OWEP 2/2021

OWEP 2/2021

Schwerpunkt:
Die Schöpfung im Klimawandel – Herausforderung für das 21. Jahrhundert

Editorial

Auf den ersten Blick wirkt die Thematik banal, vielleicht sogar ausdiskutiert. Kaum jemand stellt den Klimawandel mehr infrage. Die Debatte dreht sich seit Jahren um ein „Was muss, was müsste, was sollte-man-tun“, lautstark, aber harmlos, weil den Verantwortlichen der Preis in der Regel zu hoch scheint für einen radikalen Umbruch. Greta zum Trotz. Der Wohlstand geriete in Gefahr, weil die Menschheit eher mehr Ressourcen des Planeten in Zukunft benötigt als weniger. Doch neben der wirtschaftlichen Abwägung beinhaltet die Debatte mindestens eine zweite Dimension – eine ethische, existentielle. Es geht um die Frage, ob die vielen wirtschaftlichen Abwägungen am Ende nicht die Existenz irdischen Lebens als Ganzes gefährden. Zumindest menschlichen Lebens. Im Sinne gläubiger Christen weitergedacht: Darf der Mensch die Schöpfung Gottes aufs Spiel setzen aus vermeintlich ökonomischen, letztlich egoistischen Gründen?

Dieses Heft wird die Frage weder beantworten noch eines der vielen Probleme lösen. Doch unternimmt es den Versuch, einen besonderen Fokus auf einige ausgewählte Länder Ostmittel- und Osteuropas zu werfen, um die dortigen Debatten zu dem Thema dem deutschen Leser näherzubringen. Wie sieht die Stimmung aus in Polen, Rumänien oder – um den Blick zu weiten – im Südkaukasus? Welche Ressourcen sind bereits bedroht? Sind die Fragestellungen ähnlich wie bei uns? Oder ist die Gewichtung bestimmter Aspekte, beispielsweise des Umgangs mit Atomenergie, eine andere? Aber auch der Haltung der orthodoxen Kirche, die in vielen dieser Länder eine große Rolle spielt, zur Ökologie geht dieses Heft in einem Beitrag nach.

Ethik und Ökonomie bleiben in der Frage des Klimawandels Antreiber und Bremser zugleich. In allen Ländern. Und Corona? Corona hat dem Klimawandel eine zweite Bedeutung hinzugefügt. Corona führt der Menschheit vor, wie zerbrechlich und anfällig sie ist. Das meteorologische Klima dürfte am Ende ein noch größerer Gegner sein. Die Eindämmung dieser Gefahr setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr voraus.

Wir hoffen, dass es diesem Heft gelingt, den einen oder anderen neuen Aspekt dieser Debatte hinzuzufügen, und wünschen eine anregende Lektüre!

Die Redaktion

Kurzinfo

Der Klimawandel ist in aller Munde, wer wird das leugnen? Umstritten ist allenfalls, ob es sich dabei um ein natürliches oder ein von Menschen gemachtes Phänomen handelt. Die Zahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema ist unübersehbar, und auch aktuell wird über das Thema trotz der Corona-Pandemie und deren Folgen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft kontrovers diskutiert.

Wenn sich die Zeitschrift OST-WEST. Europäische Perspektiven diesem weiten Themenfeld annähert, kann sie natürlich nur ausgewählte Aspekte streifen. Wichtig ist der Umgang der Kirche mit Fragen von Klimawandel und Umweltschutz, der auf den ersten Blick gar nicht so selbstverständlich ist, wie man angesichts von Bildern annehmen könnte, die etwa Papst Franziskus und die Klima-Aktivistin Greta Thunberg gemeinsam zeigen. Die Umweltbewegung galt für viele Kirchenvertreter lange pauschal als „links“ und „säkular“. Ihr wurde vorgeworfen, den Menschen gegenüber der Natur zu vernachlässigen – und umgekehrt wurde der Kirche und dem Christentum insgesamt lange der (nicht ganz unberechtigte) Vorwurf gemacht, sie stünden auf Seiten der „Bremser“ in Sachen Umweltpolitik, vor allem in dem Sinne, dass der biblische Auftrag des Schöpfungsberichts, „sich die Erde untertan zu machen“, wörtlich verstanden wurde. Es ist wichtig, solche Pauschalisierungen zu hinterfragen, weshalb das Heft mit zwei Beiträgen aus kirchlicher Sicht einsetzt. Roman Globokar, katholischer Theologe und Professor für Moraltheologie an der Universität Ljubljana, bietet in seinem Beitrag „Umweltschutz – ein Thema für die Theologie?“ einen Überblick zur angedeuteten Problematik und leitet über zur „Umweltenzyklika“ Laudato si` von Papst Franziskus, die als Kerndokument für ein neues Verständnis von Umweltfragen in der katholischen Kirche gelten darf. Der nachfolgende Text von Erzpriester Heorhi Kowalenko, Rektor der Offenen Orthodoxen Universität zur Heiligen Weisheit in Kiew, entfaltet das Thema aus orthodoxer Perspektive. Hier hat der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur eine längere Tradition, die auch in liturgischen Elementen wie z. B. der Wasserweihe deutlich wird.

