Das Erwachen zur Verantwortung

(Erfahrungen)
aus OWEP 2/2011  •  von Ludvík  Běťák

Zusammenfassung

Kein Arzt bleibt vom Leiden seines Patienten unberührt. Gerade die persönliche Beziehung zwischen beiden ist für die Diagnose und Therapie oft genauso wichtig wie die Gabe von Medikamenten. Noch schwieriger ist es, wenn beide mitten in einem System leben, das die Menschen seelisch krank macht – Arzt und Patient sind beide „Betroffene“. In den nachfolgenden Zeilen wird dieses Dilemma im Hinblick auf die Situation in der Tschechoslowakei vor und nach 1989 deutlich. Einmal mehr zeigt sich dabei auch, wie die Verletzungen, die das System „Kommunismus“ verursacht hat, einen Schatten auf die heutige demokratische Gesellschaft werfen.

Dr. Ludvík Běťák arbeitet als Psychologe und Psychotherapeut (Schule von C. G. Jung) in Brno/Brünn. Er ist Begründer des Ausbildungsgangs in der jungschen Psychotherapie in Tschechien und hat über mehrere Jahre Seminare und Vorlesungen an der dortigen Universität und an der Universität Prag gehalten (u. a.: Imaginative Psychotherapie).

Biographische Skizze

Seit dem Fall des totalitären Regimes in der Tschechoslowakei sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. Unsere Kinder und Enkelkinder vermissen beinahe schon die Vorstellung davon, wie diese Zeit gewesen ist und was sie in uns hinterlassen hat.

Der Beruf als Psychologe und die psychotherapeutische Erfahrung können mir auf den ersten Blick einen Einblick davon vermitteln, wie die andauernden Schmerzen der menschlichen Seele oder individuelle und soziale Psychopathologien mit dem politischen Regime zusammenhängen, in dem ich mehr als die ersten vierzig Jahre meines Lebens verbracht habe. Auch wenn ich es mir nicht zutraue, gegenwärtig eine gründlichere Analyse vorzunehmen, versuche ich, einige Beobachtungen und ein Stück persönlichen Zeugnisses abzugeben. Die Zeit war kompliziert, hatte eine Reihe an Etappen und Wandlungen. Sicher hat dies meinen individuellen Weg gekennzeichnet; ich kann allerdings meine Erlebnisse nicht mit den Menschen vergleichen, die mit der Gesundheit, der Freiheit – durch Gefängnishaft –, mit dem Verlust der Nächsten bezahlt haben, emigrieren mussten oder sogar das Leben verloren.

Für die so genannte „politische Unzuverlässigkeit“ habe ich selber knapp einem Verlust des Arbeitsplatzes entgehen können, tiefer haben mich aber eigene innere Krisen und Verluste nahestehender Menschen getroffen. Gleich nach dem Studium musste ich auf eine pädagogische Laufbahn verzichten, konnte aber das Studium wenigstens überhaupt zu Ende bringen. Ich muss zugeben, dass die kommunistische Normalisierung in den siebziger Jahren mir sogar indirekt „geholfen“ hat, das „innere Leben“ in mir zu erwecken und bei der klinischen Arbeit zu bleiben. Das Überleben haben mir wahrscheinlich am meisten enge Beziehungen mit einigen wunderbaren Menschen ermöglicht, dazu die geistige Orientierung, Musik und Humor. Die „Samtene Revolution“ von 1989 hat mich in einer Lebenssituation heimgesucht, in der ich mich nach Freiheit und Erkenntnis sehnte. Mit großer Begeisterung habe ich dann Wege gesucht, um meine psychotherapeutischen Kenntnisse ergänzen zu können, und zwar in Deutschland und in der Schweiz. Ich bin sehr dankbar für die Hilfe, die ich dort von vielen Menschen und Institutionen bekommen habe, und versuche nun, diese in meine therapeutische Arbeit einzubringen.

