Polen im internationalen Kontext

aus OWEP 1/2011  •  von Janusz A. Majcherek

Zusammenfassung

Polen ist ein Land mit vielen Nachbarn, mit denen es eine spannungsreiche Geschichte verbindet. Die Einstellung zu diesen Ländern hat sich gerade in den letzten Jahren verändert, worüber der Beitrag anhand von statistischem Material informiert.

Janusz A. Majcherek ist Professor am Institut für Philosophie und Soziologie der Krakauer Pädagogischen Universität. Seit 1989 schreibt er für die polnische Presse Kommentare und Analysen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Wenn man viele nicht unbedingt wohlmeinende und friedliebende Nachbarn hat, darunter einige weitaus stärkere, gleichzeitig aber relativ wenige natürliche Grenzen, die einen von ihnen trennen und das eigene Territorium markieren, so gibt es guten Grund, diesen Nachbarn gegenüber misstrauisch zu sein. Diese Ängste sind umso berechtigter, wenn sie sich schon einmal bewahrheitet haben. Im Fall der Polen und ihres Staats trat genau das ein. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die drei Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich verbündet und beschlossen, Polen zu beseitigen, um alle seine Ressourcen, vor allem die territorialen, untereinander aufzuteilen. Die so genannten Teilungen, die ihr Vaterland für weit mehr als ein Jahrhundert von der Landkarte Europas tilgten, sind bis heute ein schmerzlicher Stachel im historischen Bewusstsein der Polen und geben immer noch Anlass für Ängste vor den benachbarten Staaten, zumal es 1939 einen Rückfall gab, als aufgrund des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt Polen vom Dritten Reich und von der Sowjetunion erneut geteilt und ausgeplündert wurde.

Die geographische Lage Polens als historische Belastung

Die Lage zwischen Deutschland und Russland, also zwei mächtigeren und in der Vergangenheit oft gemeinsam gegen Polen handelnden Nachbarn, ist für die Polen ein steter Gegenstand geopolitischer Erörterungen ihrer Situation. Das Schicksal hat es so gewollt, dass gerade diese beiden bedeutendsten Nachbarn Polens und einstigen Teilungsmächte durch keinerlei natürliche Barrieren von Polen abgegrenzt sind. Die ausgedehnten Ebenen, in denen das Land liegt, bilden ein hervorragendes Aufmarschgebiet. Armeen der unterschiedlichsten Länder haben sich in den letzten Jahrhunderten oft durch diese Gebiete bewegt, ungezählte Schlachten geschlagen und Gewalttaten verübt, wie sie dabei an der Tagesordnung sind. Die ihnen folgenden Besatzungen führten ebenfalls oft zu Zerstörungen an der polnischen Kultur, gelegentlich gar zu organisierten und methodischen Versuchen, sie zu vernichten. Kaum jemand außerhalb Polens weiß noch, dass die Vorfahren der heute so friedlich und pazifistisch eingestellten Schweden im 17. Jahrhundert in Polen einfielen (was die Polen die „schwedische Sintflut“ nannten). Die von den Schweden verübten Plünderungen und Verwüstungen sollten erst von den Exzessen der Nationalsozialisten in den Schatten gestellt werden.

