Der Velebit – das Rückgrat Kroatiens

aus OWEP 1/2017  •  von Edo Popović

Edo Popović ist Schriftsteller, Essayist und Kenner des Velebit.

Zusammenfassung

Ausführlich schildert der Autor in seinem Essay die geografische und geologische Beschaffenheit des Velebit-Gebirges in Kroatien, das in der Geschichte und Kultur des Landes eine bedeutende Rolle spielt. Viele Schriftsteller haben die Berglandschaft, die über eine einzigartige Flora und Fauna verfügt, in den Mittelpunkt ihrer Werke gestellt.

I.

Der Velebit ist das höchste Gebirge in Kroatien und das längste Gebirge des dinarischen Systems. Eine fantasielose geografische Skizze des Velebit würde ungefähr so lauten: Ein großes Gebirge, das einer einfachen, länglichen Auffaltung der Erdoberfläche ähnelt und das zwei klar gekennzeichnete Abhänge und einen breiten Bergrücken hat. Es ist aus Kreidegestein mit steilen Gefällen und erstreckt sich von Nordwesten nach Südosten, wobei es drei kroatische Gebiete umfasst: Lika, Dalmatien und das kroatische Küstenland. Die natürlichen Grenzen des Velebit sind auf der einen Seite der Velebitkanal der Adria, auf der anderen Seite die Hochebene der Lika. Nach Süden wird er vom Canyon des Flusses Zrmanja begrenzt und im Norden vom Vratnik-Pass oberhalb von Senj. Von dort bis zum Canyon erstreckt sich der Velebit in einem sanften Bogen über 145 km Länge. Die durchschnittliche Breite des Gebirges schwankt zwischen 30 km im Norden und 10 km im Süden. Der höchste Gipfel ist der Vagan (1.758 m) im südlichen Velebit. Pedantische Geografen haben errechnet, dass die Durchschnittshöhe seiner 130 höchsten Gipfel 1.372 m beträgt. Der Eindruck eines kompakten Bollwerks, wie der Velebit aus der Ferne erscheint, wird durch die relativ kleine Zahl an Pässen verstärkt, die für den Bau von Verkehrswegen geeignet sind. Außer dem erwähnten Vratnik-Pass gibt es noch Straßen über die Pässe Olatari, Veliki Alan, Oštarije, Mali Halan und Prezid. Dabei bilden die Pässe Veliki Alan und Oštarije die Grenzen der geografischen Einteilung des Gebirgszuges in den nördlichen, mittleren und südlichen Velebit. Andererseits gibt es im Velebit viele alte Viehwege; ein ganzes Netz solcher Wege führt über das Gebirge und entlang seiner Flanken. Es verbindet die Siedlungen am Fuß des Gebirges, die Sommerunterkünfte der Hirten in der Höhe, die Weiden, die Tränkstellen und die Quellen miteinander.

Die Meeres- und die Festlandseite des Velebit sind zwei ganz verschiedene Welten, gleich ob es um Flora, Fauna, Klima oder Geschichte geht. Die Meeresseite ist steil, unbewachsen und karstig, und sie hat zwei klar auszumachende längliche Terrassen am Fuß und in der Mitte des Gebirges. Die Terrasse am Meer heißt „Podgorje“, was in etwa „Unterberg“ bedeutet; sie ist unfruchtbar und wasserlos, gekennzeichnet durch viele Einbuchtungen als Folge der Gebirgsstürme. Dennoch ist sie dicht besiedelt, die meisten Orte am Fuß des Velebit befinden sich dort. Die zweite längliche Terrasse befindet sich in einer Höhe von 800 bis 900 Metern: Es handelt sich um ein 145 km langes System von Karstfeldern, Buchten und Karsttrichtern, die ein steiler Felsabhang von der niedrigeren Terrasse trennt, an dessen Rand sich verschiedene malerische Felshaken und Felsköpfe befinden, die durch die Wirkung von Wasser, Eis, Wind und Sonne entstanden sind. Über dieser Terrasse erstrecken sich die Höhen des Hauptgrats des Velebit, die Hochgebirgszone, die aus einem komplizierten Geflecht von Tälern, Bergrücken und nackten Gipfeln besteht. Die Festlandseite hingegen ist fruchtbarer als die Meeresseite, bewaldet, mit einer Reihe von tiefen Quertälern.

