Aserbaidschan – ein Land religiöser Vielfalt

aus OWEP 4/2003  •  von Eva-Maria Auch

Priv.-Doz. Dr. Eva-Maria Auch ist Dozentin am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn.

Als Papst Johannes Paul II. im Mai 2002 Aserbaidschan besuchte, weckte dies bei vielen ein erstes Interesse für ein Land, das – wenn überhaupt es Aufmerksamkeit findet – mit Erdöl und Islam in Verbindung gebracht wird. Deutlich wurde in diesem Zusammenhang, dass sowohl in der aserbaidschanischen Öffentlichkeit als auch in der Wahrnehmung Aserbaidschans im Ausland oftmals einseitige Bilder existieren, die der religiösen Vielfalt nicht unbedingt gerecht werden. Das betrifft sowohl die mangelhafte Kenntnisnahme christlicher Traditionen Aserbaidschans als auch ein unzureichendes Verständnis dafür, welche Rolle der Islam im Unterschied z. B. zum benachbarten Iran spielt. Der folgende Beitrag versucht, hier Abhilfe zu schaffen.

Ethnische und religiöse Struktur

Seit 1918 wurde die Religionszugehörigkeit nicht mehr offiziell erfasst, sodass bis heute unkorrekterweise die ethnische Zugehörigkeit mit dem religiösen Bekenntnis gleichgesetzt wird. Unter Berücksichtigung dieser Einschränkung kann die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung nur als Anhaltspunkt für quantitative Aussagen zur Bekenntnisstruktur dienen. 1999 war die Verteilung wie folgt (nach „Statistical Yearbook of Azerbaijan 2002“, jeweils in 1.000): Gesamtbevölkerung 7.953,4; davon Aserbaidschaner 7.205,5; Lazen 178,0; Russen 141,7; Armenier 10,7; Talyschen 76,8; Awaren 50,9; Türken 43,4; Tataren 30,0; Ukrainer 29,0; Sachuren 15,9; Georgier 14,9; Kurden 13,1; Taten 10,9; Juden 8,9; Udinen 4,2; andere Nationalitäten 9,5.

Unter den 8,2 Millionen Einwohnern im Jahre 2003 hat die Titularnation der Aserbaidschaner einen Anteil von 90,6 %, dagestanische Völkerschaften folgen mit rund 4 %. Trotz großer Abwanderung von Armeniern und Russen 1989-1991 wird ihr Anteil noch mit 3,3 % angegeben. Die iranischsprachigen Talyschen machen offiziell 1 % der Bevölkerung aus.

Auch wenn Eigenangaben ethnischer Minderheiten teilweise erheblich über den offiziellen Zahlen liegen, gehen Schätzungen davon aus, dass ca. 90 % der Bevölkerung einen muslimischen Hintergrund haben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die muslimische Identität der Mehrheit der Muslime eher kulturell-ethnisch als religiös geprägt ist, jedoch entscheidend zum aserbaidschanischen Selbstbewusstsein beiträgt. Allerdings hat das Interesse an religiösen Fragen in jüngster Zeit zugenommen.

Rund 5 % der Bevölkerung sollen sich zum christlichen Glauben bekennen, wobei nach dem Zusammenbruch der Armenischen Apostolischen die Russische orthodoxe Kirche die Mehrheit der Christen vereint. Bis zu 1 % der Bevölkerung bekannten sich Anfang der neunziger Jahre zum Judentum. Die Zahl ist jedoch Schwankungen unterworfen, da große Kontingente auswanderten, zugleich neue Gläubige ihre Abstammung „entdeckten“.

Während Baha’i1 auf eine über 100jährige Tradition in Aserbaidschan verweisen können, sind in den letzten zehn Jahren auch neue religiöse Gruppen entstanden wie Pfingstler, Evangelische Christengemeinde, Zeugen Jehovas oder Hare Krischna-Anhänger. Zugleich sind Aktivitäten von Wahabiten bekannt geworden.

