Die Ukraine – ein Land, das im Krieg zusammenhält

aus OWEP 1/2026  •  von Peggy Lohse

Peggy Lohse, geboren 1988 in Dresden, ist freie Journalistin in Frankfurt/Oder. Sie studierte Westslawistik und Russistik in Leipzig, lebte mehrere Jahre in Tschechien und Russland und war Redakteurin bei deutschsprachigen Auslandsmedien. Seit 2024 ist sie als Ukraine-Redakteurin beim Onlinemagazin „Dekoder” tätig und reist regelmäßig in die Ukraine.

Zusammenfassung

Würde die Bevölkerung in der Ukraine nicht zusammenhalten, würde das Land wohl nicht mehr existieren. Angesichts der alltäglichen Bedrohung durch den russischen Aggressionskrieg zeigt die ukrainische Gesellschaft eine erstaunliche Stärke und Widerstandskraft – neben den ebenfalls vorhandenen Polarisierungstendenzen und einigen schwierigen Debatten.

Schock und Selbstbehauptung

Ab dem 24. Februar 2022 fielen zehntausende russische Soldaten mit Panzern, Hubschraubern und Kampfflugzeugen in die Ukraine ein, griffen die Hauptstadt Kiew an, töteten, folterten und verjagten hunderte Ukrainerinnen und Ukrainer. Die meisten Menschen in der Ukraine waren von diesen Gewalttaten ähnlich überrascht und schockiert wie Beobachter im Ausland. Allerdings mussten sie sich schneller entscheiden: Millionen von Menschen flohen Richtung Westen, ein kleinerer Teil auch nach Osten.

Aber viele Tausende wählten den aktiven Widerstand in der Heimat: Vorräte wurden angelegt, Nachbarn versorgt, Waffen gesucht, gebastelt und verteilt. In kürzester Zeit entstanden in Kiew, Charkiw und anderen Städten rund um die noch kaum für einen Verteidigungskampf gegen Russland gewappnete ukrainische Armee unzählige Freiwilligenverbände, Territorialverteidigungsgruppen und Helfer-Stäbe für deren Versorgung.

„Die Einwohner sagen, dass es nur gelang, Charkiw vor Besetzung und der ‚Russischen Welt‘ zu retten, weil sich alle zusammengeschlossen haben“, schreibt die ukrainische Reporterin Darja Bura in einem Buch über diese ersten Monate des Krieges. „Die Charkiwer sind Fans ihrer Stadt. Sie kämpfen für sie. […] Und sie sterben leider auch für sie. Denn das ist der Krieg.“ Anderswo war es ganz ähnlich.

Während die EU und die US-Regierung zunächst sprach- und tatenlos zusahen, ob die Ukraine überhaupt eine militärische Chance gegen Russland haben könnte, konnten Ukrainer und Ukrainerinnen die russischen Truppen im ersten Kriegsjahr entgegen den Erwartungen zurückdrängen. Besetzte Gebiete im Kiewer Gebiet, in der Nord-, Ost- und Südukraine um Tschernihiw, Sumy, Charkiw und bei Cherson wurden zurückerobert.

Im Sommer 2022 hofften viele auf einen schnellen Sieg der Ukraine. Die Gesellschaft hatte sich bewiesen: „Wenn wir zusammenhalten, sind wir stärker als die Armee Russlands“, glaubten viele. Eine Umfrage des Forschungsunternehmens „Gradus Research“ bestätigte das gestiegene Selbstvertrauen in den Gebieten, die weiter von der Ukraine kontrolliert wurden. Demnach äußerten 63 Prozent der Befragten im Juni 2022 Vertrauen in die Menschen im Allgemeinen, fast ein Fünftel mehr als im Herbst 2021, vor Russlands Überfall.

Beim Ausbau der nötigen operativen Strukturen profitierte die ukrainische Zivilgesellschaft von den Erfahrungen während des Euromaidan und früherer Proteste. Vorbild waren auch die Freiwilligen-Einheiten, die bereits ab 2014 im von Russland forcierten Krieg im Osten der Ukraine gekämpft hatten. Viele, die damals als gerade Volljährige den ukrainischen Donbas verteidigten, sind heute als junge Männer schon erfahrene, aber auch zunehmend kriegsmüde Soldaten, die den Großteil ihres Erwachsenenlebens im Krieg verbracht haben. Denn der schnelle, ukrainische Sieg ist nicht eingetreten, sondern der Krieg hat sich eingegraben, festgesetzt und technisch weiterentwickelt. Drohnen unterschiedlicher Art und Fähigkeiten bestimmen mittlerweile das Kriegsgeschehen − technische Fortschritte, die selbst mit internationaler Unterstützung schwer zu übertreffen sind.

