Der innerorthodoxe Streit in der Ukraine

Zusammenfassung

Zum Jahreswechsel 2018/2019 wurde in der mehrheitlich orthodoxen Ukraine eine neue Kirche gegründet, die eigentlich die zersplitterte Orthodoxie im Lande einen sollte. Das ist jedoch nicht gelungen; die Spaltung setzt sich fort, und die Lage ist eher noch komplizierter geworden. Die kirchlichen Ereignisse lassen sich auch nicht getrennt von der politischen Entwicklung im Land sehen.

Prof. Dr. Thomas Bremer unterrichtet Ökumenik, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der Universität Münster und ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

In der Ukraine ist die Orthodoxie mit Abstand die größte Religionsgemeinschaft. Etwa drei Viertel der Bevölkerung zählen sich dazu. Doch vor mehr als einem Jahr ist ein Streit innerhalb der ukrainischen Orthodoxie eskaliert, der weitreichende Folgen für die Weltorthodoxie und übrigens auch für die orthodoxe Kirche in Deutschland hat. Hinter der Frage, wie die orthodoxe Kirche in der Ukraine organisiert sein soll, stecken weitergehende Fragen nach den Grundlagen der Kirchenstruktur überhaupt und nach den Kompetenzen innerhalb der Orthodoxie.

Die Vorgeschichte

Die ukrainische Hauptstadt Kiew war das Zentrum eines vorstaatlichen Verbandes ostslawischer Stämme. Im 10. Jahrhundert, lange bevor Moskau existierte, wurden die Bewohner dieses Gebietes, das „Rus“ hieß, christianisiert. Als die Rus im Laufe der kommenden Jahrhunderte ihren Schwerpunkt nach Norden verschob, waren die Bewohner also schon orthodoxe Christen. Mit der Zeit gewann Moskau immer mehr an politischer Bedeutung, während die von Kiew vor allem wegen der Mongoleneinfälle zurückging. Als das Russische Reich im 17. Jahrhundert seine Herrschaft auf die Ukraine ausdehnte, wurde die orthodoxe Kirche dort faktisch dem Moskauer Patriarchen unterstellt. Seither war die ukrainische Orthodoxie in jurisdiktioneller Hinsicht von Moskau abhängig.

Die Oktoberrevolution des Jahres 1917 gab Autonomiebestrebungen in der orthodoxen Kirche der Ukraine die Möglichkeit, sich zu artikulieren. Es entstand eine „autokephale“, also selbstständige Kirche, die explizit ukrainisch und nicht russisch sein wollte. Da sich kein Bischof bereit erklärte, diese Kirche anzuerkennen, musste sie ohne kanonische Hierarchie existieren. Die kommunistischen Machthaber ließen sie einige Zeit gewähren, auch um der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) zu schaden, doch schließlich ging sie in den Verfolgungen der 1930er-Jahre unter. Einen zweiten Versuch zur Gründung einer autokephalen Kirche gab es im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung; die Besatzer versuchten, durch die Unterstützung einer solchen Kirche die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen. Nach dem Kriegsende wurden die Gemeinden jedoch der ROK zugeteilt, und die autokephale Kirche überlebte nur in der Emigration, vor allem in Nordamerika. Nach dem Krieg gewährte der Sowjetstaat der ROK einen gewissen Handlungsspielraum; dazu gehörte auch, dass andere orthodoxe Kirchen (mit Ausnahme der Kirchen in Georgien und Armenien) nicht zugelassen wurden.

Diese Situation änderte sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, als im Rahmen der Perestrojka die staatliche Kontrolle und die Reglementierung von Religion aufhörten. Bereits 1990 bildete sich im Westen der Ukraine die „Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche“ (UAOK), mit tatkräftiger Unterstützung von Auslandsukrainern. Zwei Jahre später entstand in einem verwickelten Prozess die „Ukrainische Orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat“ (UOK-KP). Die bis zu diesen Ereignissen einzige Kirche strukturierte sich um und hieß nun „Ukrainische Orthodoxe Kirche“ (UOK). In vielen Publikationen wird diesem Namen die Bezeichnung „Moskauer Patriarchat“ hinzugefügt, um anzuzeigen, dass die UOK zur ROK gehört. Dieser Zusatz gehört aber nicht zu ihrem Namen und wird auch von ihr selber nicht verwendet.

