Gespräch mit Friedrich Schorlemmer

aus OWEP 2/2009  •  von Michael Albus

Friedrich Schorlemmer (geb. 1944) studierte 1962-1967 Theologie in Halle. 1967-1971 war er Studieninspektor in den Franckeschen Stiftungen und Vikar in Halle-West/Neustadt, 1971-1978 Jugend- und Studentenpfarrer in Merseburg. Zwischen 1978 und 1992 wirkte er als Prediger an der Schlosskirche in Wittenberg und als Dozent am Evangelischen Predigerseminar. 1992-2007 war er Studienleiter an der Evangelischen Akademie Wittenberg. Er zählte zu den Mitbegründern des „Demokratischen Aufbruchs“ in Dresden (21.08.1989). In seinen zahlreichen Veröffentlichungen beschäftigt er sich u. a. mit Grundfragen des Protestantismus, Menschenrechtsfragen und der Geschichte der DDR. – Gesprächspartner war Prof. Dr. Michael Albus.

Herr Schorlemmer, wie haben Sie die Wende vor 20 Jahren persönlich erlebt und welche Gefühle beherrschten Sie damals?

Das war ein längerer Prozess. Vor allem war da die tiefe Resignation im Sommer 1989, als so viele Leute weggingen, statt dazubleiben und das Land zu verändern, weil die Parteiführung sich nicht bewegte und man den Eindruck hatte, sie wollte hier wiederholen, was auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking geschehen war.1 Das war eine ganz tiefe Depression.

Aus dieser Depression sind wir dann erwacht, haben Mut gefasst, wollten aufs Ganze gehen und entschieden uns trotz der Gefahr der Verhaftung für die Oppositionsgruppen. Wir sagten uns, dass es so nicht weitergehen konnte. Meine Tochter wollte auch weggehen. Sie sagte: „Ich komm‘ bald wieder, Papi, aber ich will hier ‘mal raus.“ Ich wusste, wenn sie geht, dann kommt sie nie wieder. Es war dann ein richtig erlösendes Gefühl, als es am 9. Oktober in Leipzig gut ausging. Da wusste man, dass jetzt nichts mehr passieren würde. Obwohl es immer noch hätte passieren können, wenn irgendwo einer die Nerven verloren hätte, wenn irgendeiner einen Stasi-Mann zusammengeschlagen oder niedergeschossen hätte, ob in Suhl, Rostock oder Wittenberg. Ein einziger Toter im Herbst 1989 hätte die Weltgeschichte anders verlaufen lassen.

Sie sagten eben, es war ein Prozess. Wie war Ihr Leben vorher?

Einerseits war ich 28 Jahre lang eingemauert. Aber ich habe seit meinem 17. Lebensjahr gelernt, dass ich mir von denen, die selber unfrei sind und deshalb die Freiheit anderer nicht zulassen können, die Freiheit nicht nehmen lasse so zu leben, wie ich es für richtig halte. Diesen Freiraum habe ich mir erkämpft und auch mit anderen zusammen gestaltet, ob nun als Student in der Studentengemeinde in Halle, ob als Studentenpfarrer in Merseburg und dann hier in Wittenberg, als ich Dozent war. Ich bildete eine Gemeindegruppe, in der wir uns mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt haben – nicht eine reine Friedensgruppe, sondern eine Gruppe, die sich mit ökologischen Fragen auseinandergesetzt hat, mit Ost-West-Fragen auch im Verhältnis zu den osteuropäischen Ländern, wir haben auch sehr viele Gottesdienste gestaltet. Wir waren also eine Gemeindegruppe, die versucht hat, Christsein in dieser Umwelt zu leben, übrigens auch in ständiger Verbindung mit Menschen, die aus dem Westen hierher kamen. Die Freiheit kann man nie kriegen, sondern man muss sie sich immer nehmen. Ich möchte auch nochmals sagen, dass ich in diesem unfreien System kein unfreier Mensch gewesen bin. Und unsere Kinder – gerade meine Tochter – haben sich auch die Freiheit genommen.

Sie haben in einem System gelebt, in dem das, was Sie mit Ihrem Leben bezeugten, nicht vorgesehen war.

