Bulgarien – ein Land zwischen Tradition und Moderne

Der Autor ist Journalist, Historiker (mit dem Schwerpunkt Südosteuropa) und Spezialist für das Management europäischer Bildungsprojekte.

Mit dem Selbstbewusstsein der Bulgaren hat es eine besondere Bewandtnis: Wo sonst trifft man in Europa Leute, die ihr Land so lieben und so schmähen? Vielleicht liegt es daran, dass es so viel zu bieten hat an Schönem und an Hässlichem. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Bulgaren auf der Landkarte der Vorstellungen, Erwartungen und Wirklichkeiten in einer Zwischenwelt leben, die es schwer macht zu sagen, wo man sich befindet: Im „Orient“ mit seinem Schlendrian? In „Europa“ mit seiner Bildungstradition? Bei Russland mit seinen Oligarchen? Bei den USA, mit NATO, Baseballkappen und einem sozialen Netz mit übergroßen Löchern? Dazwischen irgendwo liegt Bulgarien.

Bevor wir den Widersprüchen bulgarischen Befindens in einigen Erscheinungsformen nachgehen, ein kurzer Blick auf das Gute an, das dieses Land zu bieten hat! Als erstes wären die Tomaten zu nennen. Groß, derb und rosarot, bis zu einem Pfund schwer. Diese durch und durch reifen Früchte ergeben einen phantastischen Salat, ihr Fleisch leuchtend in der Schüssel. Sie vom Markt oder aus dem Garten auf den Küchentisch zu bringen, ist die Sommerfreude jedes echten Bulgaren. Leider sind sie im Verschwinden begriffen: Sie passen nicht ins Normen- und Verkehrsgefüge der Europäischen Union, welcher Bulgarien seit 2007 angehört. Jetzt setzen sich auf den Gemüsemärkten die kleinen, harten, geschmacklosen, aber unbegrenzt lagerfähigen Bällchen durch. Ein Jammer. Ein Kulturverlust. Doch solange es die echten Tomaten noch gibt, werden sie zu den Fundamenten der Heimatliebe zählen.

Zweitens: die Landschaften mit ihrer Vielfalt und ihren malerischen Formen. Die Reise von der im Westen gelegenen Hauptstadt Sofia nach Osten ans Schwarze Meer führt durch ein weites Tal, eingerahmt von imposanten Höhenzügen, die im goldenen Dunst verschwimmen. Links das Balkangebirge, schwer zugänglich wie in den Zeiten, als sich in seinen Wäldern Freiheitskämpfer gegen die Türken und Partisanen versteckten. Rechts die Rhodopen, dem Schwarzwald ähnlich, kühl im Sommer, schneereich im Winter, bei Kulturwissenschaftlern beliebt wegen der Pomaken, einer Bevölkerungsgruppe, die bulgarisch spricht und muslimisch glaubt, jedenfalls traditionell. Überlieferte Lebensformen haben sich hier länger gehalten als anderswo. Die Grenze nach Griechenland war die Frontlinie zwischen Kapitalismus und Sowjetimperium, mit beschränktem Zutritt.

Die Schwarzmeerküste ist Besuchern aus dem Westen vor allem durch Pauschalreisen in die großen Bade-Anlagen „Sonnenstrand“ und „Goldstrand“ bekannt. Freilich, den Gästen dort blieben die eigentlichen Schönheiten der Küste verborgen: Weite Buchten mit feinem Sand, getrennt durch Steilufer, wo die Wogen durch ausgewaschene Felsen gurgeln; das Hügelland bedeckt von Eichenwald und Steppe. Hier gäbe es Naturschätze zu bewahren, die man in Europa sonst verloren hat.

