Eine andere Welt

(Erfahrungen)
aus OWEP 1/2011  •  von Juri Durkot

Zusammenfassung

Die Ostgrenze Polens bildet zugleich die östliche Außengrenze der EU, an der Pass- und Zollkontrollen das Leben der Menschen bestimmen. Der kleine Grenzverkehr hilft über die Absurditäten eines Alltags hinweg, in dem Europa noch immer geteilt ist.

Juri Durkot, gebürtig aus Lwiw (Lemberg), ist als Journalist und Publizist tätig und hat u. a. zahlreiche Berichte und Analysen für deutschsprachige Medien verfasst.

Es ist Herbst 2009. Seit einer halben Stunde stehe ich in Shegyni an der ukrainisch-polnischen Grenze. Ich bin nicht mehr in der Ukraine, aber noch nicht in Polen. Der Grenzübergang für Fußgänger führt nach der ukrainischen Passkontrolle durch einen schmalen Korridor auf die polnische Seite. Der Weg ist von beiden Seiten durch einen hohen Zaun gesichert. Vor dem EU-Schild ist erstmal Schluss mit der Weiterreise. Das heißt: Man muss sich anstellen und warten und sehr viel Geduld mitbringen.

Die Schlange ist groß. Sie bewegt sich nicht. Die Grenzgänger werden hier sortiert, die Menschenströme teilen sich. Für EU-Bürger gibt es einen anderen Korridor mit einem anderen Schalter. Dort gibt es keine Schlange; die gibt es dort praktisch nie. Die polnischen EU-Bürger, die in dieser Grenzgegend genauso arm und arbeitslos sind wie die ukrainischen Nicht-EU-Bürger, werden in wenigen Minuten abgefertigt. Polen und Ukrainer machen dasselbe Geschäft – sie schleppen Wodka und Zigaretten nach Polen. Viel darf es nicht sein: Eine Flasche Hochprozentiges und zwei Päckchen Glimmstängel sind erlaubt – ein Geschäft für die Ameisen.

Ich habe den Eindruck, dass ich falsch angezogen bin. Weiße Hose, heller Pullover, blaue Jacke, roter Rucksack. Die anderen tragen hier schmutzige Sporthosen, dunkle Mäntel und große Taschen. Immer wieder sagen mir die Menschen, dass ich den anderen Korridor nehmen soll – den für EU-Bürger. Sie halten mich wohl für einen verrückten Abenteurer aus dem Westen, der sich hierher verirrt hat und dazu noch recht passabel ukrainisch spricht.

Doch ich bin kein Abenteurer; warum ich hier stehe, hat keine abenteuerlichen Gründe. Gerade ist ein Fernsehsender aus Deutschland auf die Idee gekommen, eine Reportage über die polnisch-ukrainische Grenze zu machen. Man will in einer Jubiläumssendung die glücklichen ukrainischen und polnischen Familien zeigen, die sich nach dem Inkrafttreten des Abkommens über den kleinen Grenzverkehr gegenseitig besuchen. Auf der anderen Seite warten die TV-Kollegen auf mich. Ich komme nicht alleine, sondern mit Pan Orest.

Die Redaktion in Deutschland meinte es gut. Im fernen Berlin oder im noch ferneren Köln war man überzeugt, dass die ukrainisch-polnische Grenze ganz ähnlich funktioniert wie einst die deutsch-französische, als es diese Grenze noch gab. Na gut, vielleicht doch etwas anders, weil sich hier das Ganze an der Außengrenze der EU abspielt. Die Grenze soll die Festung Europa vor illegalen Migranten schützen. Aber die Familien wollen sich ja trotzdem sehen, oder? Und jetzt können sie es viel leichter machen, nachdem Polen für die Anwohner der Grenzregion, die in einem 35 km breiten Grenzstreifen seit mindestens drei Jahren leben, kein Visum mehr verlangt. Es reicht, für 20 Euro einen Plastikausweis zu erwerben, und schon kann man unproblematisch und sogar zu Fuß nach Polen gelangen.