Folgende Mosaiksteine der persönlichen und beruflichen Erfahrung zeigen, wie sich die individuellen und sozialen Krankheitsbilder im Thema der Verantwortung überschneiden und wie es unmöglich wird, die Anpassung nach außen und nach innen voneinander zu trennen.

Erstes Fallbeispiel: Dissident oder Geisteskranker?

Ich erinnere mich zuerst an einen Fall, der so wirkt, wie wenn er die Zeit des Übergangs vom totalitären Regime zur Demokratie ganz typisch charakterisieren würde. Der Fall bezieht sich vor allem auf die Frage, ob in einer ungesunden Gesellschaft überhaupt ein gesundes Individuum aufwachsen kann und was eigentlich normal ist.

Irgendwann im Jahr 1989 hat mir ein Psychiater diesen Patienten zur Untersuchung geschickt, nicht lange vor der „Samtenen Revolution“. Damals gehörte zu meinem Arbeitsbereich in der Poliklinik Psychodiagnostik. Ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber ich sollte mich an der Begutachtung des geistigen Zustandes des Patienten im Zusammenhang mit seiner „Erregung von öffentlichem Ärgernis“1 beteiligen. Er hatte Schwierigkeiten, seine Gefühle zu beherrschen, hat offen über die Kommunisten geschimpft und ist für den unverhohlenen Ausdruck seiner radikalen Einstellungen wiederholt verfolgt und auch inhaftiert worden. Dabei war er furchtlos, sogar eher provozierend, und hat fest damit gerechnet, wieder verhaftet zu werden.

Beim ersten Gespräch stellte sich schnell heraus, dass es sich um einen „offiziellen Dissidenten“ handelte. Ich gewann allerdings sehr schnell den Eindruck, dass es sich um eine abnorme Persönlichkeit mit gewissen Kennzeichen der Verwirrtheit handelte – auch solche Menschen gab es unter den Dissidenten. Damit befand ich mich in einem moralischen Dilemma. Es war eindeutig, dass die Forderungen des Mannes berechtigt waren. Wenn ich mich nun zu seinem Geisteszustand äußere, werde ich diesen Menschen in bestimmter Weise disqualifizieren, weil ich nicht die ganze Wahrheit sage – vielleicht wird er dann statt ins Gefängnis in eine Psychiatrische Anstalt eingeliefert. Soll ich also ernsthaft eine Person „disqualifizieren“, die mit ihrem unkonventionellen Verhalten dazu beiträgt, das totalitäre System zu destabilisieren? Gleichzeitig aber disqualifiziere ich mich selbst – ich bin doch auch mit dem System nicht einverstanden, selbst wenn mein Selbsterhaltungstrieb, meine Familie und meine ganze geistige Veranlagung mir bisher nicht erlaubt haben, so offen wie er und mit einer ähnlichen Radikalität gegen die gebündelten Missstände zu opponieren.

So wurde ich plötzlich mit meiner eigenen „Rücksicht“, „Toleranz“, „Konformität“, aber auch mit der eigenen Angst und einem Autoritätskomplex konfrontiert. Ich musste zugeben, dass dieser nach außen „unangepasste“ Mensch eigentlich mit sich selbst viel mehr im Reinen war als ich selbst. Das machte mich wütend. Ich habe mich missbraucht gefühlt. Das Regime wollte meine professionelle Rolle missbrauchen, wollte eine psychologische Charakteristik der Persönlichkeit des Patienten in einem Kontext nutzen, die nicht im Interesse dieses Menschen war und noch weniger den Interessen der ganzen kranken Gesellschaft diente. Was sollte dann noch irgendeine „normative Diagnostik“ bringen? Schließlich habe ich es abgelehnt, die Untersuchung fortzusetzen.

Uns alle hat schließlich die gesellschaftliche Veränderung im November 1989 „gerettet“. Der Patient wurde nicht mehr verfolgt und musste weder ins Gefängnis oder in eine Anstalt gehen. Er bleibt bis zum heutigem Tag für viele Menschen durch seine persönliche Eigenart und sein „unangepasstes Verhalten“ unbequem. In einer demokratischen Umgebung kann und wird er dadurch jedoch nicht von vorneherein als Krimineller oder Geisteskranker abgestempelt werden.