Beobachter von außen fragen sich oft, wie lange die ukrainische Gesellschaft Russlands Krieg wohl noch aushalten wird? Die grausame und vermutlich kriegsrealistische Antwort dürfte lauten: Solange die ukrainische Gesellschaft da ist, hält sie den Krieg aus. Sobald sie ihn nicht mehr aushält, ist sie womöglich nicht mehr da.

Solidarität und Konfliktfelder

Charakteristisch für die ukrainische Gesellschaft sind vor allem deren Pluralität und Diversität. Lebensstandard und Lebensstile, Glaubensrichtungen, Sprache und Kulturelemente unterscheiden sich stark auf dem Land, in Klein- und Großstädten sowie den verschiedenen Regionen des Landes. Historisch wurde diese Verfasstheit des Landes von früheren Imperien wie Polen-Litauen, Österreich-Ungarn oder dem Russischen Reich beeinflusst, aber auch durch diverse Migrationsbewegungen und Kriege.

Der Kampf um nationale Eigenständigkeit hat sich stark ins ukrainische Selbstverständnis eingeschrieben. Und zum demokratischen Verständnis gehört in der Ukraine heute auch die Wertschätzung von Vielfalt und Widersprüchen sowie eine entwickelte Streitkultur über gesellschaftliche Konflikte. In der Bevölkerung herrscht die Überzeugung vor, dass der Staat vor allem der Gesellschaft, also den Menschen, dienen sollte.

„Typisch für uns Ukrainer ist, dass wir immer unser Eigenes verteidigen“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Schostka, Olena Krawtschenko. Und sie muss es wissen. Krawtschenko kämpfte selbst in der Territorialverteidigung ihrer Stadt im Nordosten der Ukraine. Sie erlebte und überlebte deren Umzingelung durch russische Besatzer 2022 und die Gefahren des Drohnenkriegs im Alltag. „Egal, ob man unter dem Eigenen seine Wohnung, seine Region oder sein Land versteht“, sagt die Kommunalpolitikerin. „Kommt eine Gefahr von außen, beschützen wir es alle zusammen - auch wenn wir sonst viel streiten, ständig protestieren und kritisieren.“

Aber auch wenn Russlands Krieg die ukrainische Gesellschaft vielleicht stärkt und sie zwingt, in der Verteidigung gegenüber dem übermächtigen Feind zusammenzustehen, brodeln doch gleichzeitig schwierige Streitpunkte zwischen den gemeinschaftlichen und den individuellen Interessen.

Wer ins Ausland geflohen ist, wollte sich und seine Nächsten vor dem Krieg retten und kann womöglich auch Angehörige in der Ukraine finanziell unterstützen. Doch viele Flüchtlinge haben Schuldgefühle oder werden sogar von Daheimgebliebenen beschimpft, weil sie ihr Land verlassen haben. Mit hilflosem Schrecken verfolgen die Geflüchteten in den sozialen Medien den weiteren Kriegsverlauf und sorgen sich um Freunde und Verwandte in der Ukraine. Die Lebensperspektiven driften zunehmend auseinander. Wer wegging, hat zudem neue Herausforderungen: Er muss fremde Sprachen lernen, unbekannte Hemmnisse der Bürokratie überwinden, sich im Arbeitsleben zurechtfinden, neue Kontakte knüpfen und die Kinder in einem fremden Schulsystem integrieren.

Ähnlich verhält es sich beim Militärdienst: Wer als Soldat an der Front kämpft, gilt als Held. Wer sich vor dem Wehrdienst in diesen Zeiten versteckt, eher als Feigling, erfährt aber durchaus auch viel Verständnis, wie eine im Herbst 2024 veröffentlichte Umfrage des ukrainischen Instituts für Sozial- und Politikpsychologie mit dem Verband der Politikpsychologen zeigt. Knapp 54 Prozent unterstützten die folgende Aussage: „Man kann diejenigen verstehen, die die Mobilisierung verweigern − sterben will niemand.“ Es widersprachen nur 17 Prozent, fast ein Drittel der Befragten wollte sich nicht festlegen.

