Perspektiven der Roma in Makedonien.

Gespräch mit Erduan Iseni, Bürgermeister von Šuto Orizari/Skopje
aus OWEP 2/2003  •  von  OWEP-Redaktion

Die Bevölkerung der Republik Makedonien setzt sich aus einer slawischen Mehrheit und einer bedeutenden albanischen Minderheit zusammen. Daneben gibt es noch weitere Minderheiten, u. a. einen zahlenmäßig nur schwer zu erfassenden Anteil an Roma. Etwa 30.000 Roma leben konzentriert im Westen der Hauptstadt Skopje im Stadtbezirk Šuto Orizari. Bürgermeister Erduan Iseni äußert sich im Folgenden zur Situation der Roma in Makedonien. Das im Interview erwähnte Rahmenabkommen von Ohrid vom 13.08.2001 regelt im Zusammenhang mit den friedensstiftenden Maßnahmen die Rechte der nationalen Gemeinschaften in Makedonien.

Wie stellt sich die soziale Lage der Roma in Makedonien nach Ihrer Einschätzung gegenwärtig dar?

Meiner Ansicht nach befindet sich die Roma-Gemeinde in Makedonien in einer äußerst schwierigen sozialen Lage, die durch ihren unausgewogenen Status am Rande der Gesellschaft verursacht ist. Zuallererst muss als Ursache dafür die extrem hohe Arbeitslosigkeit genannt werden, an zweiter Stelle das sehr niedrige Bildungsniveau, schließlich als schwerwiegendster Faktor der im wahrsten Sinne des Wortes armselige Zustand der Roma-Haushalte im gesamten Land. Daher können wir sagen: Die Roma bilden die verletzlichste Zielgruppe im Lande, ihre Situation ist von einem hohem Grad sozialer Unsicherheit und Risiken geprägt, die nur in gemeinsamer Anstrengung von staatlichen Behörden und internationalen sozialen Hilfsprogrammen gelöst werden können.

Zeigen sich beim Zusammenleben mit anderen Volksgruppen (Makedonier, Albaner) Verbesserungen gegenüber der Situation der vergangenen Jahre? Gibt es besonders gute Beispiele für eine Beruhigung der Lage (bestimmte Projekte wie Schulen, Gemeindezentren usw.)?

Die Formulierung „wachsende Verbesserung“ trifft im Hinblick auf die Beziehungen und die Kommunikation der Roma mit anderen Gemeinschaften, offen gesagt, in Makedonien leider noch nicht zu. Noch immer gibt es Spannungen und Angst unter den Bürgern, und deshalb können wir noch nicht von einer intensiveren multikulturellen oder multiethnischen Zusammenarbeit, wie sie im Rahmenabkommen von Ohrid festgelegt worden ist, sprechen. Konfliktstoff zwischen den Volksgruppen in Makedonien ist reichlich vorhanden, allerdings doch weniger als im vergangenen Jahr. Meiner Meinung nach bieten sich zahlreiche Möglichkeiten innerethnischer Zusammenarbeit an, und zwar im Anschluss an solche Projekte, an denen Personen aus verschiedenen Volksgruppen teil nehmen. Ich denke etwa an die Einrichtung von Bürgerzentren, runden Tischen, Sportereignissen – all das ermutigt den innerethnischen Austausch, die Zusammenarbeit und Kommunikation besonders unter den jüngeren Leuten.

Zeigen sich immer noch (oder wieder)besondere Brennpunkte oder Spannungen? Wie lassen sich diese abbauen?

Im Moment gibt es keinen Hinweis auf bestimmte Situationen oder Regionen, in denen sich ethnische Konflikte verschärfen, jedoch sind wir Zeugen einer ethnischen Trennung, z. B. in Schulen, in Hochhäusern und anderen Bereichen. Wir interpretieren dies als notwendigen Prozess, denn „Kriegswunden heilen sehr langsam“. An diesen Punkten können wir nur ganz vorsichtig Anregungen für eine allmähliche Entspannung des Klimas zwischen den Bevölkerungsgruppen geben, und zwar durch politischen Dialog und Programme für den Aufbau einer Zivilgesellschaft.

Besteht für die Roma in Makedonien eine reelle Chance auf eine sichere Zukunft? Oder ist damit zu rechnen, dass sie in noch größerer Zahl als bisher emigrieren, etwa in Richtung Länder der Europäischen Union?

Diese Frage verletzt mich ein wenig. Wenn ich Zweifel hätte über Makedonien, würde ich nicht mein Wissen, meine Kräfte und meine ganze Person für dieses Land einsetzen. Ähnlich ergeht es auch hundert Mitstreitern aus der Volksgemeinschaft der Roma, und die Zahl wächst täglich. Daher müssen wir die Botschaft an die anderen Roma, die Makedonien aus unterschiedlichsten Gründen verlassen, aussenden, dass es gilt, die nächsten Generationen anzulernen und zu erziehen, damit sie sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Lande engagieren. Die Hauptursachen für die Roma, ihr Land in Richtung Europa zu verlassen, sind Armut und Arbeitslosigkeit. Das kann ich nicht oft genug wiederholen. Unglücklicherweise unterhöhlen die auswandernden Roma unseren Kampf um Gleichberechtigung, denn durch das Absinken des Bevölkerungsanteils der Roma nimmt natürlich auch die Möglichkeit politischer und gesellschaftlicher Mitgestaltung ab. Deshalb brauchen wir Unterstützung und Rat, um optimale Lösungen für die Probleme hier im Lande zu erreichen.

Aus dem Englischen übersetzt von Christof Dahm.