Kirche und Identität im postsowjetischen Russland

aus OWEP 2/2008  •  von Jutta Scherrer

Jutta Scherrer ist Professorin für russische Kultur- und Sozialgeschichte an der Ecole des hautes études en sciences sociales in Paris.

Die Russische Orthodoxe Kirche stellt heute einen der wichtigsten Faktoren, wenn nicht den Kern des nationalen und kulturellen Identitätsfindungsprozesses Russlands dar. Eines der zahlreichen Beispiele hierfür war die auch von westlichen Medien verbreitete Beisetzung Boris Jelzins im April 2007. Auf Wunsch seiner Familie wurde der Leichnam des ehemaligen ersten Sekretärs des Parteikomitees von Swerdlowsk (heute Jekaterinburg), des Parteikomitees von Moskau und des ersten postkommunistischen Präsidenten der Russischen Föderation in der Christus-Erlöser-Kirche aufgebahrt, wo ihm die letzte Ehre gemäß dem Ritual der Kirche erwiesen wurde. Mit den Worten des Metropoliten Kirill von Smolensk und Kaliningrad ehrte die Kirche in ihm denjenigen, der ihre Rolle im Leben des Landes wiederhergestellt hatte. Nicht zuletzt Jelzin ist der Wiederaufbau der 1931 von Stalin gesprengten Christus-Erlöser-Kirche im Herzen Moskaus zu verdanken.

Über 70 Jahre hatte die atheistische Staats- und Parteipolitik der Sowjetunion gewährt. Wie konnte es dazu kommen, dass die Orthodoxie innerhalb nur weniger Jahre zu einem der wichtigsten Elemente der postkommunistischen Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur, gleichsam zum Zement der zu rekonstruierenden nationalen Identität wurde? Gewiss waren auch im kommunistischen Russland die Glaubens- und Wertvorstellungen der orthodoxen Kirche nicht gänzlich untergegangen. Historische Kirchen und Klöster wie die prächtigen Ikonensammlungen in den Museen erinnerten an die Traditionen des „heiligen“ Russland. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ hatte Stalin an die Unterstützung der Kirche appelliert und ihr dafür unerwartete Konzessionen gemacht. Chruschtschow stellte die orthodoxe Hierarchie durch ihre Mitwirkung in der Ökumene in den Dienst der sowjetischen Friedenspolitik. In Familien wurden orthodoxe Feste und Bräuche tradiert, Kinder heimlich getauft. Intelligencijakreise pflegten das Erbe der religiösen Denker wie Berdjajew, Florenskij, Bulgakow und Schestow, die um die Jahrhundertwende und zum Teil auch in der Emigration eine auf Individuum wie soziale Gemeinschaft bezogene „Laientheologie“ konzipierten.

Die Rückkehr der orthodoxen Kirche in die Öffentlichkeit begann 1988, als Staat und Kirche gemeinsam mit großem Aufwand die Tausendjahrfeier der Christianisierung Russlands als symbolträchtiges patriotisches Ereignis begingen. Vorausgegangen war eine von Michail Gorbatschow am 29. April 1988 im Kreml iniitierte Begegnung mit Patriarch Pimen und fünf Metropoliten, die den Willen der politischen Macht zum Dialog mit der Kirche bekundete. Während die kirchliche Hierarchie versprach, „für den erfolgreichen Ablauf der Perestrojka zu beten“, sicherte ihr Gorbatschow das dringend notwendige Gesetz über die Gewissensfreiheit zu. In der Tat wurde die Kirche von jetzt an nicht mehr verfolgt und die staatliche Aufsicht über die orthodoxe Kirche sowie andere religiöse Organisationen von der ideologischen an die juristische Instanz verwiesen.

Anlässlich der Milleniumsfeiern hatten die höchsten Vertreter des (noch immer kommunistischen) Staates und der Kirchenhierarchie wie aus einem Munde argumentiert, dass die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion die Fundamente des russischen Staates und der nationalen Geschichte gelegt hätte. Dabei ging es Gorbatschow offenbar darum, mit dem durch das Millenium geweckten Gefühl des Stolzes auf die nationale Geschichte die Gläubigen für seine eigenen Zwecke zu gewinnen: Die 50 Millionen orthodoxer Christen, die die Sowjetunion nach offiziellen Angaben auf einmal zählte, stellten ein beachtliches Potenzial im Kampf um die Wiederherstellung der sozialen, moralischen und geistigen Werte der sowjetischen Gesellschaft dar, die sich Gorbatschow zum Ziel gesetzt hatte.