Die Bulgaren wissen das. Die größten Liebhaber ihres Meeres sind sie selbst. Auch und gerade in sozialistischer Zeit war der Badeurlaub ein Fixpunkt im Jahreszyklus. Zur Freiheit von den Alltagszwängen kam die Freiheit einer weitgehend in Ruhe gelassenen Natur. Die unter Bäumen versteckten Hüttensiedlungen fügten der Landschaft wenig Schaden zu. Aus dem Urlaubstraum wurde nach der Wende jedoch ein nationales Trauma. Das Auftürmen von Ferienbunkern in mehreren Reihen, wie es die von städtebaulicher Regulierung nicht behelligte Investitionswut der Wende-Millionäre fertigbrachte, ist den Bulgaren zuwider, gerade weil sie ihr Meer ganz anders kennen. Mit der Erinnerung, wie schön es an der Küste einmal war, fahren viele Bulgaren jetzt lieber nach Griechenland. Die betonierten Buchten zuhause gruseln sie zu sehr.

Das Räderwerk knirscht

Bulgaren neigen zu unnachsichtiger Selbstkritik. Bălgarska rabota („bulgarische Arbeit“) ist ein Ausdruck für etwas, das nicht funktioniert. Schlechter ist eigentlich nur „ciganska rabota“, weil hier zur mangelhaften Qualität noch betrügerische Absicht kommt. Konzentriert auf die Qualitäten anderer Nationen – wie etwa die angebliche Pünktlichkeit der Deutschen – übersehen sie die eigenen schönen Züge. Was den Staat angeht, ist die Kritik jedoch berechtigt. Der EU-Beitritt 2007 täuscht ein bisschen über die Mängel im System hinweg. Dass der Staat zu 70 Prozent nicht funktioniert, wird auch überspielt durch den wirtschaftlichen Aufwärtstrend der letzten Jahre. Der Bauboom an der Küsten, im Gebirge und der Hauptstadt bescherte Arbeitsplätze. Aber Wirtschaftspolitik? Dass diese Bauwut, die zu einem großen Teil auf schwarzem oder grauem Geld beruht, so nicht andauern wird, ist klar. Was danach kommt, weiß man nicht.

Das Bildungssystem? Ein gutes Maß für seine Leistungsfähigkeit ist das Gehalt der Lehrer (220 Euro im Monat). Schul- und Universitätsabschlüsse sind käuflich. Inhalte und Methoden sind von vorgestern. Rechtskunde im Tourismus-Studium: Der Professor liest das Gesetz vor, die Studenten schreiben es in ihre Hefte. Aus den beruflich orientierten Gymnasien, speziell in der Provinz, werden ganze Jahrgänge in die Arbeitslosigkeit entlassen, weil die Berufe, für die ausgebildet wird, niemand mehr braucht. Dass es auch gute, hingebungsvoll arbeitende Lehrer gibt, gehört zu den praktischen Widersprüchen des Systems.

Die Justiz? Den Reformen im Strafrecht und Strafprozessrecht zum Trotz, die von der EU gefördert werden, findet man auf allen Ebenen Inkompetenz, Bestechlichkeit und den direkten Einfluss politischer Amtsträger. Fahnder planen eine Razzia im Alkoholgeschäft, um Steuerhinterzug in Millionenhöhe nachzuweisen; der Fabrikant wird vorgewarnt, und zwar vom Vizechef der Sonderpolizei für organisierte Kriminalität. Von wem denn sonst, man kennt sich doch (versprochenes Dankeschön: ein Laptop und ein Jagdgewehr.) Die 150 Auftragsmorde aus den letzten Jahren, verübt an Geschäftsleuten und Leuten aus der Unterwelt, braucht man gar nicht zu erwähnen. Keiner dieser Fälle ist bis heute aufgeklärt. So ist es kein Wunder, wenn die Bulgaren seit ein paar Jahren etwas skeptisch sind, was die Qualitäten ihres Staates anbelangt.

Nun ist es gar nicht so, dass das Leben in Bulgarien so gefährlich wäre. Man kann bei Tag und Nacht spazieren gehen, wo man will; das Risiko, beraubt zu werden ist gering (vom Taschendiebstahl abgesehen, und vorausgesetzt, man ist beim Umgang mit Gemüsehändlern und Taxifahren wachsam). Gefährdet ist man, wenn man wirklich Geld hat, und besonders, wenn man zu jenem Netz von Verbrechern und Geschäftsleuten gehört, das in den neunziger Jahren Jahren entstand, als der sozialistische Staat demontiert wurde.

