Stärken und Schwächen der kleinen Herde

Ein Blick auf die katholische Kirche in Tschechien

Bischof František Radkovský ist Bischof von Plzeň / Pilsen und Vorsitzender der Kommission für Laien der Tschechischen Bischofskonferenz.

Wenn wir einen Blick auf die Situation der katholischen Kirche in Tschechien werfen wollen, erscheint es angebracht mit kompetenten Daten anzufangen. Dies gilt umso mehr, als jetzt gute religionssoziologische Studien existieren, die nicht nur die heutige Situation, sondern auch die Entwicklung der letzten Jahren verdeutlichen.1 In allen diesen Studien erweist sich Tschechien fast in jeder Hinsicht, zusammen mit den ostdeutschen Bundesländern und in großem Abstand von anderen mittel- und osteuropäischen Ländern, als das Land Europas, in dem der größte Teil der Bevölkerung atheistisch oder zumindest konfessionslos ist. Dies veranschaulicht die folgende Tabelle, die die prozentuale Konfessionszugehörigkeit in Tschechien nach Untersuchungen aus den Jahren 1991 und 1998 wiedergibt:

Die Tabelle verdeutlicht, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung konfessionslos ist. Innerhalb dieser Gruppe bezeichnet sich ein großer Teil – mehr als die Hälfte – als atheistisch oder atheisierend. Die Tabelle zeigt auch sehr deutlich die Entwicklung in den 90er Jahren auf. Die Steigerung der Konfessionslosigkeit bzw. das Sinken der Konfessionszugehörigkeit in dieser Zeit kann man wahrscheinlich so erklären, dass die Menschen unmittelbar nach der Wende im Jahr 1989 sich eher als konfessionsangehörig deklariert haben, weil sie die neue Situation noch nicht genügend verstanden hatten und meinten, dass die Kirchenangehörigkeit jetzt an die Stelle der Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei trete.

Es ist wichtig daran zu erinnern, dass unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, vor Beginn der kommunistischen Herrschaft, sich etwa 70% der Bevölkerung in Tschechien als katholisch deklariert haben. Die vierzig Jahre des Kommunismus reduzierten also die Anzahl der Katholiken auf ein Drittel der ursprünglichen Menge. Obwohl die katholische Kirche auch jetzt noch die größte Kirche in Tschechien ist, befinden sich alle Kirchen, einschließlich der katholischen, in einer starken Diaspora-Situation. Aus den Ergebnissen der Untersuchungen folgt u.a., dass im Unterschied zu anderen mittel- und osteuropäischen Ländern (Polen, Rumänien, Kroatien, Ukraine, Litauen, Slowakei, Slowenien, Ungarn), wo es eine dominante religiöse Kultur gibt, in Tschechien und in den ostdeutschen Bundesländern eine starke atheistische Kultur existiert.

Regionale Unterschiede in der kirchlichen Landschaft

Es ist auch wichtig zu wissen, dass die Religiosität bzw. die Konfessionsangehörigkeit im ganzen Land nicht homogen ist, sondern dass große Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen existieren. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen Böhmen und Mähren resp. den böhmischen und mährischen Diözesen. Das lässt sich gut an den Zahlen der Gottesdienstbesucher am Sonntag dokumentieren, die die katholische Kirche regelmäßig erhebt. Die folgende Tabelle zeigt die Zahlen der sonntäglichen Gottesdienstbesucher2 in den einzelnen Diözesen im Jahre 1998:

Die Tabelle macht anschaulich, wie groß der Unterschied zwischen Böhmen und Mähren, aber auch zwischen den einzelnen Diözesen ist. Die Unterschiede wirken sich auf verschiedenen Aspekte des religiösen Lebens aus, auf die Intensität der Pastoralarbeit, auf den Einfluss der Religiosität auf das gesamte Leben und die Kultur usw.