Somit gab es seit den 1990er-Jahren drei orthodoxe Kirchen im Lande. Von ihnen galten zwei als „unkanonisch“, weil sie in der Weltorthodoxie nicht anerkannt waren. Nur die UOK genoss Anerkennung von den orthodoxen Kirchen in anderen Ländern, was zur Folge hatte, dass ein serbischer, griechischer oder rumänischer Priester, der die Ukraine besuchte, nur mit den Amtsträgern der UOK zelebrierte, hingegen die Vertreter der beiden anderen Kirchen auch bei Besuchen im orthodoxen Ausland nicht als legitime Vertreter der ukrainischen Orthodoxie angesehen wurden. Allerdings gab es auf der Ebene der Gläubigen häufig pragmatische Lösungen, d. h. der Gottesdienstbesuch und der Kommunionempfang wurden ermöglicht.

Die Situation wurde durch verschiedene zusätzliche Faktoren erschwert. Einer davon ist, dass das Oberhaupt der UOK-KP, der (selbsternannte) Patriarch Filaret, während der Sowjetzeit jahrzehntelang das Oberhaupt der UOK war, dann jedoch seine Kirche verlassen hatte und zuerst der UAOK und schließlich der UOK-KP beigetreten war. Von der ROK war er bereits in den 1990er-Jahren laisiert und schließlich exkommuniziert worden; für die UOK konnte er somit kaum als Gesprächspartner ernstgenommen werden. Ein weiterer Faktor ist die nationale Dimension der Auseinandersetzungen. Die UOK-KP beanspruchte mit ihrem Namen, die orthodoxe Kirche des Landes zu sein. Vor allem seit Beginn des Krieges 2014 versuchten die anderen Kirchen, die UOK als „russische“ Kirche darzustellen und damit unglaubwürdig zu machen. Die Tatsache, dass die UOK einen hohen Grad an Autonomie besaß, wurde dabei vernachlässigt. Die ukrainischen Regierungen seit der Unabhängigkeit verhielten sich unterschiedlich, je nach politischer Option. Zwar wurde das Ziel einer einheitlichen ukrainischen orthodoxen Kirche angestrebt, aber die Regierungen und Präsidenten unterstützten bald mehr die eine, bald mehr die andere Kirche. Die meisten Kirchengebäude, vor allem die historischen, waren in Staatsbesitz und wurden den verschiedenen Kirchen zur Verfügung gestellt, sodass jede von ihnen eine repräsentative Kirche in Kiew als Hauptsitz hatte. Die berühmte Sophienkathedrale aus dem 11. Jahrhundert war ein Museum, das nur gelegentlich für kirchliche Anlässe zur Verfügung gestellt wurde und wird.

Die Ereignisse des Jahres 2018

In den letzten Jahren hatte es mehrfach Bemühungen gegeben, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, das Oberhaupt der Weltorthodoxie, dazu zu bewegen, die UOK-KP als orthodoxe Kirche der Ukraine anzuerkennen, sie also kanonisch zu machen. Sowohl das Oberhaupt der UOK-KP als auch Regierungsvertreter besuchten Istanbul, um den Ökumenischen Patriarchen zu einem solchen Schritt zu bewegen. Zugleich gab es verschiedene Versuche, die beiden nicht kanonischen Kirchen zu vereinen. Diese Versuche scheiterten jedoch häufig an der Person von Filaret, der auch in einer neuen Kirche eine Führungsposition für sich beanspruchte.

Im Jahr 2018, etwa ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, intensivierte der damalige ukrainische Präsident Poroschenko seine Bemühungen, eine einheitliche orthodoxe Kirche des Landes zu schaffen. Dieses Mal stieß er bei Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel auf offenere Ohren, und letzterer erklärte im Juli 2018 in einem Brief an den Präsidenten, dass das Patriarchat von Konstantinopel „die Initiative ergriffen hat, die Einheit der orthodoxen Gläubigen in der Ukraine wieder herzustellen, mit dem endgültigen Ziel, der Kirche in der Ukraine Autokephalie zu gewähren“. In diesen Worten ist der Akzent bemerkenswert, der auf das Thema „Einheit“ gelegt wird. Als Anfang September in Istanbul eine Synode der Bischöfe des Ökumenischen Patriarchats stattfinden sollte, von der Schritte in diese Richtung erwartet wurden, reiste der Moskauer Patriarch Kirill am Vorabend in die Türkei, um seinen Amtsbruder zu treffen. Nach mehrstündigen Gesprächen kehrte er am selben Tag zurück; Metropolit Ilarion, der Leiter des Amtes für Außenbeziehungen der ROK, sprach nach der Rückkehr von brüderlichem Austausch.

