Eishockey – Nationalsport in Tschechien

aus OWEP 4/2013  •  von Lothar Martin

Zusammenfassung

Wie bei kaum einer anderen europäischen Nation spielte und spielt Eishockey als Nationalsport in der früheren Tschechoslowakei und im heutigen Tschechien eine herausragende Rolle. Auf internationaler Ebene konnten zahlreiche Erfolge erzielt werden, wobei, wie im folgenden Beitrag erkennbar wird, besonders die Siege über die Sowjetunion nach 1968, also in der Zeit der „Normalisierung“ nach dem Ende des Prager Frühlings, das Selbstbewusstsein der kleinen Nation gegenüber dem übermächtigen Gegner stärkten.

Lothar Martin ist Redakteur von „Radio Prag“.

„Wir Tschechen, wir haben das Eishockeyspiel in unseren Genen.“ Das sagte Vladimír Růžička, Jahrgang 1963, zum Ende seiner aktiven Karriere. Eine Karriere, die gespickt war mit Erfolgen und die von zwei besonders schönen Triumphen gekrönt wurde – dem Weltmeister(WM)-Titel 1985 und dem hierzulande legendären Olympiasieg 1998 in Nagano. Seine Karriere als Spieler beendete Růžička im Sommer 1999. Seitdem ist der akribische Tüftler in Sachen Eishockey ein nicht minder erfolgreicher Trainer. Bisherige Höhepunkte dieser Tätigkeit sind zwei WM-Titel, die er mit der tschechischen Nationalmannschaft 2005 in Wien und 2010 in Köln holte. Den Turniersieg von 2005 widmete er seinem Vorbild und Vorgänger als Auswahlcoach – dem charismatischen und gewieften Trainerfuchs Ivan Hlinka. Der elegante Schlittschuhläufer Hlinka hatte als Spieler bei Weltmeisterschaften nicht weniger als elf Medaillen errungen, darunter drei goldene. Sein Meisterstück vollbrachte er jedoch als Trainer.

1998 wurde bei den Olympischen Winterspielen in Nagano das „Jahrhundertturnier“ im Eishockey ausgetragen. Es wurde so genannt, weil nach dem Ende des Kalten Krieges erstmals auch die besten Profis der National Hockey League (NHL) daran teilnahmen. Die USA und besonders Kanada, das Mutterland des Eishockeys, gingen als Favoriten in das Turnier. Beide Mannschaften scheiterten jedoch schon im Viertel- beziehungsweise Halbfinale – am Team der Tschechischen Republik. Hlinka führte seine Mannen dann auch im Finale zum Erfolg. Der 1:0-Sieg über Russland ist bis heute die Krönung der Leistungen aller Eishockeycracks, die zwischen Erzgebirge und Beskiden aufgewachsen sind. Einer der Leitsprüche des leider bei einem Autounfall im August 2004 ums Leben gekommenen Hlinka lautete: „Hauptsache, ihr macht euch nicht in die Hosen!“ Mit spielerischem Geschick im Blut und Kämpfertum im Herzen haben die Tschechen dann auch über Jahrzehnte für Aufsehen und Furore im internationalen Eishockey gesorgt.

