Umweltschutz – ein Thema für die Theologie?

aus OWEP 2/2021  •  von Roman Globokar

Roman Globokar ist katholischer Theologe und Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Ljubljana. Seine Schwerpunkte sind Fundamentale Moraltheologie, Bioethik und Ökologische Ethik.

Zusammenfassung

Das heutige christliche Weltbild, in dessen Mittelpunkt der Mensch als ökologisch verantwortungsvoll handelndes Wesen steht, blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Der Beitrag zeichnet die Entwicklung speziell in der katholischen Lehre nach, in der trotz mancher Vorarbeiten erst die Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus eine entscheidende Wende markiert.

Wenn wir uns wissenschaftliche Zeitschriften, Veröffentlichungen, Leitthemen, unter denen Konferenzen abgehalten werden, oder auch populäre Medienbeiträge in Mittel- und Osteuropa in den letzten Jahrzehnten ansehen, wird uns schnell klar, dass Themen wie Klimawandel und Umweltschutz in der katholischen Theologie und in der katholischen Kirche im Allgemeinen keine bedeutende Rolle spielen. Man kann da eine gewisse Verzögerung im Hinblick auf eine ökologische Bewusstseinsbildung gegenüber dem westlichen Teil unseres Kontinents feststellen. Die katholische Kirche in Polen, der Slowakei, Kroatien und Ungarn ist sehr aktiv darin, das Recht jedes Menschen auf Leben zu verteidigen, Abtreibung und Sterbehilfe zu bekämpfen und die traditionelle Sicht der Familie zu schützen. Wenn es jedoch um Umweltschutz und Maßnahmen gegen den Klimawandel geht, steht sie nicht in der ersten Reihe. In diesem Bereich verweisen die Bischöfe auf die allgemeineren Richtlinien im Sinne, dass der Mensch für die gesamte Schöpfung verantwortlich ist; sie enthalten jedoch keine verbindlichen normativen Äußerungen, wie dies in Fragen der menschlichen Bioethik üblich ist. Auch die theologische Reflexion zu diesem Thema ist in Mittel- und Osteuropa bescheidener als in Westeuropa.

Vernachlässigung des ökologischen Denkens

Wenn wir unsere Überlegungen zur menschlichen Verantwortung gegenüber der natürlichen Umwelt in einen breiteren Kontext stellen, können wir feststellen, dass die gesamte Tradition des westlichen Denkens die ökologische Dimension menschlicher Existenz und menschlichen Handelns vernachlässigt hat. Mit einer anschaulichen Metapher beschreibt der 1965 verstorbene Theologe und Philosoph Albert Schweitzer den Ausschluss nichtmenschlicher Lebewesen aus dem Bereich der Ethik, wenn er die abendländische Philosophie mit einer fürsorglichen Hausfrau vergleicht, die ihre Stube geputzt hat und ständig darauf achtet, keine Tiere ins Haus zu lassen.

Albert Schweitzer (undatiert; Copyright: picture-alliance / dpa / dpa inp)

Die abendländische Philosophie und Theologie schrieben den nichtmenschlichen Lebewesen keinen inneren Wert zu, auch nicht der Schöpfung als Ganzer. Der Mensch hatte nicht die Macht, in die natürlichen Prozesse signifikant einzugreifen und sie zu verändern. Mit der Entwicklung der modernen Wissenschaft und dem Einsatz von Technologie hat der Mensch jedoch begonnen, sowohl die Ökosysteme als auch die genetischen Codes wesentlich zu verändern. Die ökologische Krise seit den 1960er Jahren deckte die negativen Auswirkungen menschlichen Handelns auf das Funktionieren der gesamten natürlichen Umwelt auf. Boden- und Wasserverschmutzung, saurer Regen und die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden waren die ersten Anzeichen dafür, dass der Mensch bestimmte Naturgesetze respektieren muss, wenn er auf der Erde überleben will.