Staatliche Religionspolitik

Als im Frühjahr 2003 Rafig Aliew, der Vorsitzende des aserbaidschanischen „Staatlichen Komitees für die Arbeit mit religiösen Gemeinschaften“ (State Committee for Work with Religious Associations, SCWRA), die Oberhäupter der Gemeinden zusammenrief, berichtete er über die Erfolge der „konstruktiven“ staatlichen Religionspolitik, zu deren Hauptinstrument sich das im Juni 2001 geschaffene Komitee entwickelt habe.

Seine erste Aufgabe war die seit 1991 dritte Neuregistrierung der religiösen Gemeinschaften, zu der das Komitee im August 2001 aufgefordert hatte. Im Verlauf der Registrierung und damit gesetzlichen Zulassung kam es zu zahlreichen Auseinandersetzungen um die offizielle Anerkennung einiger Gemeinden. Hintergrund der Verweigerung war von staatlicher Seite mehrmals das Argument der ausländischen Einflussnahme bzw. der fehlenden historischen Tradition in Aserbaidschan. In einem Antwortschreiben an amerikanische Kongressmitglieder vom Frühsommer 2003 verwies das Religionskomitee auf die Registrierung von 175 religiösen Gemeinschaften. Abgelehnt worden waren u. a. eine Gemeinde von 7-Tages-Adventisten in Nachitschewan unter Pastor Vachid Nagiew mit der Begründung, dass die Mindestmitgliederzahl von zehn Personen nicht erreicht wurde, und eine Baptistengemeinde „Tempel der Liebe“, der „Aufstachelung zu religiösem Hass“ vorgeworfen wurde. In welchem Spannungsfeld sich staatliche Kontrolle und Gemeinden befinden, lässt sich daraus schlussfolgern, dass das SCWRA von ca. 2.000 religiösen Gruppierungen spricht, die in Aserbaidschan aktiv sind und vor der Aktion noch 406 Gemeinden registriert waren. Auf der offiziellen Liste der religiösen Gemeinden vom 01.04.2002 (www.addk.net/dini_ichmalar_uk.html) sind 168 Gemeinden angegeben, im August 2003 waren es 182, darunter 19 christliche, vier jüdische, zwei Baha’i und eine Hare-Krischna-Gemeinde.

Auffallend sind zwei Aspekte: die geographische Verteilung und der Charakter registrierter Körperschaften. Jede Gemeinde mit mindestens zehn Mitgliedern musste zur Anerkennung um Erfassung bitten. Landesweit registrierten sich demzufolge Moscheen (offensichtlich jedoch nicht alle, ihre Zahl wird auf über 1.000 geschätzt), aber auch für den Volksislam bedeutsame „Heilige Stätten“, drei Mädräsä2, die Bakuer Islamische Universität und die „Geistliche Verwaltung der Muslime Kaukasiens“. Die Russische orthodoxe Kirche erscheint in der Liste nur einmal. Sie lehnte es ab, jede einzelne Kirchengemeinde registrieren zu lassen, die Diözese sei nicht teilbar, argumentierte der Bischof. Die christlichen, jüdischen, Baha’i und Hare-Krischna-Gemeinden sind vor allem in und um Baku konzentriert; Bildungsstätten fehlen. Nur die zweite Metropole des Landes, Gäncä (bis 1918 Elizavetpol’), zeigt sich mit muslimischen Gemeinden, Baptisten und 7-Tages-Adventisten pluralistisch, während Quba jüdisches Zentrum ist.