Nein, von vornherein nicht vorgesehen. – Der Kampf gegen die Kirche verlief in mehreren Phasen und war insgesamt sehr erfolgreich. Aber man darf auch hierbei nicht übertreiben. Die Kirchen waren schon während der Nazi-Herrschaft zerstört worden. Sie hatten schon bei der Masse des Volkes verloren, dadurch, dass sie sich am Ersten Weltkrieg beteiligt hatten. Man muss das in einer Linie sehen und nicht allein die 40 Jahre DDR. Aber natürlich war dieser Staat ein atheistischer, kirchenfeindlicher Weltanschauungsstaat, der die Kirche nur insofern tolerierte, als in ihr Leute waren, die Nächstenliebe praktizierten, die auch mithalfen, die Friedenspolitik des Staates zu unterstützen. Der Staat wünschte sich die Kirche wie die Ost-CDU, die auf der Schleimspur rutschte. Bis auf Thüringen haben dies die Kirchen nicht mitgemacht. Die CDU hat ihre Aufgabe auch verfehlt, die Kirchen auf Staatslinie zu bringen, die waren unabhängig. Der Staat hat sie erst mit dem berühmten Gespräch vom 6. März 1978 anerkannt, als Erich Honecker die Kirchenvertreter einlud. Dies ist bis heute ein sehr umstrittenes Datum. Ich fand das damals sehr wichtig, weil es viele Möglichkeiten eröffnet hat und viele Christen, die ihren Kopf hingehalten haben und nicht in der Kirche, sondern in staatlichen Institutionen gearbeitet haben, damit auch anerkannt wurden. Nach dem Motto: Wenn Honecker sich mit den Bischöfen trifft, können sie keine Staatsfeinde sein.

Welche Rolle hat in dieser Zeit Ihr persönlicher Glaube gespielt? Wie sah er aus? Ich stelle mir vor, dass man so eine Situation wirklich nur aus der Kraft des Glaubens bestehen kann.

Drei Gesichtspunkte will ich dazu sagen.

Erstens: Ich habe als Fünfzehnjähriger angefangen, „Widerstand und Ergebung“, die Aufzeichnungen Dietrich Bonhoeffers aus dem Gefängnis in der Endzeit der Naziherrschaft zu lesen. Das hat mich ungeheuer geprägt.

Zweitens: Ich habe in jener Zeit die Zeugnisse von Menschen gelesen, die im Krieg gelebt, darunter übrigens auch Wolfgang Borchert, und im Krieg gesehen haben, was dieser Krieg für ein Schrecken ist und von solchen, die selber nicht zu den Tätern gehörten, sondern zu den Opfern. Auch das, was ich gelesen hatte in Briefen aus jener Zeit und auch zum Beispiel im Tagebuch von Helmut Gollwitzer „Und führen wohin Du nicht willst“, – ein Motto übrigens des großen Propheten Jeremia – das mir mein Vater schon sehr früh gegeben hat, hat mich entscheidend geprägt. Da habe ich entdeckt, was Zivilcourage ist und was es bedeutet, auch oft sehr allein und gegen eine Mehrheit zu sein. Als ich 1972 Pfarrer wurde, habe ich erst in Auszügen und dann im Ganzen die Übersetzung des Matthäusevangeliums von Walter Jens gelesen – und dort die Aussendungsrede Jesu. Das war sehr stärkend für mich und auch für die Studenten. Später erfuhr ich, dass Jens bei seiner Übersetzung an die junge Gemeinde in der DDR gedacht hat. Und ich war gewissermaßen eines der Mitglieder dieser jungen Gemeinde. Und in dieser Übersetzung steht dann eben:

Ihr seid Schafe, und ich schicke euch unter die Wölfe. Da müsst ihr klug sein, klug wie die Schlangen, und ohne Schuld wie die Tauben. Habt keine Furcht! Fragt nicht: Was soll ich sagen? Wie muss ich sprechen? Euch wird gegeben, wenn die Stunde kommt, wie ihr zu sprechen habt. Dann seid nicht ihr es, die reden: Es redet, Anhauch und Stimme, in euch der Geist eures Vaters. Der spricht.“

Es war und ist so unglaublich, was da steht:

Nein, fürchtet sie nicht! Entdeckt werden wird: das Versteck. Erkannt werden wird: das Geheimnis. Was ich in der Dunkelheit sage, zu euch, sagt es am hellen Tag, und schreit, was euch ins Ohr geflüstert wird, herab von den Dächern.“