Velebit: Tulove Grede-Massiv1

Der oberste Grat des Velebit ist die Klimagrenze, die Kroatien in einen mediterranen und einen kontinentalen Teil teilt. Dieser Unterschied wird an den Abhängen beider Seiten deutlich sichtbar. Die Meeresseite ist in der Sommerzeit ausgedörrt, die Temperaturen sind hoch und die Niederschläge unregelmäßig. Schnee hält sich dort sehr selten. Daher wachsen dort Pflanzen, die sich an den Kreideboden und das Klima angepasst haben (Stechdorn, Salbei, Stech-Wacholder, Strohblumen), während an Bäumen vor allem Schwarzesche, Felsenahorn, Schwarzbuche und Weißbuche vorkommen. Die Festlandseite hat mehr Niederschlag, der Schnee hält sich dort länger, und es wächst dort vor allem mitteleuropäische Bergvegetation. Buchen, Tannen und Fichtenwälder bilden den größten Teil der Waldbedeckung des Festlandabhangs.

Bedeutenden Einfluss auf die Vegetation haben auch die Winde: Ein besonderes Markenzeichen des Velebit ist die Bura, ein kalter und trockener Wind, der vom Festland zum Meer weht und oft Orkanstärke erreicht. In den Gipfelbereichen des Velebit sind die Bäume dem Druck der Bura ausgesetzt und daher verkrüppelt und schief. Zur windabgewandten Seite hin haben sie häufig eine einseitig entwickelte Krone, die man Windflüchter nennt. Die Flora am Velebit ist Ausdruck verschiedener geologischer, klimatischer und anderer Umstände. Die Gesamtheit von Licht, Temperatur, Meereshöhe, Niederschlagsmenge, Wind und Boden ist in einzelnen Teilen des Gebirges so unterschiedlich, dass sie zu einer großen Vielfalt in der Pflanzenwelt mit ungewöhnlich vielen endemischen Pflanzen beigetragen hat. Botaniker sprechen von 2.000 verschiedenen Pflanzenarten, die auf dem Velebit wachsen, was der Hälfte aller in Kroatien vorkommenden Pflanzenarten entspricht. Einen besonderen Platz nimmt hier die Velebit-Degenie ein, die ihren Namen dem ungarischen Naturforscher Árpád von Degen verdankt, der sie 1907 entdeckt hat, und die nur auf zwei winzigen Felshalden wächst, von denen sich die eine auf dem nördlichen, die andere auf dem südlichen Velebit befindet.

Auch die Fauna ist auf dem Velebit sehr vielfältig. Es gibt zwar nur wenige Säugetiere, nämlich Braunbär, Wolf, Fuchs, Steinbock, Luchs, Reh, Wildkatze, Wiesel, Marder, Frettchen, Wildschwein, Hase, Eichhörnchen und andere kleinere Säugetiere. Die Vogelwelt ist dafür zahlreicher und vielfältiger; man spricht von etwa einhundert einheimischen Vogelarten, die keine Zugvögel sind. Die Reptilien bestehen aus etwa zwanzig Arten, von denen die Hornviper ein Synonym für den Gebirgszug geworden ist. Insekten bilden den Hauptteil der Velebitfauna; es gibt einige hundert Arten, darunter alleine 115 Schmetterlingsarten.

II.

Dass die Wissenschaft nicht allmächtig ist, zeigt sich daran, dass die Linguisten bis heute die Herkunft und die Wurzel des Namens Velebit noch nicht entdeckt haben. Die Volksetymologie bringt den Namen Velebit in Verbindung mit dem Adjektiv „veleban“ (großartig) oder auch mit Veles, dem slawischen Gott der Erde, des Wassers und des Untergrunds, aber die tatsächliche Herkunft des Namens bleibt unbekannt.

Die Geschichte des Velebit haben vor allem Viehhirten und Holzfäller geschrieben, darüber hinaus Reiseschriftsteller, Literaten, Naturforscher und Bergsteiger. Was die Viehhirten und Holzfäller betrifft, so haben sie, neben den geologischen Kräften sowie Wasser, Eis, Wind und Sonne, den Velebit gekennzeichnet und eine tiefe und bis heute sichtbare Spur auf ihm hinterlassen. Schon die alteingesessenen Stämme der keltischen Japoden haben in der Antike die Wälder gerodet und verbrannt, um Flächen zum Feldanbau und als Weiden zu bekommen. Diese Tradition haben die Kroaten nach ihrer Ansiedlung im 7. Jahrhundert fortgesetzt. Das, was wir heute im Velebit als Karstfelder, Weiden und Lichtungen kennen, ist das Ergebnis eines Jahrtausends des Rodens, Abholzens, Schneidens und Weidens.