Der Streit um die jeweiligen Kriterien für Zulassung oder Ablehnung wird noch andauern. Fehlende Transparenz der Entscheidungen und willkürliche Aktionen lokaler Organe vor allem im Landesinnern erschweren den Dialog. Oftmals fehlen gerade kleinen Gemeinden die Mittel zur Durchsetzung ihrer Rechte. In enger Zusammenarbeit mit dem Innenministerium und dem Ministerium für Staatssicherheit ist so das Komitee für religiöse Angelegenheiten wichtigstes Kontroll- und Regulierungsorgan des Staates. Bisher kann dabei kaum einseitige Parteinahme für eine der Religionen festgestellt werden. Der Kampf gegen den Terrorismus seit dem 11.09.2001 hat jedoch die autoritären Strukturen der Behörde eher gestärkt. Während unter Hinweis auf die Gefahren äußerer Einmischung in den letzten Jahren religiöse Würdenträger aus arabischen Staaten, der Türkei und dem Iran ausgewiesen wurden, das Tragen von Kopftüchern auf Passfotos nicht gestattet ist, Aktivisten islamistischer Gruppierungen verhaftet bzw. an Russland ausgeliefert wurden, zeigt sich lediglich eine Tendenz der Diskreditierung ethnischer Aserbaidschaner, wenn sie zum Christentum konvertieren.

Zugleich hat Aserbaidschan im Zusammenhang mit der Annäherung an Europa (Aufnahme in den Europarat 2001) zahlreiche Schritte unternommen, um Bürger- und Menschenrechte juristisch zu fixieren. Laut Verfassung vom 12.11.1995 bekennt sich das Land zu einem demokratischen und weltlichen Rechtsstaat (Art. 7. Abs. 1), sind Staat und Religion getrennt, der säkulare Charakter der Schulbildung wurde festgeschrieben, die freie Religionsausübung gehört zu den verfassungsmäßig garantierten Bürgerrechten (vgl. Art. 18, 25, 48). Das Gesetz „Über freie Religionsausübung“ vom 20.08.1992 wurde 1996 und 1997 mehrmals geändert und regelt die Grundrechte und -pflichten von Religionsgemeinschaften. Auf einer internationalen Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Juli 2003 in Baku wurde die große Dialogbereitschaft der Regierung hervorgehoben, die immerhin dazu führte, dass es bisher zu keinen interkonfessionellen Konflikten kam und eine Politisierung des Islam weitgehend verhindert wurde.

Zur Rolle des Islam

Als sich der Islam im 7. Jahrhundert im Kaukasusraum ausbreitete, fand er Anhänger des Zoroastrismus, des Judentums und des Christentums vor. Keine dieser Religionen wurde völlig ausgelöscht. Auch wenn die Anhänger des Zoroastrismus nach Indien verdrängt wurden (daher „Parsen“), suchten noch bis ins 19. Jahrhundert Pilger den Feuertempel von Sucharany bei Baku auf. Deutlich unifizierend wirkte die Herrschaft des Safawidenschahs Ismail I. (1486-1524), der mit der Einführung des schiitischen Islams als Staatsreligion die sunnitisch-osmanische Tradition in die nördlichsten Regionen verdrängte.3 Zwar geben bei Umfragen 85 % der Befragten an, sie seien „Muslime“, aber der Anteil derer, die ihre Religion praktizieren, liegt nicht über 10 %. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Aserbaidschan war nie islamisches Kernland, sondern eher an der Peripherie, was eine Vermischung verschiedenster Kultureinflüsse, aber auch Erhaltung älterer Kulte erleichterte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Baku zu einem multiethnisch-multikulturellen Zentrum, parallel entstand eine Aufklärungsbewegung unter den Muslimen, die sich um einen Reformislam bemühte. Die Sowjetisierung drängte dann jegliche religiöse Betätigung aus öffentlichen Räumen zurück, nur im Zusammenhang mit der notwendigen Volksmobilisierung in Zweiten Weltkrieg wurde ein staatlich kontrollierter Islam unter der „Geistlichen Verwaltung der Muslime Transkaukasiens“ (geschaffen 1882) wieder zugelassen.