Und dann dieser Glaube:

Es stürzt kein Spatz auf die Erde herab, wenn euer Vater nicht will. … Was soll euch geschehen, da selbst die Haare gezählt sind, auf eurem Haupt? Nein, fürchtet euch nicht.“

Der dritte Gesichtspunkt, bei dem der Glaube eine Rolle spielte, das war die Erfahrung von Geschwisterlichkeit in der Gemeinde. Freunde zu haben, Freunde zu gewinnen. Ich habe das Glück gehabt, in meiner Kirche Geschwister zu haben, zu denen ich aufblicken konnte und die gleichzeitig etwas hatten, was ganz entscheidend ist: Sie hatten persönliche Substanz und brauchten deshalb keine Amtshoheitsbezeugungen oder Ähnliches. Ich bin in einer partnerschaftlichen Kirche groß geworden, in der die Partnerschaftlichkeit und die Geschwisterlichkeit in den Gemeindegruppen und auch seitens meiner Kirche an erster Stelle standen. Heute kann ich nur noch schlecht von „meiner“ Kirche sprechen, wenn mein jetziger Bischof sagt, die Kirche sei „gut aufgestellt“ – es steht so wörtlich in der Zeitung heute – dann frage ich mich: ‚Axel, was redest Du für einen Quatsch?‘ Es ist nicht zu fassen, so ein liebenswürdiger Bischof wie mein Freund Axel Noack sagt: „Die Kirche ist gut aufgestellt.“

Ich mache jetzt einen Sprung in die Zeit nach der Wende und frage: Hat die Wende zu wirklichen kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geführt?

Keiner kann heute mehr sagen, er gehe nicht zur Kirche, weil er dadurch Nachteile haben könnte. Das heißt: Es wurde alles viel ehrlicher und unverblümter. Wir sind vom Kommunismus direkt in den Konsumismus gestürzt, weil der Kommunismus seine konsumistischen Versprechungen nicht erfüllen konnte.

Die Bewährungsprobe hat die Demokratie immer noch vor sich. Obwohl vieles schon ganz tief verankert ist, ist sie noch gefährdet. Wir müssen wirklich alles dafür tun, dass der freiheitliche Rechtsstaat gleichzeitig als Sozialstaat für die Menschen erfahrbar bleibt. Eins ist aber nach zwanzig Jahren doch bedrohlich geworden, denke ich. Der Kommunismus ist zwar zusammengebrochen, aber der globalisierte Weltkapitalismus befindet sich jetzt auf der schiefen Ebene. Wir wissen noch nicht, wann der untere Punkt erreicht ist. Das führt häufig dazu, dass Menschen hier sagen: „Das kapitalistische System löst die Probleme nicht.“ Die Demokraten stehen miteinander vor einer ganz großen Herausforderung. Insofern sage ich: Ich kann, wenn ich will, den Steinmeier für einen Idioten halten und dies öffentlich sagen und es passiert mir nichts. Aber ich kann mit voller Überzeugung auch sagen: „Mensch, in so einer Situation haben wir mit dem Steinmeier den richtigen Mann“. Und auch wie die Kanzlerin mit dieser Krise gegenwärtig umgeht, also nichts übertreiben, aber auch nichts beschwichtigen, das ist beides zusammen. Ich fühle mich heute auch häufig von der Regierung meines Landes repräsentiert. Das konnte ich früher nicht sagen.

Vor Jahren hat der damalige Wiener Erzbischof Kardinal König in einem Interview gesagt, der staatlich verordnete Materialismus des Ostens sei eine ebenso große Gefahr für die Kirche wie der praktizierte Materialismus des Westens.

Da hat er völlig recht.

Im Grunde genommen hat ja hier in der ehemaligen DDR in den letzten 20 Jahren die Angleichung an den Kapitalismus des Westens stattgefunden. Glauben Sie, dass die Kirchen – zugespitzt gefragt – deswegen in einer Krise sind, wie man sie gegenwärtig sehen und erleben kann, weil sie anfällig gegen den Kapitalismus sind?

