Antisemitismus in Polen – Gespräch mit Piotr Paziński, Chefredakteur von „Midrasz“, Warschau

aus OWEP 3/2008  •  von Andrzej Kaluza

Piotr Paziński, Chefredakteur der in Warschau erscheinenden jüdischen Monatsschrift „Midrasz“, gab unserer Zeitschrift das folgende Interview. Das Gespräch führte Dr. Andrzej Kaluza, Mitarbeiter des Deutschen Polen-Instituts, Darmstadt.

Die polnische Republik (Rzeczpospolita) galt einst als ein traditionell multireligiöses und tolerantes Land. Viele Juden fanden hier ihre Heimat. In Deutschland und im Westen spricht man in diesem Kontext oft von einem „traditionellen“ polnischen Antisemitismus. Wie könnte man diesen (bis 1939) charakterisieren?

Der Antisemitismus ist keine typisch polnische Erscheinung. Er ist eine par excellence europäische Erscheinung. Die europäische Kultur und Zivilisation ist ohne Antisemitismus nicht vorstellbar, so wie man sie sich auch nicht ohne Juden, ohne deren Beitrag zur Geschichte des Kontinents und ohne die Verfolgungen vorstellen kann, denen sie ausgesetzt waren. In diesem Kontext unterscheidet sich der polnische Antisemitismus nicht viel vom deutschen, französischen, spanischen oder englischen, eher unterscheidet er sich vielleicht insofern, als er nie so gewaltsame Formen annahm wie im Westeuropa des Mittelalters, im erzkatholischen Spanien und in Nazideutschland. Der polnische Antisemitismus hatte und hat noch immer alle Merkmale, die dem Antisemitismus überhaupt eigen sind: den Antijudaismus, den Glauben an jüdische Verschwörungen, die Verachtung für Andersgläubige, Neid, Vorurteile, stereotypes Denken, Unwissenheit, ein wenig Rassismus usw. Zum Glück für die auf polnischem Gebiet lebenden Juden brachte die polnische Zivilisation und Staatlichkeit nie extreme Formen des Antisemitismus hervor. Hier gab es mehr Verachtung für jüdische Nachbarn als Verbrechen an ihnen, mehr Drangsalierung und Stichelei – wie in einer schlechten Ehe –, als dass es Gewalt gegeben hätte. Gewalt gegen Juden zeigte sich in größerem Maße zum Ende der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, übrigens ganz in Einklang mit dem Klima jener Zeit. Diesen polnischen Antisemiten, die von einer gewaltsamen „Lösung der Judenfrage“ träumten, nahm Hitler die Arbeit ab.

Nach Überzeugung der Polen sind sie die Nation, die Juden half, die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Vernichtung zu überdauern. Jan Tomasz Gross behandelt in seinem Buch „Nachbarn“ die Beteiligung von Polen am bestialischen Pogrom in Jedwabne 1941. Inwieweit ist dieses Beispiel für das Verhalten der Polen in dieser Zeit repräsentativ, inwieweit stellt es eine Ausnahme dar?

Der Fall Jedwabne ist repräsentativ für den östlichen Teil Polens, wo es 1941 in der Tat zu Pogromen gegen Juden kam. Sie waren von den Deutschen inspiriert, im übrigen in Einklang mit Heydrichs Doktrin, der zufolge man die lokalen Animositäten ausnutzen und die Vernichtung der Juden nach Möglichkeit mit den Händen nichtjüdischer Einheimischer durchführen lassen sollte. An vielen Orten konnte dieses Programm wegen der ihm förderlichen Einstellung der polnischen, ukrainischen, litauischen oder rumänischen Bevölkerung verwirklicht werden. Jedwabne ist typisch nicht für Polen, sondern für das Europa dieser Zeit. Es ist aber nicht typisch für die polnischen Haltungen zur Vernichtung der Juden. Vorherrschend war damals meistens die Passivität. Die Polen waren Zeugen der Vernichtung, sie verübten Raub an jüdischem Vermögen, nicht selten freuten sie sich darüber, dass Hitler die Juden ermorden ließ, meistens blieben sie gleichgültig, zumal ja der deutsche Terror auch sie betraf. Den Juden half eine edelgesinnte Minderheit – aus religiösen, humanitären Gründen, wenngleich oft auch aus Gewinnsucht.

