Muslime in Europa

(Bericht)
aus OWEP 1/2004  •  von Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries ist wissenschaftlicher Berater des Vorstandes des „Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland“ und Lehrbeauftragter für Islamfragen an mehreren deutschen Universitäten.

Wer heute etwas über den Islam in Europa erfahren möchte, der stellt nach kurzer Zeit verblüfft fest, dass er Menschen begegnet, die nicht nur aus verschiedenen Ländern, sondern auch aus gänzlich verschiedenen Kulturen kommen. So leben in England vor allem Muslime aus Pakistan und Indien, in Frankreich sind es Nordafrikaner, während in Deutschland 80 % aller Muslime aus der Türkei stammen. Sie alle brachten ihre Traditionen und Lebensweisen mit, die sie in ihren Moschee-Vereinen mehr oder weniger zu bewahren versuchen. Dies galt vor allem für die erste Generation. Inzwischen wächst die dritte Generation heran, die zwar noch Sympathien für die Heimat der Großeltern bewahrt, aber sich darüber bewusst ist, dass ihre Zukunft in der einstigen neuen Heimat liegt. Wer immer es schaffte, durchlief die Bildungssysteme, studierte und ist heute in entsprechenden Positionen tätig; andere machten sich selbstständig, sodass es muslimische Unternehmer in fast allen Sparten der Industrie, des Handels und Gewerbes gibt. Einige wenige gingen in die öffentlichen Dienste ihrer Länder, die unterschiedlich auf die Kleidungsbräuche der Muslime reagierten. Gemeint ist hier vor allem das Kopftuch. In einigen Ländern wie etwa Großbritannien sieht man Lehrerinnen und Polizistinnen mit Kopftuch, während andere Länder wie Frankreich jegliches religiöses Zeichen aus den staatlichen Kontexten verbannen. Erstaunlicherweise sahen Muslime der zweiten Generation ihr berufliche Zukunft auch in den Streitkräften ihrer Länder; so gibt es heute deutsche muslimische Soldaten, die ihren Bundeswehrdienst etwa in Afghanistan tun. Sie berufen sich dabei auf die alte Tradition muslimischer Soldaten in europäischen Armeen früheren Zeiten. An dieser Stelle haben sich manche im Vorlauf der irakischen Auseinandersetzungen gefragt, was die Muslime tun werden. Die US-amerikanischen Gelehrten erkundigten sich bei ihren Kollegen in der Universität Al-Azhar in Kairo und bekamen die Auskunft, dass diese Soldaten ohne Schwierigkeiten in den Einsatz gehen können.

Probleme bereiten in allen Ländern jene jungen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer den Weg in ihre Gesellschaft nicht so glatt bewältigen und als wenig ausgebildete Arbeitslose die Sozialsysteme belasten oder gar sich in sich selbst bzw. ihre Jugendgruppen zurückziehen und dort problematische Selbstbilder entwerfen. Sie werden in besonderer Weise zu Opfern der Diskriminierung des „Islam“, weil zahlreiche Menschen in Europa noch immer die Vorurteile ihrer Vorväter gegenüber dem Islam bewahren. Die Briten meinten in einer landesweit durchgeführten Untersuchung, diesen Mitbürgern eine Islamophobie nachweisen zu können. In Deutschland wollte niemand soweit gehen, sodass man hier eher von festsitzenden Vorurteilen spricht.

Eine der Ursachen sind vermutlich die schulischen Defizite, die die Herbert-Quandt-Stiftung in einer Untersuchung nachwies, die acht Länder umfasste. Sicherlich gibt es überall Ausnahmen, aber im Allgemeinen lernen unsere Schüler kaum etwas über den anderen und seinen Glauben. Im Alltag der Städte gibt es jedoch zahlreiche Initiativen, die für ein friedliches Zusammenleben arbeiten und sich z. B. in Deutschland am „Tage der offenen Moschee“, dem 3. Oktober jeden Jahres, engagieren. Hinzu kommen die vielen Tagungen und Konferenzen, auf denen Fachleute wie Laien über bestimmte Themen miteinander diskutieren. Obwohl ihre Zahl nach dem 11.09.2001 erheblich zugenommen hat, haben viele Engagierte den Eindruck, der Dialog trete auf der Stelle.