Zweiter Fall: Wohltäter oder unzurechnungsfähig?

In diesem Fall geht es um Werte wie Verantwortung und Familiensolidarität. Etwa zehn Jahre nach der Wende, um das Jahr 2000, habe ich einen ca. sechzigjährigen Mann untersucht. Seine Familie hatte die Untersuchung beantragt – die Ehefrau und die erwachsenen Kinder hatten darauf hingearbeitet, ihn für unzurechnungsfähig zu erklären und ihm die Geschäftsfähigkeit zu entziehen.

Der Mann hat mir seine Geschichte erzählt. In der Zeit der kommunistischen Normalisierung in den siebziger Jahren war er ein hochrangiger Direktor einer großen Fabrik, verfügte über ein großes Einkommen, war allerdings auch sehr unbeliebt wegen seines kompromisslosen und unsensiblen Umgangs mit den Angestellten. Nach 1990 verlor er seine Arbeit, fand keine angemessene Stellung mehr und ist nach und nach in immer stärkere Depressionen gefallen. Er hatte zwar Familie, ein Haus, große Ersparnisse, war aber ohne Freunde. Die Depression dauerte schon ein paar Jahre an; stationäre und medikamentöse Behandlung halfen nicht, schließlich verließ er das Haus fast nicht mehr, aß wenig, verkam nach und nach und verbrachte die meiste Zeit, nun bereits im Rentenalter, im Bett. Damals tauchte in seinem Leben ein Mann auf, der von seiner seelischen Verfassung erfahren hatte. Dieser begann, ihm über das Leben der Armen in Indien zu erzählen, und hat mit Bildern, statistischen und anderen Angaben demonstriert, welch unermessliches Elend diese Menschen plagt. Nachdem er Mitgefühl bei unserem Patienten geweckt hatte, erläuterte er ihm, wie er durch eine Stiftung helfen könne, den leidenden Menschen in Indien wenigstens zu einem Sterben in Würde zu verhelfen. Unser Patient begeisterte sich immer mehr für diese Idee – und in gleichem Maße nahmen die Depressionen ab, bis sie schließlich vollständig verschwunden waren. Er hat sich dann entschieden, eine größere Summe der Stiftung zu widmen, aber dagegen hat sich nun die Familie gestellt. Zwei erwachsene Kinder stellten finanzielle Forderungen, obwohl sie laut Aussage des Patienten bereits große Summen erhalten hatten. So kam es schließlich dazu, dass der Patient Rechtsanwälte einschaltete, um frei über seine Ersparnisse verfügen zu können. Er war sogar bereit, sich scheiden zu lassen, um den Rest seines Lebens und seiner Mittel dem widmen zu können, woran er glaubte. Die Familie hingegen war sich einig, das wäre nicht normal, und hat Wege gesucht, ihn entmündigen zu lassen.

Auch hier konnte die Psychiatrie selbst kaum helfen. Hier ging es vor allem darum, die moralische und menschliche Ebene des Falls herauszuarbeiten. Weiterhin spielten Themen wie Schuld und Verzeihung, Sinnfindung und Individualpotenzial eine Rolle. Die Zeit hat auch in diesem Fall schneller zu einer Lösung geführt, als die Beteiligten erwartet hatten – unser Mann ist körperlich ernstlich erkrankt und kurz darauf verstorben. Damit fand die angestaute Energie (symbolisiert durch das Geld), die der Patient nach seiner Vorstellung sinnvoll investieren wollte, unerwartet einen anderen Weg.

Mentale Veränderungen in der Gesellschaft

Die genannten Beispiele betreffen längst nicht die Breite aller Probleme, mit denen wir uns in der Zeit des Kommunismus und des Übergangs zur Demokratie auseinandersetzen mussten. Die beiden Fälle weisen allerdings auf eine gemeinsame Frage des Konflikts zwischen der Anpassung nach innen und nach außen hin, auf die Frage der Treue zur eigenen Seele. Es handelt sich um die Möglichkeit, aber auch die Verantwortung und den Mut, die eigene Bestimmung zu erkennen und den dann erkannten Weg konsequent zu gehen. Es geht um die Erweckung des Gewissens.

