Aus der Ukraine über Russland nach Polen

Zusammenfassung

Das halbe Leben hat sie in Polen verbracht, doch die Erinnerung an ihre Heimat in der Ukraine ist bis heute lebendig. Irena, die ursprünglich Inna hieß, zeichnet ihre Lebensgeschichte von der Ukraine über Russland nach Polen nach, die einige überraschende Wendungen enthält und trotz mancher Rückschläge letztlich gut verlaufen ist.

Irena (Inna) Wiśniowska (geb. 1970) stammt aus Tschernigow in der Ukraine und lebt seit den neunziger Jahren in Polen.

I.

Heute heiße ich Irena Wiśniowska. Wie Sie sehen, habe ich einen polnischen Familiennamen (nach meinem Mann) und einen polnischen Vornamen. Als ich vor über 20 Jahren nach Polen kam, hieß ich Inna, was auf Polnisch „die andere“ heißt. Ich hörte nicht sogleich auf, eine andere zu sein. Der Prozess der Dokumentenänderung und der Erhalt der polnischen Staatsbürgerschaft zogen sich lange hin, aber das ist alles vorbei. Heute besitze ich einen polnischen Reisepass, einen polnischen Ehemann, eine eigene Wohnung und eine Arbeit als Verkäuferin in einer der teuersten Konditoreien in Krakau. Ich erteile Russischunterricht, und von Zeit zu Zeit begleite ich als Reiseleiterin russischsprachige Touristen nach Zakopane. In meiner Freizeit aber treffe ich mich mit Freunden und gehe zum Sport. Nur ein leichter Akzent unterscheidet mich von den Menschen, die in Krakau verwurzelt sind. In der Tat sagt man, dass ich wie eine Polin aus Przemyśl spreche.

In dieser Stadt in Ostpolen an der Grenze zur Ukraine begann auch meine Bekanntschaft mit Polen. Wir fuhren mit dem Zug von Kiew nach Przemyśl und stiegen in einen Bus um, der uns in fünf Stunden nach Krakau brachte. Ich sah den ganzen Weg nach draußen und war begeistert. Die Sauberkeit, die akkuraten Häuschen mit den Blumen und den Schüsseln für das Fernsehen auf den Balkonen. Überall schöne, kleine Rasenflächen und glückliche Kinder in aufblasbaren Bassins oder auf den Schaukeln und Erwachsene in Gesprächen am Grill. Ein ruhiges, gut situiertes Leben. Und das schöne Krakau begrüßte uns mit fröhlicher touristischer Belebtheit, mit einer Menge junger Studenten und dem würdevollen Stolz der einheimischen Krakauer. Für mich war das alles ein Schock – sowohl die jungen Männer, die mit Kindern im Kinderwagen spazierten, als auch die jungen Paare mit den Kindern in der Kirche, der katholischen Kirche Polens. Und selbstverständlich war ich und waren auch die anderen Reisenden begeistert von dem alten Wawel-Schloss, und ich nahm die wundertätige Energie des dortigen, der Legende nach mystischen Czakram-Steines beim Wawel in mich auf. Ich fütterte die Schwäne auf der Weichsel und verliebte mich für immer in Krakau. Wahrscheinlich erhörte der Allmächtige meine Bitte, als ich in der festlichen Atmosphäre der Marienkirche saß und davon träumte, in Krakau leben zu dürfen. Und ich liebe es bis heute, von der Stille ihrer Mauern umgeben, zu sitzen und einfach nachzudenken. Oder zu bleiben, um die Messe zu hören und danach ein Konzert mit klassischer Musik.