Demontage und Abtransport

Je tiefer man (so weit das möglich ist) in die Vorgänge um 1989 hineinblickt, desto klarer wird, dass die Wende in Bulgarien inszeniert war von der zweiten Reihe der Partei-Oberen und von Geheimdienstleuten. Sie sahen, indem sie dem altbackenen Živkov-Regime1 ein Ende setzten, eine Chance, das verbliebene Produktivvermögen der Volksrepublik in ihre eigenen Taschen zu privatisieren. Dass der sozialistische Staat ökonomisch am Ende war und sowieso zusammengebrochen wäre, erleichterte die Demontage.

Die kommunistische Staatssicherheit (Dăržavna sigurnost) hatte schon vor der Wende einen Fuß in Geschäften wie dem Drogenhandel. Dazu kamen buchstäblich Tausende von jungen Männern, denen man in den achtziger Jahren den Berufsweg des Profisportlers geöffnet hatte (mit staatlichem Gehalt), in so nützlichen Sportarten wie dem Ringen und dem Boxen. Was für ein Zufall, dass die biznesmeni, die nach 1989 auftauchten, allesamt mit der Staatssicherheit zusammenhingen. Und was für ein Zufall, dass sie über Banden stiernackiger Rüpel verfügten, die bereit waren, jeden kurz und klein zu schlagen. Dafür hatte man sie ja trainiert. Ein beliebtes Geschäft in den Jahren nach 1990 war es, eine Versicherungsfirma zu gründen und dann das, wogegen man versicherte (Autodiebstahl etwa), mit Hilfe der Goldkettchen-und-Sonnenbrille-Jungs ein bisschen zu befördern. Ein Auto, das nicht versichert war, war in der Regel innerhalb von zwei Tagen verschwunden.

Diese Geschichte zu erzählen, würde Bücher füllen. Bücher, die erklären würden, wieso Bulgaren so wenig vom Staat halten. Und wie es dazu kam, dass einige Personen, die zur rechten Zeit am rechten Platz und frei genug von Skrupeln waren, heute im Besitz von weiten Teilen der bulgarischen Wirtschaft sind. Wer im Energie- und Bankensektor nicht mitspielen durfte, investierte die Millionen, die er abbekam, in Hotels am Schwarzen Meer. Das brauchte kein Know-how und versprach schöne Gewinne, denn für, sagen wir, 20 Millionen D-Mark kann man sich schon einen ordentlichen Kasten an den Strand stellen (gerne im Naturschutzgebiet, aber wen interessierte das schon – den Staat bestimmt nicht). Dann noch schnell einen Vertrag mit einem deutschen Reiseveranstalter abschließen, und wir sind ein gemachter Mann, mit völlig legalen Einkünften. Billige Arbeitskräfte waren verfügbar und sind es weiterhin: Das niedrige Lohnniveau hat Vorteile, wenn man es aus Unternehmersicht betrachtet.

Die von solchen Geschäften generierte wirtschaftliche Entwicklung ist scherenförmig. Es fehlt ja nicht an Geld. Es ist nur schlecht verteilt: Nirgendwo sonst in Europa – Russland einmal nicht dazu gerechnet – sieht man auf den Straßen so viele schwarzglänzende Allradmonster. Rund um Sofia bauen sich die Neureichen Paläste, die in Dimension und Formensprache wetteifern mit dem, was man aus Seifenopfern kennt. „Ganoven-Barock“ (mutrenski barok) heißt dieser Stil im Volksmund.

Gleichzeitig fragen sich Hunderttausende von Rentnern, wie sie den nächsten Winter überleben sollen: Die Rente reicht entweder für das Essen; oder für die Heizung; oder für Medikamente. Aber immer nur für eines davon. Armut sieht man nicht. Sie versteckt sich zuhause. Und stirbt.