Was haben wir im Kommunismus am meistens vermisst? Sicherlich vor allem Freiheit – vielleicht mit der Ausnahme der kurzen Hoffnung im Prager Frühling 1968. In lebendiger Erinnerung habe ich vor allem die Zeit der so genannten Normalisierung: Restriktion, Unfreiheit, Gewalt, Machtmissbrauch – Vergewaltigung der Seele, das Aufdrängen des Unannehmbaren. Das Regime konnte töten, die Menschen verbiegen und erpressen; es hat Heuchelei und Denunziantentum gefördert. Die Menschen wurden darin gehindert, sich frei zu äußern, zu reisen, sich zu bilden, selbstständig zu wirken. Viele haben dies allerdings kompensiert, haben einen „erträglichen“ Lebensstil entwickelt. Wochenendhäuser gewannen immer mehr an Beliebtheit, und die nicht erfüllte Sehnsucht nach innovativer Arbeit haben die Menschen in Basteltätigkeit umgewandelt. Man zog sich in eine bequeme Passivität und Pseudosicherheit zurück, bildete halb legale und illegale „Netze“, die es ermöglicht haben, das „aufzutreiben“ und zu besorgen, was normalerweise unerschwinglich war.

Das kommunistische Regime hat bei uns in der Tschechoslowakei radikal die traditionellen Werte unterdrückt und uns ideologische Stereotypen ähnlich aufgedrängt, wie es in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus der Fall war. Die Gesellschaft hat sich atomisiert; der offene Austausch von Meinungen und Informationen wurde bestraft. Die Werte haben sich verschoben – Zugehörigkeit zur „richtigen“ politischen Richtung und nicht Fähigkeiten, Fertigkeiten oder ehrlicher Fleiß verhalfen den Menschen zur Macht und zur Betätigung. Viele Menschen schwiegen in der Atmosphäre der Angst oder haben nur heimlich darüber geschimpft. Neben den tapferen öffentlichen Gegnern des Regimes hat es glücklicherweise nicht an unauffälligen Gegnern gefehlt, die im Versteck und trotz der damit verbundenen Gefahren den freien Geist pflegten, etwa durch Verbreitung von Samisdat, also heimlich veröffentlichter Literatur.

Wenn ich mich an meine psychotherapeutische Klientel in den siebziger und achtziger Jahren erinnere, dann haben zu Beginn der Behandlung über das kommunistische Regime als Hauptursache für ihre Leidenssituation nur relativ wenige Leute offen gesprochen (Phänomen der „schweigenden Mehrheit“). Deutlich äußerten sich besonders Menschen aus der künstlerischen Avantgarde, von denen einige leider dem Alkohol verfallen waren oder Rauschgift konsumierten.2 Viele wurden infolge der geistigen Anspannung und unterdrückter Aggressionspotenziale krank, trauten sich aber oft nicht, einen Zusammenhang zwischen den eigenen psychischen Beschwerden und der gesellschaftlichen Situation einzugestehen.

Die tiefenpsychologische Charakteristik dieses Verhaltens sollte allgemein damit beginnen, wie sich ein Mensch (seine Bewusstheit, sein Ego) überhaupt auf etwas anderes beziehen kann. Zu dieser in bestimmten Maßen autonomen Andersartigkeit gehören sowohl Faktoren der Gesellschaftsordnung als auch Vorgänge in unserem Innern. Beides hängt untrennbar zusammen. Die Qualität der Beziehung jedes Einzelnen zur äußeren Umgebung und zum eigenen Innern spielt eine wesentliche Rolle dafür, wie sich das Individuum (und damit letztlich auch die Gesellschaft) entwickeln.