Die Unterschiede haben sicher auch ihre historischen Gründe. Die größere Religiosität in Mähren ist vielleicht darin begründet, dass die Rekatholisierung im 17. Jahrhundert dort milder verlaufen ist als in Böhmen. Die niedrigere Religiosität in den industriellen Regionen (z.B. Ostrau, Prag, Pilsen, Mittel- und Nord-Böhmen usw.) hat ihren Grund vermutlich im Verlust der Verbindung (und des Einflusses) der katholischen Kirche mit den Arbeitern im vorigen und in diesem Jahrhundert. Der größte Verlust an Religiosität ist jedoch verbunden mit der Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vertreibung bedeutete für einige Regionen – für manche von ihnen gilt das noch heute – vor allem ein demographisches Problem: sie zog einen großen Bevölkerungsmangel nach sich. Die Bevölkerungsverschiebungen wirkten sich auch auf die Religiosität aus, insofern die Ansiedlung neuer Bevölkerungsgruppen in diesen Regionen einen Verlust der religiösen Wurzeln bedeutete. Diese Menschen haben dann ihren Glauben ohne Wurzeln unter dem atheistischen Druck der kommunistischen Diktatur sehr rasch verloren. Das sieht man besonders in den Diözesen, die große Teilen des Sudetengebietes umfassen, z.B. Pilsen und Leitmeritz. Die Bevölkerungsverschiebungen sind auch der Grund dafür, dass es in Tschechien heute eine unierte, griechisch-katholische Kirche gibt, deren Gläubige einem Exarchat angehören, dessen Jurisdiktionsgebiet ganz Böhmen und Mähren umfasst. Diese Gläubigen sind aus der Ostslowakei übergesiedelt.

Historisch bedingte Distanz zwischen Kirche und Gesellschaft

Um die Situation gut zu verstehen, ist es auch wichtig zu wissen, dass die Beziehung der Öffentlichkeit zur römisch-katholischen Kirche nicht immer positiv ist und dass dieses distanzierte Verhältnis ebenfalls seine historischen Gründe hat. Der erste Grund ist sicher die Verurteilung und Verbrennung des bekanntesten tschechischen Reformators Johannes Hus in Konstanz im 15. Jahrhundert sowie die fünf darauf folgenden Kreuzzüge gegen die „ketzerischen Tschechen“. Ein weiterer Grund ist die bereits erwähnte gewaltsame Rekatholisierung der damals überwiegend protestantischen Böhmen und Mähren im 17. Jahrhundert, die von den katholischen Habsburgern durchgeführt wurde, denen die Länder der böhmischen Krone in dieser Zeit gehörten. Ein dritter Grund ist in der Nationalaufklärung des 19. Jahrhunderts zu suchen, die zusammen mit ihrer nationalen, antihabsburgischen Ausrichtung auch eine antiklerikale, antikatholische Prägung hatte. Dies war eine Reaktion gegen die enge Verbundenheit der der tschechischen Nation entfremdeten katholischen Hierarchie mit der Habsburgermonarchie. Diese antikatholische Stimmung herrschte auch in der Tschechoslowakischen Republik der 20er und 30er Jahre und wurde in dieser Zeit offiziell unterstützt und verbreitet. Eine liberale Gruppe katholischer Priester gründete in den 20er Jahren eine selbstständige nationale „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“, die sich der Hussitischen Tradition angeschlossen hat und jetzt die zweitgrößte nichtkatholische Kirche Tschechiens bildet. Die Position der katholischen Kirche verbesserte sich gegen Ende der 30er Jahren und während der nationalsozialistischen Okkupation im Zweiten Weltkrieg.

Dann kam das totalitäre Regime der Kommunisten, die gegen alle Kirchen kämpften, aber besonders gegen die katholische, weil sie einen internationalen Charakter hat und zugleich die größte Kirche in Tschechien ist. Die unierte Kirche wurde von den kommunistischen Machthabern sogar liquidiert und verboten. In der römisch-katholischen Kirche wurden in dieser Zeit alle Bischöfe verhaftet oder total isoliert, alle Klöster aufgelöst und die Ordensleute, Männer und Frauen, zunächst in einigen wenigen Klöstern zusammengeführt und später – die Männer vereinzelt, die Frauen in Kommunitäten – in die Zivilarbeit geschickt. Am Ende der 80er Jahre jedoch hatte die katholische Kirche, geführt von Kardinal Tomášek, eine ziemlich hohe moralische Autorität als größte antikommunistische Institution. Seit Anfang der 90er Jahre hat sich diese Autorität jedoch wieder verringert. Einerseits weil die katholische Kirche nach dem Sturz der Kommunisten ihre Bedeutung als führende antikommunistische Institution verlor, andererseits aber auch durch eigene Fehler der Kirche. Dies sind die wichtigsten Informationen, um die Lage der katholischen Kirche in Tschechien verstehen zu können.