Nach diesen von mir beschriebenen Eindrücken liegt nichts Verwunderliches darin, dass ich in Krakau lebe. Ich wollte, wie der berühmte russische Liedermacher Alexander Rosenbaum, der über sein Leningrad sang „Diese Stadt muss man kennen und auch ihre Bevölkerung, damit sie sich von oben öffnet“, meine Stadt entdecken und lieben, meinen Platz in der Welt finden. Natürlich gehört uns, wie man sagt, wenn wir jung sind und eben erst ins Leben treten, die Welt! Wir wollen auch überzeugt sein, dass wir die ganze Welt gewinnen und viel Interessantes erleben. Ich wollte vor allem ohne jemandes Hilfe meinen Platz in der Welt finden, mich selbst und meine Möglichkeiten in dem neuen Land entdecken. Die Jugend idealisiert alles, und Krakau erwies sich noch nicht als die ideale Stadt, wie sie mir anfangs erschienen war. Obwohl mich dieses wohlmeinende und höfliche Volk, die Polen, bis heute unangenehm berührt mit seiner Neugierde und ich auf die Frage „Woher kommen Sie?“ unsicher reagiere, weil ich nicht weiß, welche Reaktion mich auf meine Antwort „aus der Ukraine“ erwartet. Oder man wird mir ähnliche Geschichten aus der eigenen Großelterngeneration erzählen, die nach Krakau von „dort“ übersiedelten, als Lemberg aufhörte, polnisch zu sein. Oder aber manche – sie sind zum Glück in der Minderheit – sprechen sich ausgesprochen unfreundlich gegen die Ukrainer aus. Jeder Ukrainer war damit indirekt oder direkt konfrontiert. Der polnische Stolz plus die historischen Fehden – Katyń –, alles das wirkt sich negativ auf das Verhältnis zu den Ukrainern im Allgemeinen aus, allerdings nicht zum einzelnen Ukrainer. Denn wenn man mit solchen Leuten zu reden beginnt, dann platzt die Seifenblase und ich bekomme zur Antwort „Gegen Sie persönlich habe ich nichts.“ Und es tritt die zweite Seite der polnischen Mentalität hervor: die Menschenfreundlichkeit. Der Glaube an Gott, der unbedingte Besuch der Messe in der katholischen Kirche, die starken familiären und verwandtschaftlichen Bande – alles das spielt eine Rolle. Es gibt nicht die Aggressivität und die Bosheit, der ich begegnete, als ich in Moskau studierte. Und nicht die schläfrige, faule Hoffnungslosigkeit der stillen Stadt, in der ich geboren wurde und bis zum 18. Lebensjahr aufwuchs. Obwohl man in der Sowjetunion nur heimlich in die Kirche ging, ohne sich zum Glauben an Gott zu bekennen, waren diese Menschen im allgemeinen gut und prinzipientreu und bereit, das letzte Stück Brot zu teilen. Denn die kommunistische Erziehung rottete die Habgier und das Gefühl für Eigentum aus, was in meiner Kindheit aber damit endete, dass ich mit allen die hausgemachten Piroggen meiner Mutter teilte, die sie mit solcher Liebe für mich bereitet hat, sodass ich in der Schule hungrig war.

II.

Tschernigow1 – so heißt die Stadt, in der ich 1970 geboren wurde – zählte 160.000 Einwohner. Sie ist 140 km von Kiew und 100 km von Gomel entfernt, einem weißrussischen Städtchen, wohin wir mit Vater zum Einkaufen fuhren. In diesen Jahren in der Ukraine zeigte sich in Städten wie Tschernigow der Mangel an den wichtigsten Waren krass. Wir pendelten zum Einkaufen nach Kiew – aber dort waren Schlangen, dahin fuhren wir mehr für Käse und Wurst. Aber in Gomel gab es gute Sachen von den örtlichen Fabriken – eine hübsche Schuluniform mit Plissée-Rock und nicht dieses braune Säckchen, das in unseren Läden angeboten wurde. Modische Stiefel, die ich neben das Bett stellte, damit ich mich beim Aufwachen freuen und sie betrachten konnte. Und leckere Pralinen, die ich mit niemandem teilen musste, weil Erwachsene keine Pralinen essen – und Geschwister hatte ich nicht. Ich wuchs in einer Familie der Intelligenzija auf: Mama gab Klavierstunden an der Musikschule und Papa war der Chef der städtischen Elektrizitätswerke. Als ich 16 Jahre alt war, gab es die Explosion im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Das liegt 80 km von Tschernigow entfernt. Ich erinnere mich, dass ich mich mit den Schulfreunden im Wald versammelte, wo wir gewöhnlich Feuer anzündeten, Picknicks organisierten und auf der Gitarre spielten. Aber das wurde uns verboten. Wir ärgerten uns und dachten gar nicht daran, was für ein schreckliches Unglück das war. Aber mein Vater befand sich in Ausübung seiner Dienstpflicht eine Woche lang in der gefährlichen Zone.