Anders verhält es sich mit der öden, karstigen Meeresseite des Velebit. Sie war einst von Kiefernwäldern bedeckt, die, so sagt man, bis ans Meer gereicht haben. Für den dann erfolgten Ökozid, wie man dies heute nennen würde, verwies man auf die Venezianer, die angeblich durch übermäßiges Abholzen die Kiefernwälder unwiederbringlich vernichtet hätten. Im Buch „Šume i šumarstvo sjevernog Velebita“ (Wälder und Waldwirtschaft des nördlichen Velebit) kann man jedoch nachlesen, dass diese Wälder schon vor 2.200 Jahren verschwunden sind, zur Zeit der alten Japodentämme. Die Reste der Kiefernwälder lassen sich heute in der Mittellage der Meeresseite erkennen, vor allem im nördlichen und südlichen Velebit. Die übermäßige Nutzung der Velebitwälder wird leider auch heute noch fortgesetzt, ungeachtet dessen, dass das gesamte Gebirge als Naturpark geschützt ist und dass es dort zwei Nationalparks gibt, die „Nördlicher Velebit“ und (im Süden) „Paklenica“ heißen. Die Tradition des Rodens, des Weidens und des Sommerauftriebs des Viehs in hohe Lagen hat bis in die 1960er-Jahre überdauert, bis sie dann vor allem wegen der Industrialisierung Jugoslawiens fast völlig ausgestorben ist. Heute gibt es nur noch einige Familien im südlichen Velebit, die ihre Schafherden auf den Berg treiben.

III.

Zu den ältesten schriftlichen Quellen über den Velebit gehört die „Naturalis Historia“ des römischen Schriftstellers Plinius des Älteren, die im Jahr 72 entstanden ist. In ihr bringt der Autor viele Angaben über die Ostküste der Adria, und wenn er die Ansiedlungen an der Küste aufzählt, nennt er auch die am Fuße des Velebit gelegenen Senia (heute Senj), Lopsica (Sv. Juraj), Ortoplinia (Stinica), Vegium (Karlobag) und Argyruntum (Starigrad). Ein interessantes Dokument ist auch der so genannte „Pisani kamen“, ein Fels mit einer lateinischen Inschrift bei einer Quelle in Legenac, auf der die römische Autorität einen Streit entschieden hat, den zwei Japodenstämme um die Nutzung des frischen Quellwassers geführt haben. Der Text ist heute noch auf dem Felsen sichtbar und lautet in der Übersetzung: „Nach der Vereinbarung (ist hier) die Grenze zwischen Ortoplina und Parentina; die Ortoplina haben Zugang zum fließenden Wasser 500 Schritte, einen Schritt in der Breite“. An dieser Stelle sollte auch Palladius Fuscus genannt werden, der in seiner Reisebeschreibung „Beschreibung der Küste der Illyrer“ aus dem frühen 16. Jahrhundert die Städte am Fuße des Velebit beschreibt:

„Hinter Senj befinden sich einige Höhlen, aus denen jeden Tag ein starker Wind weht. Wie es diesem Ort zu eigen ist, nennt man ihn Senj-Bura. Weiter kommen die Städte Lopsika, Ortopula, Vegij, Argirunt und Koriniji, die alle verlassen sind. Jetzt gibt es das Dorf Bag, das ich erwähnen wollte, weil es sehr bekannt ist. 150 Stadien von ihm entfernt befindet sich der Eingang in eine berühmte Bucht, die Bucht von Karin heißt und vom Meer gebildet wird, das in das Festland eindringt. Sie ist 200 Stadien lang, höchstens 12 Stadien und mindestens 300 Schritt breit. In seinem anderen, nördlichen Teil befindet sich die Mündung des Flusses Zrmanja, der nach dem Zeugnis des Plinius die Grenze von Japidien darstellt. Etwa 50 Stadien von der Mündung entfernt gibt es eine befestigte Ansiedlung, die durch ihre Lage (auf einem Berg) und durch menschliche Arbeit gut gesichert ist. Die Liburner nennen sie Obrovac, und der Ort ist, so sagt man, sehr angenehm … Hinter all dem oben Erwähnten liegt ein hohes Gebirge ohne Pässe, es windet sich in einer ununterbrochenen Bewegung hinter Obrovac und wendet sich dann nach Norden. Die dem Meer zugewandte Seite ist ganz aus Fels und wegen des Karstes fast ohne Wege. Die nach Norden blickende Seite ist milder und von Bäumen beschattet. All ihre Bewohner werden als ‚Morlaken‘ bezeichnet … Das Gebirge selber nennen sie ‚Weltkette‘ und glauben, dass es sich wie eine Abzweigung von den Alpen bis zur Adria erstreckt.“