Ja, sie sind anfällig und sie stecken mitten drin. Ich spreche jetzt von der evangelischen Kirche. Von der katholischen Kirche weiß ich nicht genügend. Wenn die evangelische Kirche eine Unternehmerdenkschrift herausgibt wie jetzt und da nicht ein, dann wird man schon nachdenklich. Man muss sich fragen, welches Ausleben von Gier ein System ermöglicht. Das System ist von innen her krank, so wie der Kommunismus von innen her krank war, bevor er zusammenbrach. Der Westen könnte an der Selbsttäuschung zerfallen, Liberalisierung in der Welt sei gleichzeitig Freiheit und dies sei gleichzeitig Demokratie und dies sei gleichzeitig Wohlstand. Man muss nicht nur die Wahrheit über die Kommunisten, über das untergegangene System sagen, sondern man muss auch die Wahrheit über das jetzige sagen.

Die Kirchen haben dabei – da sie nicht gewählt werden müssen – nichts zu verlieren, haben keine Niederlage zu befürchten, wenn sie laut und deutlich sagen, dass wir die Schwestern und Brüder unseres Herrn Jesus Christus sind, der in einem der wunderbarsten Gleichnisse gesagt hat: „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan und was ihr ihm nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Diesen Satz einmal angewendet auf die globalisierte Welt, in der die Ungerechtigkeit Struktur wird, bedeutet: Je ärmer die einen werden, desto reicher werden die anderen.

Oder, dass wir einen Agrarmarkt haben, der gegen die Schöpfung gerichtet ist. Die subventionierten Güter werden in die so genannte Dritte Welt exportiert und machen dort die Landwirtschaft kaputt. Ich meine also: Die Kirche muss in der globalisierten Welt auch global denken. Wir sagen ja nicht „Vater unser in Deutschland …“, sondern „Vater unser im Himmel…“ Wir müssen geistig mithalten mit der Globalisierung, die in der Ökonomie passiert, so, dass die ganze Welt ökonomisiert wird.

Mit anderen Worten: Dann ist das jetzige System, in dem Sie und die Menschen jetzt leben, auch nicht das, was man sich in den Zeiten der Unterdrückung erträumt hatte?

Nein. Aber man hat sich auch ein bisschen zu viele Illusionen gemacht. Viele Leute sind in dem Maße enttäuscht, in dem sie sich Illusionen gemacht haben. Sie haben nicht geglaubt, wenn Konkurrenz kommt, heißt das auch Verdrängung, und wer da verliert, der fällt auch durch den Rost. Und wenn dann das Geld nicht reicht, werden die auch noch vergessen. Wer so am Rande ist, wie ein 52-Jähriger Hartz IV-Empfänger, der mit seinem Beruf keine Chance mehr hat, der wird vielleicht noch so alimentiert, dass er gerade noch einigermaßen leben kann, aber er ist eigentlich menschlich erledigt. Wir im Osten kommen aus einer Beschäftigungsgesellschaft, in der der Staat sich darum kümmerte, dass alle Arbeit hatten und wo nicht nur jeder die Pflicht zur Arbeit hatte, sondern auch das Recht dazu. Das war sicher nicht effizient. Aber jetzt wird nur noch gefragt, ob eine Arbeit effizient ist. Wenn nicht – wie sagt die Sprache heute? –, wird er freigesetzt. Im Klartext: Er wird einfach rausgeschmissen. Wie wir den Verwerfungen der nächsten Jahrzehnte begegnen, ist eine drängende Frage, die die Politiker, Ökonomen, Gesellschaftswissenschaftler, Philosophen, Zukunfts- und Trendforscher, Statistiker und alle zusammen beantworten müssen. Aber in diesem Konzert müssen wir als Kirche auch mitspielen. Und zwar dann ein Crescendo einlegen, wenn alles säuselt und alle so tun, als wenn alles in bester Ordnung wäre. Das System ist nicht in Ordnung. Es ist dringend eine Weltreform nötig. Hoch interessant ist, dass der Bundespräsident, Herr Köhler, der ja immerhin mal Chef des Internationalen Währungsfonds war, jetzt plötzlich in einem Interview auch etwas über die Reform der Strukturen sagt. Warum hat er das nicht gemacht, als er dort tätig war? Das darf man doch mal fragen! Konnte er das dort nicht sehen?