So endete mit 16 Jahren meine fröhliche Kindheit. Es begannen die massenhaften Ausreisen aus der Stadt. Mir blieb noch ein Jahr bis zum Schulabschluss. In der UdSSR gab es eine zehnjährige mittlere Schulausbildung von 7 bis 17 Jahren. Neuerdings hat man eine 11-jährige Schulausbildung bis zum 18. Lebensjahr eingeführt. Man bekommt ein Reifezeugnis und kann in ein Institut eintreten, was auch mein Traum war. Das Institut und die Stadt hatte ich früher ausgesucht. Das war natürlich ein pädagogisches Institut für russische Philologie, und die Stadt war selbstverständlich Leningrad. Darüber hatte ich seit meiner Kindheit von Oma gehört. In den Erinnerungen von Papas Mutter war Leningrad voller bemerkenswerter, intelligenter und interessanter Menschen. Alle Geschwister meiner Großmutter waren in Leningrad während der Blockade im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Meine Genealogie ist typisch für die Mehrheit der Familien in der Sowjetunion. Meine beiden Großväter waren Soldaten, ihrer Nationalität nach Ukrainer, aber ihre Frauen waren Russinnen.

Als ich mit Papa nach Leningrad fuhr, um in das Institut einzutreten, war ich noch keine 17 Jahre alt. Ich bereitete mich auf das Aufnahmeexamen in russischer Sprache, Literatur und Geschichte vor. Doch im letzten Moment wurden Examina für Englisch eingeführt. Und obwohl Papa versuchte, Repetitoren zu finden, war es unmöglich, die Sprache in zwei Wochen zu lernen. So war ich froh, das Examen nicht abzulegen und nicht zu lernen, sondern zwei Wochen lang mit Papa durch Pieter zu spazieren (so bezeichnen die alteingesessenen Einwohner ihre Stadt Leningrad, heute Sankt Petersburg). Das waren meine allerletzten glücklichen Ferien. Ich war so glücklich, dass ich nicht in der fremden, kalten Stadt bleiben musste, und als ich mit Papa wieder zuhause war, konnte ich die nächste Eroberung einer neuen Stadt bis zu einem Jahr hinauszögern. Ich fand eine Arbeit in unserer Stadtbibliothek im Lesesaal und freundete mich mit Lena an, die ebenso wie ich in kein Institut eingetreten war. Deshalb gingen wir gemeinsam zu den Repetitoren, die ihre Mutter – eine Lehrerin – für uns fand. Wir hatten gemeinsame Ziele, beide träumten wir davon, welch ein interessantes Leben wir in der neuen Stadt führen würden; deshalb beschlossen wir, gemeinsam dorthin zu fahren und in das Institut einzutreten. Und wir ahnten nicht im Entferntesten, was unsere Schicksale so verbinden würde. Dieses Mal suchten wir Moskau aus.

III.

In der Hauptstadt hatten wir Erfolg. Beide bestanden wir glanzvoll die Aufnahmeexamina der Moskauer Staatlichen Kulturuniversität für die bibliothekswissenschaftliche Fakultät. Tatsächlich gab es die Universität und eine gute Gemeinschaftswohnung nicht in Moskau selbst, sondern in der nahegelegenen Stadt Chimki, und man musste nach Moskau mit dem Autobus fahren und danach mit der Metro oder mit der S-Bahn bis zum Bahnhof im Zentrum, was hin und zurück drei Stunden Zeit beanspruchte. Doch das hinderte uns nicht, täglich ins Stadtzentrum zu fahren und Moskau zu erkunden. Die Eltern unterstützen uns finanziell, und wir hatten sogar Zeit und Geld, um einmal pro Woche ins Theater zu gehen und unsere in der ganzen Sowjetunion berühmten Lieblingsschauspieler live zu erleben. Leider dauerte das nicht lange. Es begann der Putsch – der Versuch eines militärischen Umsturzes im Jahre 1991. Wir hatten mit Politik gar nichts zu tun. Aber die Prügeleien unter den Anschlagsäulen mit politischen Losungen und die durch Moskau kreuzenden Panzer des Militärs nahmen uns das Gefühl der Gefahrlosigkeit. Wir hatten so viel über die Revolution von 1917 gelesen. Und hier gab es wieder eine Revolution. Wir wussten damals noch nicht, dass alles gut verlaufen und kein Blut vergossen werden würde. Wir empfanden Angst und hörten auf, Moskau zu vertrauen. Ich begriff, dass ich wieder nicht an den richtigen Ort geraten war, und wo meine Stadt sein würde, das lag noch vor mir.