Die Mängelliste des staatlichen Systems lässt sich beliebig fortsetzen. Man könnte das Gesundheitswesen erwähnen (mit abenteuerlichen Zahlen von Behandlungsfehlern in den Krankenhäusern), die Müllwirtschaft (Neapel lässt grüßen), den dummdreisten Missbrauch von Geldern der EU (egal ob vorgesehen für die Landwirte oder für den Straßenbau, es finden sich immer Mittelsmänner, die das Geld verschwinden lassen). Weil das so offensichtlich war, hat die EU im letzten Jahr Hunderte Millionen Euro für Bulgarien vorläufig gesperrt. 85 Prozent der Bulgaren haben das begrüßt: „Bei uns käme es sowieso nicht an, das stecken sich alles die da oben in die Tasche.“

Der nächste Retter

Der Mangel an politischer Erfahrung und zivilem Selbstvertrauen bei den Bürgern führt dazu, dass Politik seltsame Blüten treibt. Die Wähler sehen periodisch, dass es so nicht weiter geht, und suchen Zuflucht beim starken Mann, der sie erlösen soll. Ein solcher politischer Messias war Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha, Sohn des letzten regierenden Zaren von Bulgarien. 2001 trat er mit einer neugegründeten Partei zur Parlamentswahl an. Sogleich erhielt er 43 Prozent der Stimmen. Sein Versprechen: In 800 Tagen das Land zu sanieren. Das klappt nicht, und 2005 gewann eine Parteiengruppe unter der Führung der Sozialisten (BSP)2 mit 31 Prozent die meisten Stimmen. Sie waren mit Sergej Stanišev angetreten, einem Mini-Messias ohne spezielle Berufserfahrung, aber mit den richtigen Verbindungen: Sein Vater war Sekretär des Zentralkomitees der bulgarischen Kommunisten gewesen. Stanišev regierte 2009. Dann roch der Wähler, dass mehr denn je faul im Staate war: undurchsichtige Verträge mit Russland über den Bau von Pipelines und Atomkraftwerken, als „Grundstückstausch“ verbrämte Plünderung des Staatsvermögens …

Zum Glück stand der nächste Retter schon bereit: Bojko Borisov, verglichen mit dem pausbäckigen Stanišev ein ganzer Kerl, nach dem Geschmack der Leute: bullig, schwer, Kampfsportler, Feuerwehrmann, Leibwächter Todor Živkovs, von Simeon zum Polizeichef gemacht, als solcher ein Liebling der Medien, von dort dann der Sprung ins Amt des Bürgermeisters von Sofia. Bei den Wahlen im Juli 2009 gewann Bate Bojko („Großer Bruder Bojko“), wie ihn das Volk beziehungsweise die Journalisten nennen, mit seiner zu diesem Zweck gegründeten Partei (GERB) die traditionellen 40 Prozent. Nun muss man abwarten, ob er wirklich aufräumt im Staate, oder wer als nächster Messias auf die Bühne tritt.

Puzzlesteine des Wir-Gefühls

Das Kabinett, mit dem Borisov angetreten ist, brachte Gesichter in die Politik, die man bisher kaum kannte (was als positiv empfunden wird: Wenigstens sind sie nicht jetzt schon kompromittiert). Mit einer Ausnahme: Den neuen Posten eines „Ministers für die Bulgaren im Ausland“ erhielt Božidar Dimitrov, bisher Leiter des Geschichtsmuseums. Seine Popularität beruht auf gut lesbaren Büchern mit Titeln wie „Die Bulgaren – die ersten Europäer“. Wie so oft in den Balkanländern dient Geschichte ihm weniger der kritischen Reflexion von Herkünften und Hintergründen als vielmehr dafür, den Glauben an die anderorts schon ausrangierte Idee der Nation zu beflügeln.

Sehr präsent als Puzzleteile des nationalen Mosaiks sind – schon wegen ihres Denkmals vor der Nationalbibliothek – die Mönche Kyrillos und Methodios, aufgewachsen im 9. Jahrhundert in Thessaloniki als Söhne einer Offiziersfamilie. Kyrill (bürgerlich: Konstantinos), hoch gelehrt und als byzantinischer Diplomat auch weit gereist, schuf ein Alphabet, um religiöse Schriften ins Slawische zu übertragen. Seine „Glagolica“ kennen heute nur noch Philologen, doch ausgehend von ihr entstand später eine einfachere Schrift, die man heute als „kyrillische“ für einige slawische Sprachen verwendet. In einer Medienkampagne 2007 wurden Kiril i Metodij unter die zehn „größten Bulgaren aller Zeiten“ gewählt. Über eine solche nationale Zuschreibung wären die zwei byzantinischen Gelehrten wohl sehr erstaunt, aber was sollen sie machen: Auch andere Nationen in Südosteuropa beanspruchen sie als nationales Erbe.