Das genannte Buch von Gross wurde in Polen intensiv diskutiert. Welche Bedeutung hat heute die Diskussion über Jedwabne für die Polen?

Die Diskussion gab es, und sie ist verklungen. Sie dauerte aber so lange, dass sie im kollektiven Gedächtnis ihre Spur hinterlassen konnte – vor allem das Bewusstsein, dass die Polen nicht nur Hitlers Opfer waren, sondern manchmal auch seine Gehilfen. Sie stellte eine positive Katharsis dar, es ist jedoch zu bezweifeln, dass sie auf Dauer die Unüberzeugten überzeugt hätte. Die Feinde von Gross blieben ihren Anschauungen treu, überzeugt davon, dass er ein Feind Polens sei, ein schädliches Instrument irgendeiner internationalen Judenverschwörung gegen Polen oder ganz einfach ein miserabler Historiker. Seine Anhänger betrachten das Buch „Nachbarn“ als eines der wichtigsten Bücher der letzten zehn Jahre. Die Mehrheit der Polen lässt dieser Streit, so ist mein Eindruck, völlig gleichgültig.

Im neuen Buch von Jan Tomasz Gross „Angst“ beschreibt er antisemitische Verhaltensweisen der Polen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie ist es möglich, dass die am Leben gebliebenen Juden zum Gegenstand polnischer Aggressionen wurden? Beide Völker waren doch Opfer gewesen.

Hitlers Opfer sein (und die Polen waren zweifellos seine Opfer) muss nicht bedeuten, dass man aufhört, Antisemit zu sein. Leider bekümmerte es einen großen Teil der Polen nicht, dass die Deutschen polnische Juden ermordet hatten. Das bedeutet nicht, dass die Polen den Juden ein solches Schicksal wünschten, aber sie nahmen die Entscheidungen der Geschichte mit einer gewissen Gleichgültigkeit, vielleicht auch mit Erleichterung zur Kenntnis. Das jüdische Problem hat fast aufgehört zu existieren, wenngleich die Vorurteile blieben. Wesentlich war auch der materielle Faktor: Selbst wenn nur eine verschwindende Minderheit der Polen den Deutschen half, Juden zu ermorden, so nahm doch ein bedeutend größerer Prozentsatz am Raub von Vermögen teil, wurde zum Nutznießer der Judenvernichtung. Die Angst, die Juden könnten zurückkehren und sich ihr Eigentum wieder nehmen, besteht in Polen bis heute. In der Provinz, in den früheren jüdischen Schtetl, ist diese Angst wohl – neben dem in der Kirche immer noch vorhandenen Antijudaismus – der wichtigste Faktor, der dazu führt, dass antisemitische Haltungen bestehen bleiben.

Schon früher erschienen in Polen Bücher über dieses Thema, nicht nur wissenschaftliche, sondern auch die Belletristik greift es auf. Was die Fakten betrifft, so bringt das Buch von Gross ja keine Entdeckungen und Überraschungen, über die sich zuvor niemand im Klaren war. Weshalb gibt es also eine so starke Kritik gegen sein neuestes Buch?

Die Juden sind in Polen geblieben: als Geister und Alpträume. Verborgen in der Tiefe des persönlichen und gesamtnationalen Unterbewusstseins, bewirken sie Gewissensbisse, sie sind ein Gegenstand von Bewunderung und Verachtung, von Unruhe, von vorübergehender Faszination und dauerhaftem, schöpferischem Interesse. Zahlreiche soziologische Untersuchungen zeigen, dass man in Polen schwerlich Menschen trifft, denen die Juden absolut gleichgültig wären. Eher setzen sie widersprüchliche Gefühle frei: von Bewunderung und Mitgefühl bis hin zu einem sinnverwirrenden Hass. Das hindert die meisten zeitgenössischen Polen nicht daran, zu erklären, sie hätten nie einen wahren Juden zu Gesicht bekommen. Die Reaktionen auf das neue Buch von Gross, das gleichsam bekannte, aber eigentlich doch in das kollektive Unterbewusstsein verdrängte Fakten hervorholt, zeigen, wie brennend noch immer das jüdische Thema in Polen ist.

Aus dem Polnischen übersetzt von Wolfgang Grycz.