Religion und Nation in Albanien

Stephanie Schwandner-Sievers ist Ethnologin mit dem Spezialgebiet Balkan und lebt in London.

Seit dem Ende des vormals totalitären kommunistischen Regimes, das 1967 den Staatsatheismus deklariert und Moscheen, Kirchen und die Tekken (Konvente) der Derwischorden in Sporthallen, Ställe und Lagerhäuser verwandelt hatte, ist die Religionsfreiheit in Albanien wieder garantiert. Das Land ist traditionell multikonfessionell, jedoch mehrheitlich islamisch, der Staat per Verfassung laizistisch. Die Albaner, vom einfachen Bauern bis zum obersten Regierungsvertreter, betonen gerne die Tradition der interreligiösen Toleranz und Harmonie der Glaubensgemeinschaften in ihrem Lande und spielen dabei mögliche interne Konflikte herunter.

Doch schon in der Vergangenheit wurden die verschiedenen Religionen der Bevölkerung immer wieder machtpolitisch von innen oder außen instrumentalisiert und dabei oft die nationale Einheit in Frage gestellt. Diese Erfahrungen, die im Folgenden nur kurz angedeutet werden können, bedingten die Herausbildung von integrationsstiftenden Nationalmythen1, die die Grundlage des so genannten „Albanismus“ bilden. Unter anderem zeichnet sich laut dieser Ideologie der albanische Volkscharakter vor allem durch eine nur oberflächliche und pragmatische Religiosität aus, die Religion der Albaner sei allein das Albanertum. Ist das Selbstbild der Albaner also lediglich ein Produkt ihres Nationsbildungsprozesses oder entspricht es der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart?

Im Folgenden soll die Geschichte dieser Mythen kurz erläutert werden. Eventuelle Wechselwirkungen zwischen Mythos und Realität sollen nachgezeichnet und historische wie ethnographische Beschreibungen der Religiosität der Albaner in Vergangenheit und Gegenwart den Mythen gegenübergestellt werden. Schon eingangs sei erwähnt, dass das vorhandene Material ein viel differenzierteres und komplizierteres Bild ergibt, als es die homogenisierenden Mythen des Albanismus vermuten lassen. Sie entbehren jedoch auch nicht jeglicher Grundlage in der gesellschaftlichen Realität und haben dazu ein unvermutetes neues Eigenleben im postkommunistischen Albanien entfaltet.

Multikonfessionalität gestern und heute

Zur Zeit der albanischen Staatsgründung (1912) galten etwa 50 Prozent der Bevölkerung, vor allem in den Städten des Landes, dem Sunni-Islam der vergleichbar liberalen Hanafi-Schule, die den Islam des Osmanischen Reiches dominierte, zugehörig. 20 Prozent waren Anhänger verschiedener mit dem schiitischen und alevitischen Islam verwandten heterodoxer islamischer Mystikergruppen, die auch Sufi- oder Derwischorden genannt werden, als besonders volksnah galten und bis heute besonders in ländlichen Regionen vornehmlich Südalbaniens vertreten sind. Am bekanntesten davon ist der Orden (Tariqah) der Bektashi. Ferner galten 20 Prozent der Bevölkerung als orthodox (vornehmlich an der Grenze zu Griechenland in Südalbanien beheimatet) und 10 Prozent als katholisch (in Nordalbanien).

Für das postkommunistische Albanien werden mangels umfassender neuerer Statistiken noch heute meist die gleichen Zahlenverhältnisse bemüht. Nach amtlichen Berichten praktiziert jedoch nur etwa ein Drittel der Bevölkerung ihre Religion oder messen ihr irgendeine Bedeutung im Alltag bei. Einige Albaner haben sich auch von US-evangelikalen Sekten (z. B. Mormonen und Adventisten) und anderen moderaten bis radikalen protestantischen, aber auch islamischen und katholischen Missionaren bekehren lassen. 2009 waren laut offiziellen Angaben neben den traditionellen Religionsgruppen 245 religiöse Organisationen, Gruppen oder Stiftungen registriert, davon 34 verschiedener islamischer und 189 protestantisch/evangelikaler Ausrichtung. Kein afrikanisches Land hat jemals so viele Missionare wie das ehemals atheistische postkommunistische Albanien angezogen!