Ich habe schon vor zwölf Jahren über solche und andere Dinge ein Buch, eine Art Pamphlet geschrieben. Es trug den Titel „Eisige Zeiten“. Darin habe ich gesagt, dass der Kapitalismus ein System ist, das jedenfalls mit dem Christentum nicht kompatibel ist. Denn wenn der Mensch dem Menschen vom Prinzip her nur noch ein Konkurrent wird, dann ist da etwas schief gelaufen. Das Lebensprinzip „Konkurrenz“ ist nicht christlich. Das muss man sagen können.

Papst Johannes Paul II. war in vielen Dingen ein ganz ausgewiesener und entschiedener Antikommunist. Aber im Blick auf die soziale Herausforderung war er hellwach.

Ich begegne immer mehr jungen Leuten bei uns – auch an der Universität – die sich mit keinem einzigen Gedanken an die Zeit der „Wende“ erinnern können. Sie wissen einfach nichts mehr davon. Es ist, als ob diese Zeit in die Tiefe des Meeres, im Strom des Vergessens versunken wäre. Sie werden auch von den Älteren wenig informiert. Was sagt jemand wie Sie, der die Zeit mit erlebt hat, ja auch mit erlitten hat, einem jungen Menschen von heute, auf was es nach Ihrer Erfahrung im Leben ankommt?

Erstens: Dass jeder einzelne Mensch sich als ein unverwechselbares Individuum erfährt, dies auch entfalten muss, die Vernunft und das Unterscheidungsvermögen als eine Gabe Gottes genauso preist wie alle seine Sinne, mit denen er das Leben genießen und erfahren kann – und als solches Individuum wachsam ist und darauf schaut: Wer will mich warum wie umformen? Wer will was warum von mir? Und was wird dann aus mir, wenn ich mich dem anpasse?

Das Wichtigste ist, dass wir – jeder Einzelne von uns – einen inneren Kompass haben. Und als evangelischer Christ sage ich: einen Kompass, der an den Schriften der Heiligen Schrift jeweils neu justiert werden kann und justiert wird. Das Zweite, was ich sagen will: Wir sind in eine wunderbare Schöpfung gesetzt. Wir sind jetzt aber an einer Schnittstelle angelangt, an der wir besondere Verantwortung tragen, wo es vielleicht noch gelingen kann, dass diese Welt als Garten erhalten bleibt, wo, zum Beispiel, die Wasserkreisläufe funktionieren. Wenn die Wasserkreisläufe nicht mehr funktionieren, wie die neuesten Klimamodelle für die nächsten 50 Jahre befürchten lassen, dann wird mir himmelangst.

Unsere Verantwortung für die Schöpfung ist jetzt genauso wichtig, wie der Kampf um die Einhaltung der universellen Menschenrechte, die vor 60 Jahren nach der Barbarei entstanden sind. Ich bitte: „Liebe nachfolgende Generationen, seht euch dieses wunderbare Manifest der Humanität an und sagt, das muss erhalten werden! Aber es wird nur halten, wenn ihr dafür kämpft, dass auch diejenigen diese Menschenrechte bekommen, denen sie heute vorenthalten werden. Dazu gehören die grundlegenden Freiheiten, also Presse-, Meinungs-, Versammlungs-, Gewissens- und Glaubensfreiheit ebenso wie das Recht auf Brot und auf sauberes Wasser. In Zukunft werden wir eine ungeheure Verantwortung dafür haben, dass uns ein Baum im Zweifelsfalle wichtiger wird als eine Straße, die irgendwo hinführen soll. Oder dass kein Tal zerstört wird – wie beispielsweise das wunderbare Elbtal bei Dresden – für eine Riesenbrücke, die alles kaputt macht.

Ihr jungen Leute, ich bitte euch: Nehmt den Reichtum, den es gibt, wahr! Aber indem ihr ihn wahrnehmt, passt gleichzeitig auf, dass der Reichtum, an dem wir teilhaben, beim Genuss des Reichtums nicht die Welt kaputt macht. Wir sind an einem Kulminationspunkt angelangt, der euren ganzen Einsatz verlangt.“


Fußnote:


  1. Anspielung auf die gewaltsame Niederschlagung der von Studenten angeführten Demokratiebewegung in der Volksrepublik China auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ (Tian’anmen) in Peking durch das Militär im Juni 1989 (Anm. d. Redaktion). ↩︎