Brückenbauen über die Jahrhunderte

Ein anderer wichtiger Bezugspunkt für das nationale Selbstbewusstsein sind die bulgarischen Reiche des Mittelalters. Aus byzantinischen Chroniken kennt man 681 als das Jahr, in dem ein kriegerischer Trupp von Voulgaroi unter ihrem Anführer Asparuch sich südlich der Donau festsetzte. Byzanz versuchte, dies militärisch zu verhindern, scheiterte, und regelte die bilateralen Verhältnisse dann lieber mit Geld. Daraus erwuchs dem byzantinischen Reich ein Nachbar, veränderlich sowohl in seiner Ausdehnung als auch in den Formen seiner Abhängigkeit. Zeitweise (1018 bis 1186) verschwand das Bulgarenreich ganz von der Landkarte. Zu anderen Zeiten wurde es so mächtig, dass selbst Konstantinopel seine Prinzessinnen zur Beziehungspflege einsetzte. Der Traum von „Bulgarien an den drei Meeren“ stammt aus diesem „goldenen Mittelalter“.

Noch identitätsstiftender als die Mittelalter-Reiche ist die Zeit der „bulgarischen Wiedergeburt“ im 18. und 19. Jahrhundert. „Wiedergeburt“ ist eine raffinierte Prägung, denn was wiedergeboren wird, muss ja schon einmal auf der Welt gewesen sein. Damit ist mit einem Zungenschlag die Brücke gebaut vom 19. Jahrhundert zu den Zarenreichen des Mittelalters. Die kleine Lücke von 500 Jahren, die dazwischen liegt, kann übergangen werden. Die Zeit der Osmanenherrschaft seit Ende des 14. Jahrhunderts wird zum Dornröschenschlaf der bulgarischen Nation. Aus 500 Jahren Dämmerzustand „erwachte“ die Nation im 18. und 19. Jahrhundert. Ein erstes Signal war 1762 zu hören, als der Mönch Paisij in einem Kloster auf dem Athos eine „Slawobulgarische Geschichte“ schrieb und sagte, dass man sich als slawisch sprechender Bulgare nicht zu schämen brauche vor den Griechen, die die Kirche und das Handelswesens in jenem Teil des Osmanenreiches dominierten.

Das nächste Signal vernahm man 1870, als der Sultan in Istanbul schriftlich zugestand, dass es von nun an eine eigene bulgarische Kirche geben solle, gesondert von der griechischen. Die kirchliche Unabhängigkeit des „Exarchats“ wird als Vorstufe zur staatlichen Eigenständigkeit gesehen. Das Verdienst der Kirche um die Nation hat selbst die kommunistische Partei, die konkurrierende Heilslehren ansonsten eifersüchtig unterdrückt, dazu bewogen, der Kirche in der bulgarischen Geschichte einen gewissen Platz in den Schulbüchern einzuräumen.