Auf meinen Hinweis, dass es in den Grenzgebieten infolge von gegenseitigen Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Familien gibt, die sich gegenseitig besuchen könnten, reagiert man in der Redaktion ziemlich misstrauisch. Man müsse nur gut suchen, wozu bräuchten dann die Menschen ihre Plastikausweise? Eigentlich nur dazu, um sich durch den kleinen Grenzhandel über Wasser zu halten in einer Region, wo es keine Arbeit und kein Geld und keine Aussicht auf ein besseres Leben gibt. Wo es in den Dörfern und Kleinstädten fast nur noch ältere Menschen leben. Wie in Nemyriw, einem kleinen Ort, der knapp 15 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt. Seitdem die Chemiefabrik im benachbarten Nowojaworiwsk dicht gemacht hat, haben rund 15.000 Beschäftige in der Region ihre Jobs verloren. Von der einstigen Schwefelproduktion – immerhin wurde hier im umweltfeindlichen Verfahren rund die Hälfte des gesamten sowjetischen Schwefels produziert – sind nur die tote Landschaft und der Schwefelgeruch geblieben. Die Kuranstalt in Nemyriw ist auch mehr tot als lebendig, andere Arbeitgeber gibt es in der Nähe kaum. So bleibt den Menschen nur der Kofferhandel übrig – legal, halblegal und illegal. Doch das alles klingt für die Redaktion nicht besonders überzeugend.

So stehe ich heute mit dem alten „Pan“ Orest da; es ist üblich in der Ukraine, die Leute mit „Herr“ oder „Frau“ und mit dem Vornamen anzureden. Meine Suche war letztendlich doch von Erfolg gekrönt. Pan Orest lebt mit seiner Frau nur ein paar Kilometer von der Grenze entfernt. Er zeigt mir stolz seinen neuen Reisepass, für den er umgerechnet rund 40 Euro hinblättern musste, und den Plastikausweis eines Grenzanwohners, mit dem er ohne Visum und ohne Pass nach Polen darf. Nur ein paar Kilometer weiter entfernt, Pan Orest zeigt mit der Hand die Richtung, lebt sein Sohn Igor. Doch das ist schon drüben in der EU. Sein Haus und das Haus seines Vaters sind vielleicht nur zehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Trotzdem ist es oft eine Tagesreise. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist Igor ins Nachbarland abgehauen, hat Geschäfte gemacht, niemand weiß so recht, welche. Dann hat Igor eine Polin geheiratet. Es klingt wie eine Versöhnungsgeschichte. Es ist auch eine, aber trotzdem ist es eine ganz andere, die sich jenseits der politischen Bemühungen abspielt.

Blick auf eine belastete Geschichte …

Denn beide Länder haben sich seit langem um Versöhnung bemüht. Die Vergangenheit birgt viele düstere Seiten, die von beiden Völkern unterschiedlich interpretiert werden – Kosakenkriege unter Bohdan Chmelnyzkyj, der ukrainisch-polnische Krieg in den Jahren 1918-1919, die Zwischenkriegszeit mit ihrer nationalen und religiösen Unterdrückung, nationalistischem Terror und polizeilichen „Pazifizierungsaktionen“, die Kämpfe zwischen Ukrainern und Polen im Zweiten Weltkrieg, die im Blutbad von Wolhynien gipfelten, gegenseitige Vertreibungen nach 1945.1 Die Anzahl der Opfer auf beiden Seiten geht in Hunderttausende. Lange Jahre waren diese Themen aus der gemeinsamen Geschichte tabu. Erst nach dem Zerfall des Ostblocks hat man in den neunziger Jahren angefangen, über die schwierige Vergangenheit zu reden, in Polen wohlgemerkt früher als in der Ukraine. Zu größeren Versöhnungsaktionen mit wichtigem symbolischem Wert kam es jedoch erst später. 2003 wurde unter Beteiligung der Präsidenten Aleksander Kwaśniewski und Leonid Kutschma der Opfer in Wolhynien gedacht, und nach der „Orangenen Revolution“ haben Kwaśniewski und der neue ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko den polnischen und den ukrainischen Friedhof in Lemberg eingeweiht. Die friedlichen Proteste im Herbst 2004 haben für eine gewisse Zeit zum Wandel in der Wahrnehmung der Ukrainer durch Polen geführt. War das Bild des Nachbarvolkes vorher eher negativ geprägt, änderte sich die Meinung der meisten Polen ins Gegenteil. Die Kinder der Solidarność-Väter standen schließlich zusammen mit den Ukrainern auf dem Majdan.2 Doch es dauerte nicht lange, bis die Erwartungen enttäuscht wurden.