Wenn es in der Sowjetunion keine Veränderungen gegeben und wenn sie nicht abgewirtschaftet hätte, dann wäre ich niemals nach Polen gekommen, um hier zu leben. Die Ukraine wurde zu einem unabhängigen Staat und führte ihre Geldkupons ein (das sind heute die Hriwny). Und wir blieben in Moskau ohne Existenzmittel. Wechselstuben für das Kupongeld in Rubel gab es damals noch nicht, und die Banken tauschten sie ebenfalls nicht ein. Aber es gibt „nichts Schlechtes ohne das Gute“. Wir waren genötigt, das Handeln zu erlernen. Und wenn gestern noch der Privathandel als Spekulantentum bezeichnet und gesetzlich verfolgt wurde, so handelte jetzt ganz Moskau. Auf den Märkten, Straßen und Bürgersteigen kam man an den Händlern nicht vorbei. Wie Pilze nach einem Regen wuchsen die Kooperativen – Zelte auf der Straße oder kleine Lädchen mit Waren aus Polen, China oder der Türkei. Und wir fuhren zu den Eltern in die Ukraine, tauschten dort die für unser Studium vorgesehenen Kupons in Strumpfhosen und anderen leichten und kompakten Tingeltangel ukrainischer Herstellung und verkauften all das auf dem Flohmarkt in Moskau. Und obwohl unsere Eltern mit unseren Tätigkeiten nicht einverstanden waren, weil uns das vom Studium abhielt, so sahen auch sie keinen anderen Ausweg. Aber sie hatten recht. Vom Studium hielt uns das für immer ab. Uns gefiel es so sehr, Geld zu verdienen (denn die erzielten Einnahmen waren erheblich mehr, als wir von den Eltern bekamen), dass wir beschlossen, wie viele andere in dieser Zeit mit den Waren nicht nach Moskau, sondern nach Polen zu fahren. Das machten wir am besten im August, denn das Studium in Moskau begann erst im Oktober. Dazu hatten wir dank unseres Handels schon die Möglichkeit, in Moskau ein eigenes Quartier zu beziehen und nicht mehr in einer Gemeinschaftswohnung zu leben. So beschlossen wir, für drei Tage nach Polen zu reisen, in eines von drei Ländern, mit denen damals schon ein reger Handel geführt wurde und das näher lag als China oder die Türkei. Wer hätte gedacht, dass wir, die wir für nur drei Tage nach Polen reisen wollten, für immer dort bleiben und niemals nach Moskau zurückkehren würden?

Als wir unsere Ware rasch verkauft hatten und für das eingenommene Geld das aussuchten und kauften, womit wir in Moskau handeln wollten, bestahlen uns Zigeuner. Es blieb uns nur das Kleingeld und ein paar Dosen der populärsten Konserven der früheren UdSSR, „Strömlinge in Tomatensoße“. Aber vor allem – es blieb das Gold. Wir waren behängt mit Gold wie Tannenbäume mit Lametta. Damals entwertete sich das Geld, die Ersparnisse unserer Eltern auf dem Sparbuch wurden zu Kopeken, die Leute vertrauten dem Geld nicht mehr und investierten in Wertsachen und andere teure Waren. Da war uns das Gold von Nutzen. Nachdem wir es verkauft hatten, verfügten wir über ein kleines Kapital, das wir hier in Krakau investieren wollten. Wir nahmen uns ein Zimmer und beschlossen, bis zum Oktober zu leben, Handel zu treiben und das Versäumte nachzuholen.

IV.