In den vergangenen Jahren ist das Land gelegentlich mit dem fundamentalistischen Islamismus in Verbindung gebracht worden. Besonders der Einfluss der Salafi-Schule, einer strengeren arabischen Form des Islams, der aus dem Ausland zurückkehrenden albanischen Studenten und saudi-arabischer Finanzierung angelastet wird, soll die einheimischen muslimischen Gemeinden unter Druck gesetzt und interne Macht- und Generationskonflikte provoziert haben. Nationale und internationale Besorgnis erregte 2005 auch die Entdeckung einer Dschihad-Gruppe im nordalbanischen Kukës, die zur sofortigen Strafverfolgung führte. Seit 1992, unter Führung des aus dem Norden stammenden ersten nachkommunistischen Präsidenten (1992-1997) und heutigen Ministerpräsidenten (seit September 2005) Sali Berisha, eines Muslims, ist das Land Mitglied der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC). Diese Mitgliedschaft wird allerdings von vielen Albanern vehement abgelehnt, nicht zuletzt weil sie arabisch-islamischen Hilfsorganisationen, Banken und Geldgebern Tür und Tor öffnete. In den Jahren der sozialistischen Regierung unter Fatos Nano (1997-2005), der wie vordem die kommunistische Regierung vornehmlich aus dem orthodoxen und liberal-muslimischen Süden des Landes stammt, wurden die arabischen Anbindungen geschmälert, sodass sich viele albanische Muslime wieder gesellschaftlich ausgegrenzt oder sogar politisch verfolgt fühlten.

Prominente Vertreter der politischen und kulturellen Eliten, zum Beispiel der Schriftsteller Ismail Kadare, sorgen sich ob der globalen islamischen Verbindungen um den nationalen Zusammenhalt und das internationale Image. Sie beschwören immer wieder den oben erwähnten Toleranzmythos als ein nationales Volksmerkmal. Daneben betonen sie gerne auch ein rein abendländisch-christliches Kulturerbe Albaniens und die Annahme, dass die Albaner ursprünglich als Christen zum Übertritt zum Islam gezwungen worden seien. So lässt sich auch die offizielle nationale Verehrung von Mutter Teresa unter orthodoxen (Nano) und muslimischen postkommunistischen Regierungschefs (Berisha) erklären. Doch einige islamische Organisationen haben sowohl den Mythos der historisch erzwungenen Konversionen als auch jenen einer islamischen Radikalisierung als Ausdruck von Islamophobie und ungerechtfertigten Verallgemeinerungen zurückgewiesen. Dabei stimmen viele albanische Muslime dem Mythos des christlichen Ursprungs zu. Die gegenwärtige albanische Religionslandschaft Albaniens ist also durchaus nicht spannungsfrei.

Zu den Ursprüngen der albanischen Nationalmythen

Im ausgehenden Osmanischen Reich bestimmte die Zugehörigkeit zu einer autonomen Religionsgemeinschaft, millet genannt, politische Rechte, sozialen Status und individuelle Gruppenzugehörigkeit. Zum Beispiel gehörten die Serben und Griechen, aber auch viele Südalbaner, dem orthodoxen millet an. Mit Ausnahme der Albaner ist die nationale Identität in Südosteuropa eng mit der Religion des jeweiligen Volkes verknüpft. Die Katholiken zum Beispiel werden auch unter den Albanern im Kosovo noch heute „die Kroaten“ genannt. Im Osmanischen Reich trugen die Christen die Hauptlast der Steuern, die Muslime genossen privilegierte Aufstiegschancen im Staatssystem, die besonders für die vormaligen Eliten des Landes attraktiv waren. Neben Missständen im katholischen, später auch im orthodoxen Klerus und einer zu geringen Zahl an Geistlichen nennt die heutige Forschung diese Tatsachen als Hauptgründe der ab dem späten 14. Jahrhundert einsetzenden Islamisierung der Albaner (zuerst allein der landbesitzenden Adligen). Sie erklärt auch, warum eine Vielzahl von Albanern hohe Positionen im Osmanischen Reich innehatte. Erst nach den von Venedig (1649) und Österreich (1689) provozierten und fehlgeschlagenen katholischen Aufständen in Nordalbanien und nach den Aufständen orthodoxer Südalbaner (Himarioten und Sulioten) während der Russisch-Türkischen Kriege des späten 18. Jahrhunderts kam es zu Zwangsislamisierungen.