Das Konzept der polnischen Außenpolitik wurde noch vor dem Zusammenbruch des Ostblocks in den polnischen Emigrationskreisen ausgearbeitet. Insbesondere haben dazu Jerzy Giedroyc und die Pariser Zeitschrift „Kultura“ beigetragen. Der Ukraine wurde hier eine zentrale Rolle zugewiesen. Eine unabhängige, demokratische und prowestliche Ukraine wurde als Garant für ein demokratisches und unabhängiges Polen betrachtet. Dabei sollte man sich um die Aufarbeitung der schwierigen ukrainisch-polnischen Vergangenheit und die Versöhnung der beiden Völker nach dem Beispiel der deutsch-französischen Freundschaft kümmern. Dieses Konzept wurde nahtlos von der polnischen Politik übernommen – zunächst durch die Solidarność, später durch die Postkommunisten. Dabei haben auch historische Ängste vor Russland eine gewisse Rolle gespielt.

Unter den Kaczyński-Brüdern und noch mehr nach den polnischen Parlamentswahlen von 2007 haben sich die außenpolitischen Akzente etwas verschoben. In Kiew hatte man den Eindruck, dass Polen nicht mehr so ganz aktiv wie früher seine Anwaltsrolle wahrnehmen will. Mit Enttäuschung hat man registriert, dass der neue Ministerpräsident Donald Tusk seinen Besuch in die Ukraine mehrmals verschoben hat und gegen die Tradition zunächst nach Moskau gereist ist. Polnische Opposition und Presse haben den Premier scharf kritisiert und ihm vorgeworfen, dass er auf diese Weise die guten polnisch-ukrainischen Beziehungen zerstöre. Dabei waren die Bemühungen Warschaus, die Beziehungen mit Moskau zu normalisieren und auf eine pragmatische Basis zu stellen, mit der Veränderung der außenpolitischen Situation ganz logisch. Die für viele Osteuropäer so typischen Ängste vor dem russischen Druck konnten durch den Beitritt Polens zur NATO und zur EU zumindest deutlich geschwächt werden.

Tusk kam Ende März 2008 zum ersten Mal nach Kiew, um unter anderem das lange ausgehandelte Abkommen über den kleinen Grenzverkehr zu unterzeichnen. Die neue Regelung sah vor, dass die Einwohner eines 50 Kilometer breiten Streifens ohne Visum nach Polen dürfen. Problematisch war, dass dieses Abkommen erst nach der Ratifizierung durch das polnische Parlament und vielen durch Brüssel geforderten Korrekturen im Juli 2009 in Kraft getreten ist. In der Ukraine war man der Meinung, dass die Verzögerung durch die polnische Seite verursacht wurde, denn ein ähnliches Abkommen mit Ungarn war bereits 2008 unterzeichnet worden.

Nach dem Sieg von Wiktor Janukowitsch bei den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine im Februar 2010 haben sich auch die außenpolitischen Prioritäten Kiews geändert. Man setzt nicht mehr auf die Anwaltsrolle Warschaus, auch eine schnelle Annäherung an die EU steht nicht mehr auf der Tagesordnung. Eher ist anzunehmen, dass die ukrainische Diplomatie versuchen wird, wieder – wie in der Zeit von Präsident Kutschma – zwischen dem Westen und Russland zu lavieren.