Entwicklung des kirchlichen Lebens in den 90er Jahren

An der Schwelle zwischen Totalitarismus und Demokratie stand als große Begebenheit und auch großes Erlebnis die Heiligsprechung der hl. Agnes von Prag Mitte November 1989. Ein erster Schritt auf dem Weg der Erneuerung des Lebens der katholischen Kirche nach der Wende war die Ernennung von Bischöfen für fast alle Bischofssitze, die Gründung der Bischofskonferenz und die Erneuerung der Tätigkeit der Orden und Kongregationen, die auch manche ihrer Klöster zurückerhielten. Einen wichtigen Impuls gab in dieser Zeit der erste Besuch des Papstes. Bald danach kam auch ein Apostolischer Nuntius nach Prag und die Kontakte unseres Staates mit dem Vatikan wurden normalisiert. Neue Gesetze wurden verabschiedet, die eine sehr große religiöse Freiheit ermöglichten. Die einzige Abhängigkeit, die bis heute besteht und auch das Hauptproblem zwischen Staat und Kirchen in Tschechien darstellt, ist die ökonomische. Die Kirchen werden bis heute nach dem novellierten kommunistischen Gesetz bezahlt. Die Restitution der kirchlichen Güter (die vor allem der katholischen Kirche gehörten, die auch die größte Last der Verantwortung für die Erhaltung des christlichen Kulturerbes trägt) wird von der atheistischen Mehrheit der Gesellschaft weiterhin gebremst. Die Selbstfinanzierung der Kirchen ist und bleibt, besonders wegen der kleinen Zahl von Gläubigen, weiterhin das größte Problem.

Das religiöse Leben nahm eine rasche Entwicklung. In den Schulen gibt es fakultativen Religionsunterricht. Außerdem entstand eine große Zahl kirchlicher Schulen. Statt eines gemeinsamen wurden zwei Priesterseminare in den beiden Kirchenprovinzen in Verbindung mit den beiden Theologischen Fakultäten in Prag und Olmütz eröffnet. Außerdem gibt es noch ein gemeinsames Vorbereitungsjahr für beide Priesterseminare, das so genannte Konvikt in Leitmeritz. An beiden Theologischen Fakultäten wurde das Studium für Laien in interner, aber besonders in externer Form (Fernstudium) geöffnet. Überwiegend für das Studium der Laien gegründet wurde noch die dritte Theologische Fakultät in Budweis. Entstanden sind auch einige spezielle kirchliche Schulen, z.B. die Institute für Journalisten, für Lehrer und für Sozialarbeiter.

Der große Mangel an religiösen Büchern und Periodika vor der Wende hat sich beinahe in eine Überschwemmung mit dieser Literatur verwandelt, die von den neu entstandenen katholischen und christlichen Verlagen produziert wird. Im staatlichen Rundfunk und Fernsehen gibt es ökumenische Redaktionen, die regelmäßige wöchentliche Programme und Gottesdienst-Übertragungen organisieren. Auch in anderen Rundfunksendungen existieren religiöse Programme. Ende 1995 hat in Brünn das christliche Radio „Proglas“ seine erfolgreiche Tätigkeit aufgenommen. Es strahlt jetzt 23 Stunden pro Tag seine Programme über vier Sender, einen Satelliten und Kabelnetze in große Teile Tschechiens aus. Die christliche Kultur vertreten und unterstützen vor allem die Böhmische Christliche Akademie mit Sitz in Prag und die Mährische Christliche Akademie mit Sitz in Brünn. Die Böhmische Christliche Akademie ist auch Partner der Ackermann-Gemeinde, der kirchlichen Organisation der vertriebenen Sudetendeutschen.

Ein sehr wichtiges und gut entwickeltes Instrument der Kirche für ihren Dienst an der Gesellschaft ist die Caritas mit ihrer vielfältigen Tätigkeit, die auch von der Öffentlichkeit gut angesehen und akzeptiert wird. Die Caritas hat schon mehrmals ihren zuverlässigen und mit gutem Know-how ausgestatten Dienst zeigen können: bei den großen Überschwemmungen, bei der Hilfe auf dem von Kriegen erschütterten Balkan usw. In der nicht gerade einfachen Situation unseres Gesundheitswesens haben sich auch einige kirchliche Krankenhäuser durchgesetzt sowie mehrere spezialisierte Einrichtungen, die besonders von Ordensgemeinschaften getragen werden.

In der Armee und in den Gefängnissen existiert ein geistlicher Dienst, der - entsprechend den Verträgen zwischen Staat, Tschechischer Bischofskonferenz und Tschechischem Ökumenischen Rat der Kirchen - ökumenisch geleitet wird. Die Erfahrungen zeigen, dass dieser Dienst gut funktioniert. Die Kirche hat auch eine recht gut organisierte Jugendarbeit und bemüht sich um den Dienst an den Randgruppen der Gesellschaft (Drogensüchtige, moralisch Bedrohte usw.). Das von der Bischofskonferenz gegründete Nationale Zentrum für die Familie genießt in der Gesellschaft hohes Ansehen und macht eine gute Arbeit.