In Polen gab es damals viele, die so lebten wie wir. Man nannte sie Zwischenhändler. Sie kauften von denjenigen, die für ein paar Tage gekommen waren, und verkauften es teurer an die örtlichen Bewohner. Uns schien das ein gutes Geschäft zu sein, aber uns fehlte die Erfahrung und wir gingen bankrott. Schon war der Oktober da, und wir mussten zum Studium nach Moskau zurückkehren. Wir fassten noch einen Beschluss – nicht zurückzukehren. Für uns war es nicht mehr so schrecklich wie am Anfang, als wir hier keine Bekannten hatten und die Sprache gar nicht beherrschten. Wir hatten uns schon mit den Zwischenhändlern angefreundet und liebten unser geregeltes Leben. Wir lernten, polnisch zu verstehen, indem wir uns Kinderbücher kauften, aus denen wir die Wörter herausschrieben und sie mit Hilfe eines Wörterbuches lernten. Wir lernten, Bier zu trinken und in der ganzen freien Zeit durch Krakau zu spazieren. Wenn wir des Zufußgehens müde waren, dann setzten wir uns in die Straßenbahn und gönnten uns Exkursionen in die entlegeneren Bezirke Krakaus. Unsere Eltern schrien, flehten, argumentierten, aber wir wollten nicht an Moskau denken. Sie versuchten, uns von der Unrichtigkeit unserer Wahl zu überzeugen, sprachen von verlorenen Mühen um das Studium in Moskau, führten noch viele Argumente an, aber wir glaubten an uns. Wir hatten unsere Stadt gefunden, das magische Krakau. Wir wollten um keinen Preis fort, und unsere Eltern mussten nach Moskau fahren und dort unsere Sachen abholen. Ihnen gelang es auch, uns auf die Fern-Abteilung der Pädagogischen Hochschule in Winniza umzuschreiben.

Diesmal sollten wir die Investition des letzten Geldes gut durchdenken, um uns nicht noch einmal zu ruinieren. Ich möchte feststellen, dass in Moskau die meisten Mädchen dem äußeren Aussehen eine große Rolle zugemessen hat. Grelle Schminke, eine bewusste Art, sich zu kleiden – ein wahrer Kult des Äußerlichen. In Polen dagegen ein einfacher, leichter Stil, ohne Schminke und überall in Jeans – auf der Arbeit und in der Diskothek. Uns gefiel dieser ungezwungene Stil sehr. Aber es würde hier auch nicht sehr stören, sich die Wimpern zu tuschen. So setzten wir auf Kosmetik. Die war keine gängige Ware und „Unsere“ zeigten uns den Vogel. Aber wir entschieden, das zu verkaufen, worin wir einen Sinn sehen und was wir lieben. Und wir irrten nicht, und nachdem wir mit einem Tischchen Kosmetik begonnen hatten (zu mehr hatten wir kein Geld), besaßen wir nach einigen Monaten acht davon. Wir fanden einen Rechtsanwalt, der uns half, unsere Firma zu eröffnen, eine GmbH. Die Firma erwies sich als großer Erfolg, und ungeachtet der hohen steuerlichen und sozialen Abgaben, der hohen Büromiete, zu der noch die Korrespondenz, die buchhalterische und die juristische Betreuung kam, wuchsen wir trotzdem an einigen Punkten schnell und konnten Personal einstellen. Nach einigen Jahren eröffneten wir unseren Laden mit Kosmetik und Bijouterie. Zu dieser Zeit, nach zwei Jahren Polnischunterricht für Ausländer an einer Privatschule, sprachen und schrieben wir Polnisch fehlerfrei. Und das Wichtigste – die Firma gab uns alle Grundlagen für einen legalen Lebensunterhalt und einen zunächst befristeten, später dauerhaften Aufenthaltsstatus. Wenn man mich fragt, was mir half, mich in Polen zu akklimatisieren, dann antworte ich „meine Firma“.