Erste WM-Titel nach dem Krieg

In Tschechien ist man Stolz darauf, zu den Pionieren des Hockeysports in Europa zu gehören. Im Jahr 1908 gehörte das damalige Böhmen zu den fünf Gründungsmitgliedern der LIHG, der Vorläufer-Organisation des heutigen Eishockey-Weltverbandes (IIHF). Auf dem alten Kontinent wurde zu dieser Zeit das Kufenspiel auf dem Eis noch häufiger mit einem Krummstock und einem Ball als so genanntes Bandy gespielt. Derart ausgerüstet reiste die damalige tschechische Nationalmannschaft auch 1909 zu einem Turnier im französischen Chamonix an. Dort aber mussten die sieben Spieler aus Prag erleben, wie nach anderen Regeln und mit anderer Ausrüstung das „kanadische Hockey“ zur Austragung kam. Die Konsequenz war niederschmetternd: Mit vier Niederlagen (gegen Frankreich, die Schweiz, Belgien und England) im Gepäck trat das Team die Heimreise an. Auf der Rückreise aber machte es noch Station im Alpen-Wintersportort Les Avants, wo es den örtlichen Skating Club bezwang, in dem auch vier Briten spielten. Über diese Sensation schrieb die französische Zeitschrift „Les sports d‘Hiver“: „Die tschechische Mannschaft überraschte mit der Schnelligkeit ihrer Stürmer, tollen Pässen, Kampfgeist und guten Kombinationen. Sobald es diese Mannschaft verstehen wird, besser mit dem kanadischen Stock umzugehen, und sie es lernt, besser zu schießen, dann wird sie zu den Besten gehören.“ Das dauerte in der Tat nicht lange. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gewann Böhmen zweimal die Europameisterschaft, die ab 1910 ausgespielt wurde. Aus den tschechischen Schülern von Chamonix waren also sehr schnell Europas beste Eishockeyspieler geworden.

Auf den ersten Weltmeistertitel müssen die Tschechen und Slowaken allerdings bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg warten. 1947 fand die erste WM der Nachkriegsära in Prag statt. Sie wurde im Eisstadion auf der Hetzinsel (Na Štvanici) ausgetragen, es war die bis dahin einzige Halle mit Kunsteis in der Tschechoslowakei. In dieser schwierigen Zeit hatten die Menschen in Europa zunächst ganz andere Nöte: Sie mussten die Kriegsschäden beseitigen, die Versorgung war schlecht, die politische Situation noch instabil. Die Ausgangssituation für eine WM war wahrlich nicht die beste. Zum Prager Turnier selbst aber herrschte eine wunderbare Atmosphäre. Die Tribünen des Eisstadions waren stets vollbesetzt, das Trio der beliebten Sportreporter Laufer, Maslonka und Procházka versetzte die ganze Nation mit seinen Radioreportagen in Ekstase. In erster Linie aber legte die Nationalmannschaft den Grundstein für die Euphorie, denn die ersten Gegner Rumänien, Österreich, Schweiz und Belgien wurden reihenweise deklassiert. Als das Team des kanadischen Trainers Mike Buckna dann aber gegen die ebenso noch ungeschlagenen Schweden 1:2 verlor, schien der Titeltraum geplatzt. Am letzten Spieltag, einem Sonntag, glich Prag daher eher einer Geisterstadt. Die Tschechen widmeten sich wieder ihren Alltagssorgen, andere gingen ins Theater oder Kino. Als der Zwischenstand von 2:0 für die Österreicher gegen Schweden jedoch die Runde machte, eilten Tausende im Nu wieder zum Eisstadion. Die Österreicher gewannen das Spiel mit 2:1, und nach dem folgenden 6:1 der Tschechoslowakei über die USA kannte der Jubel hierzulande keine Grenzen mehr. Das Team der ČSR war Weltmeister und die Österreicher die beliebtesten Gäste. In ihrer Unterkunft, dem Prager Hotel Axa, wurden sie mit Geschenken nahezu überschüttet. Die Mannschaft um Torhüter-Legende Bohumil Modrý und Top-Stürmer Vladimír Zábrodský überzeugte auch ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in St. Moritz, wo sie Zweiter wurde – ungeschlagen und nur knapp hinter den Kanadiern wegen der schlechteren Tordifferenz. Im Jahr 1949 aber setzte sich die Tschechoslowakei in Stockholm erstmals gegen Kanada durch und wurde erneut Weltmeister.