Das Christentum fand sich auf der Anklagebank wieder, weil es aufgrund seiner anthropozentrischen Sicht auf die Welt für die ausbeuterische Haltung des Menschen gegenüber der natürlichen Umwelt für schuldig befunden wurde. Die Umweltaktivisten warnten davor, dass die Anweisung in der Genesis, dass sich der Mensch die Erde unterwerfen solle, die uneingeschränkte Ausbeutung der Güter der Erde ermöglicht und somit zu den katastrophalen Folgen der Zerstörung der natürlichen Umwelt geführt hat. Interessanterweise wurde das Christentum seit dem Beginn der Neuzeit andererseits stets für schuldig befunden, die wissenschaftliche und technologische Entwicklung gehemmt zu haben; nun soll dasselbe Gedankenparadigma für die negativen Folgen dieser Entwicklung verantwortlich sein. Die biblischen Texte ziehen tatsächlich eine klare Trennlinie zwischen Gott und der Welt, was bedeutet, dass die Natur nicht heilig ist und dass der Mensch in der Natur frei ist. Eine solche Sichtweise ermöglicht es dem Menschen jedoch, die Schöpfung gemäß seinen Zwecken zu verändern.

Die Zurückhaltung der katholischen Kirche

Als Antwort auf die starken Vorwürfe bezüglich der biblischen Anweisung, dass sich der Mensch die Erde unterwerfen soll, haben viele Exegeten und Theologen nach der wahren Bedeutung dieses Textes gesucht und haben damit versucht, die Schuld zu vermindern, die dem Christentum wegen des sich verschlechternden Zustands des Planeten auferlegt worden war. Sie betonten, dass der Mensch in biblischer Sichtweise als Verwalter der Schöpfung dargestellt werde, der Gott gegenüber für seine Handlungen verantwortlich sei, und dass er in keiner Weise willkürlich und destruktiv in die Schöpfung eingreifen dürfe, denn die Schöpfung sei nicht sein Werk, sondern das Werk Gottes. „Die Erde beherrschen“ bedeute keine absolute Herrschaft, sondern beinhalte Verantwortung und Fürsorge. Im praktischen Bereich müssen wir aber feststellen, dass sich gleichwohl Katholiken leider nicht im großen Stil in Umweltbewegungen engagiert haben. Dafür gibt es wahrscheinlich mehrere Gründe. Zum einen haben sich viele Umweltaktivisten den katholischen Ansichten widersetzt, das menschliche Leben von der Empfängnis an zu schützen. Sie leugneten den spezifischen Platz des Menschen innerhalb der natürlichen Welt, eine der grundlegenden Wahrheiten der biblischen Botschaft. So bildete sich ein unlogischer Widerspruch zwischen den Verteidigern der Menschenrechte von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod und den Verteidigern der Rechte der natürlichen Umwelt.

Papst Johannes Paul II. erinnerte zwar in der Botschaft für den Weltfriedenstag 1990 die Christen daran, dass „ihre Pflichten gegenüber der Natur und gegenüber dem Schöpfer ein wesentlicher Bestandteil ihres Glaubens sind“, dennoch konzentrierte sich seine Morallehre um den Schutz des Lebens fast ausschließlich auf das menschliche Leben. Sein Nachfolger, Papst Benedikt XVI., räumte ein, dass der Mensch durch verantwortungslose Handlungen die natürliche Umwelt schädige. Seine Ansicht ist prinzipiell immer noch anthropozentrisch, da er sagt, dass die Kirche „nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen“, sondern „vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen“ muss (Caritas in veritate, 51). Die Pflicht der Menschen ist es, „die Erde den neuen Generationen in einem Zustand zu übergeben, sodass auch sie würdig auf ihr leben und sie weiter kultivieren können.“ (CIV 50) Benedikt XVI. gibt der „Humanökologie“ den Vorrang vor der „Umweltökologie“. Er verweist auch auf den Zusammenhang zwischen der Achtung des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod und dem Schutz der natürlichen Umwelt. „Das Buch der Natur ist eines und unteilbar sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Unsere Pflichten gegenüber der Umwelt verbinden sich mit den Pflichten, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben. Man kann nicht die einen Pflichten fordern und die anderen unterdrücken. Das ist ein schwerwiegender Widerspruch der heutigen Mentalität und Praxis, der den Menschen demütigt, die Umwelt erschüttert und die Gesellschaft beschädigt.“ (CIV 51)

Die letzteren Gedanken drücken eine klare Kritik an bestimmten Strömungen der Umweltbewegungen aus, die sich der katholischen Morallehre hinsichtlich der Achtung der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und des Schutzes der traditionellen Sicht auf die Familie widersetzen. Man kann sagen, dass sich Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nicht direkt mit dem Thema der ökologischen Krise befassen und auch keine konkreten Hinweise für die Gläubigen in diesem Bereich erarbeitet haben – vielmehr sehen sie die ökologische Krise als Teil einer umfassenderen moralischen Krise der modernen Gesellschaft. Als ein besonders brisantes Terrain dieser Krise, auf dem sie Katholiken ermutigen, sich kräftig und aktiv einzusetzen, identifizieren sie das Gebiet der menschlichen Bioethik, insbesondere den Respekt der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod und die Befürwortung der traditionellen Sichtweise der Familie.