Die Integrationsfigur

Für die Abnabelung vom Sultansthron gab es im 19. Jahrhundert auf dem Balkan verschiedene Modelle, darunter nicht zuletzt den Vorschlag, wie Österreich-Ungarn eine Doppelmonarchie einzurichten, mit dem Sultan als Oberhaupt über beide Teile, den türkischen und den bulgarischen. Das Geschichtsbewusstsein der Bulgaren kennt diese friedlichen Ideen kaum. Aktiv erinnert wird vielmehr eine Geschichte von Aufstand, Revolution und Heldentum. Im Zentrum der etablierten Erzählung steht ein Netzwerk von vornehmlich jungen Burschen, die Mitte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts versuchten, mit einem Volksaufstand die Osmanenherrschaft abzuschütteln, eventuell mit Hilfe der europäischen Großmächte. Mit ein paar Aktionen im Innern hoffte man, deren Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Die beliebteste Figur aus den Reihen dieser Revolutionäre ist Vasil Ivanov Kunčev, besser bekannt als Vasil Levski, der 1873 wegen Mordes hingerichtet wurde. Zuvor war er jahrelang durchs Land gezogen, um Zellen für den Aufstand zu gründen. Das jugendliche Porträt des Revolutionäres, glattrasiert, mit großem Mund, hängt praktisch in jedem Klassenzimmer, Rathaus und Ministerium. So wichtig ist Levski für das nationale Wir-Gefühl, dass die Bulgaren ihn „den Apostel“ nennen. Eine echte Integrationsfigur: Kommunisten, Christen, Anarchisten, Pazifisten, Nationalisten, Demokraten – alle sehen in Vasil Levski ihren Vorkämpfer.

Der Aufstand 1876 wurde niedergeschlagen, aber der Plan schlug nicht ganz fehl: Getragen vom Bruderschaftstaumel der panslawischen Öffentlichkeit jener Zeit, nicht weniger allerdings von machtpolitischen Interessen, sandte Zar Alexander II. aus Petersburg im Jahre 1877 seine Bauernsoldaten über die Donau, um der schwächelnden Osmanendynastie die europäischen Besitzungen abzunehmen („Befreiung“ nach der auf Siegerseite etablierten Deutung). Der Widerstand der übrigen europäischen Mächte verhinderte die Gründung eines Großbulgarien von Russlands Gnaden, wie es im Frieden von San Stefano (1878) skizziert war. Der Berliner Kongress ein halbes Jahr später ließ nur ein kleines, tributpflichtiges Fürstentum Bulgarien zu sowie ein osmanisches Sondergebiet in der Südhälfte des heutigen Bulgarien namens Namen Ostrumelien3 mit christlichen Gouverneur. Darum ist „San Stefano“ das Stichwort, bei dem jeder Bulgare, der im Schulunterricht aufgepasst hat, seufzt: „So groß wäre Bulgarien eigentlich …“

Unterdrücker in Pluderhosen

Die 500 Jahre der Osmanenherrschaft in Südosteuropa gelten dem populären bulgarischen Bewusstsein noch immer als tursko robstvo (Türken-Sklaverei): eine Zeit, in der Bauern ausgenommen, Christen zwangsislamisiert, Mädchen vergewaltigt, Knaben ihren Familien geraubt und Klöster in regelmäßigen Abständen niedergebrannt wurden – so die verbreiteten Klischees. Selbstverständlich gibt es heute auch Geschichtswissenschaftler, besonders in der jüngeren Generation, mit Anschluss an den Diskurs im Ausland, die das differenzierter sehen. Doch auch gebildete Leute in Bulgarien bekennen, dass ihnen, wenn sie an „die Türken“ denken, unwillkürlich gruselt. Dem Bild vom schnauzbärtigen Unterdrücker in Pluderhosen kann man sich nur schwer entziehen.

Vor zwei Jahren hatten deutsche und bulgarische Historiker und Kunstgeschichtler eine Ausstellung geplant, die anhand des Ölgemäldes „Das Massaker von Batak“ zeigen sollte, wie das Geschichtsbild einer Nation geprägt wird. Batak ist ein Städtchen in den Rhodopen, das 1876 als Folge des erwähnten Aufstands viele Tote zu beklagen hatte. Die Ausstellung zeigte, auf welchen nachgestellten und fotografierten Szenen das Ölgemälde beruhte. Ein Skandal! So lieb war (130 Jahre später) den Bulgaren ihr Batak geworden, dass die bulgarische Co-Autorin des Projekts Drohungen gegen Leib und Leben erhielt. Die Ausstellung wurde abgesagt. Die von Boulevard-Blättern sowie dem Staatspräsidenten Georgi Părvanov höchst persönlich angeheizte Öffentlichkeit wollte sich den Glauben an die Bilder nicht nehmen lassen. Die Mythen der Nation zu reflektieren, das ist Hochverrat.