Der Schauprozess

Ende der vierziger Jahre hatte die Tschechoslowakei ein Eishockeyteam, um das sie ganze Welt beneidete. Einige Tage vor der WM 1950 in London aber geschah das eigentlich Unfassbare: Die Spieler der Nationalmannschaft durften das Flugzeug nicht besteigen, sondern wurden zu Verhören bei der Staatspolizei vorgeführt. Der damalige Torjäger Augustin Bubník erinnert sich: „Wir wurden von früh bis spät drangsaliert, man wollte, dass wir Dinge zugeben, die wir gar nicht begangen haben. Man gab uns Kaffee, dem Tabletten beigemischt waren, und versuchte, uns mürbe zu machen. Mir sagte man, ich sei überführt, ein militärischer Geheimnisverräter zu sein. Weil ich diesen Unsinn aber nicht zugeben wollte, wurde ich ins Gefängnis gebracht.“

Bubník war einer von elf Spielern, die des angeblichen Hochverrats, der Spionage und der Fahnenflucht beschuldigt wurden. Aufgrund fingierter Aussagen und fadenscheiniger Argumente wurden diese Spieler in einem Schauprozess verurteilt und danach für mehrere Monate in Haft oder in eine Urangrube gesteckt. Für die 1948 durch einen Putsch an die Macht gekommenen Kommunisten waren die beliebten Eishockeyspieler offenbar ein Dorn im Auge. Der damalige Staatspräsident Zápotocký begnadigte die Spieler zwar nach fünf Jahren, doch für Bubník war damit der Spuk noch nicht vorbei. „Als ich entlassen wurde, sollte ich sofort den Rest meines Wehrdienstes ableisten. Das waren noch anderthalb Jahre, denn vor meiner Festnahme hatte ich erst ein halbes Jahr absolviert. Ein paar Ärzte aus Brünn aber haben mir geholfen, indem sie mich per Attest zum Krüppel stempelten. Also musste ich nicht mehr zur Armee.“

Rache an den Okkupanten

Wir schreiben das Jahr 1968. In der damaligen Tschechoslowakei herrscht eine Aufbruchstimmung, die Reformbewegung des Prager Frühlings zieht durchs Land. Eingeführte Rechte wie Meinungs- und Pressefreiheit geben den Menschen Hoffnung, Reformkommunist Alexander Dubček verspricht ihnen einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Der Traum der Bürger von mehr Freiheit und Demokratie aber wird am 21. August jäh zerstört. In Prag und anderen Städten rollen über Nacht sowjetische Panzer ein, unterstützt von Einheiten der anderen Warschauer Paktstaaten. Sie kommen im Auftrag Moskaus, um in der „vom Klassenfeind infiltrierten Tschechoslowakei die alte Ordnung wiederherzustellen“. Zwischen Cheb und Košice aber werden die Russen als das angesehen, was sie sind – als unerwünschte Okkupanten. Wut und Hass auf die Besatzer wachsen nahezu täglich, gewaltsame Konfrontationen enden zumeist blutig. Die wenigen Übergriffe bleiben jedoch die Ausnahme, denn gegen die militärische Übermacht der Sowjets und ihrer Handlanger hat man keine Chance. Deshalb wird sich der Hass auf die Okkupanten Monate später und in den Folgejahren vor allem auf dem Eis entladen.

Durch den Schauprozess von 1950 hatte sich das Land sportlich ins eigene Bein geschossen. Es dauerte ein gutes Jahrzehnt, bis das tschechoslowakische Eishockey international wieder salonfähig wurde. 1961 gewann die Nationalmannschaft in der Schweiz erstmals wieder eine Europameisterschaft, doch die Ansprüche waren ungleich größer. Der erste Baustein für das „Team der zweiten goldenen Generation“ wurde 1963 gelegt. In jenem Jahr feierte der 21-jährige Torwart Vladimír Dzurilla sein WM-Debüt. In den Jahren darauf folgten ihm Jiří und Jaroslav Holík, Jan Klapáč, Václav Nedomanský, Jiří Holeček, František Pospíšil, Oldřich Machač, Jiří Kochta, Josef Horešovský, Richard Farda und Josef Augusta. Diese Spieler bildeten fortan das Korsett einer Mannschaft, die in der Lage war, die scheinbar übermächtige Sowjetunion auf dem Eis zu schlagen. Nach sieben Jahren war es 1968 endlich wieder soweit: Bei den Olympischen Winterspielen in Grenoble bezwang die Truppe der legendären Trainer Vladimír Kostka und Jaroslav Pitner die UdSSR mit 5:4. Der Olympiasieg wurde indes verpasst, weil die Kostka-Schützlinge gegen die Schweden nur Unentschieden spielten.