Es ist nicht verwunderlich, dass die mit derartigen historischen Erfahrungen und Erinnerungen behafteten Polen ihren Nachbarn gegenüber ängstlich und misstrauisch sind (auch wenn diese Erinnerungen von patriotischen, oft fremdenfeindlich eingestellten Politikern gelegentlich allzu bemüht am Leben erhalten werden). Angesichts dessen ist es auch nicht überraschend, dass sie gegenüber weiter von ihnen weg gelegenen Nationen und Staaten viel größere Sympathie an den Tag legen. Aufgrund der großen Entfernung war die Wahrscheinlichkeit von Konflikten gering Außerdem spielten historische Gründe eine Rolle, etwa im Fall der USA. Mehr oder weniger zur selben Zeit, als Polen im 18. Jahrhundert von der europäischen Landkarte verschwand, entstanden auf der anderen Seite der Erde die Vereinigten Staaten von Amerika. Es wundert kaum, dass der Freiheits- und Unabhängigkeitskampf der Amerikaner von den Polen mit Sympathie verfolgt wurde, ja sie wurden sogar zu aktiven Verbündeten und Teilnehmern (von den vielen Menschen, die in den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen kämpften, hielten Kazimierz Pułaski und Tadeusz Kościuszko Einzug in das Pantheon der bis heute geschätzten und gerühmten Helden). Jedes polnische Schulkind lernt zudem, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson 1917 die Wiederherstellung der polnischen Unabhängigkeit als eines der US-Kriegsziele des Ersten Weltkriegs bezeichnete und später in seinen Vorschlag für einen Friedensvertrag aufnahm. Während des Zweiten Weltkriegs setzten die Polen ihre Hoffnung auf den Kriegseintritt und Erfolg der USA; nach dem Einmarsch der Roten Armee und dem Beginn der sowjetischen Besatzung verkörperten die USA die Hoffnung darauf, dass Polen dereinst wieder frei werden würde.

Doch Amerika ist weit, und die Vereinigten Staaten konnten trotz ihrer globalen Supermacht-Politik keinen direkten Einfluss auf das Schicksal der Polen nehmen. Die Sympathie für Amerika war somit zwar groß, doch unkonkret (zumal nur wenige Polen Amerika aus eigener Anschauung kannten). In der mehr als hundert Jahre währenden Teilungszeit hatten die Polen daher viel konkretere Hoffnungen an Frankreich geknüpft. Die auf die Französische Revolution von 1789 folgende, ganz Europa umfassende Kampagne, die Napoleon mit dem Schlagwort des Freiheitskampfes führte, richtete sich hauptsächlich gegen die Teilungsmächte Polens und rief unter den Polen enthusiastische Unterstützung hervor, die sich auch in der massenhaften Beteiligung an den militärischen Unternehmungen des französischen Kaisers ausdrückte; nicht zuletzt finden sich in einem damals entstandenen Lied, das heute polnische Nationalhymne ist, die Zuversicht vermittelnden Worte „Vorbild ist uns Bonaparte, wenn den Sieg wir holen“. Seine Niederlage, vor allem im Krieg gegen Russland, war ein schwerer Rückschlag für die polnischen Bestrebungen. Dennoch verband man in Polen mit Frankreich noch lange die unterschiedlichsten Hoffnungen, Sympathien und positive Assoziationen.

In der Mitte des 19. Jahrhundert, in einer Zeit, die als „Völkerfrühling“ bekannt geworden ist, waren die Polen durch eine ganz besondere Art von Bündnis und Freundschaft mit den Ungarn verbunden. Die gemeinsamen Interessen und Bestrebungen der beiden um Gleichberechtigung kämpfenden Völker, deren Feinde bzw. Besatzer teilweise dieselben waren, führten zu einer Annäherung und zu Zusammenarbeit, auch auf militärischem Gebiet, wo z. B. der Pole Józef Bem an der Spitze der ungarischen Aufstandsarmee stand, selbst wenn es tiefe kulturelle Unterschiede gab, ganz zu schweigen von der Sprachbarriere. Auch das spätere Schicksal beider Nationen war miteinander verflochten, insbesondere in der Zeit der kommunistischen Herrschaft und der sowjetischen Dominanz. Die beiderseitigen Zuneigungen haben sich bis heute gehalten.

Die Haltung der Polen zu den verschiedenen angrenzenden Nationen und Staaten ist also das Ergebnis historischer Erfahrungen. Sympathie und Zuneigung empfindet man für weiter entfernte Nationen, mit deren Hilfe man in der Zeit eigener Unterdrückung rechnete oder deren Bemühungen und Kämpfe man in Polen zumindest mit Wohlwollen beobachtete, ganz in Übereinstimmung mit dem Prinzip „die Feinde unserer Feinde sind unsere Freunde“.

Das Verhältnis der polnischen Bevölkerung zu anderen Nationen

Heute stellen sich die Sympathien der Polen zu anderen Völkern folgendermaßen dar:

Tabelle: Veränderungen der Sympathie zu ausgewählten Nationen (in Prozent)

Quelle: Meinungsforschungsinstitut CBOS: Stosunek polaków do innych narodów (Das Verhältnis der Polen zu anderen Nationen). BS/12/2010. Warschau, Januar 2010, S. 3 (obige Tabelle ist eine leichte Kürzung der Vorlage).