Die nachfolgenden Jahre markieren die zunehmende Präsenz der orthodoxen Kirche in der russischen Öffentlichkeit. 1988 durften erstmals wieder die Kirchenglocken läuten, was seit der Oktoberrevolution verboten war. Die von Gorbatschow initiierte Rückgabe von Kirchen und Klöstern an das Patriarchat nahm einen viel größeren Umfang an, als ursprünglich für die Milleniumsfeier vorgesehen war. Allein zwischen 1985 und 1990 wurden 4.000 orthodoxe Kirchen geöffnet. Einige Tage vor der Milleniumsfeier durfte bereits die Kiewer Petscherskaja Lawra wieder kirchlich genutzt werden. 1990 wurden weitere Klöster dem Gebrauch übergeben. Taufen und kirchliche Hochzeiten wurden gang und gäbe. 1990 fand in Moskau erstmals wieder eine vom Patriarchen angeführte Kirchenprozession durch die Moskauer Straßen statt. Die kirchlichen Feste Ostern und Weihnachten wurden zu arbeitsfreien Feiertagen erklärt, nationale Heilige wie Sergej von Radonesh und Serafim von Sarow in die „kollektive“ Erinnerung zurückgeholt. Die Festgottesdienste wurden landesweit im Fernsehen übertragen. Vertreter der orthodoxen Hierarchie, aber auch des einfachen Klerus nahmen immer sichtbarer am öffentlichen Leben teil, bis zu ihrer Wahl in den Volksdeputiertenkongress und Auftritten in den Medien. Noch vor der Auflösung der Sowjetunion durfte die orthodoxe Kirche eigene Schulen und Lehranstalten eröffnen.

Unter der Präsidentschaft Jelzins wurde der Rückgabeprozess kirchlichen Eigentums noch verstärkt. Die Rückkehr zu einem vom Staat gestützten orthodoxen Christentum und die wachsende Massenrezeption einer symbolischen orthodoxen Identität als Teil des „nation building“-Prozesses wurde nach der offiziellen Absage an die kommunistische Ideologie, d. h. nach der Auflösung der Sowjetunion, umso augenfälliger, als die ideologische und moralische Krise der postkommunistischen Gesellschaft offen zutage trat: Die orthodoxe Kirche schien jetzt die einzige Instanz zu sein, die eine moralische und geistige Autorität darstellte und deren Wertvorstellungen in einer Tradition von russischer Gläubigkeit und russischem Volksgeist begründet waren, die den Wiederaufbau der nationalen Einheit zu garantieren vermochten. Der als Demütigung empfundene Zerfall der Sowjetunion verlangte zudem nach einer neuen Sinngebung, die zunehmend in den Traditionen des vorrevolutionären Russlands gesucht wird. Schon 1992 konstatierte der Soziologe Sergej Filatow, dass die Kirche für viele Russen der natürliche ideologische Boden sei, der der Nation künstlich entzogen worden sei. Einige Jahre später schrieb die „Iswestija“: „Der Großteil der Bevölkerung ehrt die Kirche gerade deshalb, weil sie 70 Jahre lang verfolgt wurde. Nicht nur Gläubige, sondern auch diejenigen, die zweifeln oder nicht glauben, möchten in der Kirche eine Art Symbol der Reinheit erblicken“.1

Jelzin appellierte in zahlreichen Diskursen an die „geistige und moralische Wiedergeburt Russlands“ und die „Konsolidierung des inneren Friedens im Staat“, die nicht ohne die Kirche möglich seien – Formeln, die später von Putin aufgenommen wurden und bis heute in Gebrauch sind. Die Kirche verkörpert die Tradition eines starken Staates und soll das fehlende Band zwischen Staat und Gesellschaft knüpfen, ja die in sich zersplitterte Gesellschaft vereinen. Dieses Argument wird von Nationalisten, Liberalen, Westlern und sogar von Kommunisten geteilt.