Die ukrainische NGO Cedos kommt in einer Langzeitstudie zu dem Ergebnis, dass zwar eine deutliche Mehrheit der Befragten die Pflichtmobilisierung für notwendig hält, aber auch kritisiert, wie die Rekrutierungszentren vorgehen. Der Kommandeur einer Drohneneinheit in der Südukraine sagte kürzlich in einem Interview, dass sich weniger Dienstpflichtige vor dem Militärdienst verstecken würden, wenn man sie stärker nach ihren Fähigkeiten einsetzen würde. Die Drohnenexpertin Maria Berlinska geht dabei noch weiter und sagt: „Technologie wird den Verlauf dieses Krieges bestimmen. Wir müssen die Bevölkerung vorbereiten, Leute ausbilden und die Philosophie des gesamten Krieges neu begründen. Der einzige Weg, der uns hilft, ist die technologische Militarisierung der Gesellschaft.“

Kulturelle Identität

Weitere Streitpunkte in der ukrainischen Gesellschaft betreffen den Umgang mit der russischen Sprache und die vermehrten Verbote russischer Kulturangebote. So untersagte das ukrainische Parlament schon 2022 die Musik von Künstlern russischer Staatsangehörigkeit in der Öffentlichkeit. In Buchläden, bei Dienstleistungen und im Bildungswesen ist Ukrainisch als Amtssprache ohnehin Vorschrift. Verstöße beschäftigen immer wieder die sogenannte Sprachbeauftragte der Regierung Olena Ivanovska und die Medien. Im Alltag wird das eher pragmatisch geregelt, aber natürlich wird die russische Sprache immer stärker zurückgedrängt.

Auch die Zugehörigkeit zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht, sorgt immer wieder für Konflikte. Ihr wird von der ukrainischen Regierung und deren Geheimdiensten immer vorgeworfen, pro-russische Propaganda zu verbreiten und Moskauer Interessen zu vertreten. Landesweit laufen Dutzende Verfahren gegen Kirchenvertreter der UOK.

Strittig ist auch der Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit. Museen wie das Ukrainische Haus in Kiew erkunden zwar in Einzelausstellungen die ukrainischen Elemente der sowjetischen Kultur, aber die gemeinsame Vergangenheit mit Russland wird vor allem negativ behandelt.

Für heftige Kontroversen sorgte kurz vor dem Jahreswechsel 2026 ein großer Korruptionsskandal, der bis in die Spitze des Staates reichte. Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts und wichtigste Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Andrij Jermak, musste zurücktreten, nachdem Anti-Korruptionsermittler im Rahmen laufender Ermittlungen seine Räume durchsucht hatten. Schon im Sommer 2025 hatte sich der Unmut in der Bevölkerung deutlich gezeigt: Als Selenskyj die unabhängige Antikorruptionsbehörde Nabu und die Antikorruptions-Spezialanwaltschaft SAP dem von der Regierung eingesetzten Generalstaatsanwalt unterstellen wollte, demonstrierten tausende, meist junge Menschen mit kreativ gestalteten Plakaten auf den Straßen von Kiew, Odessa, Charkiw, Dnipro und Saporischschja.

Eine Umfrage des Kiewer Internationalen Soziologieinstituts (KIIS) im Herbst 2025 zeigte, dass eine Mehrheit der Befragten Kritik an der Staatsführung für notwendig hält. 58 Prozent sprachen sich dafür aus, dass diese Kritik konstruktiv sein müsse, um die schwierige Gesamtlage in der Ukraine nicht noch zusätzlich zu destabilisieren. Der Anteil derer, die Kritik an der Politik im Krieg grundsätzlich ablehnten, war im Vergleich zum Mai 2024 sogar noch um fünf Prozentpunkte auf acht gesunken.

All diese gesellschaftlichen Konflikte sind eine zusätzliche Belastung in einer durch den Krieg dramatischen Lage. Auf jeder Debatte lastet der größtmögliche Druck, solange die Existenz des Landes gefährdet ist. Und die russische Führung setzt mit ihrem Luftkrieg und den ständigen Angriffen auf Wohngebiete und zivile Infrastruktur darauf, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben. Die Menschen sollen durch Angst und Schmerz gebrochen werden, sodass sie Widersprüche nicht mehr aushalten und ihre gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigen. Ziel ist es, dass möglichst viele Leute entweder weggehen oder sich unter russische Besatzung zwingen lassen.