Im Blick auf das innere Leben der Kirche muss noch erwähnt werden, dass zwei neue Diözesen des lateinischen Ritus gegründet wurden, die Diözese Pilsen (1993) und die Diözese Ostrau-Tropau (1996) sowie eine Diözese des byzantinischen Ritus, das oben bereits erwähnte Exarchat der Unierten für die ganze Tschechische Republik mit Sitz in Prag (1996). Die katholische Kirche hat in den Jahren zwischen 1988 und 1997 ein Jahrzehnt der geistlichen Erneuerung erlebt und bereitet sich jetzt, nach anfänglichem Zögern, ganz entschieden und mit breiter Beteiligung der Basis auf eine Generalsynode vor, die die Beschlüsse und den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgreifen und das dringend nötige Aggiornamento in die Kirche bringen soll.

Auch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche scheint sich endlich zu verbessern. Gesprächskontakte mit allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften haben bereits angefangen und in diesem Jahr sollen auch die Gespräche zwischen dem Vatikan und der Tschechischen Republik beginnen.

Chancen und Probleme der Kirche heute

Unsere Situation innerhalb einer stark atheistischen und konfessionslosen Gesellschaft erleichtert es uns, wie schon in der totalitären Zeit, ökumenische Beziehungen zu pflegen. Mit den zwei größten nichtkatholischen Kirchen haben wir die gegenseitige Anerkennung der Taufe vereinbart. Die katholische Bischofskonferenz ist Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen. Die geistliche Arbeit in der Armee und in den Gefängnissen wird, wie bereits erwähnt, gemeinsam organisiert und auch die religiösen Programme in Rundfunk und Fernsehen, wie auch – ganz neu – die Webseiten im Internet werden gemeinsam getragen. Auch die Gespräche mit dem Staat werden gemeinsam geführt. Gemeinsam bemühen wir uns, recht erfolgreich, um die Heilung der historischen Erinnerung. Ende letzten Jahres fand im Vatikan, im Rahmen der Vorbereitungen auf das große Jubiläumsjahr, ein Symposion über Johannes Hus statt, an dessen Ende der Papst sein Bedauern über den gewaltsamen Tod des tschechischen Reformators auf dem Scheiterhaufen zum Ausdruck brachte.

Dass ich fast nur die guten Seiten geschildert habe heißt nicht, dass es keine Probleme gäbe. Leider gibt es eine ganze Reihe davon; ich kann nur einige nennen: die nur schwach ausgeprägte Zusammenarbeit der Priester mit den Laien; die starke Konzentration auf die kircheninternen Probleme und die geringe Offenheit gegenüber den Problemen der Gesellschaft; dies führt konkret dazu, dass die immer noch nicht erfüllte Forderung nach Restitution der Kirchengüter - manchmal boshaft - verstanden wird als Ausdruck des Strebens der Kirche nach eigenem Reichtum. Immer mehr öffnet sich auch die Kluft der Polarisierung gegensätzlicher Einsichten und Zielsetzungen, leider mit geringer Toleranz. Auch das Problem der Untergrundkirche ist noch nicht ganz gelöst. Ein großes Problem ist auch der Priestermangel, besonders in den böhmischen Diözesen, und der Mangel an finanziellen Mitteln. Ohne die großzügige, solidarische Hilfe aus unseren Nachbarländern, die durch die Entsendung von Priestern aus Polen und der Slowakei und durch finanzielle Hilfen, vor allem aus Deutschland, aber auch aus Italien und Nordamerika, zum Ausdruck kommt, hätte die katholische Kirche in Tschechien nur ein Bruchstück dessen verwirklichen können, was heute das Leben unserer Kirche prägt.


Fußnoten:


  1. Vgl. die von Paul M. Zulehner und Hermann Denz herausgegebene ‚Europäische Wertestudie‘ sowie die Publikationen des Pastoralen Forums in Wien, die in der Reihe „Gott nach dem Kommunismus“ publiziert sind. (Nähere Angaben dazu in der Rubrik ‚Bücher und Medien‘) 

  2. Die obere Zeile nennt die absoluten Zahlen, die untere Zeile gibt den prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung in der entsprechenden Region an.