Nach einigen Jahren schien es, dass wir fast nur noch Kontakte zu Polinnen hatten. Die Polinnen begannen, mehr auf sich zu achten und sich zu schminken, sodass unser Geschäft aufblühte, wir über mehr Geld und auch mehr Freizeit verfügten. Wir litten zu Anfang nicht sehr unter dem Gefühl der Exklusivität – das ist normal für alle Ausländer, und wir wünschten uns polnische Freunde in Krakau, gleichsam, um den Mangel an Verwandten, die in der Ukraine geblieben waren, zu kompensieren. Aber weil wir kontaktfreudig und offen zu den Menschen waren, gelang es uns, Freunde zu finden und uns einen kleinen Freundeskreis zu schaffen. Das waren Leute, die uns gefielen und mit denen es interessant war, sich zu unterhalten. Wir nahmen freudig Einladungen als Gäste an und luden selbst zu uns ein. Wir hatten Gesprächsthemen, von kulinarischen Themen bis zu religiösen verglichen wir Ähnlichkeiten und Unterschiede in unseren Speisen, Gebräuchen und religiösen Riten. Lena und ich waren schon längst von der Orthodoxie zum Katholizismus konvertiert. Das versteht sich von selbst, wenn man in einem katholischen Land lebt. Feiertage sind dann Feiertage, wenn man sie gemeinsam feiert.

Und was war am schwierigsten? Die Eltern. Wir sehnen uns nach ihnen und sie sich nach uns. Und dann die Verwandten mit dem ewigen „Wann kommst du?“ Oder „Ach, wenn du doch bei uns wärest!“ Aber man kann nicht zwei Leben gleichzeitig leben und gleichzeitig an zwei Orten sein. Na, und das Schuldgefühl, dass ich selten komme, dass wir uns so selten sehen. Aber mit den Jahren haben sich alle daran gewöhnt, und seit der Zeit, als Skype aufkam, können wir uns auch unterhalten und gegenseitig feststellen, dass im Allgemeinen alles ist wie früher. Obwohl ich ungeduldig auf die Reisen in die Ukraine warte, sind sie doch immer weniger und weniger geworden, jetzt nur noch einmal alle paar Jahre. Umso mehr, als wir unsere Firma aufgelöst haben und ich nicht mehr so viel Zeit und Geld habe, um öfter zu reisen.

Alles begann damit, dass jede von uns begann, ihr persönliches Leben zu organisieren. Unsere Dreizimmerwohnung verließen wir beide jeweils mit einem polnischen Mann. Wir teilten die Firma durch zwei und begannen jeweils eine eigene Tätigkeit im Handel. Aber nach einigen Jahren war der Handel sowohl bei mir als auch bei Lena gänzlich zum Stillstand gekommen, und wir schlossen diesen Abschnitt unseres Lebens, den Handel, der uns 20 Jahre lang in Polen unser Einkommen beschert hatte. Lena ließ sich zur Fremdenführerin ausbilden, arbeitet jetzt in dieser Funktion in Krakau und ist damit sehr zufrieden. Und ich fand erst einmal eine Arbeit in einer Konditorei, aber danach sehen wir weiter.

V.

Es war natürlich eine richtige Entscheidung, für immer in Polen zu bleiben. Was mir hier fehlt? Außer meinen Angehörigen – die russische Sprache. Der Umgang auf Russisch. Bücher auf Russisch. Und die russische Musik.

Ich denke, dass mein Schicksal für eine Ausländerin untypisch ist. Es ist nicht vergleichbar mit denen, die in der letzten Zeit aus der Ukraine nach Polen gekommen sind. Heute kommen viele, um zu studieren oder organisiert zu arbeiten. Auf uns hat hier niemand gewartet, und niemand hat uns geholfen. Wir halfen uns selbst und schufen uns und anderen hier für etwas mehr als 20 Jahre einen Arbeitsplatz. In gewisser Weise ähneln sich die Schicksale aller Ausländer nicht sehr, nicht ihre Erlebnisse, nicht ihre Bestrebungen.

Das Wichtigste im Leben ist die Selbstentfaltung als Persönlichkeit und die Fähigkeit, seine Grenzen zu überwinden. Krakau gab mir diese Möglichkeiten. Das Leben geht weiter.

Aus dem Russischen übersetzt von Friedemann Kluge.


Fußnote:


  1. Tschernigow ist der russische Name dieser Stadt; ukrainisch lautet er Tschernihiw.