Der von Jelzin 1996 lancierte Wettbewerb für „die beste nationale Idee“ brachte zahlreiche Antworten, in denen die orthodoxe Tradition als erstes Element der russischen Identität genannt wurde. Der äußerst kostspielige Wiederaufbau der im 19. Jahrhundert zum Gedächtnis an Russlands Sieg über die napoleonische Armee errichteten Christus-Erlöser-Kirche soll als „Symbol der Macht und der Größe Russlands“ die Kontinuität mit dem orthodoxen und imperialen Russland verkörpern. Ihre feierliche Einweihung im Jahre 2000 lässt die orthodoxe Kirche als zentrales Element des patriotischen Konsensus erscheinen, sie verkörpert das Vaterland (rodina).

Die Erwartungen, dass nach der Auflösung der Sowjetunion eine westlich orientierte demokratische und marktwirtschaftliche „lichte Zukunft“ schnell und schmerzlos eintreten würde, waren schnell enttäuscht und von Apathie gefolgt. Zahlreiche Befragungen zeigten, dass bis Mitte 1991 mindestens 66 Prozent der Bevölkerung den Standpunkt vertraten, Russland müsse den Westen zum Vorbild nehmen und ihn in jeder Hinsicht nachahmen. Doch schon 1992 glaubte die gleiche überwiegende Mehrheit, dass Russland seinen eigenen Weg gehen müsse, dass es eine grundsätzlich andere Zivilisation darstelle und der Westen kein Musterbeispiel sei. Genau in diesem Zusammenhang bot die orthodoxe Kirche eine Zuflucht, insofern sie für Russlands „Eigenständigkeit“ (samobytnost’) steht und Russlands „eigene Werte“ von dem „Anderen“, d. h. dem Westen abgrenzt. Als Reaktion auf den wilden Kapitalismus der ersten postkommunistischen Jahre, der mit einem unbeschreiblichen Materialismus einherging und mit hoher Kriminalität verbunden war, verkörpert die russische Orthodoxie eine Spiritualität (duchownost’), die in dem sowohl von den politischen Eliten als auch von der Kirche selbst genutzten Konzept der „russischen Idee“ (russkaja ideja) Ausdruck findet.

Im Laufe der neunziger Jahre wurde die orthodoxe Kirche zu einer Institution, der größtes Vertrauen und Respekt entgegengebracht wird. Mit ihrem wachsenden Ansehen erhöhte sich die Anzahl der Gemeinden zwischen 1990 und 2000 von 3.451 auf 9.200, die Zahl der Diözesen von 38 auf 71. In derselben Zeit festigte sich die Rolle der Orthodoxie als Kulturkern und Symbol der nationalen Identität, sodass sich bis zum Jahre 2000 in Meinungsumfragen an die 82 Prozent der Befragten als orthodoxe Christen ausgeben.2 Die Kirche stellt somit für die postsowjetische Identitätskonstruktion eine Quelle moralischer Werte, ein Element nationaler Kohäsion, einen Faktor der kulturellen Spezifizität, ja selbst ein Instrument der geopolitischen Rekonstruktion dar, insofern ihre jurisdiktionelle Vorstellung vom „kanonischen Territorium“ das vormals zur Sowjetunion gehörende Territorium mit seinen orthodoxen Gläubigen miteinbezieht.

Dem Gesetz nach sind Kirche und Staat voneinander getrennt, doch faktisch ist ihr Verhältnis ambivalent. Das kommt insbesondere in zahlreichen Aussagen Putins zum Ausdruck. Während er immer wieder auf die in der Verfassung festgelegte Trennung von Kirche und Staat verweist, betont er ebenso oft die Rolle, die die orthodoxe Kirche nicht nur für die russische Kultur und Identität, sondern auch für die Lösung von Russlands sozialen und moralischen Problemen spielt. So erklärte er in einer Fernsehansprache zum orthodoxen Weihnachten am 7. Januar 2004: „Dem Gesetz nach ist in unserem Land die Kirche vom Staat getrennt, doch in der Seele und Geschichte unseres Volkes gehören beide zusammen. Das war immer so und wird immer so sein.“3