Die religiöse Heterogenität der zudem über vier Vilâyets (Großprovinzen) des Osmanischen Reiches verteilt siedelnden albanischsprechenden Bevölkerung stellte für die albanischen Nationalideologen des späten 19. Jahrhunderts, die so genannten Rilindas2, ein ideologisches Problem dar. Zudem waren die Bildungsmöglichkeiten des Volkes eng an die Religionsgemeinschaften gekoppelt und kaum auf Albanisch möglich (Griechisch, Türkisch oder Arabisch und Italienisch waren die entsprechenden Unterrichts- und Schriftsprachen). Das weitere Sprachgebiet war zudem in viele Dialekte unterteilt, von denen die Unterscheidung in nordalbanisches Gegisch und südalbanisches Toskisch allenfalls eine Grobeinteilung darstellt. Neben der Überwindung religiöser Differenzen bildeten die Vereinheitlichung der albanischen Sprache und Schrift und albanische Schulgründungen für die Nationalideologen grundlegende Voraussetzungen zur albanischen Nationsbildung.

Die albanische Nationalbewegung setzte in Reaktion auf den Berliner Kongress im Jahre 1878 ein. Dieser bestätigte die nördlichen Nachbarn Serbien und Montenegro als Nationen, die dort, wie auch das bereits seit 1830 anerkannte Griechenland im Süden, Gebietsansprüche an albanische Siedlungsgebiete geltend machten. In Reaktion darauf vereinigten sich prominente Vertreter der albanischen Eliten (hohe osmanische Verwaltungsoffiziere und muslimische Großgrundbesitzer), katholische Stammesführer und orthodoxe Gemeindeführer in der so genannten Liga von Prizren (1878-1881). Vorerst als Teil des noch bestehenden Osmanischen Reiches, doch gleichzeitig von nationalen Autonomiewünschen geleitet, sollte die Liga den drohenden territorialen Übergriffen der Nachbarstaaten sowohl ideologisch als auch militärisch entgegenwirken. Prominente Ideologen der Liga wie die Nationaldichter Pashko Vasa (auch „Vaso Pasha“ oder „Wassa Effendi“), Sami und Naim Frashëri veröffentlichten die Grundlagen der bis heute fortwirkenden Nationalmythen. Der Ausspruch „der Glaube des Albaners ist das Albanertum“ stammt zum Beispiel aus einem Gedicht von Pashko Vasa, „Oh Albanien, armes Albanien!“ (1880, „O moj Shqypni)“, in dem er die Albaner beschwört, sich nicht von Priestern und Hodschas spalten zu lassen. Neben diesem Religionsmythos wurden damals auch die Mythen des illyrischen Ursprungs des Volkes, seiner ethnischen Autochthonie, Kontinuität und Reinheit und des permanenten Widerstandes der Albaner gegen feindliche, äußere Kräfte (so besonders im Skanderbeg-Mythos verkörpert) in den nationalen Geschichtskanon integriert.

Der ideologische Nationsbildungsprozess setzte sich nach der gewaltsamen Zerschlagung der Liga 1881 auch in der Diaspora fort. In den USA ließ sich Bischof Fan Noli vom russisch-orthodoxen Bischof von New York 1908 zum Oberhaupt einer autokephalen (d. h. selbstständigen) orthodoxen Kirche der albanischen Gemeinde ordinieren. Damit wehrten sich die Südalbaner gegen griechische Vereinnahmungen ihrer Kirche sowohl im Heimatland als auch im Migrationskontext. Albanische Nationalpatrioten aller Konfessionen aus der gesamten Region und der Diaspora einigten sich ferner 1908 auf dem Kongress von Monastir (heute Bitola in Makedonien) auf die alleinige Verwendung der lateinischen Schrift im Albanischen und auf eine phonetische Orthographie, die einen einheitlichen Schulunterricht in albanischer Sprache ermöglichte. Patriotische Geheimgesellschaften im In- und Ausland entwickelten und verbreiteten die Ideen der Rilindas über Zeitschriften und Bücher. Die Werteorientierung des Albanismus erreichte so zunehmend weitere Schichten der albanischen Gesellschaft.