Die Wende mit der Enzyklika Laudato si'

Mit der Wahl von Papst Franziskus hat sich jedoch der Fokus von der menschlichen Bioethik auf den Umweltschutz und die soziale Gerechtigkeit verlagert. Wir können sagen, dass das kirchliche Lehramt dieses Thema mit großer Verzögerung in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt hat. Die Enzyklika Laudato si‘ aus dem Jahre 2015 bietet eine umfassende Sicht der Stellung des Menschen in der natürlichen Welt und seiner Verantwortung für das Schicksal unseres Planeten, den Franziskus „unser gemeinsames Haus“ nennt. Der Papst nimmt im Text des Rundschreibens viele bedeutende Stimmen verschiedener Denker sowie Erklärungen von Bischofskonferenzen aus aller Welt auf und schließt sich damit den weltweiten Bemühungen um die Erhaltung der Schöpfung an. Seine Art, die Lehre der Kirche umzusetzen, ist inklusiv, was bedeutet, dass er die Rolle des Bischofs von Rom darin versteht, die Gedanken lokaler Kirchen sowie von Menschen außerhalb der Kirche zu sammeln und zu verbinden, um Antworten auf die gemeinsamen Herausforderungen für die gesamte Menschheit herauszuarbeiten.

Papst Franziskus erkennt an, dass „wir Christen die Schriften manchmal falsch interpretiert haben“, dass wir aber heute mit Nachdruck zurückweisen müssen, „dass aus der Tatsache, als Abbild Gottes erschaffen zu sein, und dem Auftrag, die Erde zu beherrschen, eine absolute Herrschaft über die anderen Geschöpfe gefolgert wird.“ (LS 67) An verschiedenen Stellen im Rundschreiben lehnt er ausdrücklich den „despotischen“ (LS 68), „fehlgeleiteten“ (LS 69, 118, 119, 122), „modernen“ (LS 115, 116) Anthropozentrismus ab. Dieser übermäßige Anthropozentrismus leitet sich seiner Ansicht nach nicht aus der biblischen Tradition ab, sondern entwickelte sich innerhalb der modernen wissenschaftlichen und technischen Zivilisation. Die ökologische Krise sei „ein Aufbrechen oder ein Sichtbarwerden der ethischen, kulturellen und spirituellen Krise der Moderne“ (LS 119).So gesehen hat die Natur keinen Wert und keinen Zweck an sich, sondern ist es der menschliche Geist, der den Zweck natürlicher Güter bestimmt. Die Trennung zwischen menschlichem Geist und der dem Menschen zur Verfügung stehenden neutralen Wirklichkeit führt zu einer exponentiellen Entwicklung von Wissenschaft und Technologie mit allen positiven und negativen Folgen.

Papst Franziskus scheut sich in seiner Analyse des Zustands unseres Planeten nicht, die menschliche Verantwortung für Umweltveränderungen zu betonen. Bereits zu Beginn des Rundschreibens weist er darauf hin, dass unsere Schwester Erde „(auf)schreit … wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat.“ (LS 2) Als erster Papst argumentiert er ausdrücklich, dass der Klimawandel das Ergebnis einer unzureichenden menschlichen Einstellung zur Umwelt ist (LS 23, 25, 51). Der Mensch soll auch maßgeblich für das Aussterben von Tausenden von Pflanzen- und Tierarten verantwortlich sein: „Jedes Jahr verschwinden tausende Pflanzen- und Tierarten, die wir nicht mehr kennen können, die unsere Kinder nicht mehr sehen können, verloren für immer. Die weitaus größte Mehrheit stirbt aus Gründen aus, die mit irgendeinem menschlichen Tun zusammenhängen. Unseretwegen können bereits tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht“ (LS 33). Im gesamten Rundschreiben wird betont, dass sowohl einzelne Geschöpfe (LS 69, 76) als auch Ökosysteme (LS 140) ihren eigenen Wert haben, unabhängig von ihrer Nützlichkeit für den Menschen. Er spricht auch von der Tatsache, dass jedes Geschöpf seinen eigenen Zweck hat: „Wenn wir auf der Aussage bestehen, dass der Mensch ein Abbild Gottes ist, dürfte uns das nicht vergessen lassen, dass jedes Geschöpf eine Funktion besitzt und keines überflüssig ist. Das ganze materielle Universum ist ein Ausdruck der Liebe Gottes, seiner grenzenlosen Zärtlichkeit uns gegenüber.“ (LS 84)