Die Kirche spielt ihre geistige Führungsrolle meisterlich aus, nicht zuletzt dadurch, dass sie an ihre Rolle im zaristischen Russland als Staatskirche zumindest indirekt erinnert. So rief der Patriarch anlässlich des hundertsten Jahrestages der Heiligsprechung Serafim von Sarows, den er 2003 gemeinsam mit Putin in Sarow beging, allen Anwesenden ins Gedächtnis, dass hier an der Stelle Putins vor hundert Jahren Zar Nikolaj II. gestanden hätte. Boris Gryzlow, der Sprecher der Staatsduma, erklärte zum 75. Geburtstag des Patriarchen im Juni 2004, dass „die gewaltsam errichtete Mauer zwischen Kirche und Staat, Kirche und Wissenschaft, Kirche und Armee zusammenstürzte“ und „wir neue Kontakte zwischen Kirche und Staat errichtet haben.“4 In der Tat hat das Moskauer Patriarchat zahlreiche Verträge über die Zusammenarbeit mit Ministerien in Bildungseinrichtungen, Armee, Polizei, Gefängnissen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen abgeschlossen, damit die Kirche hier aktiv wirken kann. Der akute Finanzbedarf der Kirche, der vornehmlich mit der Restaurierung und dem Bau ihrer Gebäude zusammenhängt, kann nur durch den Staat gedeckt werden, obwohl das dem Gesetz zuwiderläuft. In den Regionen werden die Mittel oft aus dem örtlichen Haushalt bereitgestellt; desgleichen werden sie von Unternehmen unter direktem Druck der Behörden (wie in Moskau, Tula oder Orel) vergeben.

Die Interaktion von Staat und Kirche zeigt sich darin, dass der Kreml der Kirche eine gewisse politische Autorität oder Macht zugesteht (die sich auch auf die Behandlung anderer Religionen sowie der Sekten erstreckt), während die Kirche der politischen Führung ihre religiöse Sanktion verleiht (was 2004 bis zur Unterstützung Putins bei der Wahl zum Präsidenten Russlands ging). Für ihre geistige Führung Russlands nutzt die Kirche die Geschichte auf ihre Weise, indem sie an die „großen Errungenschaften“ von Russlands Vergangenheit erinnert, um diese für seine Zukunft zu mobilisieren. Beschworen wird immer wieder die byzantinische „Symphonie“ der weltlichen und geistlichen Macht sowie die Idee von „Moskau, dem Dritten Rom“. Seit einer Reihe von Jahren wird die Auffassung vom „kanonischen Territorium“ angeführt (Alexej II. spricht sogar vom „kanonischen Territorium Eurasiens“), die den nationalen Anspruch der orthodoxen Kirche untermauert und den „Proselytismus“ unterbindet. In der auf dem Landeskonzil im Jahre 2000 verabschiedeten Sozialdoktrin der orthodoxen Kirche – der ersten ihrer Art überhaupt5 – wird zwar auf die unterschiedlichen Zielsetzungen von Kirche und Staat hingewiesen, doch zugleich an den „Patriotismus des orthodoxen Christen“ appelliert, der sich „in der Verteidigung des Vaterlands gegen den Feind, in der Arbeit zum Wohle der Heimat, im Einsatz für das öffentliche Leben einschließlich der Teilnahme an den Angelegenheiten der Staatsverwaltung äußert“.

Bezeichnenderweise war die Kirche auch bei der Findung des neuen „Tags der nationalen Einheit“ maßgeblich beteiligt, mit dem Putin 2005 den bislang arbeitsfreien 7. November (den ehemaligen Gedenktag an die Oktoberrevolution) ablöste: der Sieg über die katholischen Polen am 4. November 1612, die den Kreml besetzt hielten, durch eine russische Volkswehr, womit die Zeit der Wirren (smuta) beendet wurde, an den seit 1649 als Fest der wundertätigen Ikone der Gottesmutter von Kasan im Kirchenkalender erinnert worden war. Das Ende der „Wirren“ und die Wiedergeburt eines starken russischen Zentralstaats mit dem Herrschaftsbeginn der Romanows entsprach den auf Kontinuität und Einheit der russischen Geschichte ausgerichteten Wertvorstellungen Putins. Die Analogie zur Gegenwart war offensichtlich, auch wenn sich das historische Datum in keinem Geschichtsbuch fand.

In den Identitätsdiskurs der Kirche schreibt sich auch das zivilisatorische Paradigma (civilizacionnyj podchod k istorii) ein, das auf die vermeintliche Bedrohung durch die Globalisierung mit der Singularität der orthodoxen russischen Kultur antwortet. Bereits 1992 war eine neue akademische Disziplin Kulturologie (kul’turologija) dazu geschaffen worden, Sinn- und Wertvorstellungen aus den Traditionen der russischen Geschichte und Kultur wieder lebendig zu machen und diese als Pflichtfach Schülern und Studenten zu übermitteln. Die Kulturologie hatte auch die Religion als formatives Element der Kultur rehabilitiert und im Falle Russlands die „orthodoxe Ethik“ und mit ihr verbunden die Vorstellung von einem „orthodoxen Raum“ der russischen Kultur oder Zivilisation propagiert (beide Termini werden synonym gebraucht).