Während der Balkankriege 1912 und 1913 und dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) und danach wurde das Land trotz seiner Unabhängigkeitserklärung (1912) von wechselnden Staaten besetzt. Geschichten religionsübergreifender Treue, Hilfe und Solidarität in Zeiten der Not und Gewalt, von der diese Jahre geprägt waren, verbreiteten sich sowohl in der mündlichen Erzählkultur als auch in Text und Bild. Bis heute findet sich vor allem der Topos von gegenseitig geleisteter Hilfe zwischen Bektashi und orthodoxen Christen Südalbaniens auch in der einflussreichen albanischen Diaspora in den USA, die sich damit einer überkonfessionellen, gemeinsamen patriotischen Identität vor allem während der Zeit des erklärten Atheismus und der Religionsverfolgung im Heimatland versichern konnte. Mehr noch: Die albanische Bektashi-Gemeinde in den USA wurde aufgrund derartiger Erzählungen überhaupt erst gegründet – mit politischer Unterstützung des orthodoxen Bischofs Fan Noli. Der von Religionsführern dokumentierte Albanismus diente hierbei als Argument, die Anhänger des kommunistischen Atheismus innerhalb der Diaspora in ihre Schranken zu verweisen.3

Unter dem autoritären Regime des aus Nordalbanien stammenden muslimischen König Zogu in der Zwischenkriegszeit konnten die Albaner erstmals ihre unabhängige Staatlichkeit im Frieden erleben. Die Ideologie des Albanismus wurde nun von staatlicher Seite forciert und implementiert, um die zentrifugalen Kräfte in der Gesellschaft zu zähmen. Obschon nicht verboten, mussten sich die verschiedenen Religionsgemeinschaften und ihre Prediger dem vereinheitlichenden Nationalismus unterordnen. Der Albanismus diente als Zivilreligion und es entstand ein sakral-nationaler Führerkult. Laut dem Baptistenmissionar und Zeitzeugen Edwin E. Jacques pries die neue Nationalhymne den König als den Retter des Vaterlands in symbolischer Konkurrenz zu Jesus und Mohammed und in Nachfolge von Skanderbeg; die für das Vaterland gefallenen Soldaten wurden als „Heilige“ bezeichnet. Beamte und Lehrer mussten als „Apostel“ und „Missionare“ angesprochen werden. Die Slogans des Albanismus waren plötzlich überall: „Religion teilt – Patriotismus eint!“; „Unsere Religion ist der Albanismus!“ Eltern gaben ihren Kindern nun keine Vornamen mehr, die auf die Glaubenszugehörigkeit hätten schließen lassen können, sondern der albanischen Mythologie entlehnte Namen, die bis heute üblich sind.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs fand sich Albanien unter der Herrschaft der hauptsächlich aus Südalbanien stammenden, aus dem Bürgerkrieg erfolgreich hervorgegangenen kommunistischen Partisanenkämpfer mit muslimischem und orthodoxem Hintergrund. Albanismus als Zivilreligion und Führerkult wurden bekanntermaßen unter der stalinistisch-marxistischen Diktatur von Enver Hoxha (1908-1985) fortgesetzt und kulminierten schließlich im Staatsatheismus. Neuere ethnographische und historische Forschungen zeigen, dass unter Hoxha, der selbst aus einer südalbanischen Bektashi-Familie stammte, Vertreter der orthodoxen Gemeinden Südalbaniens privilegiert an der Macht, Urbanisierung und Modernisierung des Landes teilnehmen durften. Die vordem privilegierten Eliten islamischer Sunni-Identität erlitten dagegen besonders massive Verluste an Eigentum und sozialem Status, die sich in lokalen Statuszuschreibungen bis heute widerspiegeln. Besonders grausam wurden die Katholiken und Muslime Nordalbaniens verfolgt. Trotz der Atheismusdoktrin wissen wir jedoch heute, dass vor allem außerhalb der Städte religiöse Praktiken oft unter größter Gefahr im Verborgenen fortgesetzt wurden. Noch nach 1967 kam es zu Hinrichtungen einzelner katholischer Priester, die in Nordalbanien heimlich Taufen vorgenommen hatten.