Papst Franziskus trifft Greta Thunberg am 17. April 2019 auf dem Petersplatz in Rom (Copyright: picture alliance / Catholic Press Photo / VaticanMedia-Foto)

Der gemäßigte Anthropozentrismus von Papst Franziskus

Trotz seiner kritischen Beurteilung des Anthropozentrismus sucht Papst Franziskus nicht nach Alternativen in der biozentrischen Ethik: „Ein fehlgeleiteter Anthropozentrismus darf nicht notwendigerweise einem ‚Biozentrismus‘ den Vortritt lassen, denn dies würde bedeuten, ein neues Missverhältnis einzubringen, das nicht nur die Probleme nicht lösen, sondern auch andere hinzufügen würde. Man kann vom Menschen nicht einen respektvollen Einsatz gegenüber der Welt verlangen, wenn man nicht zugleich seine besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwortlichkeit anerkennt und zur Geltung bringt.“ (LS 118)

Franziskus ist nicht damit einverstanden, die Trennlinie zwischen Menschen und anderen Lebewesen aufzuheben, und kritisiert dabei auch Umweltaktivisten, die sich für Tierrechte einsetzen und darüber die Menschenrechte vernachlässigen. „Ein Empfinden inniger Verbundenheit mit den anderen Wesen in der Natur kann nicht echt sein, wenn nicht zugleich im Herzen eine Zärtlichkeit, ein Mitleid und eine Sorge um die Menschen vorhanden ist.“ (LS 91) Die Sorge um die Umwelt muss mit einer aufrichtigen Liebe zu den Menschen verbunden sein. Das letzte Motiv für die Sorge um die Umwelt ist die Sorge um den Menschen. (LS 92)

Obwohl alle Geschöpfe ihren eigenen Wert haben, hat der Mensch eine spezifische, einzigartige und unveräußerliche Würde (LS 90, 118, 136, 208). Der besondere Platz des Menschen wird im Rundschreiben wie folgt gerechtfertigt: „Obwohl auch der Mensch Entwicklungsprozesse voraussetzt, schließt er etwas Neues ein, das von der Entwicklung anderer offener Systeme her nicht gänzlich erklärbar ist. Jeder von uns besitzt in sich eine persönliche Identität, die fähig ist, mit den anderen und mit Gott selbst in Dialog zu treten. Die Fähigkeit zu Reflexion, Beweisführung, Kreativität, Interpretation und künstlerischem Schaffen sowie andere, völlig neue Fähigkeiten zeigen eine Besonderheit, die den physischen und biologischen Bereich überschreitet. Die qualitative Neuheit, die darin besteht, dass im materiellen Universum ein Wesen auftaucht, das Person ist, setzt ein direktes Handeln Gottes voraus, einen besonderen Ruf ins Leben und in die Beziehung eines Du zu einem anderen Du.“ (LS 81)

Wir können schließen, dass die Enzyklika einen gemäßigten Anthropozentrismus befürwortet. Franziskus ist sich des Irrtums des extremen Anthropozentrismus in der Vergangenheit bewusst und schreibt daher: „Eine unangemessene Darstellung der christlichen Anthropologie konnte dazu führen, eine falsche Auffassung der Beziehung des Menschen zur Welt zu unterstützen.“ (LS 116) Eine neue Einstellung zur Umwelt erfordert umso mehr eine neue Anthropologie: „Es wird keine neue Beziehung zur Natur geben ohne einen neuen Menschen. Es gibt keine Ökologie ohne eine angemessene Anthropologie.“ (LS 118)

Plädoyer für eine „anthroporelationale Ethik“

Wir haben gesehen, dass die Enzyklika Laudato si‘ letztendlich keine klare Alternative zur anthropozentrischen Sichtweise bietet. Sie besteht zwar klar darauf, dass es falsch ist zu denken, „dass die anderen Lebewesen als bloße Objekte angesehen werden müssen, die der willkürlichen Herrschaft des Menschen unterworfen sind“ (LS 82), sie definiert aber nicht, wie der tatsächliche Status anderer Geschöpfe ist und was ihr eigener Wert. Franziskus lehnt die moderne individualistische autarke Autonomie ab und ersetzt sie durch das Konzept der Vernetzung und Interdependenz. Aus meiner Sicht unternimmt er jedoch aus Angst, die menschliche Besonderheit ganz auszulöschen, keinen entscheidenden Schritt zur Überwindung des Anthropozentrismus, was einige Leser bedauern.