Aus der historischen Entwicklung heraus wird das religiöse Leben in starkem Maße von inoffiziellen Glaubenshaltungen und Kulthandlungen bestimmt. Koranische Ver- und Gebote (Gebet, Almosengabe, Ernährungsgewohnheiten, Feiertage) sind in oft abgewandelter Form als „nationale Traditionen“ in die Lebensweise der Bevölkerung Aserbaidschans eingegangen. Seit 1996 ist das „Fest des Fastenbrechens“ am Ende des Monats Ramadan offizieller Feiertag, ebenso wie das dem persischen Kulturerbe entspringende Nowrus Bayram (Frühlings- und Neujahrsfest am 21./22. März). Der „offizielle Islam“ wird vor allem über die Moscheen, neu eingerichtete Koranschulen und Mädräsä sowie die Islamische Universität Baku und die „Geistliche Verwaltung Kaukasiens“ (seit 1990 unter diesem Namen) verkörpert. Letztere organisiert auch die jährliche Pilgerfahrt nach Mekka, an der 1993 Staatspräsident Aliew mit seiner Familie teilnahm. Bis 1997 waren vor allem in Flüchtlingslagern auch türkische, saudiarabische, kuwaitische und iranische Würdenträger aktiv. Propagandistisch gilt der Islam als Bestandteil des nationalen Erbes und Mittel moralisch-ethnischer Selbstbehauptung. Einer Politisierung z. B. in Form von islamischen Parteien steht eine Mehrheit skeptisch gegenüber, auch wenn derartige Aktivitäten vorhanden sind.

Nach den Ereignissen vom 11.09.2001 werden u. a. Aserbaidschaner, die sich um eine religiöse Ausbildung im Ausland bemühen, stärker kontrolliert. Allein in Qom (Iran) studieren gegenwärtig 200, an der Al-Azhar-Universität in Kairo 156 Studenten. Insgesamt sollen über 2.000 Studenten in der Türkei, in den arabischen Staaten und im Iran leben. Abzuwarten bleibt auch die Rolle der neuen Generation islamischer Gelehrter, die im Inland ausgebildet werden. An der Staatlichen Universität entstand eine Islamwissenschaftlich-Theologische Fakultät, mit der Eröffnung einer „Islamischen Universität“ in Baku ist neben der Geistlichen Verwaltung für die Muslime Kaukasiens ein neues geistiges Zentrum entstanden, das seit September 1992 auch von weiblichen Studenten besucht wird. Andererseits wurden im Zusammenhang mit der Neuregistrierungskampagne 22 der 26 islamischen Schulen im letzten Jahr geschlossen. Geplant ist eine „Zertifizierung“ für Mullahs, die allerdings sehr umstritten ist, da ein Ausbau der Monopolstellung (und eine zusätzliche Bereicherungsmöglichkeit durch Bestechungsgelder) der umstrittenen Geistlichen Verwaltung mit dem seit 1980 amtierenden Scheich ul-islam Allaschuker Paschazade an der Spitze befürchtet wird.

Mystische wie Bruderschafts-(Sufi-)traditionen oder auch das schiitische Zugeständnis der Glaubensverleugnung „taqiya“ werden in der Literatur mit Recht immer wieder als besonderes Merkmal des kaukasischen Islam genannt, sind jedoch für Aserbaidschan schwer belegbar und eher die Ausnahme. Vorläufig noch hat die zweifellos größere Bedeutung der so genannte „Volksislam“. Auf der Basis einer nie tiefgreifenden Islamisierung trat unter der Sowjetmacht an die Stelle von Moscheen und offiziellen Geistlichen die Verehrung Heiliger Plätze („Pir“, mehr als 300 Grab- und Wunderstätten in Aserbaidschan) und Personen, wie etwa der „Nachfahren des Propheten Muhammad“, der Sayids. Ein stark ausgeprägter Fetischglaube markiert die Nähe der Gläubigkeit zu animistischen Traditionen. Auf der Basis einer höchst oberflächlichen Kenntnis des Korans wird der Volksislam in starkem Maße von „Laienmullahs“ – in Frauenkreisen auch von „Kennerinnen der Heiligen Schrift“ und Heilerinnen – mitgeprägt. Nach Medienberichten verfügen gerade die „Heiligen Stätten“ über enorme materielle Ressourcen, deren Umlauf weder der Staat noch die Geistliche Verwaltung kontrollieren kann, während über öffentliche karitative Projekte nichts bekannt wird.