Die Genugtuung über das 5:4 war jedoch am Beginn des Prager Frühlings überall zu spüren. „Das war die Zeit, in der wir den Russen kräftig eins hinter die Ohren gegeben haben, 1968 in Grenoble und ein Jahr später in Stockholm. Damit haben wir den Menschen im Land eine große Freude bereitet“, weiß auch heute noch der drahtige und spielintelligente Verteidiger von damals, Jan Suchý. „Jan und ich waren gegen die Russen stets besonders motiviert, denn wir waren Antikommunisten“, bestätigt der inzwischen 71-jährige Jaroslav Holík.

Und Jaroslav, der im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Jiří Holík zumeist „mit dem Kopf durch die Wand“ wollte, macht auch kein Hehl daraus, woher diese Abneigung rührt: „Die Kommunisten haben meinem Vater seine geliebte Metzgerei weggenommen und unserer Familie damit für einige Zeit die Lebensgrundlage zerstört.“ Suchy und Holík spielen Ende der sechziger Jahre für Abonnementmeister Dukla Jihlava. Ähnlich wie sie sind auch der Slowake Jozef Golonka (Slovan Bratislava) und der Tscheche Jan „Gusta“ Havel (Sparta Prag) gestrickt. Diesem Quartett wird später nachgesagt, in den Hassduellen mit dem Okkupanten Sowjetunion am stärksten rebelliert zu haben.

Ex-Goalgetter Jan Havel, in hiesigen Eishockeykreisen nur unter seinem Spitznamen „Gusta“ bekannt, war zu seiner aktiven Zeit sehr beliebt – sowohl unter den Zuschauern als auch unter Mit- und Gegenspielern. Deshalb spürte er auch sehr genau, dass die „Leute daheim“ nach Rache lechzten, als es bei der WM 1969 in Stockholm gegen die Russen ging. „Nach Schweden sind wir mit dem festen Vorsatz gefahren, dass wir die Russen unbedingt schlagen und somit demütigen müssen. Darauf war unsere ganze Vorbereitung ausgerichtet. Wir hatten uns zum Beispiel geschworen, dass wir ihnen nach dem Spiel nicht die Hand geben werden, wie das ansonsten üblich ist. Wir wussten auch, dass diese und andere Aktionen gewisse Konsequenzen nach sich ziehen können. Beispielsweise den späteren Ausschluss aus dem Nationalteam oder ein generelles Spielverbot.“

Diese Bedenken aber waren schnell zerstreut, als der Puck zum ersten Anspiel eingeworfen wurde. Das erste der beiden WM-Spiele gegen die UdSSR hatte die Tschechoslowakei mit 2:0 gewonnen. Man hat den sowjetischen Spielern danach tatsächlich nicht die Hand gegeben, das tschechoslowakische Fernsehen sei nach der Partie jedoch sofort vom Sender gegangen, um diese politische Aktion nicht übertragen zu müssen, so Havel. Vor der zweiten Begegnung, die die Tschechen und Slowaken mit 4:3 gewannen, hatten sich einige Spieler den kommunistischen Stern auf dem Nationaltrikot überklebt. Sie wollten damit demonstrativ nur das Wappen des tschechischen Löwen zur Geltung bringen. „Nicht jeder machte mit, denn viele hatten Familie und deshalb Angst vor den Folgen. Ich habe mit meiner Meinung aber nie hinterm Berg gehalten. Und in den Auseindersetzungen mit den Russen habe ich fast nichts ausgelassen, um die gegnerischen Spieler zu provozieren. Ich habe sie angepöbelt oder beleidigt, selbst den Zweikämpfen mit dem 30 Kilo schwereren Verteidiger Alexander Ragulin bin ich nicht ausgewichen. Eines muss man aber auch sagen: Spielerisch waren die Russen zu dieser Zeit einfach besser“, bekennt heute Jaroslav Holík. Doch auch im zweiten WM-Spiel gegen die Sowjetunion hatte die „Taktik“ von Holík & Co. Erfolg: Diese Partie wurde mit 4:3 gewonnen. Trotz der zwei Siege über die UdSSR ist die Tschechoslowakei damals jedoch nicht Weltmeister geworden. Gegen die Gastgeber unterlagen sie 0:2 und 0:1, sodass die Teams der UdSSR, Schwedens und der ČSSR am Ende punktgleich waren. Das bessere Torverhältnis entschied zugunsten der Sowjetunion und gegen die Tschechen und Slowaken. Zum Titelgewinn fehlte ihnen das mögliche Ausgleichstor gegen die schwedischen „Tre Kronors“, sie mussten daher mit dem dritten Platz vorlieb nehmen.

