OWEP 1/2026

OWEP 1/2026

Schwerpunkt:
Polarisierte Gesellschaft

Editorial

Der Philosoph Karl Marx schrieb im 19. Jahrhundert, dass die Vereinigten Staaten von Amerika dem alten Kontinent Europa den Spiegel seiner Zukunft vorhalten. Tatsächlich scheint es so, als drohte den Gesellschaften Europas und insbesondere Ostmitteleuropas eine ähnliche Polarisierung wie in den USA. Auch in Deutschland ist die gesellschaftliche Polarisierung immer stärker in der Diskussion.

Gerade für Ostmitteleuropa stellt sich aber die Frage, warum sich nach der erfolgreichen Überwindung des Kommunismus Ende der 1980er Jahren und einer in den meisten Fällen daraufhin einsetzenden Politik der Liberalisierung und eines Wirtschaftsaufschwungs die gesellschaftlichen Fronten gegenwärtig zunehmend verhärten. Andererseits wird bei verschiedenen Themen auch ein übergreifender Zusammenhalt sichtbar.

Unsere aktuelle Ausgabe geht der Frage nach, auf welche Ursachen die Polarisierung in den Gesellschaften Ostmitteleuropas zurückgeführt werden kann und bei welchen Themen der gesellschaftliche Zusammenhalt in den ausgewählten Ländern noch funktioniert. So legt der Kulturhistoriker Felix Ackermann in seinem einführenden Beitrag unter anderem dar, welche Auswirkungen die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung auf Gesellschaften haben. Die Journalistin Peggy Lohse beschreibt, wie in der Ukraine trotz des Krieges Zusammenhalt gelingt. Es sind auch längst nicht mehr nur sozioökonomische Aspekte, die arm und reich gegenüberstehen lassen. Während der langjährige Balkan-Korrespondent Thomas Brey die spaltende Rolle der Medien am Beispiel Serbiens aufzeigt, hinterfragt der Kirchenhistoriker Priit Rohtmets das Agieren der Kirche in Estland. Aber auch das Verhältnis zur Europäischen Union in Armenien und Georgien oder die kroatische Migrationspolitik werden exemplarisch untersucht.

Die Konfrontationslinien verlaufen in allen Ländern sehr unterschiedlich und sind nicht auf einzelne Themenfelder zu reduzieren. Die Beiträge in diesem Heft versuchen, dieser Komplexität des Polaren und Gemeinsamen gerecht zu werden und sie an ausgewählten Beispielen aufzuzeigen.

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis

2
Der Einfluss von Umbrüchen auf die Polarisierung
Felix Ackermann
10
Die Ukraine – ein Land, das im Krieg zusammenhält
Peggy Lohse
17
Sudetendeutsche und Tschechen: Von der Konfrontation zum Miteinander
Matthias Dörr
26
Corona als Treiber einer Spaltung in der Slowakei
Niklas Zimmermann
32
Die Bedrohung durch Korruption. Ein Gespräch mit dem Investigativ-Journalisten Szabolcs Panyi
Gemma Pörzgen
36
Kroatien auf dem Weg zum Einwanderungsland
Caroline Hornstein-Tomić
42
Wie Medien in Serbien polarisieren
Thomas Brey
49
Die Rolle von Algorithmen und sozialen Medien. Ein Gespräch mit dem Digitalexperten Matthias Spielkamp
Gemma Pörzgen
56
Die Kirchen im säkularen Estland
Priit Rohtmets
64
Polarisierte Erinnerung im postsowjetischen Raum
Katja Makhotina
72
Europa im Südkaukasus: Mythos, Macht und Missverständnisse
Jakob Wöllenstein und Florian Binder
80
Weiterführende Lektüre
OWEP-Redaktion

Summary in English

In the 19th century, philosopher Karl Marx wrote that the United States of America held up a mirror to the old continent of Europe, showing it its future. Indeed, it seems as if European societies, and those in Eastern Central Europe in particular, are facing a similar polarisation to that seen in the US. In Germany, too, social polarisation is increasingly becoming a topic of discussion.

However, particularly for Eastern Central Europe, the question arises as to why, after the successful overcoming of communism at the end of the 1980s and the subsequent policy of liberalisation and economic upswing in most cases, social divisions are currently becoming increasingly entrenched. On the other hand, there is also evidence of overarching cohesion on various issues.

Our current issue explores the causes of polarisation in Eastern Central European societies and examines the areas in which social cohesion still functions in the selected countries. In his introductory article, cultural historian Felix Ackermann discusses, among other things, the impact of new digitalisation opportunities on societies. Journalist Peggy Lohse describes how cohesion is being achieved in Ukraine despite the war. It is no longer just socio-economic aspects that divide the rich and the poor. While long-time Balkan correspondent Thomas Brey highlights the divisive role of the media using Serbia as an example, church historian Priit Rohtmets questions the actions of the church in Estonia. The relationship with the European Union in Armenia and Georgia and Croatian migration policy are also examined as examples.

The lines of confrontation vary greatly from country to country and cannot be reduced to individual topics. The articles in this issue attempt to do justice to this complexity of polarity and commonality and illustrate it with selected examples.