Christen in Aserbaidschan

Aserbaidschan blickt auf eine alte christliche Tradition zurück. Vom 8. bis zum 4. vorchristlichen Jahrhundert existierte auf dem heutigen Territorium Aserbaidschans bis nach Dagestan hinein der Staat Kaukasisch-Albanien, der von Jerusalem aus im 1. und 2. Jahrhundert christianisiert wurde.4 Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum unter dem Albanerkönig Unair Staatsreligion. Im Zuge der Islamisierung Kaukasiens übernahmen fast alle ostkaukasischen Völkerschaften den sunnitischen Islam; die Türkisierung Südkaukasien nach dem Eindringen der Seldschuken im 11. sowie der Mongolen im 13./14. Jh. veränderte das ethnische Bild Südostkaukasiens und verstärkte den islamischen Einfluss. Lediglich die Udinen oder Uden, heute sesshaft in den Bezirken Oguz und Gäbälä (1989: 8.000 Personen) sowie auf georgischer Seite in Sinobiani/Oktomberi, sind mit Sprache, Sitten und Gebräuchen nach Ansicht aserbaidschanischer Wissenschaftler Nachfahren des alten kaukasischen Albanien. Bis 1836, als auf Erlass der Zarenregierung hin das Albanische Patriarchat abgeschafft und der Kirche in Edžmiadzin (Armenien) zugeordnet wurde, erhielt sich die Autokephalie der Apostolischen Albanischen Kirche.

Die autochthonen kaukasischen Christen wurden nicht nur der armenischen Kirche zugeordnet, sondern von der muslimischen Umwelt auch zunehmend als „armenisch“ klassifiziert. Als sich Anfang der neunziger Jahre im Zusammenhang mit dem armenisch-aserbaidschanischen Konflikt um Berg-Karabach das Trauma von Tod, Flucht und Vertreibung in Verwüstungen von Friedhöfen und Beschädigungen an Kirchen äußerte, traf dies auch die Udinen. Mit der Unabhängigkeit der Republik forderten sie ihre Anerkennung als eigenständige Volksgruppe und Religionsgemeinschaft zurück. Seit drei Jahren existiert ein Zentrum für Albanistik in Baku, das bisher zwei internationale Konferenzen zur Geschichte Albaniens und Kaukasiens veranstaltete. Als bisher größter Erfolg gilt die Registrierung der „Albanisch-Udinischen Christlichen Gemeinde“ am 10.04.2003, der als Tag der Wiedergeburt der albanischen Kirche gefeiert wurde.

Zum Christentum bekennen sich auch die nach den bürgerkriegsähnlichen Ereignissen 1989/90 in Aserbaidschan verbliebenen Armenier, Russen und Ukrainer. Ihr Bevölkerungsanteil war seit dem 19. Jahrhundert stetig gestiegen. Zuwanderungen Tausender Armeniern aus dem Osmanischen Reich und aus Persien infolge russisch-persischer und russisch-türkischer Kriege und von Pogromen im Osmanischen Reich, die Stationierung russischen Militärs, der Zustrom von Beamten und Arbeitern sowie Sektierern aus dem Russischen Reich und Siedlern aus Süddeutschland führten zur Gründung christlicher Gemeinden unterschiedlichster Konfession.

Die evangelische Tradition geht auf deutsche pietistische Auswanderer zurück, die ab 1817 überwiegend aus Baden und Württemberg nach Südkaukasien kamen und in ihren Kolonien (Annenfeld/Schamkir und Helendorf/Chanlar mit Tochtergründungen) Gebetshäuser einrichteten. Seit 1822 regelte eine erste kirchliche Ordnung das Gemeindeleben, 1841 wurde das im Russischen Reich geltende Evangelisch-lutherische Kirchengesetz von 1832 mit Sonderregelungen in den kaukasischen Kolonien eingeführt. Sie wurden zunächst vom Basler Missionshaus, das 1824 bis 1838 in Schuscha eine eigene Missionsstation betrieb, später durch Pastoren aus Dorpat (Baltikum) seelsorgerisch betreut. Auf den Einfluss der Basler Mission geht auch eine evangelische Tradition unter Armeniern zurück: 1865 wurde eine armenische Gemeinde der Stadt Schemacha in die Evangelisch-lutherische Kirche aufgenommen. In Baku gehörten Armenier zur Evangelisch-lutherischen Gemeinde.