Interreligiöse Alltagsbeobachtungen vor und nach dem Kommunismus

Die Religionshistorikerin Nathalie Clayer behauptet mit gutem Grund, dass die Albaner – im Widerspruch zu dem etablierten Nationalmythos – nicht mehr oder weniger religiös seien als andere Völker. Sie betont allerdings, dass religiöse Identität, genau wie auch familiäre und lokale Herkunft, immer eine sozial ausdifferenzierende Wirkung hatte und immer noch hat. Im Osmanischen Reich stellten die Muslime vor allem in den Städten die kosmopolitischen Eliten, und ein daraus abgeleitetes Selbstbewusstsein kann in mehrheitlich muslimischen Regionen, so vor allem im Kosovo, bis heute auf diesen erhöhten sozialen Status zurückgeführt werden.4

Wie bereits oben angedeutet, hat sich in Albanien diese Statuszuschreibung mittlerweile weitgehend umgedreht. Nach Beobachtungen des Ethnologen Gilles de Rapper wurde in Südalbanien in den neunziger Jahren die orthodoxe Identität mit am idealisierten Westen gemessener „Kultiviertheit“ assoziiert und damit eine erhöhte Statuszuschreibung mit umgekehrten Vorzeichen begründet. Dörfler unterschiedlicher Konfession bezeichneten sich hier gegenseitig auch im Postkommunismus noch als Mitglieder verschiedener „Völker“ oder sogar „Rassen“, vor allem wenn sie soziale Klassenunterschiede herauszustellen suchen. Bis heute gibt es in Südalbanien besonders auf dem Lande eine auffällig konstante Heiratspräferenz für Partner aus der gleichen Religionsgemeinschaft, die sich nicht leicht mit dem Mythos einer zutiefst im Volk verankerten Religionstoleranz vereinbaren lässt.5 Nur die Bektashi, vielfach Opfer der Intoleranz der sunnitischen Muslime, standen historisch den orthodoxen Christen oft näher als den islamischen Brüdern: Sie tranken Wein und Raki, die eine rituelle Bedeutung hatten; Frauen mussten sich nicht verschleiern und nahmen an den religiösen Riten teil, sie beachteten nicht die Tabus des Korans für Schweinefleisch, und interreligiöse Heiraten waren nicht verpönt. Gerade dieser Mittelweg prädestinierte viele ihrer Anhänger für die Nationalbewegung und die Ideale des Albanismus, die auch den Kommunismus unter Enver Hoxha prägten.

Im katholischen und muslimischen Bergland Nordalbaniens war die Situation anders als im Süden. Wo Stammeszugehörigkeit und nicht religiöse Identitäten, synkretistischer Ahnenkult, Wunderglaube und strenge blutsverwandtschaftliche Regeln das Heiratsverhalten bestimmten, waren interreligiöse Heiratsverbindungen zwischen den verschiedenen Stämmen allgemein üblicher. Historische Quellen zeichnen das Bild eines religiösen Synkretismus, etwa beim gemeinsamen Begehen christlicher Feste, bei Heiligenverehrung und Wunderglauben. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war das Kryptochristentum (d. h. eine nur äußerliche Konversion zum Islam durch Annahme eines für die Außenwelt bestimmten muslimischen Namens, oft nur vom Haushaltsvorstand, und unter Beibehaltung der katholischen Riten und Festgebräuche in der Familie) in Nordalbanien weit verbreitet. Auf dem Lande verschleierten sich muslimische Frauen wie auch die Christinnen nicht. Paten- und Blutsbrüderschaften wurden oft über die Religionsgrenzen hinweg geschlossen.6

Ebenso jedoch beschreiben Reiseberichte der vorkommunistischen Zeit Konflikte zwischen Muslimen und Katholiken auf Dorfebene, die auf die Nationalisierung der Religionszugehörigkeit und die entsprechende gegensätzliche Instrumentalisierung der Albaner für und gegen die Türken, Österreicher, Italiener oder Serben zurückgeführt wurden. Der Religionsunterschied heizte sogar lokale Blutfehden an. Symbole des konfessionellen Unterschieds, so das christliche Kreuz und das Schwein (von Christen verzehrt, aber ein Tabu für Muslime), wurden als lokale Kriegserklärung benutzt und interpretiert. Verschiedene Reiseschriftsteller beschreiben, wie zum Beispiel ein Wegekreuz zerschossen oder ein totes Schwein in einer Moschee gefunden wurde und Auslöser blutiger Rachefeldzüge der beleidigten Dorfbewohner katholischen oder muslimischen Glaubens wurde.7 Erst vor wenigen Jahren führte die Errichtung von Kreuzen auf Bergkuppen in der Umgebung von Shkodrë und der Plan, eine Statue für Mutter Teresa in einem mehrheitlich muslimischen Viertel zu errichten, zu vehementen Protesten der lokalen muslimischen Gemeinde, die sich in der Stadt auch politisch unterrepräsentiert fühlt. Auch kam es in Albanien zu einigen unaufgeklärten Fällen von Kirchenschändungen in nachkommunistischer Zeit. Diese werden gerne pauschal eingereisten Fundamentalisten unterstellt, da die Albaner aufgrund ihrer ethnischen Religionstoleranz sich nicht zu solchen kulturellen Verbrechen hinreißen lassen würden.8

Anerkennungsstress im Postkommunismus?