Im vierten Kapitel von „Das Gebirge“, dem ersten kroatischen Roman, der 1569 veröffentlicht wurde und dessen Handlung sich zum größten Teil im Velebit abspielt, ist Petar Zoranić ebenso wie Fuscus von der Bura fasziniert. Zoranić erzählt, wie er und seine einheimische Führerin, ein Mädchen, „geschmückt mit aller Schönheit, die angemessen ist“, auf dem Weg nach oben vor die Öffnung einer Höhle gelangten. „Und als wir so auf dem Weg vorwärts schritten, wehte ein so starker Wind um uns, dass ich stolperte und hinfiel. Aber meine treue Begleiterin griff rasch nach mir, half mir auf und sagte: ‚Fürchte dich nicht! Wisse, dass dieser Wind aus dem Höllentor kommt, das nicht sehr weit von uns ist.‘ Von ihrem Wort und ihrer Hilfe gestärkt, sprach ich zu ihr: ‚Oft habe ich, wenn ich diskutiert und mich unterhalten habe, gehört, dass die Winde aus den Wolken entstehen, welche vom Saft der Erde nehmen. Jetzt bin ich überrascht zu sehen, dass ein so starker und kräftiger Wind in einem irdischen Abgrund existieren kann.‘ – ‚Diesen Wind‘, sagte sie, ‚hat nicht die Natur gemacht, wie die anderen, sondern das ist jener Wind, der bei uns BURA heißt.‘“

Nach Fuscus und Zoranić haben viele kroatische Reiseschriftsteller und Autoren bis zum heutigen Tag in ihren Reportagen, ihrer Dichtung und Prosa den Velebit thematisiert. Ein besonderer Aspekt ist die Volksüberlieferung. Es gibt kaum einen Velebitgipfel, Felsen oder Höhle, die nicht in der Überlieferung der Folklore erwähnt würden. Jeder Gipfel, jeder Fels und jede Höhle hat ihre Fee, ihren Vampir, ihren bösen Geist und natürlich auch ihren versteckten Schatz. Die Schätze wurden hier, so die Überlieferung, von den Hajduken versteckt, jenen unermüdlichen Freiheitskämpfern, die sich durch die turbulenten Jahrhunderte hindurch allen Autoritäten und Eroberern widersetzt haben, den Türken, Venezianern, Wien und Budapest. Diese Tradition haben im Zweiten Weltkrieg die kroatischen Partisanen fortgesetzt, als die Bewohner des Velebit die Partisanenabteilung „Alan“ gründeten, deren Kommissar Dane Vukušić nach dem Krieg eine Reihe von ausgezeichneten Reportagen über den Velebit geschrieben hat, die im Buch „Očarani planinom“ („Vom Gebirge verzaubert“) veröffentlicht wurden.

IV.

Naturforscher haben den Velebit im 19. Jahrhundert entdeckt, und im 19. und 20. Jahrhundert wurde er zu einem der am meisten erforschten Gebirge nicht nur Kroatiens, sondern der gesamten Balkanhalbinsel. Franz Waldstein-Wartenberg, August von Hayek, Roberto Visiani, Paul Kitaibel, Ljudevit Rossi, Árpád von Degen, Ivo Horvat, Fran Kušan, Franz Maly und Sergej Forenbacher sind nur die bekanntesten Namen von Naturkundlern, die die Pflanzenwelt des Velebit untersucht und wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema verfassten haben; viele Pflanzenarten, die sie entdeckt haben, tragen ihren Namen: die Waldsteinglockenblume, die Kitaibel-Akelei, die schon erwähnte Degenie usw. Von den Werken ist das vierbändige „Flora velebitica“ von Árpád von Degen erwähnenswert, das die Ungarische Akademie der Wissenschaften in deutscher Sprache publizierte, ebenso wie das bis heute unveröffentlichte Werk von Ljudevit Rossi „Kreuz und quer über den Velebit“ (die Handschrift befindet sich in der Bibliothek der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät in Zagreb), eine faszinierende Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit und Reisebericht mit vielen Fotografien und Zeichnungen.