Die Stadtgemeinden von Tbilisi/Tiflis (1829 erste kleine Kirche, 1893-1897 Neubau) und Baku (1897 Kirchenweihe) waren seit 1841 dem Moskauer Konsistorium unterstellt. Im Falle Bakus handelte es sich um eine deutsch-schwedische Kirchengemeinde, die 1897 eine Kirche (heute Konzertsaal) und das Kapellhaus (heute Sitz des deutsch-aserbaidschanischen Vereins, Kultur- und Bildungsstätte) einweihte. Seit 1993 besteht in Baku eine Evangelisch-lutherische Gemeinde, der viele Nachfahren der deutschen Minderheit (ca.1.000-2.000) angehören. Die nicht ganz einfache Seelsorge – 1999 wurde Pastor Günther Oborski ausgewiesen – wird über das St. Petersburger Konsistorium geregelt.

Die erste Römisch-katholische Gemeinde ist eng mit der Geschichte des russischen (polnischen/baltischen) Militärs in Baku verbunden. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine kleine katholische Garnisonkirche, die zunächst der Gemeinde Tetri-Zkaro (Georgien) zugeordnet, ab 1882 jedoch eigenständig war. 1895 wurde ein neues Gebetshaus der „Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria“ eröffnet, 1903 entstand auf dem Bakuer Friedhof ein Gebetshaus „Zum Heiligen Kreuz“. Mit dem Zustrom von Fachkräften erstarkte die Gemeinde, sodass 1909-1912 eine prachtvolle neugotische Kathedrale errichtet wurde. Nach deren Zerstörung in den dreißiger Jahren stand dort ein Kulturhaus des KGB. Die Römisch-katholische Gemeinde wurde 1999 neu registriert und besitzt seit 2001 wieder ein Gebäude, das von 120-200 Mitgliedern (aserbaidschanische Bürger, Mitarbeiter ausländischer Botschaften, Firmen und Organisationen) auch für den Gottesdienst genutzt wird. Bei seinem Besuch in Baku im Mai 2002 legte Papst Johannes Paul II. den Grundstein für ein neues Gotteshaus.

Während die Armenische Apostolische Kirche (Volkszählung 1989: 390.000 Armenier) seit 1990 faktisch zu existieren aufhörte, hat die Russische orthodoxe Kirche trotz der Abwanderung vieler Russen (1989: ca. 392.000 – 2001: 142.000 Russen) in den letzten Jahren ihre Position wieder festigen können. Baku ist Bischofssitz einer Diözese, die Transkaspien einschließt. Mit Hilfe der russischen Ölgesellschaft LUKOIL und eines aserbaidschanischen Geschäftsmannes aus Moskau sind in den letzten Jahren zwei Kirchen restauriert worden, weitere sollen folgen.

Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts leben die Molokanen in Aserbaidschan, die vor allem durch ihre landwirtschaftlichen Produkte, weniger durch ihre Glaubensrichtung in der Öffentlichkeit bekannt sind.5 Sie besitzen kein religiöses Zentrum, doch haben sich drei Gemeinden (in Baku, Sumgait und Gobustan) mit ca. 500 Anhängern registrieren lassen.