Tatsächlich wurde auf dieser Synode nichts unternommen. Doch kurz darauf ernannte Bartholomaios zwei Bischöfe seines Patriarchats zu „Exarchen“, also Gesandten, für die Ukraine. Beide waren ukrainischer Abstammung und leiteten Diözesen in Nordamerika. Die ROK betrachtete diesen Akt als Einmischung des Ökumenischen Patriarchats in ihre inneren Angelegenheiten und reagierte mit einem Abbruch der Beziehungen auf Ebene des Klerus – russischen Priestern und Bischöfen war jetzt also die Konzelebration mit Vertretern Konstantinopels verboten. Die vermutlich erste Auswirkung hatte dieser Beschluss übrigens in Deutschland, als zur Inthronisierung des neuen serbischen Bischofs für die deutsche Diözese am 16. September 2018 der Vertreter des Ökumenischen Patriarchats nicht konzelebrierte, weil mehrere russische Bischöfe anwesend waren.

Am 11. Oktober 2018 nahm das Ökumenische Patriarchat die Gläubigen, Priester und Bischöfe der beiden ukrainischen Kirchen, die bislang nicht kanonisch waren, in die Kirchengemeinschaft auf. Das bedeutete keine Anerkennung der betreffenden Kirchen als kanonische Strukturen, aber es hatte die Auswirkung, dass die Mitglieder dieser Kirchen jetzt von Konstantinopel als kanonische Gläubige anerkannt waren. Auf diesen Schritt reagierte Moskau, indem es alle Verbindungen zu Konstantinopel abbrach. Jetzt konnten also auch russische Gläubige in den Kirchen des Ökumenischen Patriarchats die Sakramente nicht mehr empfangen. Der Schritt der Anerkennung war umso überraschender, als auch das Ökumenische Patriarchat bisher einzig die UOK als legitime Kirche in der Ukraine anerkannt und auch die Exkommunikation von Filaret, die die ROK ausgesprochen hatte, mitgetragen hatte. Auch ist weder von ihm noch von den anderen Amtsträgern, die bis zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Kirche standen, irgendein Akt der Umkehr oder Buße verlangt worden.

Die Aufnahme der Kirchengemeinschaft diente der Vorbereitung der Gründung einer neuen Kirche, die dann von Konstantinopel als kanonisch anerkannt werden sollte. Dazu wurde eine „Einigungssynode“ einberufen, die mehrfach verschoben wurde und schließlich am 15. Dezember 2018 in Kiew stattfand. Hierzu waren alle orthodoxen Bischöfe der Ukraine eingeladen – diejenigen der UOK jedoch, die die Mehrheit der Bischöfe des Landes stellte, lehnten die Einladung ab. Lediglich zwei von ihnen, die bereits am Tag zuvor in den Episkopat von Konstantinopel aufgenommen worden waren, kamen zu dem Treffen. Nach einer Reihe von Verzögerungen – die beiden anderen Kirchen lösten sich formell auf, der greise „Patriarch“ Filaret musste mühsam dazu gebracht werden, auf eine Kandidatur zum Oberhaupt der Kirche zu verzichten – wurde schließlich der 39jährige Metropolit Epifanij, ein enger Vertrauter von Filaret, zum Oberhaupt der Kirche gewählt.

Etwa drei Wochen später reiste Metropolit Epifanij in Begleitung des Staatspräsidenten nach Istanbul, wo er am 6. Januar – dem Heiligabend für die ukrainischen Orthodoxen, aber dem Epiphaniefest in Konstantinopel – aus den Händen des Ökumenischen Patriarchen einen „Tomos“, also eine Urkunde erhielt, mittels derer der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ (OKU) die Autokephalie gewährt wurde. Am 3. Februar 2019, seinem 40. Geburtstag, wurde Epifanij in Kiew formell als Metropolit der Stadt und Oberhaupt der OKU inthronisiert.