Dieselbe Enzyklika selbst bietet die Möglichkeiten für weitere Schritte. Fast wie ein Motto wiederholt sich im Schreiben die Ansicht, „dass alles miteinander verbunden ist“ (LS 11, 16, 70, 85, 91, 92, 112, 117, 120, 137, 138, 141, 240). In der inneren Tiefe erfährt der Mensch eine Verbindung mit anderen Menschen, mit allen Lebewesen und mit der gesamten Schöpfung. Der Ausgangspunkt des neuen Denkens könnte sein, dass die primäre Erfahrung des Menschen darin besteht, Teil der gesamten Schöpfung zu sein. Laudato si‘ betont ausdrücklich, dass „unser Körper uns in eine direkte Beziehung zu der Umwelt und den anderen Lebewesen stellt“ (LS 155). Wir sind ein Beziehungswesen, das in einer Vielzahl von Beziehungen zur natürlichen Umwelt, zu Mitmenschen und zu Gott besteht. Sowohl in der schöpfungstheologischen als auch in der eschatologischen Perspektive ist die gesamte Schöpfung, nicht nur der Mensch, in Gottes Plan enthalten. Der Mensch wird innerhalb der Schöpfungsordnung geschaffen: „Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (LS 42)

Ich schließe mich jenen Theologen an, die in den letzten Jahrzehnten eine anthroporelationale Ethik gefordert haben, die sich aus der Tatsache ergibt, dass der Mensch prinzipiell ein Wesen ist, das mit anderen Wesen verbunden ist und ein Teil des gesamten Ökosystems bildet. Als solcher ist er auch für die gesamte Schöpfung verantwortlich. Natur und nichtmenschliche Lebewesen haben unabhängig vom Menschen ihren eigenen Wert und handeln nach ihren eigenen Zwecken, die nicht vom Menschen bestimmt werden. Die Natur existierte bereits vor dem Menschen und kann ohne ihn existieren. Der Mensch kann jedoch nur in Verbindung mit der natürlichen Umwelt existieren. Der Mensch ist allerdings das einzige Wesen, das aufgrund von Vernunft und freiem Willen moralische Verantwortung übernehmen kann. Diese Verantwortung verpflichtet ihn, mit der Haltung der Ehrfurcht in sein Lebensumfeld einzugreifen, um für sich selbst, für Mitmenschen, für andere Wesen und für die ganze Schöpfung zu sorgen.

Synode zum Umweltschutz

Es wäre sehr wichtig, dass der Inhalt der Enzyklika Laudato si‘ in den christlichen Gemeinschaften ankommt und die Denkweise der Gläubigen prägt. Dabei denke ich besonders an die Länder Mittel- und Osteuropas und begrüße den Vorschlag des irischen Theologen Sean McDonagh, innerhalb der katholischen Kirche eine dreijährige Synodenbewegung zu veranstalten, die sich der Stärkung des Umweltbewusstseins und der Förderung einer ethischen Haltung gegenüber der Umwelt widmet. Das erste Jahr würde auf lokaler Ebene stattfinden, das zweite Jahr auf nationaler Ebene und das dritte Jahr auf globaler Ebene. Als Ziele des Synodenprozesses könnte ich mir vorstellen, im Dialog mit den Wissenschaften und Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen das Bewusstsein für den wirklichen Zustand unseres Planeten zu stärken, ökologische Umkehr (LS 114) und ökologische Spiritualität zu fördern, neue liturgische Gebetsweisen mit Umweltinhalten zu entwickeln und zu gestalten und engagierte und verantwortungsvolle Umweltmaßnahmen zu unterstützen. Das Gebot der Heiligen Schrift im Buch Genesis weist uns an, verantwortungsbewusst mit der natürlichen Umwelt umzugehen, indem wir einen Lebensraum für Mitmenschen und andere Lebewesen schaffen und damit sicherstellen, dass zukünftige Generationen eine echte Chance haben, auf der Erde zu leben.