Seit dem Ende des vormaligen Regimes und seiner eindeutigen Ideologievorgaben konnte auch in Albanien eine pluralistische, diversifizierte und individualistische Gesellschaft entstehen, in der verschiedene religiöse Interessensgruppen ihren sozialen Status und politischen Einfluss neu aushandeln mussten. Im Rahmen der politisch angestrebten EU-Integration und vor allem seit dem 11. September 2001 mussten die albanischen Muslime (Sunnis und Sufis) einen weiteren Statusverlust hinnehmen, während die albanischen Christen (Katholiken und Orthodoxe) einen Statusgewinn verzeichnen können. Dies hat neue Konflikte provoziert. Doch die vielfältigen Identitäten einer postmodernen, pluralistischen Gesellschaft und ihre widersprüchlichen Geschichtserfahrungen und -deutungen stellen jedwede homogene nationale Selbstbeschreibung in Frage.

Trotzdem wird der Mythos der interreligiösen Toleranz weiterhin so erfolgreich propagiert, dass er bis heute selbst in der Entwicklungs- und Demokratisierungspolitik als universales Modell dient. Interne Spannungen, soziale Differenzen und heterogene Alltagswirklichkeiten werden dabei gerne heruntergespielt. Besonders das kulturelle Erbe der osmanischen Zeit wird meist vernachlässigt und oft sogar negiert. Zu bedenken bleibt, dass es sich beim Albanismus und seinen Mythen um den Ausdruck eines nationalen Identitätsbildungsprozesses handelt, der mit der albanischen Nationalbewegung des späten 19. Jahrhunderts begann und durch den isolierten und totalitären Kommunismus Albaniens hindurch bis heute fortwirkt. Interreligiöse Toleranz in diesem Sinne ist Ausdruck nationalistischer und nicht pluralistischer Identitätspolitik.


Fußnoten:


  1. Die Wortwahl „Mythos“ soll hier, wie in den Kulturwissenschaften üblich, nicht generell Aussagen über Wahrheit oder Fälschung der sozialen Realität gestatten, sondern auf die sozialpolitische Funktion und symbolische Kodierung von Identitätserzählungen hinweisen. 

  2. Von albanisch rilindja, „Wiedergeburt“, Bezeichnung der Nationalbewegung, die auf der Annahme einer seit Urzeiten vorhandenen, jedoch unterdrückten Nation beruht, die im späten 19. Jahrhundert „wiedergeboren“ wurde. Vgl. dazu und zum folgenden historischen Exkurs auch die Ausführungen von Michael Schmidt-Neke in vorliegendem Heft, besonders S. 245-247 (der gedruckten Ausgabe). 

  3. Vgl. dazu Frances Trix: „When Christians became Dervishes“. Affirming Albanian Muslim-Christian Unity through Discourse. In: The Muslim World 85 (1995), Nr. 3/4, S. 280-294. 

  4. Vgl. dazu Nathalie Clayer: God in the „Land of the Mercedes“. The Religious Communities in Albania since 1990. In: Albanien: Geographie – Historische Anthropologie – Geschichte – Kultur – Postkommunistische Transformation, hrsg. v. Peter Jordan u. a. (Österreichische Osthefte 45, 1/2). Wien 2003, S. 277-314. 

  5. Vgl. dazu Gilles de Rapper: Religion in Post-Communist Albania: Muslims, Christians and the Idea of „Culture“ in Devoll, Southern Albania. In: Anthropological Notebooks 14/2 (2008), S. 31-45. 

  6. Vgl. dazu Peter Bartl: Die albanischen Muslime zur Zeit der nationalen Unabhängigkeitsbewegung (1878 – 1912). Wiesbaden 1968. 

  7. Diese Motive historischer Auseinandersetzungen dürfen nicht mit der besonders in Nordalbanien noch immer praktizierten Blutrache verwechselt werden; vgl. dazu die Beiträge von Hildegard Sühling und Maria Christina Färber in diesem Heft. 

  8. Dazu Bartl, Muslime (wie Anm. 6).