Zum Glück ändert sich die Welt schneller als die Bilder, die man von ihr hat. Was das Türkenbild anbelangt: Viele Bulgaren fahren jetzt auch in die Türkei in Urlaub. Sie kommen von dort in der Regel sehr fröhlich zurück. Als Kulturmittler wirkt neuerdings auch eine türkische Fernsehschnulze, die wochentäglich in einem der zwei wichtigsten landesweiten Programme ausgestrahlt wird. Das Liebes- und Familienleben der hübschen Darsteller wird von der (weiblichen) Bevölkerung geradezu verschlungen. Das ist insofern eine kleine Revolution, als Hardcore-Nationalisten sonst schon Zeter und Mordio schreien wegen der fünf Minuten Fernsehnachrichten auf Türkisch, die das Staatsfernsehen am Nachmittag sendet.

Das Nebeneinander als Modell?

Die etwa 750.000 Türken, die in Bulgarien überwiegend in den zurückgebliebenen östlichen Landesteilen leben, spielen für das Selbstverständnis der Nation dagegen keine Rolle. Sie sind einfach da. Manchmal versuchen nationalistische Kreise, Kredit daraus zu schlagen, indem sie öffentliche Kampagnen gegen den Neubau von Moscheen oder gegen Muezzin-Rufe starten. Der gewöhnliche Bulgare nimmt das nicht so ernst. Er sucht das ungestörte Nebeneinander. Politiker benutzen den Begriff des „bulgarischen ethnischen Modells“. Das Wort ist hoch gegriffen. Auf die Realien des Alltags bezogen meint es, dass Türken und Bulgaren sich nicht die Schädel einschlagen. Ethnographen unterfüttern das mit Berichten, wie Nachbarn mit christlicher und muslimischer Familientradition ihre Feste gemeinsam feiern, oder dass manchmal auch der Hodscha und der Pope zusammen auftreten. Man müsste allerdings anfügen, dass die Leute in den östlichen Landesteilen heute auch deshalb so darauf erpicht sind, in Ruhe gelassen zu werden, weil ihnen noch der Schrecken in den Gliedern sitzt aus den achtziger Jahren, als das Regime versuchte, mit Polizei- und Militärgewalt aus Mehmet einen Miroslav und aus Ülviye eine Silvia zu machen.

Worauf das ruhige Miteinander heute sich auch gründen mag: Was es wert ist, wird klar, wenn man an Bosnien, Kosovo und Makedonien denkt, wo Brandstifter die potenziellen Reibungen an Sprach- und Religionsgrenzen für ihre ganz eigenen Ziele ausnützen. Eine dauernde Diskussion in Bulgarien findet darüber statt, ob das „bulgarische ethnische Modell“ stabil ist oder ob Leute mit genügend Einfluss auch hier Lunte legen könnten für einen gewalttätigen Konflikt.

Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die das Land prägt, aber nicht sein Selbstverständnis, sind die Roma. Die Schwierigkeiten fangen damit an, dass niemand sagen kann, wie viele es sind (370.000 oder 800.000?) und wer eigentlich dazugehört. Offensichtlich Roma sind jene, die in Slums am Stadtrand leben und mit dem Pferdewagen durch die Straßen ziehen, um das zu tun, was der gewöhnliche Bulgare noch immer nicht gelernt hat: Müll sortieren in wiederverwertbare Fraktionen. Doch es gibt auch Reiche mit großen Häusern, gebaut aus den Erträgen nicht immer legaler Geschäfte. Und dann gibt es noch Familien, die völlig integriert leben, Haus an Haus mit anderen Bulgaren. Wenn Bulgaren über „die Zigeuner“ schimpfen, dann meinen sie ausschließlich jene, die seit der Wende aus dem vom sozialistischen Staat betriebenen Schul- und Beschäftigungssystem gefallen sind und jetzt, verarmt, am Rande der Gesellschaft leben.