Augenscheinlich gehören Franzosen und Ungarn zu den von den Polen mit Sympathie bedachten Nationen, während Deutsche, Russen oder Ukrainer – also die direkten Nachbarn, denen gegenüber es die größten historischen Ressentiments gibt – nicht in der Lage sind, besonders viel Sympathie hervorzurufen.

Etwas ambivalenter verhält es sich in dieser Abfolge mit der Position der US-Amerikaner, die relativ niedrig ist und tendenziell zurückgeht. Wie Vergleiche aus weiteren Umfragen ergeben haben, wird die positive Haltung der Polen zu den Bewohnern der USA kontinuierlich schwächer. Waren ihnen gegenüber in der Mitte der neunziger Jahre noch fast zwei Drittel der polnischen Staatsbürger positiv eingestellt, so hegte 2009 nur noch knapp die Hälfte (45 Prozent) der Polen entsprechende Gefühle. Das hängt sicherlich mehr mit der amerikanischen Politik zusammen, die die Polen im Großen und Ganzen als enttäuschend empfanden, als mit einer veränderten Sicht der amerikanischen Gesellschaft. Eine Rolle spielt sicherlich auch das Gefühl unerwiderter Liebe: Die Polen meinen, dass sich die Vereinigten Staaten nicht für die Unterstützung und Loyalität der Polen dankbar zeigen, was sich am deutlichsten darin äußert, dass die USA nach wie vor an der Visapflicht für Polen festhalten, offiziell aus administrativen und formalen Gründen. Während sie selbst Sympathie für die Amerikaner empfinden, stoßen die Polen umgekehrt bei den Amerikanern (genauer gesagt: beim amerikanischen Staat) auf engstirnige Reserve und bürokratische Kälte.

Die hohe Stellung der Spanier oder Italiener auf der Beliebtheitsskala der Polen erklärt sich aus dem erwähnten Fehlen historischer Konflikte und aus der Tatsache, dass die bilateralen Beziehungen keine negativen Assoziationen hervorrufen. Überraschend mag hingegen die hohe Position der Tschechen sein, da sich die Beziehungen zwischen den beiden Nationen in der Vergangenheit nicht immer positiv gestalteten und es auch heute manchen Grund für Konflikte gibt, zumal die Zuneigung keine gegenseitige ist: Bei den Tschechen rangieren die Polen, wie eine kürzliche Umfrage ergeben hat, erst auf dem achten Platz der Sympathieskala. Diese positive Einstellung zu den Tschechen ist das Ergebnis vieler verschiedener Faktoren. Es beginnt damit, dass tschechische Literatur und tschechischer Film in Polen viele Liebhaber haben, geht weiter mit dem glänzenden Ruf des tschechischen Biers und der Bewunderung für das zauberhafte Prag und endet beim Respekt für das höhere tschechische Lebensniveau. In diesem Beispiel spiegelt sich jedoch auch eine allgemeine Gesetzmäßigkeit wider, auf die Katarzyna Wądołowska in ihrem Kommentar zu den zitierten CBOS-Umfrageergebnissen hinweist. Die Polen schätzen und ehren Nationen und Staaten höher, die westlich von ihnen liegen, während sie diejenigen, die mehr oder weniger weit östlich von ihnen liegen, in stärkerem Maße ablehnen. Diese Tendenz verstärkt sich von Jahr zu Jahr.