Vieles hängt nun mit der Einbildungskraft (Imagination) zusammen. Eine der heimtückischsten Wirkungen totalitärer Regime richtet sich gerade auf diesen Bereich der menschlichen Natürlichkeit. Das Ergebnis ist dann bei vielen Menschen eine negative Haltung zur Autorität und eine grundsätzliche Passivität, die die Entwicklung einer („kindlichen“) freien Imagination verhindern. Dies führt letztlich zu einer Traumatisierung. Bis heute treffen wir solche Fälle an, in denen erst eine tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie den Menschen hilft, hinter ihren psychischen Beschwerden tief gespeicherte Traumata aus der Zeit des vergangenen Regimes zu erkennen. Dazu ein Beispiel: Die Tochter eines bedeutenden tschechischen Intellektuellen und Regimekritikers, die in der Zeit der so genannten Normalisierung Zeugin der Verhaftung des Vaters war und seine dreijährige Gefangenschaft verarbeiten musste, hat sich in ihrer Vorstellung einen imaginären Hund geschaffen. Dieser innere Helfer hat sie in dieser Zeit überall begleitet, gemeinsam mit den Märchen, die der Vater aus dem Gefängnis schickte, beschützt und ihr geholfen, eine schmerzhafte Leere zu füllen. Bis zum Erwachsenenalter haben sie immer wieder unverständliche monothematische Träume heimgesucht. Erst die psychotherapeutische Beratung nach vielen Jahren hat offenbart, wie diese Träume die unverarbeiteten Traumata von der Verhaftung und Inhaftierung des Vaters kompensiert haben.

Eine ernüchternde Zwischenbilanz

Die Atmosphäre der Angst hat viele Menschen daran gehindert, ihre Vorstellungen frei und verantwortlich zu entwickeln und zu äußern. Selbst wenn dies möglich war, hat das totalitäre Regime autoritär dafür gesorgt, dass eine Veränderung der gesellschaftlichen Zustände verhindert wurde.

Wir können folgendes psychologisches Modell verwenden. Bildlich gesprochen wurden

  • Verbrechen am Kind (als Symbol oder Prinzip einer Entwicklungsmöglichkeit),
  • Verbrechen am Elternprinzip als Träger der Struktur, Vermittler des Sinnes für Grenzen und Verantwortung, Gewissen und Moral,
  • Verbrechen gegen die Sphäre unseres bewussten Ichs (Unterbindung von freier Erkenntnis, Unterdrückung der Motivation [Banalisierung und Passivität], Unterdrückung des Sinnes für symbolisches Verhalten und symbolisches Leben [beides unerlässlich für die seelische Entwicklung]) und
  • Verbrechen gegen Beziehungen zwischen den Menschen

verübt.

Was der Kommunismus den Einzelnen nicht lehren konnte, waren freier und verantwortungsvoller Umgang mit dem Eigentum, sowohl konkret als auch im übertragenen Sinne des Wortes. Die Redewendung „das ist meine Sache“ konnte man im Kommunismus nicht als eine individuelle, freie und souveräne Äußerung der Kompetenz und als eine Übernahme von Verantwortung verstehen. Im Gegenteil: Dies wurde dem Individuum im Namen der arbeitenden Klasse oder Partei mit Gewalt verwehrt. Schnell hat sich dann im Volksmund eine andere „dialektisch-materielle“ Variante dieser Redensart verbreitet, die mit dem Beigeschmack einer bitter-grotesken Übertreibung wie folgt lautete: „Was dir ist, ist auch mir. Was mir ist, das braucht dich nicht zu interessieren.“ Von hier ist es nur ein Schritt zu dem Motto: „Wer nicht klaut, bestiehlt seine eigene Familie.“

Die Ablehnung bzw. der Missbrauch des Freiheitsprinzips und die Verbiegung des Verantwortungsprinzips bilden meiner Meinung nach die Grundlage der sozialen Pathologie. Die unterdrückte und korrupte persönliche Souveränität wurde zum Pilzgeflecht für einen moralischen Relativismus. Nachwirkungen davon sind nicht nur die Flucht in Alkoholismus und sexuelle Promiskuität, sondern auch der spezifische Humor und charakteristische Gestaltungstrieb des tschechischen Menschen. Auf der Seite des Einzelnen bleibt dann natürlich immer das Problem des Gewissens, das aus der Fähigkeit der Selbstreflexion wächst. Einsichten in das eigene Gemüt hat das kommunistische Regime nicht geachtet, es konnte sie aber auch nicht ganz verhindern. Keine politische Ordnung erspart schließlich dem Menschen den Erkenntnisweg von „Durchleben und Durchleiden“.