In der Folge kam es zu mehreren hundert Übertritten von Kirchengemeinden der UOK zur OKU. Bis Mitte des Jahres 2019 waren es etwa 500. Angesichts der Zahlenverhältnisse – die UOK hatte mit mehr als 12.000 Gemeinden etwa doppelt so viel wie die anderen Kirchen zusammengenommen – blieb die UOK die Kirche mit den meisten Gemeinden; über die Zahl der Mitglieder sind nur schwer zuverlässige Aussagen zu machen. Es wird berichtet, dass viele der Übertritte gewaltsam erfolgten, indem etwa junge Männer in Bussen zu den entsprechenden Gemeindeversammlungen gebracht wurden, die nicht zur Gemeinde gehörten, aber für einen Übertritt stimmten und zuweilen sogar Andersdenkende bedrohten. Aber selbst wenn alle Übertritte ordentlich zustande gekommen sein sollten, ändern sich die Zahlenverhältnisse kaum, zumal häufig der kleinere Teil der Gemeinde, der den Übertritt nicht mitvollziehen wollte, eine eigene, neue UOK-Pfarrei gründete.

Hintergründe und Perspektiven

Diese Entwicklungen sind von der früheren Regierung der Ukraine massiv unterstützt worden. Das Parlament verabschiedete etwa ein Gesetz, das solche Übertritte von Gemeinden erleichterte, und ein anderes (das allerdings inzwischen vom Verfassungsgericht außer Kraft gesetzt wurde), wonach die UOK das Wort „Ukrainisch“ aus ihrem Namen tilgen musste. Außerdem wurde sie in vielen Äußerungen von Vertretern der Regierung als „russische Kirche“ diffamiert, was nicht den Tatsachen entsprach. Die Kirche steht zwar als „Kirche mit weitgehender Autonomie“ in Gemeinschaft mit der ROK, hat aber etwa im Krieg mehrfach ukrainische Positionen vertreten. Doch wiegt der Vorwurf angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine umso stärker. Präsident Poroschenko führte seinen Wahlkampf mit dem Slogan „Armee! Sprache! Glaube!“ und sah die Gründung einer einzigen ukrainischen Kirche als wichtiges politisches Ziel. Er saß auch bei der oben erwähnten Vereinigungssynode im Dezember 2018 zwischen den Vertretern Konstantinopels am Präsidiumstisch, er gab der wartenden Menge das Ergebnis der Wahl bekannt, und die Synode selber war von der Präsidialadministration vorbereitet worden. Das half Poroschenko insofern, als er im Sommer 2018 bei den Umfragen noch an vierter Stelle lag und er es bei der Wahl immerhin in die Stichwahl schaffte. Dort aber unterlag er deutlich dem jetzigen Präsidenten Selenskyj. Dieser hatte sich bereits im Vorfeld als an religiösen und kirchlichen Fragen wenig interessiert gezeigt. Inzwischen hat er zugesagt, sich nicht in kirchliche Fragen einzumischen und die Religionsfreiheit im Lande zu beachten. Es ist bemerkenswert, dass seit seiner Wahl nur noch sehr wenige Gemeinden zur OKU übergetreten sind.

Es ist wohl zu erwarten, dass auf längere Zeit zwei orthodoxe Kirchen in der Ukraine existieren werden, die beide Kanonizität beanspruchen können – die eine über Konstantinopel, die andere über Moskau. Die Ereignisse haben zu großen Problemen in der Weltorthodoxie geführt. Außer dem Patriarchat von Konstantinopel hat keine andere orthodoxe Kirche die OKU als kanonisch anerkannt; einige, wie etwa die Serbische Orthodoxe Kirche, lehnen sie ausdrücklich ab. Die Tatsache, dass Metropolit Epifanij (und viele andere Bischöfe) von „Patriarch“ Filaret zu einer Zeit zum Priester und zum Bischof geweiht worden war, als dieser von allen Orthodoxen als exkommuniziert betrachtet wurde, erschwert eine Anerkennung noch zusätzlich. Alle anderen orthodoxen Kirchen halten nach wie vor Gemeinschaft sowohl mit Konstantinopel als auch mit Moskau, sodass es nicht zu einem Auseinanderbrechen der gesamten Orthodoxie gekommen ist. Es gab auch eine Initiative der orthodoxen Kirche von Zypern, zwischen den Parteien zu vermitteln, die bisher aber ergebnislos geblieben ist.