In der Heimat aber wurden sie von 25.000 Menschen auf dem Prager Flughafen begeistert empfangen und als die wahren Weltmeister gefeiert. „Auf dem Weg vom Flughafen bis zur Innenstadt standen die Leute Spalier. Es waren noch weitaus mehr Menschen auf den Straßen als nach dem einmaligen Olympiasieg von Nagano. Es war einfach ergreifend“, erinnert sich Jaroslav Holík noch ganz genau.

Die Begeisterung der Massen im Heimatland war auch ein entscheidender Punkt mit dafür, dass die Bestrafungen von Seiten der kommunistischen Funktionäre milder ausfielen als befürchtet. Für die WM 1970 war Gusta Havel als einer der Fürsprecher dieser Aktionen jedoch „ausgemustert“ worden. Die WM 1972 im eigenen Land erlebte er ebenfalls nur von der Tribüne. Diesmal war eine Verletzung daran schuld. Das Fehlen bei diesem Turnier sei die schwerste sportliche Enttäuschung für ihn gewesen, denn am ersten Titelgewinn seiner Landsleute nach dreizehn Jahren konnte er nur als Zuschauer teilhaben, so Havel. Überall im Land herrschte eine überschäumende Euphorie, die die Mannschaft um Holeček, Nedomanský und die Holík-Brüder förmlich elektrisierte. „Die Begeisterung bei dieser Weltmeisterschaft war noch unglaublicher als drei Jahre zuvor in Schweden. Unsere Mannschaft war südlich von Prag im Vorort Průhonice untergebracht. Immer wenn wir von dort mit dem Bus zum Training fuhren, gingen an den Prager Häusern die Fenster auf und die Leute winkten und jubelten uns den gesamten Weg lang zu. Vor der Eishalle standen die Menschen bei jedem Spiel und jedem Training für uns Spalier. Es war sagenhaft!“, sagt Jaroslav Holík mit einer Freudenträne im Knopfloch. Mit einer derartigen Unterstützung in der über 14.000 Zuschauern Platz bietenden ČSTV-Sporthalle konnte dann auch nichts schiefgehen. In der Doppelrunde der sechs WM-Teilnehmer fegte die Tschechoslowakei die Schweiz, die BR Deutschland und Finnland je zweimal vom Eis, und auch gegen die hartnäckigen Schweden behielt sie ihre weiße Weste. Über den Titel entschieden einmal mehr die Vergleiche mit der UdSSR – und da hatten die Gastgeber nach dem 3:3 im ersten Spiel schließlich mit 3:2 das bessere Ende für sich. Nach neun Titeln in Folge war die Dominanz der Sowjetunion erstmals gebrochen.

„Die Spiele von damals, da ging es nicht nur um Sport. Denn zu zeigen, dass wir die Besseren sind, das wollten wir doch immer. Damals stand das Ganze jedoch unter den genannten politischen Vorzeichen, auf die wir eine gewisse Antwort geben wollten. Und die haben wir dann auch gegeben. Deshalb kann ich mit Fug und Recht sagen: Ich habe damals in einem der besten Teams gespielt, die es je für mich gegeben hat“, resümiert der 70-jährige Havel heute.