Seit 1989: Neue Zugänge – neue Möglichkeiten

Die Epoche, in der die Parteiideologie die Möglichkeiten des Studiums vor allem im Bereich der Humanwissenschaften einschränkte oder völlig unterband, ist glücklicherweise vorbei. Mit dem Fall des Regimes setzte auch ein Wandel im Ausbildungsbereich der Psychotherapie ein. Nun erschlossen sich Zugänge zur Tiefenpsychologie und zahlreichen anderen psychotherapeutischen Wegen. Meine Kollegen und ich konnten ihr theoretisches Wissen im Ausland erweitern; Kollegen aus der ganzen Welt kamen in die Tschechoslowakei und unterstützten uns. Ich selbst konnte meine Kenntnisse über die Lehren von Carl Gustav Jung vertiefen (z. B. im Bereich „aktive Imagination“) und vertiefte mich in die differenzierten Vorstellungen von Hanscarl Leuner (Katathym-imaginative Psychotherapie).3

Die Qualität der psychotherapeutischen und sozialen Arbeit bei uns ist in den letzten Jahren sehr gewachsen, wie ich auf der Grundlage von Supervisionen, die ich jungen Kollegen biete, feststellen kann. Dies hängt nicht nur mit der Möglichkeit der Ausbildung, sondern auch mit der umfangreichen Fachliteratur zusammen, die inzwischen auch in Tschechisch vorliegt. Von großer Bedeutung sind auch Kurse und Schulungen durch ausländische Lektoren.

Die Psychotherapie ist sicher sehr wichtig, allerdings nicht allmächtig. Wir haben uns noch nicht ganz vom Totalitätstrauma befreit und müssen uns mit den Schwächen der Demokratie, den Schattenseiten der so genannten Freiheit und den Verführungen der „Göttin des Konsums“ abfinden. Wir stellen fest, dass es in bestimmter Hinsicht sehr anstrengend ist, frei zu leben, auch wenn es in der ersten Phase sehr berauschend war. Auch die Freiheit gibt es schließlich nicht ohne Leid.

Die Verwandlungen, denen wir ausgesetzt sind, sind enorm. Der technische Fortschritt überholt uns, die menschliche Seele stolpert ihm hinterher, die Menschheit vernetzt sich dabei immer mehr, die Rolle der Medien wächst … Die Orientierung auf Leistung und Erfolg, der Gewinn als Maßstab für Sinnhaftigkeit, die Krise der Spontaneität und Vorherrschaft des Vermittelten, die Vergöttlichung des Marktes, die fortschreitende Abwendung vom Natürlichen hin zum Virtuellen – alles das sind Charakteristika der neuen Zeit. Wie man jedoch deutlich sehen kann, ist unsere gegenwärtige Gesellschaft noch lange nicht gesund, und eine Veränderung können wir nicht einfach durch bloße Nachahmung irgendeiner sozialen oder legislativen Maßnahme, die von außen kommt, erwarten.

Vor kurzem hat mich folgendes Zitat beeindruckt: „Es ist offensichtlich, dass wir in einer geistig sehr verelendeten Kultur leben: Der Gewohnheitsmaterialismus macht aus uns Sklaven der Oberfläche, der Aufruf der Fundamentalisten macht uns zaghaft und ängstlich, und die zerstreuenden banalen Ideologien der Seelenwanderung bagatellisieren mehr, als dass sie bereichern.“4 Wenn ich nicht wüsste, dass sein Autor ein bedeutender zeitgenössischer amerikanischer Anhänger von Carl Gustav Jung ist, könnte ich ruhig sagen, dass er in bestimmter Hinsicht die Situation des Menschen in einem totalitären Regime beschreibt und nicht die Lage in der selbstbewussten euroatlantischen Gesellschaft, die sich selbst als frei, demokratisch und weltoffen bezeichnet.