Alle islamischen Verbände werden nicht müde zu erklären, dass das Gespräch der Glaubenden notwendig sei; und es gibt wohl keine Frage, die nicht schon zum Thema einer Begegnung gemacht wurde. Dabei darf man nicht vergessen, dass sich in den vergangenen Jahren auch Unterschiede in der Weise bemerkbar machten, dass diejenigen, die sich über lange Zeit mit dem Dialog beschäftigten, zu Experten hin entwickelten, hingegen andere, die sich gerade eben einmal am Gartenzaun über das nächste Fest Weihnachten oder Ramadan verständigten, den Fachleuten nachhinken. Zudem wissen die meisten Menschen wenig über die Begründungen oder Theologien ihrer Religionen. Hier bedarf es einer Bildungsoffensive, die den Kindergarten und den Sprachunterricht ebenso erfasst wie die Hochschulen. Die Verantwortlichen in allen islamischen Verbänden haben hierauf immer wieder aufmerksam gemacht.

Die Muslime sind dabei, zu einer normalen religiösen Minderheit in ihren europäischen Heimatländern zu werden. Sie legen – so scheint der historische Vergleich zu ergeben – den gleichen Weg zurück, den frühere Minderheiten bereits gegangen sind, was bedeutet, dass die Mehrheitsbevölkerungen gemäß ihrer Lebensauffassungen reagieren: Es gibt Orte, an denen der Bau einer Moschee energisch abgewehrt wird, und andere, an denen es allein um den Gebetsruf geht. Dennoch steigt die Zahl der repräsentativen Moscheebauten, d. h. – so formulierte es ein Journalist – „der Islam verlässt die Hinterhöfe“. Dort, wo es Unruhe gab, bildeten sich oft Gruppen von Menschen, die engagiert um Verständnis warben, ebenso wie auch in den letzten Jahren mehr und mehr wissenschaftliche Untersuchungen zur Entwicklung der islamischen Minderheiten durchgeführt und publiziert wurden. Sie stehen heute jedem Interessierten im Internet zur Verfügung wie etwa die des Deutschen Institutes für Menschenrechte: „Der Dialog mit dem Islam als Konfliktprävention?“

Ein besonderes Zentrum für derartige Arbeiten ist das Selly Oak College, das seit wenigen Jahren Teil der Universität von Birmingham ist. Dank der kontinuierlichen Bemühungen Professor Joergen Nielsens entwickelte sich das College als einer der wenigen Orte, an denen Muslime und Christen in der sozialwissenschaftlichen Forschung zusammenarbeiten. Das bedeutet nun nicht, Muslime würden sich um dieses Feld der Wissenschaft nicht kümmern. Im Gegenteil: Vor wenigen Jahren gründeten Muslime in verschiedenen Ländern Vereinigungen wie etwa die deutsche Gesellschaft muslimischer Sozial- und Geisteswissenschaftler.

Damit kommen noch einmal die Verbände in den Blick, deren Vielfalt und Anzahl für Außenstehende mehr als verwirrend ist, denn Christen sind an die Kirche gewöhnt, die zwar auch eine große Vielfalt an Organisationen in sich vereinigt, aber letztlich einen befugten Sprecher hat. Die Weltgemeinschaft der Muslime lebte stets mit ihrer an manchen Stellen kontroversen Vielfalt, und es sieht alles danach aus, das sie diese Vielfalt auch als Minderheit leben wird und will.


Literaturhinweise (Arbeiten des Verfassers)

  • Dreißig Jahre christlich-islamischer Dialog in Deutschland, in: Häßler, Hans-Jürgen / Heusinger, Christian von: Frieden, Tradition und Zukunft. Würzburg 1993.

  • Der Islam ist anders, in: liberal. Vierteljahresheft für Politik und Kultur 35 (1993), H. 2, S. 36-41.

  • Konflikt der Gedächtnisse – Der abrahamische Dialog aus islamischer Sicht, in: Jahrbuch für Religionswissenschaft und Theologie der Religionen 6/1998, S. 40-53.

  • Islam und Islamismus in Deutschland, in: Günther Gehl (Hrsg.): Zusammenprall der Kulturen? Perspektiven in der Weltpolitik nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes. Weimar 1998.

  • Der Islam als Religion des Friedens, in: liberal. Vierteljahreshefte für Politik und Kultur 43 (2001), H. 4, S. 21-25.

  • Zum „Deutschen Institut für Menschenrechte“ vgl. www.institut-fuer-menschenrechte.de.