Die Debatte findet nicht statt

Die nähere Vergangenheit spielt eine zwiespältige Rolle im Bewusstsein der Bulgaren. Etlichen Gruppen der Bevölkerung (darunter Künstler, Rentner, Wissenschaftler) sind die Jahre des Sozialismus in rosiger Erinnerung. Nicht weil es unter dem Regime so toll gewesen wäre – Absurditäten gab es genug –, aber de facto ging es vielen Leuten damals besser. Abneigung gegen alles Kommunistische hegen die Angehörigen des alten Bürgertums, denen 1947 die Fabriken und der Lebensstil genommen wurden, die Nichtangepassten, denen das Regime in Lagern den Willen brach, jene, die sich der Morde und Säuberungen in den ersten Jahren des Regimes erinnern, weil die Opfer ihre Angehörigen waren, sowie all jene, die heute als Teil des europäischen Kulturraums zunehmend erkennen, welche Folgen die Parteiherrschaft von damals für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft heute hat – heute, zwanzig Jahre nach ihrem Ende.

Die Akten der Staatssicherheit sind, sofern sie überhaupt noch existieren, nach wie vor weitgehend unter Verschluss. Die jüngsten Versuche der Öffnung kommen fünfzehn bis zwanzig Jahre zu spät, und sie sind halbherzig. Die derzeitige Stasi-Akten-Kommission beschränkt sich darauf, im Abstand einiger Monate Listen zu veröffentlichen von Leuten aus Berufsgruppen wie Abgeordnete und Journalisten, die als Spitzel (in Haupt- und Nebenamt) dokumentiert sind. Jüngst wurde dadurch klar: Ein Großteil der Besitzer von TV- und Radioprogrammen sind alte Geheimdienstler. Doch Folgen hat so etwas nicht. Dass Staatspräsident Georgi Părvanov selbst ein Stasimitarbeiter war, ist kein Hindernis für dieses Amt.

Das Dimitrov-Mausoleum ist ein gutes Beispiel für den Umgang mit Geschichte. Georgi Dimitrov, enger Mitarbeiter und Weggefährte Stalins, war der erste Staats- und Parteichef Bulgariens nach dem Zweiten Weltkrieg. Als er 1949 starb, wurde ihm im Stadtzentrum von Sofia, gegenüber vom Zarenpalast, eine Totenstätte errichtet, wuchtig wie das Lenin-Mausoleum, nur ein bisschen kleiner. In der Nachwendezeit stand es etwas verloren herum, wurde mit Graffiti „verziert“, und man fragte sich, was daraus werden sollte. Die Vorschläge variierten zwischen „öffentlicher Toilette“ und „Museum“. Unter der antikommunistischen Regierung Ivan Kostovs 1999 rückten plötzlich Bagger und Sprengmeister an. Das war im August, dem Monat, in dem die Stadt so gut wie ausgestorben ist. So wurde einfach per Ministerbefehl mit der Vergangenheit aufgeräumt, wenn auch nur oberflächlich. Eine gesellschaftliche Debatte fand nicht statt. Und die Fundamente des Mausoleums ragen noch heute einen Meter aus dem Boden, leicht verbrämt von stadtgärtnerischen Fingerübungen.

Zum Selbstbild eines Volkes gehören Dinge, die man sieht, und Dinge, vor denen man die Augen verschließt. Um auf die Tomaten vom Anfang zurückzukommen: Sie genießt der Bulgare am liebsten mit einem ordentlichen Gläschen Schnaps. Aber besser selbstgebrannten. Denn den Fabrikbesitzern ist alles zuzutrauen und der staatlichen Kontrolle wenig. Davor verschließt man keine Augen. Man weiß aber auch nicht, wie man es ändern könnte.


Fußnoten:


  1. Anspielung auf Todor Živkov (1911-1998), der von März 1954 bis zu seinem Rücktritt im November 1989 Staatschef von Bulgarien und erster Sekretär der Bulgarischen Kommunistischen Partei war (Anm. d. Redaktion). 

  2. Zu den Parteien vgl. ausführlich den Beitrag von Tim Graewert in diesem Heft. 

  3. Vgl. auch die Kartenskizze auf S. 314 der gedruckten Ausgabe („Länderinformation“).