Während wissenschaftliche Neugier die Naturforscher zum Velebit gebracht hat, hat die Schönheit des Gebirges fast gleichzeitig auch die Bergsteiger angelockt. Die goldene Zeit des Bergsteigens lag zwischen den Weltkriegen. In dieser Zeit wurde der Velebit intensiv erforscht und der kroatische Bergtourismus erreichte ein hohes Niveau. Viele Berghütten und Unterkünfte entstanden, viele zugewachsene Viehwege wurden gesäubert und markiert. Zugleich wurden neue Wege angelegt. Das Meisterstück ist der Premužić-Weg, sozusagen die Autobahn unter den Bergwegen. Er ist 57 km lang und erstreckt sich vom Wiesenland Dešinovac im nördlichen Velebit über die Gipfelgebiete des mittleren und südlichen Velebit bis Baške Oštarije. Dabei durchläuft der Weg völlig unerschlossene Gebiete, die bislang nur für Steinböcke, Bären und Alpinisten zugänglich waren. Die Qualität des 1930-1933 angelegten Wegs und seine Einfügung in die Umwelt sind bis heute ein unübertroffenes Beispiel für den Bau von Fußwegen. Josip Poljak ist der Autor des ersten und heute noch gültigen „Wegführers durch den Velebit“, der 1929 erschien. Radivoj Simonović veröffentlichte zahlreiche Reportagen in Zeitschriften und fertigte tausende Fotos vom Velebit und seinen Bewohnern an, vor allem von Viehhirten und Bauern. Unter den Reiseschriftstellern sind schließlich auch zwei zu nennen, die den Velebit überquert und in den letzten Jahrzehnten viel darüber geschrieben haben, nämlich Ante Rukavina und Šime Balen, deren Bücher zu den besten der Gattung „Reisebeschreibungen“ gehören.

V.

Aufgrund all des Gesagten ist verständlich, dass der Velebit eine starke Symbolbedeutung hat. Vor allem gilt er dort als Symbol von Freiheit und von Wildheit, wo es immer noch Gebiete gibt, in die noch kein Mensch jemals einen Fuß gesetzt hat und die deswegen potenziell ein Geheimnis bergen können. Er gilt auch als Symbol der Wildheit, denn der Velebit wird nicht in dem Maße kommerziell genutzt, wie das in anderen Gebirgsgegenden Europas der Fall ist, etwa in den Dolomiten oder den Julischen Alpen. Auf dem Velebit gibt es keine Skigebiete, Hotelkomplexe, Autobahnen und Campingplätze. Die jahrtausendalten Pfade der Tiere sind hier nicht von hohen Zäunen und Stahlbetonwänden durchschnitten, und nachdem die Viehhirten die lichten Stellen verlassen haben, die sie abgeholzt hatten, erobern Wald und Wildnis sie zurück. Heute kann man tagtäglich auf dem Velebit wilden Tieren begegnen – Bären, Rehen, Füchsen, Steinböcken oder Schlangen; Bergsteiger erwähnen das nur nebenbei. Der Velebit ist zu einem guten Teil unabhängig geblieben, hier kann der Mensch noch immer unberührte Ecken finden, wo es keine Spuren menschlichen Wirkens gibt, die Wildnis, aus der er auch selber gekommen ist, von der er sich seit langem entfremdet und die er zum größten Teil unwiederbringlich vernichtet hat.

Aus dem Kroatischen übersetzt von Thomas Bremer.

Der Velebit (die Herkunft des Namens ist unklar) ist mit fast 150 km Länge der längste Gebirgszug Kroatiens und erstreckt sich parallel zur Adria (durchschnittliche Breite: im Norden 30 km, im Süden 10 km). Er besteht aus z. T. schroffem Kreidegestein und erreicht im Gipfel des Vagan eine Höhe von 1.758 m. Dank eines eher sanften Tourismus beherbergt der Velebit bis heute noch zahlreiche seltene Pflanzen- und Tierarten.


Fußnote:


  1. Quelle: http://www.porta-croatia.de/reisefuehrer/reiseziele/nationalpark_velebit/. – In diesem Teil des Velebit wurden übrigens in den 1960er-Jahren die Karl-May-Filme gedreht. ↩︎