Inzwischen haben sich auch Metropolit Epifanij und „Patriarch“ Filaret zerstritten; letzterer erkennt mit einigen Bischöfen den Tomos und die neue Kirche nicht mehr an und beansprucht, weiterhin Oberhaupt eines Kiewer Patriarchats zu sein. Er sagt, dass vor der Vereinigungssynode am 15. Dezember seine Kirche nicht aufgelöst worden sei und der Tomos nicht annehmbare Bedingungen enthalte. Auch sprechen Bischöfe, die zu ihm halten, davon, dass ihnen der Text des Tomos nicht bekannt gewesen sei (der ja auch erst nach der Synode überreicht wurde) und dass ihnen Versprechungen gemacht worden seien, die jetzt nicht eingehalten würden. Gegen die Streichung der UOK-KP aus dem staatlichen Register der Religionsgemeinschaften hat Filaret Klage erhoben.

Interessant ist die Frage nach den kirchlichen Hintergründen. Es ist nicht klar, was das Patriarchat von Konstantinopel zu diesen Schritten bewogen hatte. Mehrere Beweggründe sind denkbar. Zwei Jahre zuvor hatte die ROK das Panorthodoxe Konzil boykottiert, das Konstantinopel seit vielen Jahren vorbereitet und organisiert hatte. Seither waren die Beziehungen zwischen den Kirchen noch angespannter, als das ohnehin schon der Fall war. Durch diese Absage mag sich Konstantinopel nicht mehr daran gebunden gefühlt haben, in der Ukraine nicht zu intervenieren. Es kann auch sein, dass man irrtümlich erwartet hatte, die allermeisten Orthodoxen der Ukraine würden sich der neuen Kirche zuwenden. Bartholomaios und andere Vertreter seiner Kirche haben mehrfach darauf verwiesen, dass durch die Anerkennung vonseiten Konstantinopels Millionen orthodoxer Gläubiger, die bisher zu schismatischen Gemeinschaften gehört haben, in die orthodoxe Kirche aufgenommen wurden; danach wäre ein pastoraler Grund von Wichtigkeit gewesen. Schließlich ist auch politischer Druck nicht auszuschließen; die Regierung der Vereinigten Staaten hat mehrfach in dieser Angelegenheit interveniert.

Vor allem aber gibt es in der Orthodoxie keine Einheit darüber, wie die Autokephalie erlangt werden kann. Die Kirche von Konstantinopel beansprucht, darüber als diejenige Kirche, die den ersten Platz in der Orthodoxie innehat, entscheiden zu können, und sie ist ja auch entsprechend verfahren. Von einigen anderen Kirchen wird dieser Anspruch jedoch nicht anerkannt. Konstantinopel hat also in einer Situation gehandelt, als es erwarten musste, dass sein Schritt schon aus formalen Gründen bei vielen Orthodoxen auf Widerstand stoßen würde.

Die jetzige Situation entspricht in vieler Hinsicht der Wirklichkeit der Ukraine. Der Versuch der Polarisierung, den Präsident Poroschenko unternommen hat, ist nicht aufgegangen, auch nicht in Bezug auf die Kirche. Drei Viertel der Wähler haben sich für jemanden entschieden, der besser Russisch als Ukrainisch spricht und für den eine einzige orthodoxe Kirche im Land kein wichtiges Ziel ist. Natürlich gab es auch andere wichtige Gründe für den Wahlausgang, etwa die Erfolglosigkeit von Poroschenko, den Krieg zu beenden, die Korruption zu bekämpfen oder die Wirtschaft voranzubringen. Doch scheint es deutlich, dass das monolithische Bild des Landes, das er in seinem Wahlkampf gezeichnet hat, nicht der Wirklichkeit entspricht und auch von den Wählern nicht als reale Beschreibung ihres Landes wahrgenommen wurde. Für die Kirchen bedeutet das, dass auch die jetzige Lage in gewisser Weise die Situation im Lande widerspiegelt. Aber diese Lage entspricht nicht den Grundsätzen der orthodoxen Kirchenlehre, wonach es in einem Land mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit nur eine orthodoxe Kirche geben darf. Die Weltorthodoxie hat große Aufgaben vor sich, um diese Situation zu lösen.