Die russische Identität wird von der Kirche dem Individualismus, Liberalismus und Säkularismus des Westens gegenübergestellt. Unter dem Schlagwort „russische Idee“ gilt die sobornost’ – der russische Gemeingeist (wörtlich „Konziliarität“) – als erster Wert der orthodoxen Eigenständigkeit Russlands. Die Abgrenzung vom Westen veranlasste die Kirche auf dem Russischen Volkskongress 2006 dazu, sich von dem westlichen Konzept der Menschenrechte abzugrenzen als „Lüge und Beleidigung religiöser und nationaler Werte“, wie es der für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats verantwortliche Metropolit Kirill formulierte. „Orthodoxe Gläubige können nicht schweigen, wenn ihnen fremde Normen aufgezwungen werden, die den Grundlagen des orthodoxen Glaubens widersprechen.“ Das Moskauer Patriarchat plane die Eröffnung eines eigenen kirchlichen Menschenrechtszentrums, das nicht nur zur Zusammenarbeit mit dem Staat, sondern mit „allen gutwilligen Organisationen“ bereit sei.

Den Hintergrund hierfür bildete offensichtlich der langjährige Konflikt zwischen der orthodoxen Kirche und russischen Bürgerrechtsbewegungen wie „Memorial“, die nicht nur der Einführung von Religionsunterricht in staatlichen Schulen oder der Einstellung von Militärseelsorgern in den Streitkräften kritisch gegenüberstehen, sondern auch mit Themen wie der rechtlichen Gleichstellung Homosexueller, der Abtreibung oder der Euthanasie bei den Kirchenvertretern auf unüberwindbare Differenzen zwischen der christlichen Moral und individualistischen Menschenrechten stoßen. „Es gibt Werte, die nicht weniger wertvoll sind als die Menschenrechte“, hieß es in der auf dem Kongress verabschiedeten Erklärung. „Das sind Werte wie Glauben, Moral, Heiligtümer und Vaterland. Wenn diese Werte und die Durchsetzung der Menschenrechte miteinander in einen Widerspruch geraten, müssen Gesellschaft, Staat und Gesetze beides harmonisch miteinander verbinden.“6

Zweifellos hat heute in Russland das Bekenntnis zur orthodoxen Kirche und ganz allgemein die Identitätsfindung in der Orthodoxie den Bruch mit der kommunistischen Vergangenheit am nachhaltigsten markiert. Dass die Kirche nie versucht hat, ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit unter der Sowjetmacht klarzustellen und ihre Zusammenarbeit mit dem KGB öffentlich zu bereuen, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Für diejenigen, die davon überzeugt sind, dass Russland seinen eigenen Weg gehen muss, dass es eine grundsätzlich andere Zivilisation darstellt und der Westen für Russland kein Musterbeispiel ist – heute längst nicht nur für patriotisch-nationalistische Kreise kennzeichnend –, stellt die orthodoxe Kirche die einzige Grundfeste des religiös-nationalen Bewusstseins dar. Sie ist bisher die einzige Instanz, die auf die Schlüsselfrage nationaler Identität „wer sind wir?“ eine Antwort bereit hält.


Fußnoten:


  1. „Iswestija“, 12.10.1995, S. 1. 

  2. 2004 sind es laut Umfragen 60 Prozent; vgl. Kathy Rousselet: L’Eglise orthodoxe russe et le territoire. In: Revue d’études comparatives Est-Ouest 35 (2004), H. 4, S. 149-171. 

  3. Zitiert von Greg Simons: The Russian Orthodox Church and its Role in Cultural Production. Stockholm 2005, S. 7. 

  4. RIA Nowosti, 11.06. 2004. Zitiert von Simons (wie Anm. 3), S. 24. 

  5. Deutsche Übersetzung: Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Hrsg. v. Josef Thesing und Rudolf Uertz. Sankt Augustin 2001. 

  6. Vgl. dazu Evangelischer Pressedienst (epd), 18.04.2006.