördern.“ Dies ist die einzige Stelle in der Satzung, die den Platz der Laien im kirchlichen Leben regelt. So konnten nur die Nachfolger der Synodalperiode schreiben, als die Abwesenheit bei der Beichte und bei der Kommunion noch mit einer Geldstrafe geahndet wurde. Wie konnte das unschätzbare Geschenk aus der Quelle der Unsterblichkeit, dessen niemand würdig ist, in die Kategorie einer Verpflichtung übertragen werden?

Als Ergebnis dieses Ansatzes bleibt es den Gemeindegeistlichen nur zu bestimmen, wie häufig Laien die Kommunion empfangen sollen (was einige von ihnen bereits taten) und jene fortzuschicken, die die aufgestellten Normen nicht erfüllen. Das verkehrt die „liturgische Wiedergeburt“ in Russland oftmals in ihr Gegenteil. Die Ergebnisse verschiedener soziologischer Umfragen zeigen, dass in Russland die Zahl derjenigen, die die Kommunion empfangen, stagniert. Wie es scheint, muss man die Ursachen dafür in erster Linie innerhalb der Kirche suchen.

Auf tragische Weise geht der Versuch einer eucharistischen Wiedergeburt an der Kirchenorganisation in Russland vorbei. Die „liturgische Wiedergeburt“ oder vielmehr ein wiedergewonnenes Liturgieverständnis entwickelte sich in der russischen Emigration, in den Lagern der Russischen Christlichen Studentenbewegung, in den Werken des in New York lehrenden Priesters Alexander Schmeman und in der liturgischen Praxis des Metropoliten von Surosh (Großbritannien), Antonij (Bloom); es ging weit über den Kreis der russischen Emigration hinaus und hat der Orthodoxie viele Menschen anderer Konfessionen zugeführt.

IV.

Die vorgestellten Zahlen zeugen von einer äußerst unbedeutenden Menge von Menschen, die zur Kommunion gehen. Hier liegt es nicht nur am Unwillen oder an den Schwierigkeiten, die die Vorbereitung auf die Kommunion für normale Menschen mit sich bringt. In Russland wird eine häufige Kommunion (d. h. während jeder Liturgie) nur in einzelnen Moskauer und St. Petersburger Kirchen praktiziert; die absolute Mehrheit der Priester betrachtet dagegen die Idee einer häufigen Kommunion nur als „Neuerertum“ und lehnt sie kategorisch ab, um „die Gefahr der Gewöhnung“ auszuschließen.

Der Kampf gegen die Religion in der Sowjetunion, der sich in der Einführung einer atheistischen, marxistisch-leninistischen Ideologie äußerte, offenbarte sich insgesamt als Misserfolg. Die Sowjetmacht kam aber in einer anderen Sphäre voran: Die Menschen begannen die Religion vorwiegend als eine spezifische Form der Ideologie oder Kultur wahrzunehmen, nicht aber als lebendigen, persönlichen Bund mit Gott; die während der Sowjetzeit gewaltsam eingeführte Säkularisierung hat auch in der postsowjetischen Gesellschaft noch nicht aufgehört, und die „Wiedergeburt der Religion“, die als „Restauration“ deklariert wird, d. h. als eine Rückkehr zu alten, traditionellen Formen, entwickelte sich in der Praxis zu einem Konstruieren neuer religiöser Bewusstseinsformen, die im Einklang mit den Erfordernissen der postsowjetischen Gesellschaft stehen. Nicht zufällig bemerkten Analytiker, die sich den öffentlichen Auftritten der Kirchenfunktionäre zuwandten, ein Übergewicht der Gedanken über den Wert der Nationalkultur, über den Patriotismus, über die Einheit der Nation; da rückte dann die Predigt vom „gekreuzigten Christus“ in den Hintergrund oder ging sogar völlig verloren.

Ist die Kirche, die kirchliche Gemeinschaft, in der Lage, die Frohe Botschaft zu den Menschen zu tragen, oder will sie damit fortfahren, über kulturelle und nationale Traditionen und Gebräuche zu sprechen? Will sie sich der schwierigen Angelegenheit der Christianisierung annehmen? Im sozialen Leben des heutigen Russland gibt es viele ernsthaftere Probleme: ein katastrophaler Bevölkerungsrückgang, verbunden mit einer hohen Sterblichkeit der Männer, das Massenphänomen des Alkoholismus, eine äußerst hohe Scheidungsrate, soziale Verwaisung, wachsender Drogenmissbrauch bei der Jugend, eine heftige soziale Spaltung in der Gesellschaft, die bereits zur Verarmung eines wesentlichen Teils der russischen Bevölkerung geführt hat. Ist die Kirche, die in der russischen Gesellschaft das höchste Maß an Vertrauen genießt, in der Lage, die Christianisierung des Individuums und somit im Endeffekt der Gesellschaft zu bewirken? Kann sie die heutigen sozialen Probleme mitentscheiden, während diese Fragen ungelöst bleiben?

Aus dem Russischen übersetzt von Friedemann Kluge.


Fußnoten:


  1. Vgl. auch das anschließende Interview in vorliegendem Heft. – Wichtig für eine Einordnung der Gesamtthematik sind außerdem die Beiträge des Heftes „Glaubenssache. Kirche und Politik im Osten Europas“ der Zeitschrift „osteuropa“ (59 [2009], H. 6). 

  2. Zugrunde liegen die Daten der Befragung, die im Februar 2009 vom Levada-Zentrum durchgeführt wurde; vgl. auch http://egora.uni-muenster.de/fb2/oekumene/Repraesentativbefragung.pdf (letzter Zugriff: 08.02.2010; Link mittlerweile inaktiv). 

  3. Mit „Babka“ (Plural „babki“, von „Babuschka“, Großmutter) bezeichnet man den Teil der gläubigen Frauen älterer Jahrgänge, die sogar in der Periode der Kirchenverfolgung ihren Glauben bewahrten, den „Glauben der Väter“. Dabei repräsentieren die „babki“ die niedrigste soziale Klasse: meistens mit nur drei Klassen Schulbildung oder bestenfalls mit mittlerer Bildung, bei niedrigem Einkommensniveau (Rente und im Falle ländlicher Bewohner die Landwirtschaft). Dessen ungeachtet gehen sie zu allen Gottesdiensten und halten alle Riten und Vorschriften ein. Dabei hat dieser ganze religiöse Gehorsam eher mit dem „Glauben der Väter und Großväter“ zu tun, also mit der traditionellen Volksreligion. Die von den „babki“ so verehrte Überlieferung ist eine Kompilation aus Orthodoxie und Volksglauben, in der der letztere zumeist überwiegt. Das Wort „babka“ wird auch in russischen Volkssprichwörtern und Redensarten verwendet; „babka“ ist dann eine Hexe, eine Zauberin oder eine Quacksalberin. „Geh nicht zur babka – es ist auch so alles klar“ bedeutet, dass man auch ohne besonderen Rat auskommen kann.