Jüdische Gemeinden

Ebenso problematisch wie die Bestimmung der Zugehörigkeit zur deutschen Gemeinde ist die quantitative Einschätzung der jüdischen, da auch hier das Bekenntnis zur Abstammung mit dem Ziel der Ausreise zugenommen hat. So erklärt sich, dass die Zahl der Juden trotz Massenauswanderung zunahm: 1989 wurden laut Volkszählung 30.833 jüdische Bürger erfasst, 1990-1993 wanderten 17.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus, und die Zahl der verbliebenen Mitglieder wurde mit ca. 40.000 (davon 5.000 in Baku) angegeben. 2003 lag die Zahl bei 18.000 registrierten Juden (4.000 in Baku) bei einer geschätzten Gesamtzahl von 26.000. 40.000 sollen inzwischen das Land überwiegend in Richtung Israel, USA und Deutschland verlassen haben.

Organisatorisch repräsentieren die „Gemeinde der Europäischen Juden Bakus“ (Orthodoxe), die „Gemeinde der Bergjuden“ und der „Georgischen Juden“ drei Gruppen mit unterschiedlichen historischen Traditionen. Während Aschkenasim mehrheitlich im 19. Jahrhundert einwanderten (1913: 9.689 Juden in Baku), sind die georgischen Juden und die eine indo-europäische Sprache sprechenden Taten (ca. 22.000) oder „Bergjuden“ spätestens seit dem 5. Jahrhundert in den Bergregionen Georgiens, Aserbaidschans („Krasnaja Sloboda“ von Quba, Oguz) und in Süddagestan ansässig.

Sondergruppierungen

Vorhanden, aber quantitativ kaum fassbar sind die Anhänger von Gruppierungen wie die Baha’i, Yeziden oder Ali-Illahis.6 Bis zum generellen Verbot 1937 bestanden zahlreiche gut organisierte Gruppen der Baha’i in Aserbaidschan. Seit 1989 wurde ihre Tradition neu belebt; internationalen Kontakten (nach Finnland, Schweiz, Indien) folgte am 22.05.1992 der (Wieder-)Gründungskongress der Baha’i Aserbaidschans.

Ausländische Aktivitäten

Seit 1992 arbeitet das „Forum der Drei Religionen“ in Baku. Im Frühsommer 2003 eröffnete die Internationale Vereinigung für Religionsfreiheit (IRLA) in Baku ein Büro. Botschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind Ansprechpartner aller Religionsgemeinschaften; international geförderte Projekte begleiten den interreligiösen Dialog. Zugleich haben karitative Organisationen in den Jahren seit der Unabhängigkeit enorme Unterstützung bei der Versorgung der rd. 800.000 Flüchtlinge in Aserbaidschan geleistet.


Fußnoten:


  1. Die Baha’i-Religion entstand aus islamischen Wurzeln im 19. Jahrhundert in Persien und zählt heute ca. 5 Millionen Gläubige weltweit. – Vgl. zu Aserbaidschan auch die weiterführende Literatur am Ende des Themenheftes. 

  2. Mädräsä (Medrese, Medresse, arab.): Bezeichnung einer Koranschule oder theologischen Hochschule (Anm. d. Redaktion). 

  3. Heute sind bis zu zwei Drittel der aserbaidschanischen Muslime mit der schiitischen (überwiegend Zwölfer-)Tradition (Dschafariten) verbunden. Sunniten (mehrheitlich hanafitischer Rechtsschule) sind vor allem Lesginen, Tataren, Kurden, aber auch Talyschen und einige Taten. Regional konzentriert sich das Sunnitentum in den nördlichen Regionen Aserbaidschans. 

  4. Der Überlieferung nach wirkten dort die Apostel Bartholomäus und Judas Thaddäus sowie dessen Schüler Elias; vgl. auch den Beitrag von Archimandrit Zhamkochyanh in vorliegendem Heft, bes. S. 263 f. 

  5. Die Molokanen sind eine im 18. Jahrhundert in Russland entstandene orthodoxe Sekte (Anm. d. Redaktion). 

  6. Zu den Yeziden vgl. den Hinweis oben S. 259 Anm. 7. Die Ali-Illahis sind eine schiitische Sekte (Anm. d. Redaktion).