Das Verhältnis der Polen zu den Deutschen

Doch auch andere Daten illustrieren die Veränderungsprozesse bei der Haltung der Polen zu ihren Nachbarn. Das betrifft nicht zuletzt die Deutschen. Selbst wenn sie zu den in den Augen der Polen geschätzten Vertretern des Westens gehören, so haben sie doch aus historischen Gründen nie Sympathie erweckt. In den erwähnten Umfrageergebnissen von CBOS zeigt sich allerdings ein langsamer Wandel. Seit Beginn der neunziger Jahre sinkt die Abneigung gegenüber den Deutschen stetig und systematisch. Noch vor zwanzig Jahren erklärte mehr als die Hälfte der Polen ihre Abneigung; heute hingegen sind es nur noch 28 Prozent. In derselben Zeit stieg die Sympathie für die Deutschen von 23 Prozent auf 39 Prozent. Umfragen anderer Institute bestätigen, dass die Einstellung der Polen zu den Deutschen ein immer ausgeglicheneres Niveau erreicht. Anders gesagt: Die Deutschen geben immer weniger zu extremen Gefühlen Anlass, die Abneigung geht erheblich zurück und die Sympathiewerte steigen langsam an. Angesichts der historischen Belastungen und Vorbehalte ist das gar nicht so schlecht.

Diese Entwicklung vollzieht sich vor dem Hintergrund weiterer Faktoren. So hat sich die Meinung der Polen über Deutschland als Staat, über seine Rolle in den bilateralen Beziehungen und seine Position in der heutigen Welt verbessert. Vor zwanzig Jahren hatten 85 Prozent der Polen Angst vor einer steigenden Bedrohung nach der deutschen Wiedervereinigung. Mehr als die Hälfte der Polen war davon überzeugt, dass die deutsche Wiedervereinigung die Stellung Polens schwächen werde. Jüngste Erhebungen des „Instituts für Öffentliche Angelegenheiten“ (Instytut Spraw Publicznych) belegen die radikale Umkehr der Stimmungen und Einschätzungen, zu der es in den letzten beiden Jahrzehnten gekommen ist. Fast 80 Prozent der Polen schätzen heute das wiedervereinigte Deutschland als vorteilhaft für Europa ein, und nicht weniger als drei Viertel meinen, es sei auch für Polen von Vorteil. 68 Prozent denken, dass dieser Prozess die Stabilität der politischen Lage in Europa verbessert habe; 61 Prozent erkennen einen positiven Einfluss auf die Integration Polens in die EU.

Die deutsche Unterstützung für die polnische EU-Mitgliedschaft ist insofern wichtig, als die Polen diese Mitgliedschaft heute sehr hoch schätzen. Aktuelle Umfrageergebnisse von CBOS lassen erkennen, dass 86 Prozent der Bevölkerung damit zufrieden sind; nur 9 Prozent sind Gegner einer polnischen EU-Mitgliedschaft. Die Polen sind nicht nur eine der proeuropäischsten Gesellschaften des Kontinents, sondern sie befürworten auch eine intensivere Integration: 70 Prozent sind für eine stärkere Koordination der EU-Wirtschafts- und Finanzpolitik. Über die Hälfte hegt Vertrauen zur EU, ein Ergebnis, das von kaum einer inländischen Institution erreicht wird. Diese positive Haltung zur EU hängt mit der bereits erwähnten positiven Haltung zum Westen zusammen, aber auch mit der immer besseren Einstellung gegenüber Deutschland, dem wichtigsten und stärksten Mitgliedsland der EU. Nicht weniger Vertrauen als in die EU setzen die Polen auch in die NATO. Untersuchungen zehn Jahre nach dem NATO-Beitritt Polens haben ergeben, dass die Mitgliedschaft von 80 Prozent der Bevölkerung unterstützt wird.

Insgesamt entwickeln sich die Meinungs- und Sympathiewerte gegenüber anderen Nationen positiv. Wie die CBOS-Umfrageergebnisse zeigen, haben sie sich nur im Fall der USA in den letzten Jahren erheblich verschlechtert; bei Italienern und Franzosen gab es einen geringfügigen Rückgang, doch blieben sie auf den vorderen Plätzen. Die Polen wissen fast alle Nationen, nach denen sie gefragt werden, heute besser zu schätzen. Das belegt ein wachsendes Vertrauen ihnen gegenüber, doch sicherlich auch ein steigendes Selbstwertgefühl, also eine immer geringere Angst vor anderen und der Außenwelt. Die Polen haben ein stärkeres Gefühl von Stabilität und Sicherheit in einer Umgebung immer beliebter werdender Nachbarn.

Aus dem Polnischen übersetzt von Zenona Choderny-Loew.