Einerseits wird uns immer klarer, wie wir alle vernetzt sind. Wir beeinflussen uns auf vielen Ebenen, aber diese Erkenntnis kann man nicht so einfach weitergeben. Eine Entwicklung muss jeder nicht nur in der Konfrontation mit den Anderen, sondern auch mit dem eigenen Innern durchmachen. Für mich spielt in diesem Kontext die Individuationstheorie von Jung, d. h. seine Vorstellung vom Prozess des Werdens zur Einzelpersönlichkeit, eine große Rolle, denn sie umfasst sowohl eine individuelle als auch eine beziehungs- und transpersonelle (autonome) Dimension. Dies scheint mir auch deswegen wichtig zu sein, weil sie Distanz zu den übermächtigen Vorstellungen und Idealen der „sozialen Marktwirtschaft“, auf die ein Mensch mit der Erfahrung des Totalitarismus mit Recht überempfindlich reagiert, wahrt.

Wie es scheint, ist für eine Entwicklung des menschlichen Bewusstseins schließlich vor allem eine persönliche Beziehung unersetzlich, die menschliche Nähe und Gegenseitigkeit, also Mitleid und Liebe, weisen Sinn für Maß und Respekt davor, was dem Menschen transzendent ist, Respekt vor dem Geheimnis und Achtung der eigenen Begrenztheit umfasst.

Ich bin davon überzeugt, dass man die Errungenschaften der westlichen Wissenschaften und der Psychotherapie zur Behandlung des Leidens der Menschen, die das totalitäre Regime erlebt haben, nicht eins zu eins übernehmen kann. Anders gesagt: Die „Lösung“ der internen Probleme der Menschen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks muss auch aus der Situation heraus erwachsen. Das Problem hat auch eine „ökologische“, moralische und archetypische Dimension, denn Gewissen und Verantwortung kann man nicht transplantieren. Carl Gustav Jung sagt: „Wir können nichts von außen, von der Welt, von der Geschichte borgen und holen. Das Wesentliche kann nur aus uns selber wachsen.“

Aus dem Tschechischen übersetzt von Michaela Götz.


Fußnoten:


  1. Dahinter steht das Phänomen der „Maladaptivität“: Ein ursprünglich wertneutrales, zum Selbstschutz entwickeltes Verhalten verändert eine Person derart, dass sie verhaltensauffällig wird (Anm. d. Redaktion). ↩︎

  2. Hinweis der Übersetzerin: Im Original liegt eine Anspielung auf den Typus des „poète maudit“ („verfemter Dichter“) vor. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden damit Künstler bezeichnet, die sich mit Person und Werk dem Zeitgeist widersetzen und von der Gesellschaft, die sie selbst verachten, an den Rand gedrängt oder sogar ausgestoßen werden. Viele von ihnen wurden erst spät oder nach ihrem Tod anerkannt. Bekannte Beispiele im 19. Jahrhundert waren Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire. ↩︎

  3. Diese tiefenpsychologische Zugangsweise entwickelte Hanscarl Leuner 1954. Ansatzpunkt der Therapie sind bildliche Vorstellungen (Imaginationen) wie z. B. Haus, Weg oder Baum, die durch bestimmte Gesprächstherapien ergänzt werden. Vgl. dazu Hanscarl Leuner: Katathym-imaginative Psychotherapie (KiP). Hrsg. und fortgeführt von Eberhard Wilke. 6. Aufl. Stuttgart 2005 (Anm. d. Redaktion). ↩︎

  4. James Hollis: Mythologems: Incarnations of the Invisible World (Studies in Jungian Psychology by Jungian Analysts). London 2004. (Zit. nach der tschechischen Übersetzung, S. 10). ↩︎