Polen wird seine Politik gegenüber der Ukraine überdenken und versuchen, sie auf eine neue Grundlage zu stellen. Die Enttäuschungen der letzten Jahre haben hier für immer mehr kritische Stimmen gesorgt. Die ständigen Machtkämpfe in der ukrainischen Politik und die versäumten Reformen erschwerten die Zusammenarbeit. Hoffnungen auf ein künftiges pragmatisches Miteinander zumindest im wirtschaftlichen Bereich können genauso schnell platzen wie Hoffnungen auf eine schnelle Annäherung der Ukraine an den Westen.

... und auf den nüchternen Alltag

Doch die große Politik wird für die Einwohner der Grenzregionen kaum Auswirkungen haben. Die Realität an der Grenze sieht anders aus. Solange es die Grenze gibt und keine andere Arbeit weit und breit, wird sie die Menschen ernähren. So auch Pan Orest und seine Familie. Dreimal die Woche geht er nach Polen, einige Male geht seine Frau. Nach dem Grenzübergang verschwindet er kurz hinter ein paar Blechbuden. Dort kann er den Wodka und zwei Zigarettenpackungen verkaufen. Da er schon länger im Geschäft ist, hat er drüben einen polnischen „Geschäftspartner“. Die anderen haben weniger Glück. Alte ukrainische Frauen stehen auf dem Platz vor dem Supermarkt und versuchen, ihre Flaschen für ein paar Złoty loszuwerden. Ein paar Meter weiter ist die Straße, wo sich eine Autoschlange gebildet hat. Auch hier stehen fast ausnahmslos Händler. Das sind diejenigen, die etwas mehr Geld haben und einen alten Lada oder einen Moskwitsch besitzen. Auf dem Dach haben sie ihre Einkäufe festgezurrt – Blech, Holz, Heizkessel, Waschmaschinen oder Rohre. Für 200 Euro pro Person dürfen sie Ware zollfrei einführen. Fast alles ist in Polen billiger zu haben als in der Ukraine, mit Ausnahme von Wodka, Zigaretten und Benzin. So gibt es hier auch eine andere Schlange, die aus „Benzintouristen“. Deren Ausflugsziel: die nächste Tankstelle jenseits der Grenze. Dann schnell zurück, Benzin abpumpen und sich wieder anstellen. So kann man pro Tag ein paar Runden machen. Die Polen brauchen kein Visum für die Ukraine.

Die Ukrainer mit der Plastikkarte des Grenzanwohners dürfen dagegen nur jeden zweiten Tag nach Polen. Obwohl das eigentlich nicht stimmt. Sie dürfen jeden Tag nach Polen gehen, aber mit der Ware nur jeden zweiten. Alles wird im Computer erfasst.

Auf dem Rückweg kann man ein ähnliches Bild beobachten. Diesmal bildet sich eine Schlange vor der ukrainischen Passkontrolle. Wiederum teilt sie sich, jetzt sind es die Ukrainer, die schnell die Grenze passieren dürfen, die Polen müssen warten. Eine kleine Rache eben.

Pan Orest ist mit seiner Einkaufstüte schnell durch. Denn bei seinen „Auslandsreisen“ kauft er auch immer im Supermarkt ein. Eine billige Kette hat wenige Meter hinter der Grenze eine Halle gebaut. Jetzt leuchtet hier ein Marienkäfer auf gelbem Hintergrund. Pan Orest bringt immer Käse, Würstchen oder sogar Butter nach Hause. Auch Lebensmittel sind in Polen billiger. Seinen Sohn besucht er selten, einmal im Monat vielleicht – es sei denn, das Fernsehen kommt.


Fußnoten:


  1. Vgl. zum Hintergrund Andrzej Brzeziecki: Konfliktregion Wolhynien: Auge um Auge? In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 10 (2009), H. 1, S. 71-78 (der gedruckten Ausgabe). ↩︎

  2. Platz (der Unabhängigkeit), zentraler Versammlungsort in Kiew während der „Orangenen Revolution“. ↩︎