Allerdings wächst mit dem Andauern des Krieges auch das Wissen, was die Besatzung ukrainischen Gebiets durch russisches Militär im Alltag bedeutet. Die Berichte über freigekommene ukrainische Kriegsgefangene, geflohene Zivilisten aus besetzten Gebieten und unabhängige Recherchen bestätigen, was die Friedensnobelpreisträgerin 2022, Olexandra Matwijtschuk, in einem Essay so beschrieb: „Seit zehn Jahren dokumentiere ich Kriegsverbrechen in besetzten Gebieten. Aufgrund meiner Arbeit bin ich viel unterwegs und halte Vorträge auf verschiedenen internationalen Plattformen. […] Manche Menschen im Ausland haben vielleicht die naive Vorstellung, dass Krieg wohl eines der schlimmsten Dinge sei, die einem Menschen widerfahren könne, und dass Besatzung, obwohl sie schlimm ist, besser sei als Krieg, weil sie menschliches Leid verringere. Unsere Erfahrungen zeigen jedoch eindeutig, dass dies weit von der Wahrheit entfernt ist. Besatzung ist einfach eine andere Form von Krieg. Besatzung verringert menschliches Leid nicht, sie macht menschliches Leid unsichtbar. […] Die russische Besatzung bedeutet gewaltsame Entführungen, Vergewaltigungen, Folter, die Verleugnung der eigenen Identität, die Zwangsadoption der eigenen Kinder, Filtrationslager und Massengräber.“

Trotz solcher düsteren Analysen überrascht der Blick vieler Ukrainer in die Zukunft. So ermittelte die KIIS-Studie vom Herbst 2025, dass fast zwei Drittel der Befragten die Ukraine auf einem guten Weg sehen, „ihre inneren Konflikte zu überwinden und ein geeinter Nationalstaat zu werden“. Nur ein Drittel erwartet demnach eine sich vertiefende Spaltung der Gesellschaft. 2020 waren diese Werte noch umgekehrt verteilt. Nach einer Zehn-Jahre-Perspektive gefragt, zeigt sich, dass immerhin noch mehr als die Hälfte der Befragten zuversichtlich gestimmt sind. Allerdings schwanken diese Werte stark je nach Kriegsverlauf und fielen beispielsweise im Herbst 2022 noch deutlich positiver aus.

Durchhalten für eine bessere Zukunft

KIIS-Direktor Anton Chruschetzkyj kommentiert die Ergebnisse so: „Die Erzählung von einer düsteren und freudlosen Zukunft der Ukraine demoralisiert die Menschen und verstärkt die Vorstellung, dass es sinnlos sei, sich dem Feind zu widersetzen. Und wir sehen, dass diejenigen, die pessimistisch in die Zukunft der Ukraine blicken, tatsächlich viel eher bereit wären, aufzugeben. Daher ist die Verbreitung einer solchen Erzählung ein schwerer Schlag für die Sicherheit der Ukraine. […] Was die Zukunft angeht, so glauben wir auch, dass es sich lohnt zu sagen, dass wir uns, obwohl unser Weg dornig ist, auf eine bessere Zukunft zubewegen. Bessere Zeiten erwarten uns, aber dafür müssen wir jetzt alle notwendigen Anstrengungen unternehmen, um diese äußerst schwierige Zeit zu überstehen.“ Also durchhalten, leben, kämpfen − für eine bessere Zukunft.

„Ermüdungskrieg, Ermüdungskrieg − das kann man sich beim Ein- und Ausatmen immer wieder vorsagen, um den Atem zu beruhigen, wenn man sich nur noch hinlegen, mitten im Wort einschlafen, den Gedanken nicht zu Ende denken und nie wieder etwas sagen möchte“, schreibt die ukrainische Autorin Kateryna Mischchenko am Anfang des Essaybandes „Geteilter Horizont“. „Aber ich weiß, jegliche Ermüdung ist eine Chance, ein kleiner Pluspunkt für den Krieg.“

Dagegen ist in der Ukraine und für die Ukraine nun jeder Spaziergang, Konzertbesuch, Kinofilm, jedes Treffen mit Freunden, jede Buchlesung, jedes Familientreffen, jedes Jugendlager, jeder Zentner geförderter Kohle, jedes neu bepflanzte Blumenbeet − und damit jedes Alltagsdetail ein kleiner Sieg über Russlands zerstörerischen Krieg.

Die vermulich wohl häufigste Antwort auf die Frage „Wie geht’s?” ist „Trymajemosja“. Das bedeutet übersetzt „Wir halten“ und gemeint ist: durchhalten, aushalten und zusammenhalten. Denn solange die Ukrainer und Ukrainerinnen halten, existiert ihr Land weiter.