Von der Ebene der Theologie in die Ebene der Praxis und zum Thema „Atomkraft – pro und contra“: Dieser abrupte Übergang führt die Leserinnen und Leser in den beiden folgenden Texten zu einem Kernproblem des 21. Jahrhunderts, der Frage nach umweltverträglicher Energieerzeugung in einer Welt, deren Energiebedarf sich in den kommenden Jahrzehnten vervielfachen wird. Die am Herder-Institut in Marburg tätige Technik- und Osteuropahistorikerin Dr. Anna Veronika Wendland legt in ihrem Beitrag anhand von Zahlen und Fakten über die negativen Folgen der Nutzung fossiler Energien für das Klima und des niedrigen Energiegewinns aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Sonnenkraft dar, warum sie trotz bekannter Risiken die Atomkraft für eine Klimaschutztechnologie hält. Die Gegenposition vertritt die ukrainische Klimaaktivistin Iryna Holovko: Atomkraft ist eine falsche Technologie, um den Folgen des Klimawandels zu begegnen – seit den Katastrophen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) ist es ihrer Ansicht nach klar, dass die Risiken den Nutzen übersteigen; außerdem ist Atomkraft als Technik zu langsam und letztlich auch zu teuer.

Angesichts der globalen Dimension des Klimawandels und seiner Folgen ist es nicht verwunderlich, wenn die Thematik auch immer mehr weltweit die Gerichte befasst, etwa wenn Bauern in Südamerika große Konzerne verklagen, weil deren Aktivitäten Ackerland oder Wälder vernichten. Prof. Dr. Remo Klinger, Rechtsanwalt in Berlin und Honorarprofessor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, ist einer der bekanntesten deutschen Prozessanwälte im Umweltrecht und erläutert in seinem Beitrag das juristische und mediale Phänomen „Klimaklagen“ anhand einiger Beispiele.

Auch die Europäische Union hat sich dem Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels verpflichtet. Einen Meilenstein bildet der am 11. Dezember 2019 vorgestellte „Green Deal“, ein breit angelegtes Programm, das der Politologe Dr. Kai-Olaf Lang, Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, ausführlich vorstellt. Ein Drittel der EU-Ausgaben geht in den Klimaschutz – das zeigt die gewaltigen Dimensionen des bis zum Jahr 2050 ausgerichteten Großprojekts. Der Beitrag befasst sich besonders mit den Herausforderungen des Programms für die Staaten Mittel- und Osteuropas, speziell vorgestellt wird jeweils die Situation in Polen, Estland und Bulgarien.

Die folgenden vier Texte des Heftes widmen sich der Umweltsituation und den damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Aspekten in drei Ländern und einer größeren Region. Zunächst zeichnet Andrzej Ceglarz, polnischer Umweltaktivist und Doktorand an der TU München, die Entwicklung und aktuelle Lage in Polen nach. Daniel Diaconu, rumänischer Umweltaktivist, stellt einen Brennpunkt der Umweltarbeit in seiner Heimat vor. Einen Überblick über die Klima-Agenda in Russland bietet die russische Journalistin Angelina Dawydowa. Die Journalistin Silvia Stöber (Spezialgebiet: Südkaukasus) schildert aktuelle Umweltprobleme und deren Folgen in Armenien, Georgien und Aserbaidschan.

Abgeschlossen wird das Heft mit einem Interview, das die OWEP-Chefredakteurin Gemma Pörzgen mit dem in Armenien und Georgien als Berater tätigen Ingenieur Georg Ehrler geführt hat. Darin geht es um ein von Renovabis gefördertes Projekt zur Verbesserung der Wasserversorgung in abgelegenen Regionen Armeniens. Es folgen einige Literaturtipps (Bücher und Webseiten).

Neben einer Reihe von thematischen Abbildungen enthält das Heft auch drei Karikaturen, die das Thema „Klimawandel“ in zeichnerischer Form thematisieren.

Ein kurzer Blick auf Heft 3/2021, das im August erscheinen wird: Unter dem Titel „Corona und die Folgen: Soziale Verwerfungen in Mittel- und Osteuropa“ wird das Heft Beiträge bieten, die die Situation in einzelnen Ländern wie Albanien, Polen und Ungarn darstellen, außerdem werden – neben weiteren Aspekten – die Folgen für die kirchliche Arbeit angesprochen.

Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

82
Umweltschutz – ein Thema für die Theologie?
Roman Globokar
91
Ökologische Kultur in der orthodoxen Kirche. Theologische Grundlagen und liturgische Praxis.
Heorhi Kowalenko
99
Atomkraft ist eine Klimaschutztechnologie (Kontroverse)
Anna Veronika Wendland
104
Auch im Klimawandel ist Atomkraft die falsche Technologie (Kontroverse)
Iryna Holovko
109
Klimaklagen: Ein juristisches und mediales Phänomen
Remo Klinger
116
Der „Green Deal“ der EU: Herausforderungen für die Mitgliedsländer aus Ostmittel- und Südosteuropa
Kai-Olaf Lang
125
Umweltbewusstsein in Polen: historische Entwicklung und aktuelle Trends
Andrzej Ceglarz
134
Roșia Montană – wo in Rumänien das ökologische Bewusstsein erwacht ist
Daniel Diaconu
139
Die Klima-Agenda in Russland: Gesellschaft, Politik, Medien
Angelina Dawydowa
146
Umwelt- und Klimaschutz im Südkaukasus – Kampf gegen Großprojekte als Heimatschutz
Silvia Stöber
154
Ein Wasserprojekt weckt neue Hoffnung in Armenien. Ein Gespräch mit Georg Ehrler
Gemma Pörzgen
158
Weiterführende Lektüre
OWEP-Redaktion

Summary in English

Despite the COVID 19 pandemic, climate change and its consequences for the future of planet Earth are a topic that moves people of all generations. It is about more than just economic aspects such as the question of the costs of phasing out coal and oil power generation or the consequences of rising sea levels. As a Christian, one must ask: Is man allowed to put God's creation as a whole at risk? The booklet takes a theological approach to the problem and attempts to focus on a few selected countries in East-Central and Eastern Europe in order to bring the debates there on the subject closer to the German reader.