Das Wintermärchen von Nagano

Mit dem Prager Triumph von 1972 ist das tschechische (und damals zudem slowakische) Eishockey endgültig in der Weltelite angelangt. In den siebziger Jahren feiert die Generation um Holeček, Dzurilla, Pospíšil und Jiří Holík, zu der sehr bald auch die etwas Jüngeren wie Vladimír Martinec, Ivan Hlinka oder die slowakischen Stastny-Brüder gehören, noch zwei WM-Titel. 1985, bei einer weiteren Weltmeisterschaft in Prag, tut es ihnen das tschechoslowakische Team um Torhüter Jiří Králík, Verteidiger František Musil (der spätere Schwiegersohn von Jaroslav Holík) und Stürmer Vladimír Růžička gleich. Sofort nach der politischen Wende 1989 nutzen Alt- und Jungstars der tschechischen Eishockeyschule die sich bietende Chance, die für sie bis dahin unerreichbare NHL zu erobern.

„Eine so talentierte Angriffsreihe wie die damals 18-jährigen Jaromír Jágr, Robert Reichel und Robert Holík hat es seitdem nicht mehr gegeben“, schwärmt der Vater des letztgenannten, Jaroslav Holík. Jágr und Goalkeeper Dominik Hašek steigen sehr bald zu den populärsten Spielern in der NHL auf. Beide Superstars, vor allem aber „Hexer“ Hašek, waren dann auch die Erfolgsgaranten für den größten Coup, den das tschechische Eishockey in seiner 105-jährigen Geschichte bisher gelandet hat: den Olympiasieg 1998 in Nagano. Durch die Zeitverschiebung zum entfernten Japan fanden die Spiele des Nationalteams zu hiesiger Zeit jeweils am Vormittag statt. Dann waren die Städte wie leergefegt, und in Büros wie Schulen wurden Arbeit wie Unterricht unterbrochen. Die ganze Nation schaute Fernsehen und drückte ihren Idolen die Daumen. Und als der Finalsieg gegen Russland Gewissheit wurde, schlug sich der Jubel auch wieder im Freien Bahn. Tagelange Autokorsos, unzähliche Jubelfeiern und ein begeisterter Empfang für die „Helden von Nagano“ auf dem Altstädter Ring in Prag krönten die Festtage des tschechischen Eishockeys.

Bis heute hat das Eishockey für die Tschechen nichts von seinem Glanz und Gloria verloren, auch wenn die Erfolge der eigenen Teams in den zurückliegenden Jahren etwas geringer wurden. Dafür rühmt sich die kleine Nation, mit Jaromír Jágr den besten Europäer aller Zeiten in der NHL zu stellen, und in Dominik Hašek einen Goalie1 gehabt zu haben, der den Torwartstil weltweit revolutioniert hat. Dennoch hat die Nach-Wende-Zeit auch einige Schatten auf das Eishockey geworfen. Der trainings- und materialintensive Sport ist für die Eltern möglicher Nachwuchsspieler nahezu unerschwinglich geworden, die Ausbildung des Nachwuchses wird zudem an vielen Orten sehr unprofessionell und nach überholten Methoden betrieben. Deshalb sieht der ewig kritische Jaroslav Holík auch ein bisschen schwarz für die Zukunft dieser Sportart hierzulande. Noch aber vertraut die große Anhängerschaft des schnellen Puckspiels den Worten von Vladimír Růžička, wonach die Tschechen das Eishockey einfach im Blut haben. Und sollte es dennoch enger werden, dann rückt auch Hlinkas Philosophie wieder in den Brennpunkt, frei nach dem Motto: Wir Tschechen lassen uns (auf dem Eis) nicht unterkriegen!


Fußnote:


  1. Eishockeytorwart.